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Ttfortwo
02.10.2017 - 12:34 Uhr
18
Top Rezension
8.5Duft 9Haltbarkeit 10Sillage 5Flakon

Weich, warm, wunderbar!

Im Moment muß ich einige neu gekauften Lehmänner in Ermangelung eines leeren Sprühflakons aus der Schüttflasche tröpfeln. Haltet mich für verrückt, aber ich meine, daß Düfte getropft/getupft in mancherlei Hinsicht anders duften als gesprüht.

Ein Hauptgrund mag sein, daß man sprühenderweise wesentlich größere Hautbereiche mit der gleichen Menge Duft feinstverteilt erreichen kann (->Sillage), aber sicherlich auch, daß Kleidung oder Teile der Kleidung (Schals, Jackenkrägen) und Haar hauchfein eingenebelt werden, was beim Tropfen ganz, ganz schnell zu hochgemeinen Ölflecken führen könnte (weshalb Hausfrau dies nicht tuen täte. Niemals nicht!). Gerade der letzte Punkt ist mir außerordentlich wichtig, weil sich selbst parfumo-anerkannte Haltbarkeitsmonster auf meiner Haut empörend schnell verdüfteln (außer natürlich sonne Plörren wie dem Gaultier sein Skandälchen, die versehentlich gesprühte süße Brühe wollte und wollte und wollten nicht verschwinden).

Daneben denke ich, daß sich die einzelnen Bestandteile miteinander anders verhalten und anders und in anderer Zeit entweichen und verdampfen, wenn hauchfein vernebelt, als in kompakter Dichte auf der Haut gepackt wie beim Tropfen. Was ganz sicher den Dufteindruck verändert.

Aus irgendeinem Grund – und hier könnte ich nicht mit dem Ansatz einer Begründung dahergelaufen kommen – bilde ich mir ein, daß dieser Unterschied bei eher voluminöseren, opulenteren, vielleicht auch dunkleren Parfums deutlich größer ist als bei eher frischen oder frischblütigen Düften. Das spielt insofern eine Rolle, als daß die meisten der letzthin gekauften, von mir aber noch zu beschreibenden Lehmänner aus der Sternenzerstörerklasse stammen. Wie „Ambra“. Und weil meine Eindrücke - gesprüht -, vielleicht in manchen Punkten andere wären.

Eigentlich immer schon habe ich Ambra und Amber gleichgesetzt und zwar in der Ausprägung des Ambré(Amber)-Duftes, also einer Mischung aus verschiedenen Harzen, die in Summe ein süß-orientalisches und irgendwie immer schwülstiges Duftbild ergeben. Der beste Mensch von allen hat mir vor bald dreißig Jahren von einem seiner Lebe-wild-und-gefährlich-Ausflüge nach Marokko ein kristallin-grisseliges dunkelhonigfarbenes Klümpchen mitgebracht, das ihm als „Amber“ verkauft wurde. Dieses Klümpchen duftete genau so: Süß, schwülstig und – sorry! – irgendwie puffig. Hat mir nie gefallen, ich habe es lediglich aus den sentimentalen Gründen der Liebe jahrelang aufgehoben. Schade, daß ich es doch irgendwann entsorgt habe – jetzt wäre es wieder interessant für mich.

Daß Ambra eine völlig andere Substanz ist und völlig anders duftet, konnte ich in Ermangelung sinnvoller Erklärung nicht vergegenwärtigen.

Jetzt aber zurück zu Lehmanns Ambra – getropft, nicht gesprüht.

Ich frage mich, wie hoch die Duftstoff-Konzentration sein könnte: Nur das Abstreifen des Tropfers auf meiner Haut läßt den Duft förmlich explodieren. Dieser brutale Donnerschlag beim ersten Auftragen ist kurz, zum Glück und – Überraschung!!!! - Ambra ist kein Angstgegner. Wobei: So groß ist die Überraschung denn doch nicht, denn Herr von Spee sagt ja in seinem wirklich erstklassigen Kommentar eines sehr deutlich: Der ist nicht böse (und will nicht spielen).

Der erste Eindruck, daß Ambra untragbar laut sein könnte (der Auftakt läßt das ja mehr als zu Recht vermuten), bestätigt sich nicht oder nur dahingehend, daß Ambra präsent ist und auch lange Zeit ziemlich aber sowas von amtlich bleibt – laut ist er aber überraschenderweise nicht.

Tatsächlich empfinde ich den Duft in großen Teilen offensichtlich sehr ähnlich wie FvSpee: Als eben nicht schwülstig und orientalisch-süß, sondern zunächst einmal als seidig-mild, fast etwas grün, durchaus als leicht frisch, dies aber ohne jede Schärfe. Dabei entwickelt sich der samtige, sanfte, leicht pudrige Charakter des Duftes schon sehr schnell, fast schon in den ersten Minuten. Welcher Art auch immer die Blüten sind, die jetzt in der Herznote eine Rolle spielen: Sie sind für mich überhaupt nicht identifizierbar und sie singen die Zweitstimme mit wunderschönem Alt, so daß Ambra im Herzen und über Stunden eine nur ganz feine Süße, zarte Frische und diese unwiderstehliche samtig-warme, leicht pudrige Note verströhmt. Sehr skinnig, sehr warmhautig. Ein echter „Your-skin-but-better“-Duft. Sinnlich? Sehr!

Willkommen, Ambra, in meiner Lieblings-Lehmänner-Familie. Wie oft und bei welcher Gelegenheit ich Dich tragen kann? Ich weiß es noch nicht. Du bist in meinen Augen auch ein Duft für die besonderen Gelegenheiten.

Das, obwohl ich bei einigen wenigen Malen beim Schnuppern direkt auf der Haut einen kleinen metallischen Eindruck hatte - seltsamerweise aber nur wenige Male und immer nur direkt auf der Haut. Der Dufteindruck schon einige wenige Zentimeter weiter weg war immer so wie oben beschrieben. Wirklich seltsam....
Aktualisiert am 17.10.2017 - 17:51 Uhr
10 Antworten
HarielleHarielle vor 5 Jahren
Du bist, glaube ich, die einzige, die den Effekt des Tropfens im Vergleich zum Sprühen so treffend beschreibt! Ich habe ja Lehmanns Chatelaine im Tropfflakon und bin sehr froh darüber, weil ich so eine minimale Dosierung erziele, die den Duft umso schöner macht.
NeptunaNeptuna vor 7 Jahren
Guter Kommi! Ich habe zwar gesprüht, aber der Dufteindruck wird bei mir nur durch größeren Abstand wärmer. Direkt auf der Haut wirkt er auf mich zu stichelig, auch seifig-grün-moosig. Hast Du schon mal "Vetiver Ambrato" getestet?
TtfortwoTtfortwo vor 8 Jahren
Ja, das ist er. Was ja erst einmal nicht schlechtes ist. Und nicht verwunderlich; ich erinnere mich, Ambra irgendwo in einer Aufzählung der angeblich "ersten zehn HL-Düfte" gefunden zu haben.
YataganYatagan vor 8 Jahren
Ein Ambra, mit dem ich auch gut kann, wenn auch irgendwie... konservativ. Im guten Sinne natürlich.
StrangeloveStrangelove vor 8 Jahren
wow, weshalb stoße ich jetzt erst auf deine Kommentare!?
ganz toll und ausführlich beschrieben - gefällt mir sehr
FvSpeeFvSpee vor 8 Jahren
1. Toll, dass er dir gefällt; 2. schöner Kommentar; 3. danke für die Blumen; 4. Absolut auch meine Empfindung, dass mindestens manche Düfte getupft völlig anders rüberkommen.
PlutoPluto vor 8 Jahren
Ich kenn es auch von anderen Düften, auf Entfernung schöner, zu nahe nicht so toll. Ach ja, ich sprüh lieber. Aber ob getropft oder gesprüht, bei mir verschwinden auch die Wummser schnell....:o(
OhdeberlinOhdeberlin vor 8 Jahren
Ja empfinde ich genauso, es macht einen Unterschied ob gesprueht o getupft. Mutpokal fuers Tupfen von Ambra direkt aus dem Schuettflakon die Haut ;-)
Gerne gelesen !
CajunMoonCajunMoon vor 8 Jahren
Absolut: getupft duftet anders als gesprüht.
Das Lehmannsche Ambra wandert endlich mal auf meine Wunschliste (die Lehmänner überspringen die Merkliste bei mir grundsätzlich, weil ich sie vor dem Kauf nicht zwingend testen muss), und ein Wunschlisten-Pokal wandert in Deine Richtung :)
GelisGelis vor 8 Jahren
Ich stimme dir voll zu: was das Tropfen und/oder Sprühen angeht sowie den Duft. Pokal