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Top Rezension
Der Tag, an dem die Duftwelt Feuer fing
Anfang der 80er dominierten Fougères die männliche Duftlandschaft – bis plötzlich, kurz vor der Jahrzehntwende, Dior 1988 mit einem Duft um die Ecke kam, der roch, als hätte man gerade Feuer an einer Zapfsäule gefangen: Fahrenheit. Ein olfaktorisches Muscle-Car, gezündet von Jean-Louis Sieuzac und Maurice Roger, Feintuning von Michel Almairac, das die bis dahin „klassischen“ Fougères mit quietschenden Reifen auf den Schrottplatz verbannte.
Die Vision: „radikal floral, aber kerlig“. Was zunächst paradox klingt, wurde mit an Wahnsinn grenzendem Selbstvertrauen umgesetzt. Florale Noten nicht als liebliche Blumendeko, sondern als aggressive Vegetation. Man wollte einen nach Benzin riechenden Autoschrauber, der mit ölverschmierten Händen sein Blumenbeet mit bleihaltigem Wasser gießt.
Angefacht wurde der Cocktail seinerzeit – je nach Quelle – mit bis zu 25 % Overkill an Iso E Super – Vollgas oder Totalschaden. Iso E Super ist kein klassischer Duftstoff im herkömmlichen Sinne, eher ein Verstärker. Es riecht nicht direkt nach etwas, sondern schiebt Luft zwischen die Noten und verleiht Tiefe – häufig beschrieben als trocken und holzig. Man hatte die Dosis damals nicht nur mutig gewählt, sondern maßlos übertrieben – womöglich genau das macht Fahrenheit bis heute zum Polarisierer: entweder man liebt ihn oder man hasst ihn.
Und wie riecht dieses mit Iso E Super geschwängerte Elixier? Zunächst knallt einem Mandarine und Lavendel um die Ohren, als würde jemand Limonade in seinen Schrebergarten kippen. Kurz darauf taucht die berüchtigte Veilchen-Benzin-Wolke am Horizont auf: metallisch, leicht ozonisch – ein Duft, der an einen Autohof im Hochsommer oder an dampfende Asphaltplatten erinnert. Wenn die Wolke verzogen ist, bleiben Leder, Patchouli und tonkabefeuerte Wärme, die mehrere Stunden lang nachglimmt.
Auch visuell lässt Dior nichts anbrennen. Lange bevor sich Metallica für das eher mittelprächtige „Reload“ Cover an einer Mischung aus „Blut und Pisse“ versuchte (nichts geht über die ersten drei Thrash-Alben), hatte Marie-Christine de Sayn-Wittgenstein bereits deutlich mehr Eleganz bewiesen: ein glühendes Kunstwerk, das in tiefem Blutrot beginnt und sich sanft in flüssigen Bernstein verwandelt: der Sonnenuntergang, eingefangen in Glas.
Der Name Fahrenheit bietet gleich mehrere Bedeutungsebenen. Zunächst wäre da die Temperaturskala des gleichnamigen Physikers – eine Skala für Extreme, die Hitze und Kälte auf derselben Linie verfolgt. Schon darin steckt die Idee eines ambivalenten Spannungsfeldes: lodernde Hitze und frostige Kälte. Außerdem wurde der Duft von den Pop-Art-Bildern James Rosenquists beeinflusst: „Fahrenheit 1982“ und „Brighter than the Sun“. Stilistisch orientierte sich der Flakon an diesen Bildern – sengende Farben, grelles Licht und überladene Szenen. Letztendlich kann die Namensgebung als popkulturelle Referenz auf den dystopischen Roman „Fahrenheit 451“ von Ray Bradbury gewertet werden. Das Parfum als Zündfunke der olfaktorischen Rebellion, der Zerschlagung veralteter Konventionen und dem Bruch mit Duft-Dogmen: Fahrenheit als Manifest einer neuen Männlichkeit.
Der gewagte Coup von Dior ging auf. Innerhalb der ersten drei Monate nach der Lancierung rauschten 1,4 Millionen Flakons allein in Europa über die Theke – zur damaligen Zeit ein Rekord. Der Rest ist Geschichte.
Für mich war Fahrenheit zu Beginn eine echte Herausforderung. Bei mir lief es wie bei einem alten Mofa: mehrmals kräftig am Kickstart gerissen, aber der Motor wollte einfach nicht warm werden. Unzählige Male versuchte ich mich an dem flüssigen Feuer – und verbrannte mich jedes Mal aufs Neue an seinen lodernden Flammen. Ich weiß nicht mehr genau, wann der Funke endlich zündete.
War es der Moment, als meine Mutter mir das Parfum schenkte, weil es sie so sehr an die Männer ihrer Vergangenheit erinnerte (eine Assoziation, über die ich besser nicht zu lange nachdenke)? Oder war es, als meine Frau mir sagte, wie sehr sie Fahrenheit an mir mochte? Wurde der Revierkampf um meine Gunst über dieses Parfum ausgetragen? Eines jedenfalls war klar: künftig sollte ich dieses Parfum in Gegenwart beider Damen besser meiden. Zwei Frauen, zwei Männerbilder, ein Duft – das wäre eine brenzlige Situation, die das Benzinfass zum Explodieren bringen könnte.
Ungeachtet dieses perfiden Plans der kosmischen Mächte kam letztendlich der Tag, an dem ich mich nicht mehr verbrannte – sondern mit dem Feuer auf meiner Haut gemeinsam loderte: gleißend hell, wild, unvernünftig – kerlig. Fahrenheit war das Feuer und ich war sein Benzin.
Kurzum: Im Post-Corona-Zeitalter von synthetischem Duschgel-Charme und gesichtslosen aquatischen Kassenschlagern wirkt Fahrenheit wie ein Relikt aus einer Zeit, in der Männer noch nach Charakter und Wagnis rochen. Er bleibt bis heute Dauergast in Bestenlisten und wird gerne als „Männlichkeits-Ikone“ gekürt. Fahrenheit ist wie das Duft-Äquivalent zu Metallicas „Garage Inc.“ – rau, laut, adrenalingetränkt, dennoch – oder gerade wegen seines Mutes, anders zu sein – verdammt charttauglich. Wer also das nächste Mal nach einem Duft sucht, der gleichzeitig nach Blumenwiese und Werkstatt riecht, weiß, wo die Zapfpistole hängt.
Passende Musik: Metallica – Fuel
Die Vision: „radikal floral, aber kerlig“. Was zunächst paradox klingt, wurde mit an Wahnsinn grenzendem Selbstvertrauen umgesetzt. Florale Noten nicht als liebliche Blumendeko, sondern als aggressive Vegetation. Man wollte einen nach Benzin riechenden Autoschrauber, der mit ölverschmierten Händen sein Blumenbeet mit bleihaltigem Wasser gießt.
Angefacht wurde der Cocktail seinerzeit – je nach Quelle – mit bis zu 25 % Overkill an Iso E Super – Vollgas oder Totalschaden. Iso E Super ist kein klassischer Duftstoff im herkömmlichen Sinne, eher ein Verstärker. Es riecht nicht direkt nach etwas, sondern schiebt Luft zwischen die Noten und verleiht Tiefe – häufig beschrieben als trocken und holzig. Man hatte die Dosis damals nicht nur mutig gewählt, sondern maßlos übertrieben – womöglich genau das macht Fahrenheit bis heute zum Polarisierer: entweder man liebt ihn oder man hasst ihn.
Und wie riecht dieses mit Iso E Super geschwängerte Elixier? Zunächst knallt einem Mandarine und Lavendel um die Ohren, als würde jemand Limonade in seinen Schrebergarten kippen. Kurz darauf taucht die berüchtigte Veilchen-Benzin-Wolke am Horizont auf: metallisch, leicht ozonisch – ein Duft, der an einen Autohof im Hochsommer oder an dampfende Asphaltplatten erinnert. Wenn die Wolke verzogen ist, bleiben Leder, Patchouli und tonkabefeuerte Wärme, die mehrere Stunden lang nachglimmt.
Auch visuell lässt Dior nichts anbrennen. Lange bevor sich Metallica für das eher mittelprächtige „Reload“ Cover an einer Mischung aus „Blut und Pisse“ versuchte (nichts geht über die ersten drei Thrash-Alben), hatte Marie-Christine de Sayn-Wittgenstein bereits deutlich mehr Eleganz bewiesen: ein glühendes Kunstwerk, das in tiefem Blutrot beginnt und sich sanft in flüssigen Bernstein verwandelt: der Sonnenuntergang, eingefangen in Glas.
Der Name Fahrenheit bietet gleich mehrere Bedeutungsebenen. Zunächst wäre da die Temperaturskala des gleichnamigen Physikers – eine Skala für Extreme, die Hitze und Kälte auf derselben Linie verfolgt. Schon darin steckt die Idee eines ambivalenten Spannungsfeldes: lodernde Hitze und frostige Kälte. Außerdem wurde der Duft von den Pop-Art-Bildern James Rosenquists beeinflusst: „Fahrenheit 1982“ und „Brighter than the Sun“. Stilistisch orientierte sich der Flakon an diesen Bildern – sengende Farben, grelles Licht und überladene Szenen. Letztendlich kann die Namensgebung als popkulturelle Referenz auf den dystopischen Roman „Fahrenheit 451“ von Ray Bradbury gewertet werden. Das Parfum als Zündfunke der olfaktorischen Rebellion, der Zerschlagung veralteter Konventionen und dem Bruch mit Duft-Dogmen: Fahrenheit als Manifest einer neuen Männlichkeit.
Der gewagte Coup von Dior ging auf. Innerhalb der ersten drei Monate nach der Lancierung rauschten 1,4 Millionen Flakons allein in Europa über die Theke – zur damaligen Zeit ein Rekord. Der Rest ist Geschichte.
Für mich war Fahrenheit zu Beginn eine echte Herausforderung. Bei mir lief es wie bei einem alten Mofa: mehrmals kräftig am Kickstart gerissen, aber der Motor wollte einfach nicht warm werden. Unzählige Male versuchte ich mich an dem flüssigen Feuer – und verbrannte mich jedes Mal aufs Neue an seinen lodernden Flammen. Ich weiß nicht mehr genau, wann der Funke endlich zündete.
War es der Moment, als meine Mutter mir das Parfum schenkte, weil es sie so sehr an die Männer ihrer Vergangenheit erinnerte (eine Assoziation, über die ich besser nicht zu lange nachdenke)? Oder war es, als meine Frau mir sagte, wie sehr sie Fahrenheit an mir mochte? Wurde der Revierkampf um meine Gunst über dieses Parfum ausgetragen? Eines jedenfalls war klar: künftig sollte ich dieses Parfum in Gegenwart beider Damen besser meiden. Zwei Frauen, zwei Männerbilder, ein Duft – das wäre eine brenzlige Situation, die das Benzinfass zum Explodieren bringen könnte.
Ungeachtet dieses perfiden Plans der kosmischen Mächte kam letztendlich der Tag, an dem ich mich nicht mehr verbrannte – sondern mit dem Feuer auf meiner Haut gemeinsam loderte: gleißend hell, wild, unvernünftig – kerlig. Fahrenheit war das Feuer und ich war sein Benzin.
Kurzum: Im Post-Corona-Zeitalter von synthetischem Duschgel-Charme und gesichtslosen aquatischen Kassenschlagern wirkt Fahrenheit wie ein Relikt aus einer Zeit, in der Männer noch nach Charakter und Wagnis rochen. Er bleibt bis heute Dauergast in Bestenlisten und wird gerne als „Männlichkeits-Ikone“ gekürt. Fahrenheit ist wie das Duft-Äquivalent zu Metallicas „Garage Inc.“ – rau, laut, adrenalingetränkt, dennoch – oder gerade wegen seines Mutes, anders zu sein – verdammt charttauglich. Wer also das nächste Mal nach einem Duft sucht, der gleichzeitig nach Blumenwiese und Werkstatt riecht, weiß, wo die Zapfpistole hängt.
Passende Musik: Metallica – Fuel
11 Antworten
Schalkerin vor 6 Monaten
Er trug Fahrenheit, sie Poison. Ein absolut fantastisches Duo.
Marieposa vor 7 Monaten
Ich bin etwas spät dran, aber deshalb nicht weniger leicht entflammbar. Der Duft ist mir immer noch nicht bewusst begegnet, aber da ich auch heute noch die Autofenster an der Tankstelle runterlasse, sollte ich das vielleicht ändern ;-)
MonsieurTest vor 7 Monaten
Sehr schön gewürdigt und historisch wie biografisch verortet :-)).
Rosalie234 vor 7 Monaten
Der Duft muss ja toll sein
Puderperle vor 7 Monaten
Du schreibst so gut. Den Fahrenheit mag ich gerne, es gibt einen ähnlichen für Damen von Jil Sander Simply, das „Elixir“. Nur ohne Benzin und Kickstart.
Floyd vor 7 Monaten
Der Duft fasziniert mich heute noch.
Medusa00 vor 7 Monaten
Mir hat der immer gefallen an Männern die ihn getragen haben. War damals mal was Anderes.
Kovex vor 7 Monaten
Ein Meilenstein der in meiner Erinnerung untrennbar mit meinem ersten Auto verbunden und damit unvergessen ist. Sehr schöne Rezension von Dir.
MaKr vor 7 Monaten
Mit dem konnte ich damals nicht. Lag aber hauptsächlich am „zwei Frauen - ein Duft (bzw. Mann) Problem“ 😄
Pollita vor 7 Monaten
Früher fand ich den wirklich schlimm und Terre d'Hermès, ebenfalls so ein ISO-Overload, ebenso. Heute kann ich mit denen. Und ich frage mich, habe ich mich verändert oder sind die neuen Düfte teilweise so schrecklich, dass ich diese ISO-Bomben jetzt zu schätzen weiß? Ich selbst trage auch dann und wann einen Duft mit ISO-E-Super. But I still don't know.
Can777 vor 7 Monaten
Tolle Rezension über eine Ikone seiner Zeit. Ich hab ihn auch für mich wieder entdeckt. Mit dem fällt man in der heutigen Zeit ziemlich positiv auf..!

