wunderschöne Räucherharze ganz ohne Kultstätte oder Orientbezug
Es ist diese einzigartige mystisch-aromatisch anmutende duftende Rauchkomponente, die den Räuchermitteln so eigen sind, und unter der Kategorie „Weihrauch“ zusammengefasst werden.
Seit meinem Parfumo-Beitritt war dies die Richtung, die ich hier für mich völlig neu entdecken durfte, und die mich seither von allen anderen interessanten Duftschwerpunkten hier am meisten faszinierte, weshalb meine Parfumsammlung bei diesen Duftvertretern auch weiter den stärksten Zuwachs verzeichnet.
Die Harze der Balsambaumgewächse, der Myrrhe oder der verschiedenen Zistrosen, des Galbanumstrauchs – die verschiedenfarbigen Harze diverser weiterer tropischer Bäume mit reichem ätherischen Ölgehalt werde ich nie klar auseinanderdifferenzieren können – jedoch ist ihnen allen meine übergroße Faszination an ihnen eigen.
Da der Besiedlungsraum der Weihrauchpflanzen idealerweise heissen kargen Trockengebieten entspricht, der sich zwar vom südlichen Mittelmeerraum bis nach Indien erstreckt, hatte ich bisher nur in der Negev in Israel erstmals persönlichen Kontakt mit dieser Pflanzengattung, deren milchiges Gummiharz durch Lufttrocknung so eine hohe Affinitt auf mich ausübt- ansonsten hätte ich vermutlich schon alles unternommen,eine eigene Plantage auf meiner Terrasse inmitten der Berliner Seenplatte zu realisieren.
Der gute Kommentar von Yatagan über “Tabac Santal / for Him“ von Annette Neuffer, hat mich auf diese interessante Manufaktur im süddeutschen Raum aufmerksam gemacht, wobei mich an dieser Parfumeurin vor allem der außergewöhnliche und eigenwillige Zugang in der Umsetzung ihrer Duftkonzeptionen zu faszinieren begann, und für mich interessant machte.
Der Einzug von Per Fumum als Blindkauf war dann nur die logische Konsequenz nach entsprechender Kontaktaufnahme. Meine inzwischen überwundenen Aversionen auf kirchlichen Weihrauch in der Kindheit habe ich in anderen Kommentaren schon erwähnt. Insofern will ich mich diesmal mit dem mystischen Charakter auseinandersetzen, der diesen Rauchharzen nun mal so zu eigen ist, weshalb in allen antiken Zivilisationen der Weihrauch und natürlich in weiterer Folge wohlriechende Substanzen zuerst, und vor allem ausschließlich nur Göttern vorbehalten war.
„Insence“ wurde seit jeher in sämtlichen Kulturen als bevorzugte Opfergabe und als heiliges rituelles Geschenk verwendet, um eine Kommunikationsebene zwischen Himmel und Erde zu ermöglichen. Während dem Menschen bei Tieropfern vor allem das Fleisch des getöteten Tieres zustand, war es der aus den verbrennenden Tierknochen aufsteigende Rauch, der als Geschenk Götter auf den Menschen gesonnen stimmen sollte.
Der französische Altphilologe, Kultur- und Religionshistoriker bzw. Antropologe Jean – Pierre Vernant ( 1914- 2007) , dessen bevorzugtes Forschungsgebiet die griechische Mythologie und ihre antropologischen Implikationen für die Kulturgeschichte im Altertum hatte, hielt fest, daß Parfums und Gewürze ausschließlich nur für Götter allein bestimmt waren, und dem Zugriff der Menschen als Nichtgötter somit auf immer verwehrt bleiben musste.
Das ägyptische Wort für Weihrauch lautet „sonter“ und wurde traditionell früher dem Schriftzeichen für „Gott“ oder „göttliches Königreich“ gleichgesetzt. Immerhin hielt sich im alten Ägypten auch der Glaube, dass Weihrauch nichts anderes sei, als der Schweiss von Göttern, der auf die Erde gefallen war.
Annette Neuffer hat hier mit der Schöpfung ihres Parfums PER FUMUM eigenständig und zielsicher eine Kertwendung um 180 Grad vollführt, und lässt die Rauchharze in einem völlig neuen Licht und Kontext erstrahlen.
Die sich aufbauende Silhouette in den ersten Sekunden der Kopfnote wird zu einem stark präsenten Feuerwerk, das die klare Handschrift seiner Schöpferin trägt, geradezu vor Einzigartig nur so strotzt, und in seiner Intensität fast nicht von dieser Welt erscheint. Unglaublich was die in der Kopfnote angeführten Ingredienzien ohne das Zutun von Aldehyden oder künstlichen Duftverstärkern zustande bringen. So berauschend frisch sauer würzig mit schneidender Schärfe habe ich selten eine Kopfnote erlebt.
In weiterer Folge ist das Thema Weihrauch hier ganz klar westlich ohne Kultstätte und Orient umgesetzt, was für mich eine völlig neue Erfahrung ist, und meine Erwartungen an eine neue Umsetzung des Weihrauchthemas unglaublich anspricht.
Die zarte floral chanchierende Herznote unterstreicht den eigenen konzipierten Charakter von Per Fumum als Begleiter mit hohem Wiedererkennungswert und deutlich weltlicher Ausrichtung. Obwohl körper- und kraftvoll in der weiteren Wahrnehmung erlebe ich ihn über lange Zeit mit körpernaher und nicht raumergreifender Sillage, was ihn für mich zu meiner Freude auch tagsüber als arbeitstauglich macht. Annette Neuffers Interpretation dieses Weihrauchduftes ist nicht den Göttern gewidmet, sondern wird von mir als bewußt intendiertes Geschenk an die Menschheit verstanden.
Perubalsam und Bienenwachs mit Tonkabohne und vanilligem Dazutun ergeben nochmals so richtig einen langanhaltigen Ausklang der in seiner Cremigkeit und Geschmeidigkeit nur positive Assoziationen in den weiteren Stunden aufkommen lässt - auf mein T shirt aufgesprüht ist Per Fumum auch noch spät vormittags am nächsten Tag klar wahrnehmbar.
Fazit: Per Fumum lässt so manchen meiner bisher geliebten Weihrauchdüfte in ihrem Glanz erblassen und ist ein deutlich eigenständiges selbstbewußtes Statement einer höchst talentierten deutschen Parfumeurin. Für mich ein „All time favorite“!
Lieber Zionist, ich danke Dir nochmals sehr für diesen wunderschönen Kommentar! Ich wollte mal einen "ungruseligen" Weihrauch versuchen, das scheint wohl angekommen und geglückt zu sein :0) Viele liebe Grüße, Annette
Ich hatte mir zwar vorgenommen, keinen Kommi zu lesen, aber zu groß war die Neugierde! Deine Begeisterung ist förmlich greifbar! Das muss ein wirklich toller Duft sein, den Du sehr informativ beschreibst! Danke für's Neugierigmachen ;-))