
ElAttarine
98 Rezensionen

ElAttarine
Sehr hilfreiche Rezension
21
Tahiti-Exotik
„Zwischen den Steinen versteckt, kauerten hier und dort Frauen mit bis zum Gürtel aufgenommenen Röcken im Wasser, um ihre Hüften und die vom Marsch und von der Hitze ermüdeten Beine zu erfrischen. So gereinigt, machten sie sich, stolz den Busen tragend, über dem der dünne Musselin sich straffte, mit der Grazie und Elastizität junger gesunder Tiere wieder auf den Weg nach Papeete. Ein gemischtes, halb animalisches, halb pflanzliches Parfüm strömte von ihnen aus.“ Das klingt ja zunächst mal gut! So schreibt es Paul Gauguin in seinem 1897 erschienenen autofiktionalen Reisebericht „Noa Noa“, was Duft oder Wohlgeruch bedeutet. Gauguin hat sein Manuskript während seines Aufenthalts auf Tahiti verfasst, wohl ganz direkt mit dem Ziel, die Verkäufe seiner Gemälde in Europa zu befördern. Nachdem er seine dänische Frau mit den fünf Kindern in Europa zurückgelassen hat, inszeniert er sich als „echten Wilden“, der die europäische Zivilisation hinter sich lässt und ein einfaches Leben auf der Insel führt. In der Südsee lebte er mit jungen Mädchen zusammen und hatte weitere Kinder mit ihnen. In seiner Vorstellung waren die Tahitianerinnen sexuell verfügbare Wesen – die Zitate dazu erspare ich Euch, sie sind in den Quellen nachzulesen.
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„Ein gemischtes, halb animalisches, halb pflanzliches Parfüm“, das klingt mir verheißungsvoll, und das von Francesca Bianchi, deren frühere Düfte ich sehr mag, besonders „The Dark Side“ und „Angel’s Dust“, aber auch „Etruscan Water“ und „The Lover’s Tale“. Obwohl mich ihre neueren Arbeiten bisher weniger überzeugt haben, war ich hier doch neugierig.
Zunächst war ich enttäuscht, hatte bei vorsichtig-sparsamem Test einfach nur eine sehr süße Monoi-Weiblüher-Kokos-Kombination. Bei großzügigerem Test ist er dann doch etwas spannender und vielschichtiger:
Im Auftakt nehme ich vor allem Grün-Tuberosiges wahr, die Kokosnote bleibt (zum Glück) untergeordnet, dazu die leichte Schuhcremenote, die Tuberose manchmal haben kann, vermutlich verstärkt durch Aspekte des Vetivers. Rosengeranie dürfte für das leicht Pudrige zuständig sein. Hinzu kommen herbe Untertöne, dadurch ist das Ganze nicht pappsüß. Im Ganzen dominiert Tiaré, flankiert von Ylang-Ylang und weiter Tuberose. Schade finde ich, dass es keine Animalik gibt, höchstens ist eine leichte Indolik der Weißblüher zu verzeichnen (aber da gibt es viel Stärkeres).
Laut Francesca Bianchis Homepage hat „Gauguin“ eine Basis, die von „Sex and The Sea“ inspiriert ist, aber im Vergleich samtiger und weicher sein soll, und darauf den beschriebenen Akkord aus tropischen weißen Blüten, der von Tiaré dominiert wird. Das trifft es ganz gut.
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Es gibt inzwischen einen erarbeiteten Stand der postkolonialen und feministischen Kritik an Gauguins Südseebezügen. 1989 hat die Kunsthistorikerin Abigail Solomon-Godeau in ihrem Essay „Going Native“ die unterschiedlichen Kritikpunkte thematisiert: den Widerspruch zwischen der kolonialen Realität und ihrer romantischen Idealisierung als unberührtes Naturparadies, die exotisierenden Phantasien von weiblichen Körpern als unberührter Natur sowie den Umstand, dass ein Europäer versuchte, sich selbst zum „Wilden“ zu stilisieren, mit minderjährigen Frauen zusammenlebte und das in seinem autofiktionalen Tagebuch legitimierte.
Vor diesem Hintergrund irritiert mich der Text auf Bianchis Homepage doch, wo es heißt, der französische Maler sei berühmt „für seine lasziven Gemälde polynesischer Frauen, sinnlich und exotisch“. Das finde ich schwierig.
Ich kann sehr gut verstehen, dass es das Ziel war, sich „von seinen Farben und Formen inspirieren zu lassen, um Harmonien zu schaffen, die nicht realistisch, sondern magisch und fantasievoll sind“. Das ist ein schönes und legitimes Ziel bei der Kreation eines Duftes. Und ich wünsche mir auch und genieße es, dass Düfte sinnliche und erotische Phantasien anregen und bunte Bilder evozieren.
Die Umsetzung ist hier durchaus gelungen, wobei es solche Tiaré-betonten Düfte ja nun schon gibt. Deutlich magischer, fantasievoller und evokativer sind zumindest für mich immer noch Francescas ältere Düfte…
www.gutenberg.org/cache/
epub/62800/pg62800-images.html
www.swr.de/swrkultur/wissen/suedsee-maler-
paul-gauguin-neuer-blick-auf-exotik-und-missbrauch-104.html
www.woz.ch/2222/gauguin-auf-tahiti/
ist-der-alte-franzose-noch-zu-retten
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„Ein gemischtes, halb animalisches, halb pflanzliches Parfüm“, das klingt mir verheißungsvoll, und das von Francesca Bianchi, deren frühere Düfte ich sehr mag, besonders „The Dark Side“ und „Angel’s Dust“, aber auch „Etruscan Water“ und „The Lover’s Tale“. Obwohl mich ihre neueren Arbeiten bisher weniger überzeugt haben, war ich hier doch neugierig.
Zunächst war ich enttäuscht, hatte bei vorsichtig-sparsamem Test einfach nur eine sehr süße Monoi-Weiblüher-Kokos-Kombination. Bei großzügigerem Test ist er dann doch etwas spannender und vielschichtiger:
Im Auftakt nehme ich vor allem Grün-Tuberosiges wahr, die Kokosnote bleibt (zum Glück) untergeordnet, dazu die leichte Schuhcremenote, die Tuberose manchmal haben kann, vermutlich verstärkt durch Aspekte des Vetivers. Rosengeranie dürfte für das leicht Pudrige zuständig sein. Hinzu kommen herbe Untertöne, dadurch ist das Ganze nicht pappsüß. Im Ganzen dominiert Tiaré, flankiert von Ylang-Ylang und weiter Tuberose. Schade finde ich, dass es keine Animalik gibt, höchstens ist eine leichte Indolik der Weißblüher zu verzeichnen (aber da gibt es viel Stärkeres).
Laut Francesca Bianchis Homepage hat „Gauguin“ eine Basis, die von „Sex and The Sea“ inspiriert ist, aber im Vergleich samtiger und weicher sein soll, und darauf den beschriebenen Akkord aus tropischen weißen Blüten, der von Tiaré dominiert wird. Das trifft es ganz gut.
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Es gibt inzwischen einen erarbeiteten Stand der postkolonialen und feministischen Kritik an Gauguins Südseebezügen. 1989 hat die Kunsthistorikerin Abigail Solomon-Godeau in ihrem Essay „Going Native“ die unterschiedlichen Kritikpunkte thematisiert: den Widerspruch zwischen der kolonialen Realität und ihrer romantischen Idealisierung als unberührtes Naturparadies, die exotisierenden Phantasien von weiblichen Körpern als unberührter Natur sowie den Umstand, dass ein Europäer versuchte, sich selbst zum „Wilden“ zu stilisieren, mit minderjährigen Frauen zusammenlebte und das in seinem autofiktionalen Tagebuch legitimierte.
Vor diesem Hintergrund irritiert mich der Text auf Bianchis Homepage doch, wo es heißt, der französische Maler sei berühmt „für seine lasziven Gemälde polynesischer Frauen, sinnlich und exotisch“. Das finde ich schwierig.
Ich kann sehr gut verstehen, dass es das Ziel war, sich „von seinen Farben und Formen inspirieren zu lassen, um Harmonien zu schaffen, die nicht realistisch, sondern magisch und fantasievoll sind“. Das ist ein schönes und legitimes Ziel bei der Kreation eines Duftes. Und ich wünsche mir auch und genieße es, dass Düfte sinnliche und erotische Phantasien anregen und bunte Bilder evozieren.
Die Umsetzung ist hier durchaus gelungen, wobei es solche Tiaré-betonten Düfte ja nun schon gibt. Deutlich magischer, fantasievoller und evokativer sind zumindest für mich immer noch Francescas ältere Düfte…
www.gutenberg.org/cache/
epub/62800/pg62800-images.html
www.swr.de/swrkultur/wissen/suedsee-maler-
paul-gauguin-neuer-blick-auf-exotik-und-missbrauch-104.html
www.woz.ch/2222/gauguin-auf-tahiti/
ist-der-alte-franzose-noch-zu-retten
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Aldehyde
Bergamotte
Kokosnuss
Monoï
Moschus
Rosengeranie
Tuberose
Vanille
Vetiver
Ylang-Ylang
Violett
44muc
Svenjaa
































