Am 17. September 1859 krönte sich Joshua Abraham Norton zum Kaiser von Amerika. Der frühere Geschäftsmann schritt in Uniform, mit Schulterklappen und Pfauenfeder durch San Francisco und durfte umsonst in Restaurants speisen. Seine Erlasse wurden zwar vom amerikanischen Kongress ignoriert, und er schaffte es nicht, ihn abzuschaffen. Und auch die republikanische und demokratische Partei, die er verbieten wollte, widersetzten sich seinen großspurigen Dekreten. Aber als er ein paar Jahrzehnte später starb, säumten 30.000 Menschen die Straßen.
Kaiser Norton I. war ein Herrscher ohne Gnade. Bekannt im ganzen Land und irgendwas zwischen Narr und Napoleon. Aber was hat das mit Aventus zu tun?
Es ist ganz einfach. Ich frage mich seit jeher, ob sich auch Creeds schillerndste Majestät die Insignien der Macht nur angeheftet hat oder ob Aventus doch gottgekrönt ist. Hochstapler oder Edelmann? Ist die Kombination von Birkenteer und Johannisbeere und Ananas ein Geniestreich oder ein banaler Glückstreffer? Ist Aventus wirklich groß, oder war der Duft einfach zur richtigen Zeit an der richtigen Stelle.
Dass Aventus große Schlachten gewinnen wollte, daran ließ Creed von Anfang an keinen Zweifel. Der Duft sei tatsächlich inspiriert von Napoleon Bonaparte, wie es in einer Pressemitteilung von Creed hieß. Und man lieh sich rasch dessen Attribute von "Männlichkeit, Kraft, Stärke und Weitblick." Ein selbsternannter König des Krieges, so hieß es weiter, des Friedens und der Liebe.
Die Marketingabteilung hatte also schonmal ganze Arbeit geleistet. Aber ehrlich gesagt waren die geruchlichen Klammern, die folgten, dann doch etwas maulheldisch. Die schwarze Johannisbeeren stamme beispielsweise aus Korsika, wo Napoleon geboren wurde. Aber gibt es die dunklen Früchte nicht überall? Und dann holte Creed noch weiter aus. Die Birke verweise auf Louisiana, das einst zu Napoleons Reich gehörte. Doch das ist nun wirklich bizarr. Denn Frankreich hat im Jahr 1803 Louisiana für den Preis von umgerechnet 251 Millionen Dollar an die USA verscherbelt. Alles andere als eine Eroberung also, sondern Bonapartes Schnäppchentage. Autsch.
Aber am Ende ist es dann doch der Duft, der überzeugen muss. Und Aventus ist zweifelsfrei gut gemacht. Er ist nicht das Ergebnis von Laborzufällen, sondern eine fruchtige Chypre-Interpretation, die sich an eine unerwartete Duftnote heranmachte. Die Ananas in Kombination mit Johannisbeere und diesem eigenartigen Third Hand Smoke ist modern und raffiniert.
Und der Erfolg gibt dem Duft Recht. Denn an den Marketing-Feuerwerken kann es nun wirklich nicht gelegen haben, dass ausgerechnet Aventus Creeds größter Kassenschlager wurde. Was mir am besten an Aventus gefällt, ist dessen konvexe, schillernde Präsenz. Die ersten Minuten nach dem Aufsprühen sind so makellos wie die Silhouette eines silbernen Sportwagens. Der zitrisch-fruchtige Akkord ist herrlich ausbalanciert mit einer herb-ledrigen Note. Und es kommt nicht viel mehr dazu und bleibt durchaus formstreng und schwebt irgendwie zwischen Modernität und Klassik. Und dann wird der Duft auch noch durch weichen Moschus abgefedert und durch ISO-E-Super und proportioniertes Ambroxan mit Raumeroberung versehen. Das ist kühl orchestriert.
Sicherlich ist gerade die projizierende Präsenz ein Grund, warum Aventus so gut ankommt. Man kann den Duft folglich überall antreffen, in Kunstgalerien und in Großraumdiskotheken, in Büroaufzügen und an Supermarktkassen. Und man kann ihn tatsächlich tragen und glauben, dass man ein Alleinstellungsmerkmal hat. Das alles muss man erstmal schaffen.
Was bleibt also? Aristokrat oder Aufschneider? Vielleicht kann man es so sagen: Aventus ist der erste Kaiser, der demokratisch gewählt wurde. Es war eine Abstimmung mit dem Sprühflakon. Und es ist immer noch eine beachtliche Regentschaft. Doch wie die Herrscherjahre von Aventus am Ende bewertet werden - das müssen wie immer die Historiker entscheiden.
Mir gefällt, dass der Kommentar über die reine Duftbeschreibung hinaus geht. Dadurch ist er sehr spannend zu lesen und schafft eine geniale Verknüpfung. Kleiner Fun fact: Kaiser Norton I. Ist Vorbild für Mark Twains Huckleberry Finn gewesen.
Ganz toller Kommi, der in die übervolle Kommentarlandschaft des Duftes nochmal frischen Wind bringt! Ist nur so gespickt mit präzisen Analysen und Ausdrücken. "Der erste Kaiser, der demokratisch gewählt wurde" ist klasse. Genauso wie "die Silhouette eines silbernen Sportwagens" perfekt passt. Ein wunderbar informativer, kritischer, fairer, erfrischender und äußerst lesenswerter Abriss. Kaiser-Norton I.-Pokal :)
Vielen Dank für diesen gut geschriebenen informativen Kommentar. Aber wie kann man der Illusion erliegen, mit dem Tragen von Aventus ein Alleinstellungsmerkmal zu haben?