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vor 5 Monaten - 10.08.2025
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Algorithmic Perfumery: KI, unreife Düfte und Marketeers

Algorithmic Perfumery: KI, unreife Düfte und Marketeers

Kein Weg mehr vorbei an der KI? Was in Kunst und Design schon längst angekommen und zum Problem geworden ist, kommt nun auch in der Parfumerie an. Aber kann KI das? Und wollen wir das? Ich konnte auf dem unsäglichen Marketing-Festival in Hamburg Alorithmic Perfumery von Every Human testen und gebe jetzt meinen Senf dazu ab. 

Was ist Algorithmic Perfumery?

»An der Schnittstelle aus Technik, Kunst und Parfumerie«, heißt es auf der Website von EveryHuman, einem niederländischen Start-Up, das seit 2018 personalisierte Parfums auf Basis eines Fragebogens und künstlicher Intelligenz anbietet. Das Geschäftsmodell: auf Events, in Kollaboration mit Brands, oder am eigenen Standort in Breda, können Kund:innen direkt vor Ort den Fragebogen mit über 50 Persönlichkeits-Fragen ausfüllen. Fast wie früher in der Bravo – nur mit deutlich weniger Teenage-Angst. 
Im nächsten Schritt analysiert die Every Human KI die Antworten und maßschneidert aus über 40 verschiedenen Duftakkorden und Stoffen drei verschiedene Formulierungen, die innerhalb von Minuten in hübsche 5ml Glasflakons abgefüllt werden.
Dahinter steckt das Duo aus Frederik Duerinck (Künstler und Technologist) und Duftdesignerin Anahita Mekanik. Die Idee: Parfumerie für alle Menschen zugänglich machen und sie in den Kreationsprozess integrieren. Nicht neu, aber doch faszinierend. Denn auch wenn hier vermutlich die meisten schonmal ihre eigenen Duftöle zusammengemischt haben, ist die Aussicht, personalisierte Parfums für verhältnismäßig günstigen Preis (eine Testrunde kostet 45 Euro) spannend.

Bravo-Quiz für Duftnerds

Wer jetzt von vornherein schonmal die Nase rümpft und kritisch fragt, ob KI denn wirklich Düfte komponieren kann, setzt sich zumindest schonmal mit dem auseinander, was die Macherinnen von Alorithmic Perfumery sich ursprünglich dabei dachten: es geht nämlich zunächst mal um die Grundsatzdiskussion, wie Mensch und Maschine zusammenarbeiten und eventuell zusammen etwas erschaffen können. Mittlerweile ist das wohl aber weniger Kunst als Konsum, denn Algorithmic Perfumery ist auf allen großen Events im B2B-Bereich vertreten, auf dem sich eine Marke hip, technologieoffen und etwas anders geben möchte. 
Dabei muss Mensch aber zunächst einmal ganschön viel von sich selbst offenbaren: von Duftpräferenzen über persönlichen Kleidungs- und Musikstil bis hin zur Lieblingsfarbe. Einen Account anlegen muss man in jedem Fall. Denn die zunächst generierten Parfums soll man später bewerten und optimierte Versionen bestellen können, um der KI beim lernen zu helfen. Das geht übrigens auch direkt online, falls es jemand von euch testen mag, ist live aber schon eine ganze Ecke beeindruckender.
So stand ich also auf besagtem Marketingevent, dessen Namen nicht genannt werden soll, unter geklonten Marketingmädels mit Lila, Rosa und Knatschgrünen Anzügen und den vielbeschäftigt telefonierenden Knitterhemd-Marketingjungs in der Schlange und sog den Moment in mir auf: endlich interessierten sich auch mal alle anderen für Parfum. 

La Machina

Als ich dann endlich an der Reihe war und die Maschine in Sicht kam, zuckte ich erst einmal leicht schmerzhaft zusammen. Autsch. Die teuren Duftstoffe in Klarglas und großer Menge in der warmen Messehalle waren so gar nicht das, was ich gerne für meine Düfte sehen wollte. 
Aber die Unterhaltungen in der Schlange waren großartig. »Findest du, ich bin eher Lederjacke oder doch Spitzentop«, fragte die junge Dame vor mir in ihrem Cowboyboots und verdächtig berüschter, weißer Bluse.  Und ich selbst überlegte mit dem Daumen am Regler, ob es wohl eine Möglichkeit gab, auf »Welcher Duft erinnert dich an deine Kindheit?«, zu antworten: »Heute der Geruch von salziger Seeluft, der durch die Reihe von Eukalyptusbäumen an der Straße zu dem Ferienhaus auf Corsica führen, in dem ich meine besten Kindheitserinnerungen habe«
Kurzgesagt: mir war das Q&A ein bisschen zu platt und ich wurde mit jeder Frage skeptischer, ob die KI nun etwas produzieren würde, das meinem Näschen tatsächlich passte. Zehn Minuten in der Schlange schwitzen und nochmal fünf Minuten gespannt beim Abfüllen zugucken später, hatte ich dann endlich meine drei Tester in der Hand.

Anne 01, 02, 03

Erster positiver Eindruck: Packaging und Flakons sind schlicht und funktional. Offenes Papier, schwarzer Karton, schwarze Metall-Cap und Sprüher aus Glas. Gefiel mir. 
Beim ersten Schnuppern der Düfte war ich überrascht. Die Richtung, die ich mir vorgestellt hatte (grün, herb, frisch und mit unerwartetem Twist) hatte die KI bei allen drei Düften unterschiedlich intensiv getroffen. Parallel auf dem Handy offen: die EveryHuman-Website, auf der die Duftnoten meiner drei Parfums aufgeführt waren. 
Alle drei Parfums hatten aber eines gemeinsam: die olfaktorische Synthetik und ein unrundes Gefühl, das ich beim ersten Schnuppern und auch später beim Tragen nicht loswerden konnte. Stimmte also einfach die Qualität nicht? Die Komposition? Oder mussten die Düfte einfach nur eine Zeit lang reifen? 
Vom Fleck weg gefiel mir 02 am Besten – und interessierte mich. Also beschloss ich, den Düften erstmal etwas Zeit zu geben. 
Aber jetzt halte ich es nicht länger aus und finde es fair, ihnen endlich die Bewertung angedeihen zu lassen, der sich alle Düfte in meiner Sammlung unterziehen müssen.

»Nein, Danke 01«: Luft, Regen und Tabak 

Dieser hier ist von den dreien der Herausforderndste für mich. Die gelisteten Noten bestehen etwa 50/50 aus ominösen Akkorden und erkennbaren Duftnoten. Auf der Website sind sie nach Mischverhältnis sortiert. Es gibt also keine Kopf, Herz und Basisnoten. 
Anne 01 besteht aus: Sauerstoff, Tabak, Blush, Schier, Rose, Nach dem Regen (ja, wirklich *Augenrollen*), Vetiver, Neroli, Lagerfeuer, Saffron-Honig, Leder und Oud. 

Die sage und schreibe 26,2% Sauerstoff sind für mich nicht erkenntlich. Der Akkord wird mit »blumig« und »Struktur« beschrieben. Was auch immer das bedeuten soll. Was ich aber prominent und bereits im Auftakt rieche sind Tabak und Leder. Die floralen Noten wie Rose und Blush (Akkord) gehen dabei völlig unter. Vetiver schleicht sich leicht in der Basis dazu und »Nach dem Regen« kommt tatsächlich mit ganz leichter Aquatik und Erdigkeit durch. 
Insgesamt ist der Duft Rauchig, leicht kratzig und trocken. Interessant aber seeehr unausgewogen. Da haben KI und ich uns wohl missverstanden, oder sie muss nochmal mehr tatsächliche Duftformeln studieren. 
Wenn ich ihn optimieren wollte, würde ich wohl weniger schwere Noten wählen, und mit klassischer Bergamotte auffrischen, die eine Chance hätte, im Anfang gegen den Tabak anzustinken. Und eine Prise Kardamomwürze und Gewürznelke würde nicht schaden. Vielleicht aber auch mehr Rauch und Erdigkeit, um einen guten Whisky zu produzieren? 

»Hypergreen 02«: Bergamotte, Iso-E & Grün-Akkord

Hallo, mein Favorit – von den Dreien zumindest. Anne 02 ist der minimalistischste von meinen drei Testdüften. 
Er besteht aus: Bergamotte, Schier (Akkord, der zum Großteil aus ISO-E bestehen soll), Neroli, weißem Moschus, Grün-Akkord, Vetiver und Eichenmoos. 

Nun, das las sich schon vorweg wie eine Notenliste, mit der ich glücklich werden könnte. Wenig undurchsichtige Akkorde und einige Noten, die ich auch sonst sehr liebe. Hier bekomme ich über mehrere Stunden ein sehr konstantes Dufterlebnis, aus dem sich aber die einzelnen Noten kaum hervortun. 
Der Gesamteindruck ist vor allem: Grün. In vielen Schattierungen, auf einem gewachsten Blatt, leicht feucht und sehr dicht verwoben. Mein einziger Störfaktor ist der sehr synthetisch-clean daherkommende Moschus. Aber insgesamt wirkt dieser Duft wie von einer technoiden Nischenmarke und könnte mit leichten Anpassungen tatsächlich bei mir einziehen. 

»Naja 03«: Weißer Moschus, Grapefruit & Holziger Bernstein

Der Dritte im Bunde ist mir irgendwie....egal? Ich weiß nicht so wirklich etwas mit ihm anzufangen. Die Komposition der Noten liest sich ganz interessant eigentlich. 
Weißer Moschus, Grapefruit, Holziger Bernstein, Blush, Jasmin, Schier, Reis&Milch, Eichenmoos, Marine und Kräuter

Er verschwindet bei mir auf Papier und der Haut sehr schnell, hat eine kleine Silage und ist erstaunlich ausgewogen. Dabei aber irgendwie etwas nichtssagend. Der Moschus ist von leichter Grapefruitschalen-Bitterkeit aufgeladen und wird durch Jasmin sanft blumig. Es ist ein Sauberduft, dessen einziges spannendes Merkmal die leichte Milchigkeit ist. 
Aber kennt ihr das, wenn ihr einen Cocktail ordert, dessen Name euch viel verspricht, mit frischen Grün garniert und eine tolle Nase abgibt, aber der erste Schluck eben doch nur Tonicwater ist? Ungefähr so fühlt sich das an. 
Optimieren würde ich dich wohl, indem ich ordentlich viel mehr von Reis&Milch erzähle, die Marine frage, wo sie denn eigentlich steckt, und was auch immer »Blush« sein soll, entferne.

Lohnt sich der Spaß und viel wichtiger: wollen wir das?

Das ist nun jetzt die Frage, oder? Ich denke, für mich ist das Experiment an dieser Stelle beendet. Denn auch wenn 02 ein interessantes Parfum ist, fehlt mir bei allen dreien doch etwas, das ich nur als Lebendigkeit und Finesse beschreiben kann. Ich glaube, es liegt daran, dass sie das erste Ergebnis waren. Dass der Weg zu ihrer Kreation geradeaus war und keine Iteration stattgefunden hat. 
Natürlich könnte ich diese jetzt selbst vornehmen, aber ich glaube, es steckt mehr dahinter, als nur meine eigene Nase. Denn was Parfums in der Regel gut macht, sind nicht nur Marktforschung, Formeln und eine:e Parfumeur:in – es ist das Zusammenspiel aus Menschen, die einen Duft entwickeln.
Menschen, die Ideen verwerfen. Die etwas Mutiges, Neues ausprobieren. Und scheitern. Und während die KI eigentlich aufgrund ihres Wesens nicht Scheitern kann, tut sie es bei Kunst und Parfum dennoch. Denn sie empfindet keine Freude an der Kreation – und übernimmt gleichzeitig aber den Part, der Spaß macht: eine Inspiration in etwas Greifbares umzusetzen. 

Ich entscheide daher für mich: Parfum ist etwas, das ich (ähnlich wie visuelle Kunst) von Menschen gestaltet haben will. Denn wo bleibt der Spaß, wenn wir nicht mehr aus Freude am Gestalten handeln, sondern nur noch optimieren? 

Aktualisiert am 10.08.2025 - 16:07 Uhr
13 Antworten
DSportelloDSportello vor 5 Monaten
Vielen Dank! Informativ und ein guter Kommentar. Ich bin da bei dir. Wenn man mir sagt, dass die KI Operationen besser durchführen kann und Menschenleben rettet, dann meinetwegen. Ansonsten komme ich in allen Bereichen sowie auch beim Parfum zu dem Ergebnis: Ich will Menschen am Werk sehen. Auch bei Parfum bin ich bei dir. Ich mag auch diesen Personalisierungsaspekt nicht. Ein Duftkünstler soll etwas kreieren- das gefällt mir oder eben nicht. Wenn denn Anzüge sowie Düfte von Menschen „maßgeschneidert“ werden, sehe ich es auch anders. Aber die KI ist maximal anonym und unpersönlich einerseits, andererseits wird einem das Gefühl absoluter Personalisierung suggeriert. Weshalb wollen wir „uns“ Menschen schwächen. Wir können eigentlich so viel.
HasenNaseHasenNase vor 5 Monaten
Interessanter Text, Danke. Optisch hat die Maschine durchaus einen Reiz, nur: wie soll das funktionieren? (Ganz abgesehen von Mazeration und Stimmigkeit der Noten.)
Keine KI kann wissen, wie bestimmte Emotionen und Erfahrungen in mir mit bestimmten Düften verknüpft sind. Die meisten Verknüpfungen sind sehr individuell, insbesondere die starken. Wie sollen da allgemeine Fragen und Bilder zurück zu “meinen” Düften führen?
Fragen nach Stimmungen sind immer auf den Moment bezogen und können sich schnell ändern, zudem fehlt bei fast allen Persönlichkeitstests ein Kontext, das wird hier sicher nicht anders sein (ich stelle mir Fragen vor wie: "Mögen Sie Dunkelheit?"). Eine KI könnte Informationen verknüpfen wie das aktuelle Wetter, am Ende weiß man vielleicht, dass in einem bestimmten Gebiet bei Regen "die" Menschen vor Ort eher Zitrus- als Holz-Töne mögen, aber sonderlich individuell ist das nicht.
"Mein Duft" im Schrank besteht aus über 70 extrem unterschiedlichen Düften.
SalanderSalander vor 5 Monaten
1
Ein sehr interessanter Beitrag. Ein Experiment, das ich auch gerne ausprobieren möchte. Meine Erfahrung mit Fragebögen im Internet war bisher nur so lala. Man bekommt nicht unbedingt Düfte empfohlen, die man dann tatsächlich mag. Das waren allerdings bereits existierende Kompositionen. Und zum Thema KI bin ich bei euch, Segen und Fluch zugleich. Ich hoffe wir schaffen es durch Regulierungen, dass ersteres überwiegt und dass “made by human” verpflichtend als Gütesiegel eingeführt wird.
NuiWhakakoreNuiWhakakore vor 5 Monaten
2
Passt ganz gut zu meinen Vorurteilen. Eine mehr oder minder intelligente KI bastelt aus 40 Duftstoffen bzw. Akkorden (ist jetzt auch nicht so viel, wenn man mal drüber nachdenkt), mehr oder minder brauchbare Düfte. Wird manchen sicherlich reichen, aber wenn ich was besonderes Suche, bin ich da falsch. Dein Fazit kann ich daher nur unterschreiben...
TurandotTurandot vor 5 Monaten
1
Dankeschön, dass wir Dir über die Schulter sehen durften. Ich fürchte, mein Alter ist der Grund, warum ich mich mit solchen Neuerungen grundsätzlich schwer tue. Und so ähnlich wie es mir mit Musik aus dem Synthesizer vs. analog mit echten gespielten Instrumenten geht, so ähnlich wird es wohl auch für mich mit Parfums sein, die nicht ein Mensch aus Fleisch und Blut und nicht zu vergessen echten Emotionen kreiert hat, sondern KI.
Fresh21Fresh21 vor 5 Monaten
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Danke fürs Teilen, fein geschrieben, ansprechend und unterhaltsam zugleich👍Interessantes Experiment mit mäßigem Erfolg - noch… Doch Selbst wenn die KI in den nächsten Jahren Besseres hervorbringen sollte, dürfte mein Interesse gering sein, denn meine jetzigen Parfums reichen noch für ca. 20 Jahre 😊
BeatriceABeatriceA vor 5 Monaten
2
Vielen Dank für Deinen Bericht! Spannend. Mich würde interessieren, wie die Düfte in einem Jahr riechen. Vielleicht müssen sie sich erst "setzen"?
Mit KI bin ich grundsätzlich vorsichtig.
Essa1311Essa1311 vor 5 Monaten
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Ich hatte das Vergnügen mit dieser illustren Maschine bereits in Dubai. Der Fragebogen hat mein Nervenkostüm ganz schön strapaziert aber irgendwo muss man ja auch ansetzen.
Naja es war ein witziger Gag und mir das Geld auch wert aber getragen hab ich von den drei Düften noch keinen. Dabei kann ich nicht mal sagen wieso, denn auf den ersten Riecher fand ich alle drei nicht übel. Aber irgendwie einfach und trotzdem unrund, nicht was herausragt.
Aber allein dieser Maschine zuschauen ist für mich ein Erlebnis.
Danke dir fürs umfangreiche Zusammenfassen deiner Eindrücke :)
Julchen2017Julchen2017 vor 5 Monaten
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Danke dir herzlich für diesen tollen Bericht.
Mir macht Sorge, dass KI eines schafft:
Menschliches Denken, Gestalten, Planen, Creieren, Handeln (im weitesten Sinne, denn man handelt ja, indem man sich für die KI entscheidet 🫣) und vieles mehr, nicht mehr nötig macht. Zu dem geben wir zu viel von unserer Persönlichkeit preis. Ich stehe das sehr, sehr kritisch.
Fluch und Segen dieser Zeit.
(Film dazu: Trueman)
ElAttarineElAttarine vor 5 Monaten
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Danke für die tolle und ausführliche Beschreibung, sehr gerne gelesen!
PollitaPollita vor 5 Monaten
Würde mich jetzt gar nicht reizen, da ich genau so etwas befürchte. Konntest Du denn ungeliebte Noten ausschließen? Das wäre mir sehr wichtig.
AnnenasAnnenas vor 5 Monaten
Hi Pollita! Nein, geht leider nicht. Finde ich auch schwierig, Grade weil Düfte so subjektiv sind
RobserRobser vor 5 Monaten
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Vielen Dank für den tollen und ausführlichen Bericht, Auszeichnung ist raus ☺️

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