Ernstheiter
10.04.2016 - 13:29 Uhr
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Top Rezension
7.5Duft 8Haltbarkeit 8Sillage 9Flakon

Carpi: Orientalisches aus der italienischen Provinz

Nein ich habe mich nicht verschrieben und ich meine auch nicht die Insel Capri im Golf von Neapel. Vielmehr geht es um die Kleinstadt Carpi in der Poebene, genauer gesagt im Dreieck Mantua - Modena - Parma. Waehrend im 19. Jahrhundert Frankreich und England die Vorherrschaft in der Parfumherstellung hatten, so hat sich das gegen Mitte des 20. Jahrhunderts unaufhaltsam geaendert. Amerika, Japan, Deutschland und und und betraten die Buehne. Und natuerlich Italien. Frueher stand auf den Verpackungen Paris, London, New York, heute steht auch ebenbesagtes Carpi drauf. Hier werden die Duefte von Simone Andreoli hergestellt.

Vor etwa 10 Jahren entstand in Italien eine neue Generation von Nasen, die bei der Kreation von Dueften innovative Wege beschritt. Man wollte keine weiteren gefaelligen Frischeduefte à la Acqua di Parma oder Pino Silvestre schaffen, sondern neue Wege gehen. Stellvertretend fuer diese neue Generation stehen Laura Bosetti Tonatto, Maria Candida Gentile und Simone Andreoli. Ein roter Faden, nein zwei rote Faeden ziehen sich durch ihr Schaffen; das ist zum einen der Einsatz von natuerlichen Materialien und zum zweiten die originelle Kombination der eingesetzten Duftnoten. Als wohl bekanntestes Beispiel dafuer steht "Barry Lyndon" von Maria Candida Gentile, ein krautig-staubiger Fougère. Dieser Duft will nicht gefaellig sein, sondern innovativ. Er will polarisieren und nimmt es in Kauf nicht "Everybodies Darling" zu sein.

Der juengste in dieser Riege der neuen italienischen Nasen ist Simone Andreoli. Sein Silenzio stammt aus dem Jahre 2015 und ist Teil der Reihe "Diario Olfattivo" (Olfaktorisches Tagebuch), die noch 5 weitere Duefte umfasst. In jedem Duft dieser Reihe versucht er, seine Reiseerinnerungen und -eindruecke von bestimmten Orten umzusetzen. Herausgekommen ist ein Duft mit orientalischen Anklaengen. Allerdings darf man keine Orientalen à la J.H.L. Aramis oder einen "amouagigen" Duft erwarten. Ein Blick auf die Duftnoten zeigt sofort, dass es sich hier um eine reduzierte, ja fast minimalistische Umsetzung eines orientalischen Duftes handelt. Mir faellt dazu eine Parallele zu Lumiére Noire von Francis Kurkdjian auf. Bei beiden Dueften ist die Rose der Hauptakteur. Waehrend Kurkdjian dieser wuerzige Noten zur Seite stellt, sind es bei Andreoli holzige Noten.

In Silenzio betritt die Rose nur ganz kurz alleine die Buehne, wird dann aber schnell von einem transparenten Schleier aus holzigen Noten ueberzogen. Allerdings umhuellt dieser Schleier diese Rose nicht dauerhaft, vielmehr umweht er sie, Er legt sich kurzeitig auf sie, wird von einem leichten Hauch wieder weggezogen, um sich dann nach kurzer Zeit wieder ueber sie zu legen. In den Momenten, wenn der Schleier sich lueftet, erscheint es mir fast so, als ob die Rose jedesmal verschieden Schattierungen annimmt. Mal klar und frisch, mal etwas wuerzig durch Muskatnuss und manchmal mit einem zarten ledrigen Beiton. Obwohl kein Weihrauch angegeben ist, meine ich doch diesen leicht im Hintergrund wahrzunehmen. Dieses Wechselspiel zieht sich ueber mehrere Stunden hin und geht dann ueber in eine Basis, in der hoelzerne Noten mit zurueckhaltender Vanille den Ton angeben.

Silenzio ist fuer mich zweifelsohne ein Unisex-Duft. Die Rose wird von Anfang an durch die hoelzernen Noten in Zaum gehalten, sodass zu keiner Zeit der Eindruck eines blumigen Duftes entsteht. Wie oft lese ich in den Kommentaren den Spruch "Blumen fuer den Mann, ein schwieriges Thema!" - ich kann hier uneingeschraenkt Entwarnung geben. Silenzio ist als Extrait de Parfum erhaeltlich, hat aber, zumindest auf meiner Haut, nicht das Durchhaltevermoegen, das man sich von einem Extrait de Parfum erwarten wuerde. Die Sillage ist gut wahrnehmbar, aber nicht raumfuellend.

Gut gelungen finde ich auch den klassisch-geradelinigen transparenten Flakon mit schwarzer Kappe. Nachdem die Reihe der Duefte von Simone Andreoli Olfaktorisches Tagebuch heisst, sind die Flakons auf der Vorderseite beschrieben in der Art von schnell niedergeschriebenen Notizen.

Nach "Business Man" und "Silenzio" bleiben mir noch weitere 4 Duefte zu testen. Ich freue mich schon darauf.

Und das naechste Mal Carpi nicht mit Capri verwechseln!
11 Antworten
HerrApunktHerrApunkt vor 4 Jahren
Hallo Ernstheiter, das Thema mit den "neuen ital. Nasen" interessiert mich doch sehr. Da würde ich mich gerne näher zu einlesen. Hast du dazu zufällig einen Artikel im Internet gefunden, auf den du mich lenken könntest? Danke für den lesenswerten Kommentar.
SensualSensual vor 9 Jahren
Schöne, informative Kommentar ! :) Nach Silenzio bin ich wieder neugieriger auf die andere Düfte von S.A. - Camouflage hat mir gar nicht gefallen. Aber dies ist besser, und beide Rose und Vanille halten sich dezent, so dass es keinesfalls zum süßer Kracher wird - und das ist def. nur positivi für mich ! :) Ach ja, und Carpi, nicht Capri. ;)
OrrisOrris vor 9 Jahren
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Ja, der Simone Andreoli hat mich auch begeistert :-) Der nette Mann vom N.-Vermeire Stand hat mich zu ihm geschickt, dass er einen Vanilleduft geschaffen hat der eigetlich keine Vanille ist, da Simone im Grunde keine Vanille mag. Silenzio ;-)
GaukeleyaGaukeleya vor 9 Jahren
Sehr schöner, informativer Kommentar! Grazie! :-)
OrmeliOrmeli vor 9 Jahren
Das klingt aber wirklich interessant :-)
ZoraZora vor 9 Jahren
Interessanter und toller Kommentar.
CravacheCravache vor 9 Jahren
Klingt sehr interessant.
M3000M3000 vor 9 Jahren
Sehr interessant, in jeder Hinsicht,danke.
ErnstheiterErnstheiter vor 9 Jahren
Wie schoen, dass die Welt der Duefte so bunt ist und die Meinungen so unterschiedlich :)
YataganYatagan vor 9 Jahren
Das könnte hier ja lustig werden: Deine Wertung liegt bei 9.0, eine andere bei 1.0. Diese Düfte sind mir die liebsten! :))
ErgoproxyErgoproxy vor 9 Jahren
Danke für das Vorstellen dieser Marke und den interessanten Kommentar.