Die Magie Afrikas, fesselnde, geheimnisvolle Mysterien - und Appell gegen die Kopfnotenpornographie
Akowa ist zurückhaltender Expressionismus, bodenständiger Surrealismus, naturalistischer Kubismus. Wäre Akowa ein Bild, es wäre am ehesten „Landschaft in Grün“ von Paul Klee. Akowa, das wäre sicherlich Paul Klees Signaturduft gewesen.
Nein, Akowa ist kein typischer Micallef-Duft. Micallef ist bekannt für Gourmand-Honig-Ouds und süße madamig-florale Düfte. Auch der matt-schwarze, schwere, weitgehend ornamentlose Flakon, an kretische Geometrie erinnernd, sticht unter den Micallef-Flakons heraus. Akowa ist kräftig floral, resch und frisch, trocken, erdig. Ein Duft, der vom Spannungsbogen von selbstgewählter Zurückhaltung und innerer Stärke beseelt ist.
Akowa, das ist der Name eines Stammes im zentralafrikanischen Gabun. Gabun ist ein wenig erforschtes Land. So ist der höchste Berg von Gabun bis heute nicht bekannt. Unberührte Natur und riesige Flächen tropischen Regenwaldes prägen Gabun, dünn besiedelt von vielen unterschiedlichen Ethnien, die weitgehend ihre traditionellen Volksreligionen und Riten bewahrt haben. So auch der Stamm der Akowa.
Der Geruch einer geheimnisvollen Pflanze oder Wurzel spielt bei den Mysterien und Riten der Akowa eine zentrale Rolle. Geheimnisvolle Mysterien und Riten, die die Akowa wie ein streng gehütetes Geheimnis nur ihren Nachkommen weitergeben, für Fremde unzugänglich.
Und auch Micallefs Duft Akowa ist ein wenig unzugänglich und geheimnisvoll. Von Akowa gibt es keine Duftpyramide. Martine Micallef besteht darauf, dass die publizierten Duftnoten lediglich mehr oder weniger freie Assoziationen seien. Eingefangen habe man den Geruch der geheimnisvollen kultischen Pflanze oder Wurzel des Stammes der Akowa.
Akowa startet frisch-grün. Bestimmende Note ist Orangenblüte, grün und weiß riechend. Keine betörende Wärme, keine fruchtige Orange-Note. Vielmehr eine noch unreife Blüte, zerrieben zwischen den Fingern. Rasch tritt eine intensiv regenwald-grüne Blätternote hinzu.
Die Kopfnote von Akowa ist erfrischend und durchaus im ästhetischen Sinne schön. Doch der Duft berührt nicht und man vergisst, dass man sich eben einen Duft auf den Handrücken gespürt hat. Akowa begibt sich in einen temporären Schönheitsschlaf der olfaktorischen Langeweile.
Doch nach einigen Minuten, man dürfte die Parfümerie bereits verlassen haben, zündet das Duftbouquet. Plötzlich befindet man sich in einer hinreißenden, fesselnden grünen Duftaura – und man fragt sich, woher diese kommt. Akowa meldet sich in einer wahren Duftexplosion zurück.
Es ist nicht so, dass im Duftverlauf ein Bruch auszumachen wäre, es sind ähnliche Noten, um ein paar Nuancen verschoben, die Akowa plötzlich so kraftvoll erscheinen lassen. Zu der satten, grünen Blattnote tritt erdiger, feuchter Patschuli, etwas rauchig und muffig. Gleichzeitig sind Aspekte von satt-grünem Vetiver und etwas Kakao, pulverförmig, keine Schoki, auszumachen.
Das Duftbild präsentiert sich in der Herznote in kräftigem Grün mit einigen braunen Facetten. Die Duftnoten sind nicht ineinander verwoben, sondern fragmentiert, vergleichbar mit Paul Klees „Landschaft in Grün“. Ein harmonisches Nebeneinander, olfaktorische Scheinwerfer, die einzeln auf den Betrachter zünden und ihn in eine grüne Welt portieren.
Zur Basis hin wird Akowa wärmer. Die grüne Blattnote ist noch da, jedoch deutlich leiser. Trockene pudrige Vanille, warmer dunkler Amber und weicher Moschus tragen die verbliebenen grünen Noten.
Auf Kleidung ist Akowa grüner und weniger warm als auf der Haut. Akowa nimmt auf Kleidung einen gewissen förmlichen Charakter an. Gerade die erdige, rauchige Patschuli-Note kommt viel weniger zur Geltung. Dafür erinnert die grüne Note zeitweise an die grünen Noten in Photo von Lagerfeld, jedoch ist Akowa weniger chemisch.
In seiner Kopfnote ist Akowa auf gewisse Weise unzugänglich, die Magie des Duftes manifestiert sich dem Träger noch nicht. Doch plötzlich erfährt der Träger sozusagen eine olfaktorische Erleuchtung – die Duftexplosion von Akowa zur Herznote hin. So, als würde man die geheimnisvollen Mysterien und Riten des Stammes der Akowa plötzlich verstehen.
In einer Parfüm-Welt von geradezu pornographisch spektakulären Kopfnoten, auf die dann nichts mehr folgt (außer Enttäuschung), ist Akowa ein Exot. Akowa ist ein kraftvolles Naturereignis. Wer Akowa trägt, wandelt in einer anderen Welt, getragen von einer grünen Oase. Für sich, behütet, unzugänglich für andere. Wie die Bräuche des Stammes der Akowa.