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Shocking (Parfum) von Elsa Schiaparelli

Shocking 1937 Parfum

Serenissima
11.08.2018 - 06:16 Uhr
27
Top Rezension
8.5Duft 8Haltbarkeit 7Sillage 9Flakon

zwei große Rivalinnen ihrer Zeit

Sie konnten sich nicht leiden: Coco Chanel vs. Elsa Schiapparelli - der große Krieg der Modeschöpferinnen!
So würde heute die "Yellow Press" titeln.
Und doch stimmt es: beide Frauen - jede für sich eine erfolgreiche "Karrierefrau", waren sich nicht grün.
Bestimmt klingt es nett, wenn Coco Chanel die Konkurrentin Elsa Schiaparelli zum Abendessen einlud. Aber da vorher der Stuhl mit frischer weißer Farbe gestrichen wurde, die Elsas Abendrobe ruinierte, ist das nun wirklich weniger nett - eigentlich ein sehr gehässiger Streich!
Ich sage dazu nur: "Weiber!"

Beide lebten im Paris der 20er und 30er Jahre. Und man sollte meinen, die Stadt und die Klientel wäre groß genug gewesen, um beiden Erfolg und Auskommen zu sichern.
Gerade, weil ihre Kreationen schon vom Ursprung her nicht oder nur selten dem Geschmack der Kundinnen der anderen entsprachen.
Hier: Coco Chanel mit ihren eleganten, glamourösen und klassischen Entwürfen; oft recht gaminhaft, wie ihre eigene, fast knabenhafte Erscheinung.
Und dort: Elsa Schiapparelli, die einige Hollywoodstars einkleidete (z.B. Marlene Dietrich). Deren Mode dagegen war avangardistisch, oft übertrieben exzentrisch, ausgefallen und doch frisch.

Gegensätzlich auch die Herkunft:
Coco - Gabrielle Bonheur Chasnel - von unehelicher Geburt, wuchs in einem Waisenhaus auf.
Die Römerin Elsa Schiaparelli verbrachte dagegen ihre Kindheit in einem Renaissancepalais im Kreis eine Intellektuellenfamilien.
Sie heirate später einen Schweizer Grafen; die beiden trennten sich aber recht schnell wieder.

So war sie später gezwungen, sich mittels ihrer Pullovermodelle ihr Auskommen zu verdienen. Besonders der berühmte kleine schwarze mit einer großen weißen Schleife am Kragen (gestrickt auf die gleiche Art wie der restliche Pullover) stoßen auf großes Interesse.
Erstmals führte sie 1935 eine eigene Kollektion in ihrem neuen Salon gegenüber dem Pariser Ritz vor.
(In diesem Hotel war Coco Chanel Dauergast; anfangs, weil sie ihre Villa der Familie ihres damaligen Geliebten Igor Strawinsky, deren Unterhalt sie auch bestritt, kostenlos zur Verfügung gestellt hatte.)
Schon damals sind ihre Kreationen Elsa Schiaparellis Explosionen von Phantasie und Farbe.
Nun, da sie mit Salvador Dalì und Jean Cocteau befreundet war, verwundert das nicht.
Noch heute sind ihre Modelle Schmuckstücke in jeder Ausstellung; meist in Kunstgewerbemuseen zu bewundern.

So kann es also auch nicht ausbleiben, dass 1937 auf dem Höhepunkt ihres Ruhms das Parfum "Shocking" die Frauen, nicht nur in Europa, beglückte. Dieser Duft war ein wahrer Globetrotter.
Elsa mag an sich schwere und andauernde Düfte, dass Spektakuläre stößt sie nicht ab - ganz im Gegenteil.
Deshalb hat auch der Flacon die Form einer nackten Büste; der Hals des Flacons ist von einem Zentimetermaß umschlungen und eine vergoldete Brosche mit rosa und weißen Blumen stellt dessen "Kopfbedeckung" dar: eben "Shocking"!

Meine Erinnerung an "Shocking" führt zum Beginn der 70er Jahre zurück: damals, etwas mehr als ein Teenager, begann ich mich für mehr als die üblichen jungmädchenhaften Duftwässerchen zu interessieren.
Meine Mutti hatte mich ja - mehr oder weniger zufällig - mit bekannten Düften überrascht; nun wollte ich selbst entdecken.
Und ich erinnere mich, dass mir an "Shocking" damals zuerst die Verpackung gefiel; bei Woolworth im "großen Einkaufszentrum", auf einem der entsprechenden Tische, für sage und schreibe damals 19,95 DM!
Dass ein fast elfenhaft zierliches junges Mädchen mit dieser Wucht an Duft völlig überfordert war, interessierte mich damals so gar nicht.
Wir sprachen zwar den Namen so aus, wie er geschrieben wird, aber "Shocking": das wussten und kannten wir und schockieren: das wollten wir!

"Shocking" ist nun wirklich weder für junge Mädchen noch für schüchterne Frauen kreiert!
Der Auftakt durch die strahlende Wucht der Aldehyde, gepaart mit Bergamotte und - erstaunlich, aber wirklich wahr! - Estragon, weckt schon einmal das Interesse.
Ein klassisch-blumiger Akkord von Rose, Jasmin, Narzisse (und ich glaube, auch Gardenie wahrzunehmen), schließt sich an und wird durch eine sämige Honignote und das immer wieder beglückende Leuchten von Ylang-Ylang vervollständigt.
Schon bis hierher ist es keine Duftkomposition für ehrbare "höhere Töchter"!
Die warmen und sinnlichen Noten von Amber, Zibet und Moschus bilden eine starke, leicht animalisch wahrnehmbare Basis.
Als Gegenpol steuern Patchouli und Vetiveröl Fruchtigkeit und ein gewisses Prickeln bei.
All das wird noch durch eine kräftige Nuance Gartennelke und ebenso aromatischem Sandelholz abgerundet.
In "Shocking" kommt wirklich alles zum Einsatz, was "Lieschen Müller" mit einem skandalösen Duft in Verbindung bringen würde.
Das macht diese Duftkomposition so einzigartig, geradezu pompös - einfach "shocking"!

Nach allem hier noch ein Wort über Sillage und Haltbarkeit zu verlieren, ist wirklich überflüssig.
Auch hier werden die höchsten Erwartungen erfüllt. Elsa Schiaparelli macht auch hier keine halben Sachen.
(Allerdings kann ich nur von der Vintage-Version sprechen, von der ich vor kurzem einige Tropfen bekam!)

Immer wieder gern schaue ich mir das erste Werbeplakat an: der Schriftzug "Shocking" de Schiaparelli - elegant und schwungvoll über das Blatt verteilt.
Hier tanzt ein Mädchen, nur mit einem roten Turban, einer ebenfalls roten Schleife um den Hals und einem natürlich auch roten Tuch um die Hüften bekleidet, einen wilden Reigen mit einem grinsenden Teufelchen.
(Und wie das Kerlchen grinst!) Auch der Lippenstift des Mädchens ist rot, ebenso wie das Band, das es mit dem Teufelchen verbindet!
Der "Shocking"-Flacon lugt dabei frech am Rücken aus dem Tuch, dort, wo es gebunden wird.
Dieses unterhaltsame und fröhliche Plakat würde sicher auch heute noch viel Aufmerksamkeit erwecken.
Auch wenn hier nicht irgendein halbnackter zu dünner "Stern des Tages" abgebildet ist.

Dass meine Erinnerung an "Shocking", natürlich aufgefrischt durch entsprechende Lektüre und diese paar Tröpfchen Duft, nach fast fünfzig Jahren immer noch so lebendig ist, spricht für den gewaltigen Eindruck, den diese Wucht von Duft doch bei mir jungen Frau hinterließ.
Ich wechselte übrigens dann bald zu einem "mehr altersgerechten" Duft (ich glaube, es war "Blue Grass" von Elizabeth Arden).
Wie ich mich erinnere, sehr zur Erleichterung meiner Mutti. Sie war schon damals der Meinung, dass ich zu viel Wirbel verursache.
Gut, dass sie mich heute nicht mehr erleben muss!
Dazu wäre wirklich nur noch zu sagen: "Shocking"!!!
Aktualisiert am 15.09.2021 - 04:47 Uhr
11 Antworten
PintarflorPintarflor vor 4 Jahren
1
Wieder so ein interessanter Duft!
Medusa00Medusa00 vor 4 Jahren
Ja, sehr informativ! Danke
StanzeStanze vor 7 Jahren
Ein sehr interessanter Kommentar. Solche Hintergrundinformationen gefallen mir immer.
0815abc0815abc vor 7 Jahren
Schöner,ausführlicher Kommentar.Ich finde den Duft ja eher klassisch als schwer, aber schön finde ich ihn!
RosaviolaRosaviola vor 7 Jahren
Schön und ausführlich hast du das beschrieben! Dieser Duft ist wahrlich eine Wucht. Ich habe eine stattliche Vintage Sammlung von Shocking, die ich mir mühsam zusammen gesucht habe.
Can777Can777 vor 7 Jahren
Eine fantastischen Zeitreise durch die Mode. Übrigens hatte Elsa auch Dali sehr dabei unterstützt seine Düfte zu entwickeln. Der Duft wäre wahrscheinlich genau meine Beute!
MeggiMeggi vor 7 Jahren
Es zicken sich auch Weiber an, die sich sehr ähnlich sind.
GerdiGerdi vor 7 Jahren
Sehr interessant die Geschichte der beiden Damen. Den Duft hab ich genau zur selben Zeit getragen und fand ihn aufgrund des Namens schon mal passend. Die mächtigen Aldehyde und Zibet wären heute nicht mehr so mein Ding.
YataganYatagan vor 7 Jahren
Schöne Zeitreise. Ein toller Duft!
FrlsmillaFrlsmilla vor 7 Jahren
Wow, was für ein toller informativer Kommi. Gerne gelesen. Shocking- Zicken Pokal
RuesselchenRuesselchen vor 7 Jahren
Eine schöne Geschichte, zu einem Parfum, das mich wahrscheinlich in die Knie zwingen würde. Wenn es nur halb so ist, wie Du es beschreibst. Diesmal gibt es aber wirklich nur einen "Shocking"-Pokal, nur das Teufelchen am roten Band musst Du Dir dazu denken.