Augusto
14.12.2018 - 16:56 Uhr
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Top Rezension
9Duft 9Haltbarkeit 9Sillage 8Flakon

Weihrauch aus Himmel und Hölle

Gleich vorweg: Das ist einer der weihrauchigsten Weihrauchdüfte, die ich bisher testen konnte. Das sind gleich einige verschiedene Sorten und Arten von Weihrauch in einem. Er durchdringt die Haut und die Atmung wie eine Räucherung. Das Parfum wird nicht getragen, es durchdringt - per-fumare.

Weihrauch von der ersten Minute an. Und Harz, dazu Wachs. Der Geruch von geschwefelten Früchten, würzig süß wie der Gedanke an Weihnachten, durchdringen eine schwebende Schicht Kirchenweihrauch. Und es gibt Myrrhe! Duftende schwebende leuchtende Myrrhe durchzieht das Kirchenschiff. Und das riecht so wohltuend, als könne man die Kirchenassoziation auch einfach streichen und an den Kern von Weihrauch kommen.

Der Duft schwankt zwischen abendländischer Kirche und Altertum, archaischem Feuerrauch und Räucherfeuer, vielleicht sogar zur Nahrungskonservierung. Trockenobst, Dörren, Lagerfeuer. Dieser Weihrauch, Weihrauch und nochmal Weihrauch ist so vielschichtig. Nicht leicht zu (er)fassen, von besonderer Qualität. Dunkel, aber nicht düster, durchzogen von hellen Silberfahnen und starker Ätherik. Mächtig, einhüllend. Kein Kratzen im Hals, keine aufgesetzte Note lenken hier ab. Nichts für den Alltag, dafür ist Wazamba für mich zu stark.

Harzig, das Kiefernharz schließt die Nase auf. Die Früchte füllen süßliche Klebrigkeit ein, und schlagen die Brücke vom schwitzenden Tannenzapfen zur Dörrpflaume. Apfel, Myrrhe für Helligkeit und Spritzigkeit und Freude am Leben. Pflaume und Kiefernharz und Labdanum/Zistrose für Dunkelheit und Wärme.

Es geht hier wohl um Konzentration von Duft-Materie, und auch das Riechen, das Empfinden konzentriert sich. Daher die Anmutung von rituellem Rauch, auch wenn der Ritus unbekannt ist und bleibt. Die Stimmung ist nicht alltäglich. Der Parfumeur hat hier den Versuch gewagt, etwas Außeralltägliches, vielleicht etwas in der Geschichte wurzelndes riechbar und damit mehr unbewußt als bewußt erfahrbar zu machen. Das geht mir einen Schritt weiter als die Stimmungsmalerei, des Lutensschen Nadelmädchens, so sehr ich es auch mag, und das ich auch schon als sehr eindringlich erfahre und an das es mich stellenweise erinnert. Aber Wazamba ist dichter, heftiger, umfassender. Der hier hat eine andere Handschrift. Dass der Parfumeur sich Düften und Duftstoffen für seine Kompositionen vom Historischen her nähert, halte ich - nebenbei gesagt - nicht für einen Werbegag. Das ist hier ist kein lichter Nadelwald sondern ein loderndes Feuer in dem Harze und Hölzer verbrennen und mit diesem Duft die Umgebung tränken und verwandeln. Er nimmt einen dabei mit, es ist nichts Fremdes daran, das schätze ich sehr, da der Duft ansonsten doch recht heftig zu (er)tragen wäre.
Ich beginne nach und nach, Stunde um Stunde, mich der Strahlkraft des Weihrauchs zu nähern und das ist bei diesem Duft nichts peripheres. Erstaunlicherweise sitze ich nicht gebannt, sondern trage den Duft gern bewußt, stundenlang und nebenbei. Was für eine Dufterfahrung. Das ist schon der zweite Duft von PdE, der mich einigermaßen beeindruckt zurückläßt, sobald er vergeht. Aber das dauert, wie gesagt, viele Stunden.

Fazit: Der zieht einen schon weg. Kontemplativ, ja, auch mit großer innerer Ruhe, aber auch mit beeindruckender Kraft und Vielschichtigkeit. Rauch und Fruchtsäure, Holz, trocken und vollmundig. Himmel und Hölle. Meditation und seelenvolles freies Empfinden.
Aktualisiert am 17.12.2018 - 06:09 Uhr
8 Antworten
GinTonique70GinTonique70 vor 9 Monaten
Wow! Genauso empfinde ich diesen Duft auch. Für mich ist Wazamba katholisches Hochamt. Christmette und Osternacht in einem.
IntersportIntersport vor 4 Jahren
Wunderbare Überlegungen zum facettenreichen Charakter Wazamba's! Super dass Du die Nähe und Unterschiede zu Lutens' en aiguilles (auch aus 2009) ansprichst. Ich frage mich ob es damals gerade neue konifer-harzige Riechstoffe gab, oder eher ein stilistischer Zufall.
Camey5000Camey5000 vor 7 Jahren
Du hast das toll beschrieben. Bis in die Falten der Talare. Pokal. :-)
ErnoErno vor 7 Jahren
Norma Kamalis "Incense" ist, für mich, das Beste, leider auch der am rarsten erhältliche Weihrauchduft. Dieser wird aber, bei Gelegenheit, getestet. ~ danke.
Sweetsmell75Sweetsmell75 vor 7 Jahren
klingt nach zuviel Weihrauch für mich ... aber deinen Kommi hab ich gern gelesen
PlutoPluto vor 7 Jahren
Ich glaub, das wäre mir doch zu viel Weihrauch :o)
AnnarosaAnnarosa vor 7 Jahren
Ein schöner Kommentar zum spannenden Parfum. Den muss ich mal testen. Pokal.
YataganYatagan vor 7 Jahren
Tatsächlich. Da ist ja der Kommentar zu Wazamba. War mir schon fast zu viel des Rauches.