FvSpeeFvSpees Parfumblog

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Vor 78 Tagen
24 Auszeichnungen

Intro

In den beiden ersten Folgen der Reihe „Kleine olfaktorische Poetik“ ging es um das Versmaß: Wir haben dort nebst allerlei allgemeinem Vorgeplänkel die vier grundlegenden Metren Fougère, Chypre, Eichenmoos und Shalimar vorgestellt.

Zu einem klassischen Gedicht gehört – wenn es denn nicht im Blankvers abgefasst ist, dazu haben wir schon etwas geschrieben – jedoch auch der Reim; dieser wird hier behandelt.

Lassen wir Sonderformen wie den Stab- und Binnenreim beiseite, so findet ein Reim immer am Zeilen- (Vers-) Ende statt und zeichnet sich dadurch aus, dass die letzte betonte Silbe im Vokal und in dem auf den Vokal folgenden Konsonanten übereinstimmen; dasselbe gilt für alle unbetonten Silben, die der letzten betonten noch folgen.

Männliche Reime

Am einfachsten ist das zu verstehen, wenn die letzte Silbe des Verses betont ist, was typischerweise im Fougère- und im Shalimar-Versmaß der Fall ist. Fällt die Betonung auf die letzte Silbe des Verses, folgt also keine unbetonte mehr danach, wird auch – oder wurde jedenfalls bisher, möglicherweise ist das Ganze nicht gendergerecht und muss geändert werden – von einem „männlichen“ Reim gesprochen:

Spr´ühst du dích mit D´üften éin,
músst du dábei spársam séin.

Der letzte betonte Vokal (oder genauer gesagt in diesem Falle der Diphtong, also Umlaut) „ei“ und der darauf folgende Konsonant „N“ müssen also identisch sein, sonst nichts. Weil danach keine weitere (unbetonte) Silbe mehr kommt. Auf das Schriftbild kommt es dabei nicht an, sondern auf den Laut, Worte mit „Ai“ statt „Ei“ wären also auch ok. Der Konsonant vor dem Vokal kann (und soll, sonst ist es ja kein richtiger Reim, sondern eine bloße Wiederholung) anders sein. Zulässige Reimworte wären hier also z.B.: klein, fein, Bein, Schwein, Führerschein, Wittgenstein, oder, für die klassischen Poeten unter uns: Hain und Rain. Unzulässig wäre „Dasein“, denn da fällt die Betonung auf „Da“. Und die Betonung muss bei Reimen schon übereinstimmen, sonst hört sich das auch beknackt an.

Weibliche Reime

Folgt auf die letzte betonte Silbe noch eine unbetonte (so genannte „weibliche Reime“) ist es schon etwas schwieriger, passende Reimworte zu finden, denn das Reimwort muss ja sowohl hinsichtlich der letzten betonten Silbe als auch hinsichtlich der darauf noch folgenden unbetonten zusammenpassen:

Hier d´uftet’s áber stárk nach Véilchen…

Tja, jetzt brauchen wir ein Wort mit einem kurzen „eilchen“ oder „ailchen“. Ist nicht so leicht, oder? „Pfeilchen“ wäre suboptimal, weil es lautlich fast genauso klingt wie „Veilchen“ und damit kein echter Reim wäre. „Beilchen“, „Teilchen“ oder „Seilchen“ würde gehen, aber ich wüsste nicht, wie man damit dichten soll. Naja, vielleicht wenn es um einen Gourmand-Duft geht:

Hier dúftet’s áber stárk nach Véilchen

Gepáart mit éinem Kúchentéilchen.

Gleitende Reime

Am schwierigsten wird es bei den gleitenden Reimen, wo auf die betonte Silbe noch zwei unbetonte folgen. Wir denken natürlich sofort an das Eichenmoos-Versmaß! Da müssen dann gleich drei Silben in den Reim gepresst werden.

In Schwábing riéchts nach Éichenmoos,
Was íst bloß béi den Réichen los?

Mir hätte als Reimwort irgendwie auch „Leichenfloß“ gefallen, aber ich fürchte, das ist ein Scrabble-Wort.

Assonanzen

Wenn man als guter Dichter in Erscheinung treten will, sollte man unechte Reime vermeiden. Unechte Reime, die in ihrer veredelten Form und Bezeichnung auch als Assonanzen bezeichnet werden können, sind sozusagen „verkümmerte Formen“ eines echten Vollreims; solche, bei denen der Vokal zwar noch (ganz oder mehr oder weniger) übereinstimmt, aber die Konsonanten entweder „nur so halbwegs“ oder gar nicht.

Wenn es stark nach Weihrauch riecht…

Um hier einen passenden Reim zu finden, brauchen wir zwingend einen „ie“-Laut (es kann natürlich auch „ih“ oder einfach ein langes „i“ sein, denn es kommt ja nur auf den Klang an) und dann ein „cht“. Ob im Einzelfall vielleicht auch ein „scht“ gehen würde, da kann man drüber streiten. Möglich wäre also

… ein Jucken in die Augen kriecht.

oder

… der Hund und auch die Katze siecht.

(siechen = kränkeln).

Schon deutlich weniger gut wäre z.B.

… es meistens an dem Priester liegt.

Denn „liegt“ spricht sich nur in manchen Regionen Deutschlands wie „liecht“ aus, in anderen aber wie „liekt“, und dann ist es schon kein echter Reim mehr.

Endgültig auf das Gebiet des unechten Reimes begeben wir uns mit

Wenn es stark nach Weihrauch riecht

mir heftig meine Nase trieft.

Denn ein F ist eben kein CH, und damit haben wir hier keinen Reim, sondern eine bloße Assonanz. Ich bin zwar kein Experte für moderne Musikstile, aber mir scheint, dass die Sprechgesänge von Deutschrappern meistens Assonanzen sind, keine echten Reime. Wenn das konsequent durchgezogen wird, hat das schon wieder was. Es sollte bloß nicht "gewollt, aber nicht gekonnt" wirken.

Abschluss

Man könnte jetzt zum Reimen noch viel schreiben, aber ich will euch hier nicht langweilen und mache es deshalb kurz mit ein paar vermischten Betrachtungen und einem kleinen Beispiel zum Abschluss:

Bisher sind hier immer nur Paarreime präsentiert worden, also Reimwort-Reimwort (AA). Es gibt aber natürlich auch ganz andere Kombinationen, wie z.B. ABBA oder ABAB. Von Beispielen sehe ich da mal ab, das kann man sich im Internet oder in jeder beliebigen Poetik ganz leicht anlesen.

Und – viel spannender, wie ich finde – es gibt natürlich immer etwas langweilige Reime und saugute, originelle, brillante. Was richtig gut ist, ist Gefühls- und auch ein bisschen Geschmackssache, aber nicht besonders sind natürlich sehr naheliegende oder ausgelutschte Reime wie Herz-Schmerz oder, für unser Thema hier: Duft-Luft. Wenn man Duft hingegen auf Gruft, Schuft oder Motorradkluft (oder auf „es mufft“) reimt, hat das schon mehr Esprit, finde ich. Einen netten Effekt erzielt man auch mit Worten, die auf den ersten Blick überhaupt nicht zusammenpassen (z.B. eines aus der gehobenen Sprache und eines aus der einfachen Sprache; oder ein normales Wort und ein Eigenname) oder auch mit gespaltenen Reimen, wenn also das Reimwort auf zwei Worte aufgeteilt wird, z.B. (aus dem Lied „In der Bar zum Krokodil“ von den Comedian Harmonists)

Denn Theben war für Memphis
Das was Lausanne für Genf is‘

(Gespaltener Reim + witziger Kontrast zwischen Antike und Neuzeit)

oder (aus dem Lied „Es lebe der Sport“ von Reinhard Fendrich) (wienerisch auszusprechen)

Wäu a flammendes Inferno
schaut ma immer wieder gern oh

hochdeutsch:
"Weil ein flammendes Inferno
schaut man immer wieder gerne an"

(Gespaltener Reim – Kontrast von Fremdwort zu Dialektausdruck).

Zum Abschluss noch ein Duftgedicht auf meinen Signaturduft: Als ich vor etwa 20 Jahren mit zwei Freunden eine Spaß-Dicht-Wettstreit machte, grübelten wir, welche Reimworte es auf das berlinerische 'knorke' (prima, klasse) gibt. Folgende haben wir gefunden: Borke (Baumrinde), Lorke (berlinerisch für Plörre, dünner Kaffee), entkorke als erste Person Singular von „den Wein entkorken“ und, dank Tolkien, „Orke“, als förmlich-altmodischer Dativ von „Ork“. Drei dieser vier Worte hab ich hier reingepackt:

Und kaut ich auch auf bitt’rer Borke,

und söff‘ ich auch die trübste Lorke,

so schrie ich’s doch dem letzten Orke

ins Ohr noch: Heritage ist knorke.

ENDE.

15 Antworten

Die ersten sechs Folgen der Duftspaziergänge (mit Ausnahme von Teil 5, einem Ausreißer Richtung Mitte) bewegten sich allesamt im Mommsenkiez und seinen Ausläufern nördlich der Kantstraße und südlich des Kurfürstendamms: Die Gegend ist auch 30 Jahre nach dem kommerziellen Wiederaufleben der Berliner Mitte noch immer das Duft-Eldorado der Hauptstadt.

Mit dieser siebten Folge soll nun (was eine eventuelle spätere Rückkehr in den "Westen" mit special-interest-Beiträgen etwa zum KaDeWe nicht ausschließt) Charlottenburg endgültig abgewandert, abgegrast werden. Mit einem gewissen Anspruch auch Vollständigkeit (ergänzende Hinweise auf Vergessenes sind willkommen) sollen also allen in dieser Gegend noch vorhandenen Duft-Hotspots ein Besuch abgestattet werden. Da wir dabei mehrfach, eigentlich ständig, durch schon erwandertes und beschriebenes Gelände kreuzen, wählen wir diesmal eine etwas schnellere Fortbewegungsart als Schusters Rappen - sagen wir das Fahrrad.

Wir beginnen unsere Fahrt in der Nähe des Ernst-Reuter-Platzes am Edelkaufhaus Manufactum (bekannt aus Folge 3) und schieben das Rad zunächst nur vielleicht 100 Meter die Knesebeckstraße nach Süden, ein Aufsatteln würde sich gar nicht lohnen wurde. Dort halten wir vor dem kleinen, aber sehr feinen Geschäft für Körperpflege und Raumdüfte

Rosewater's
Knesebeckstraße 5
https://www.kosmetik-online-shop.com/

der, wenn das auch nicht der Schwerpunkt des Geschäftsbetriebs sein mag, auch über ein ansehnliches und vor allem ein an anderen Orten nur schwer erhältliches Sortiment an Eau de Toilettes und Eau de Parfums verfügt.

Die Gegend ist bürgerlich, doch - vielleicht auch durch die nahe TU - auch ein bisschen jung und gediegen, aber nicht in Reichtum erstarrt: Hier gibt es noch viele alteingessesene, meist etwas gehobene Einzelhändler der verschiedensten Arten und allerlei nette, originelle und inhaberbetriebene Delikatessenläden und Bistros, wie etwa das griechische "Philomenos" schräg gegenüber mit dem einladenden Wandgemälde auf der Brandmauer. In diese Umgebung passt das "Rosewater's" ausgezeichnet: Eine verspielte und doch aufgeräumte Wohlfühlatmosphäre herrscht hier, alles ist sehr individuell. Mandy und Monika Mrozik haben es seit 26 Jahren nicht nötig, hier einen auf Hipster zu machen, was aber nicht heißt, dass man sich Neuem verschließt.

Wir betreten den Laden und sind überrascht, dass er eigentlich ziemlich klein ist, kleiner als in unserer Erinnerung seit dem letzten Besuch vor vielen Jahren, und dass Crabtree & Evelyn nicht mehr so dominant im Angebot ist wie ehedem (das hängt, wie man dann erfährt, mit einem Wechsel im Sortiment dieser Firma zusammen). Der etwas abgetrennte Bereich des Ladens rechts vom Tresen ist den Raumdüften, Geschenkartikeln und vergleichbaren Produkten gewidment (wir lassen ihn diesmal unbeachtet), der Bereich linker Hand, der etwa 60 Prozent der Ladenfläche ausmacht, gehört ganz den Körperpflegeprodukten und den Düften.

Hier herrscht eine klare ordnende Hand: Multum, non multa. Es sind eher wenige, ganz gezielt ausgewählte Marken im Angebot, die (fast) alle gewisse Gemeinsamkeiten aufweisen: Sie sind an anderen Orten schwer zu bekommen, sodass "Rosewater's" fast so etwas wie der Berliner Exklusivvertrieb der Marken ist, es handelt sich um kleine bis mittelgroße (Familien-) Betriebe, sie sind alle im mittleren bis erschwinglichen Preissegment bei trotzdem gutem Ruf angesiedelt und sie alle pflegen das Image der (wenn nicht "Bio", dann doch wenigstens) naturnahen Produktion.

So finden wir denn, im Wesentlichen, folgendes Angebot. Seifen und einige Pflegeprodukte von Panier des Sens; Pflegeprodukte mit Schwerpunkt Handcremes (noch immer drei Regale voll) von Crabtree&Evelyn, einen soliden Ausschnitt aus dem Angebot von L'Occitane en Provence (die haben, wie ich finde, einige sehr schöne Düfte, denen ich mich irgendwann noch einmal vertiefter widmen möchte) sowie ein umfangreiches Sortiment (wenn es sich nicht sogar um das Gesamtportfolio handelt) der eher kleinen bis mittelständischen Marken Erbolario (Italien) und Korres (Griechenland), jeweils nicht nur mit allerlei Cremes, Lotionen und Shampoos, sondern auch mit insgesamt mehreren Dutzen Düften.

Wir werden aufs Vorzüglichste beraten (von einer sehr freundlichen und kompetenten jungen Dame mit einem leichten undefinierbaren fremdländischen Akzent; dies scheint neuerdings exakt das Anforderungsprofil für die gehobene Parfümerie zu sein, es ist uns schon mehrfach bei Urban Scents begegnet und wir werden es, ähnlich jedenfalls, auch gleich in dieser Folge noch einmal treffen) und ziehen schließlich beglückt mit kleineren, sehr besonderen und nicht allzu teuren Einkäufen für den Flaneur selbst und das cremeliebende Näschen an seiner Seite weiter.

Wir fahren die Knsebeckstraße nun einfach immer südwärts, bis wir zunächst einmal am Savignyplatz mit seinem speziellen Alt-Westberliner Flair ankommen, das ganz maßgeblich durch die Gastronomie dort geprägt ist. Sie kann hier nicht vollständig aufgezählt werden, exemplarisch sei hier nur der legendäre Zwiebelfisch genannt, aus dem die nicht ganz so Jungen noch Harald Juhnke wanken sehen konnten, das ebenso legendäre Schwarze Café (es liegt nicht direkt am Savignyplatz, aber in Sichtweite die Kantstraße ein Stück Richtung Zoo runter) und - inzwischen auch schon bei weitem nicht mehr "neu" - das Mar y Sol und die x-te Einstein-Filiale (was für ein alter Berliner ich - obwohl nur zugezogen - bin, kann ich daran sehen, dass ich noch im alten Tiergartener Einstein meinen Kaffee getrunken habe, als das noch das EINZIGE war). Etwas schockiert nehmen wir im Vorbeifahren war, dass das belgische Restaurant Brel nicht mehr existiert. In einer früheren Folge der Duftspaziergänge habe ich schon Klage über das Verschwinden des Kant-Café geführt, jetzt also das Brel, dieser Schlag sitzt fast noch herber. Aber weitergefahren, das ist ja kein Gastro-Blog. Wir umrunden den Platz und fahren die Knesebeckstraße weiter südwärts, die jetzt südlich des inzwischen überquerten Ku'damms immer weniger bürgerlich, ja fast ein bisschen ruppig-gewerbegebietsmäßig wird, bis wir kurz vor dem Ende der Knesebeck, fast an der Ecke zur Lietzenburger, an

Birkholz Perfume Manufacture
Knesebeckstraße 55
https://www.birkholz-perfumes.com/de/

vorbeifahren. Vorbeifahren deshalb, weil uns dieser Laden, vom Internetauftritt her, vom Konzept und Design und allem Drumherum, nicht richtig behagen will. Ich kann mir nicht vorstellen, dass mich diese Düfte wirklich bereichern würden. Bei den Duftspaziergängen will ich aber selbst Spaß und Vergnügen haben (was bisher perfekt geklappt hat) und danach guten Gewissens wohlwollend hier darüber berichten können. Ich bin ja kein bezahlter Tester vom Guide Michelin für Duftgeschäfte, der seine berufliche Pflicht erfüllt, sondern mache das zum Spaß. Daher also lasse ich den Birkholz aus, weil ich vermute, hier nicht auf meine Kosten zu kommen. Erwähnt werden soll er aber der Vollständigkeit halber, und seine Freunde und Liebhaber hat er zu haben, also Freunde der guten Düfte, lasst euch von meinen vielleicht unberechtigten Vorurteilen nicht beirren und gebt ihm eine faire Chance.

Die Lietzenburger Straße biegen wir nach rechts ab und danach gleich wieder rechts in die Bleibtreustraße. Im kurzen Stück zwischen Lietzenburger und Kurfürstendamm, praktisch gegenüber von Urban Scents (siehe Folge 4) und ganz kurz vor der Parfümerie Delfi (siehe Folge 6) fahren wir am linke Hand liegenden sehr gehobenen Modegeschäft

Di'BEL Fashion Store
Bleibtreustraße 24
https://dibel.de/

vorbei, das hier ebenfalls der Vollständigkeit halber erwähnt werden soll, weil es nach verlässlich erscheinenden Quellen auch Düfte der eher seltenen Marken Diana Vreeland und Linari im Beiprogramm haben soll. Wir überqueren den Kurfürstendamm und stellen zur rechten Hand der Bleibtreustraße fest, dass das "Belle Rebelle" (siehe Folge 2) anscheinend ebenfalls nicht mehr existiert; jedenfalls nicht mehr als Ladengeschäft, der Verkauf über das Internet geht weiter und irgendwo habe ich gehört, dass eine Neueröffnung an anderer Stelle angedacht sei. Wir biegen die Kantstraße nach links ein und, eine richtige Slalombewegung beschreibend, die Schlüterstraße wieder nach links, bis wir, und das ist dann der Höhepunkt zum Abschied aus Charlottenburg, beim westlichen der beiden Berliner Stores (ein weiterer liegt in Mitte) von

Le Labo
Schlüterstraße 77
https://www.lelabofragrances.com/landing.html?path...

ankommen. Man sollte vielleicht ab der Ecke Mommsenstraße absteigen und zu Fuß gehen, denn sogar zu Fuß geht man am Eingang gerne mal vorbei, so dunkel und schmal ist der Eingangsbereich, und so werbefrei.

Ich hatte schon länger vor, mich mal mit dieser ziemlich noblen Marke zu befassen, war aber nie dazu gekommen; nun ist es also so weit. Mein Eindruck vom Laden ist, nachdem ich mich zunächst einmal einige Augenblicke lang eingewöhnen muss, wider Erwarten (mir kam die Marke immer etwas schräg vor) ein Guter. Der Laden ist Pseudo-Vintage eingerichtet, was ich an sich hasse, aber hier ist es so gut gemacht, dass es wirklich Charme hat und man die mangelnde Authentizität nicht übel nimmt: Das ganze wirkt wie die Mischung aus einer Metzgerei, einer Industrielagerhalle, dem Labor eines genialischen Alchimisten und dem, was es wirklich ist, einer Nobelboutique. Ich musste die äußerst reizende junge Verkäuferin mit dem sehr schweren osteuropäischen Akzent und den kaum vorhandenen Deutschkenntnissen (ich hab sie in Gedanken Oksana genannt) auch wirklich fragen, ob das hier "echt alt" sei. Nein, lachte sie, aber ich solle mal in den anderen Store in Mitte gehen, dort hätten sie wirklich eine alte Metzgerei gefunden und den Laden reingebaut.

Im hinteren Bereich des Ladens stehen die Duschgels, Cremes und was die Marke sonst noch so im Angebot hat, links befindet sich der Verkaufstresen und eine Art Glasbox mit (echtem oder pseudo?) Laboratorium, in dem auch die "Personalisierungs"-Gewerke ausgeführt werden (man kriegt da auf Wunsch den eigenen Namen aufs Etikett gedruckt), und der eigentliche Duft-Bereich ist rechts an der Wand: Ein Brett von etwa 1,5 Metern Länge mit den etwa 20 Düften des Hauses darauf mit spartanischen Testmöglichkeiten. Sehr minimalistisch, aber mir gefällt es.

Mangels Bling-Bling kann ich mich ganz auf die Düfte konzentrieren (im Prinzip, wenn da nur Oksana nicht wäre...), und auch diese gefallen mir wirklich ausgezeichnet. Nicht alle, aber doch fast alle. Sie wirken ausgesprochen wertig, sehr gut durchkomponiert, rund und satt, kraftvoll (Ausnahmen wie Ambrette bestätigen die Regel) und immer etwas besonders. Die Orangenblüte, die Lilie oder der Oud riechen immer ein wenig gegen den Strich der Erartungen gebürstet, obwohl man die nabensgebende Komponente herausriecht; der "Schwarze Tee" ist formidabel, der Vétiver gefällt mir sehr, trotz meines sehr angespannten Verhältnisses zu dieser Note. Kurzum: Le Labo hat mich überzeugt, ich kaufe eine ganze Reihe von Pröbchen zum vertieften Testen zuhause. Oksana packt noch eine üppige Menge Duschgel- und Cremeproben dazu, was sie mir noch sympathischer macht. Der ebenfalls äußerst sympathische und kompetente junge Mann bei meinem zweiten Besuch war in puncto Pröbchen weniger großzügig, wartete aber dafür mit der originellsten Haarfrisur auf, die ich in meinem Leben an einem Mann gesehen habe, nämlich blonden Schläfenlocken-Extensions an einem ansonsten schwarzen Haupthaar, was natürlich einen angemessenen Ausgleich darstellt.

Die Düfte von Le Labo sind auch in der Verpackung und im Design minimalistisch, sogar in der Namensgebung. Alle heißen nach dem gleichen Prinzip: "Bergamote 22" bedeutet: Bergamotte ist die Hauptzutat, dazu kommen 22 andere Duftnoten. Was "Ylang 49" bedeutet, muss man da nicht erklären. Man pflegt ein nachhaltig-vegan-politisch-korrektes Image; ob das immer 100% berechtigt ist, sei dahingestellt. Auch ganz so unabhängig, wie es dem Image entspricht, ist man nicht mehr, Le Labo gehört inzwischen zu einem Großkonzern, die Marke scheint aber innerhalb desselben eine große Unabhängigkeit zu genießen. Die Düfte sind teuer, eigentlich sogar sehr und wahrscheinlich unberechtigt teuer. Ich bin aber bereit, das in diesem Fall halbwegs nachzusehen, nicht nur wegen der spürbaren hohen Qualität, sondern auch, weil man die Düfte, fast nach dem Harry-Lehmann-Prinzip, in allen erdenklichen Abfüllungsgrößen erstehen kann, von 100 ml über 50 ml bis zur 3-ml-or-something-Miniatur, sodass man nicht unbedingt ein Vermögen dalassen muss; Rabatt für Wiederbefüller gibt es auch.

Für mich demnach ein echter - und unerwarteter - Knaller zum Abschluss. Von Le Labo steht nun einiges zum vertieften Proben (und vielleicht Kommentieren) bereit und mein Horizont hat sich wieder erweitert.

Wir setzen uns zufrieden auf den Sattel, und wenn unser Weg zufällig Richtung Funkturm führen sollte, könnten wir uns eventuell über die Kantstraße nach Westen absetzen und noch bei einem der abgefahrensten Duftläden Berlins vorbeifahren, so abgefahren, dass ich von einem Besuch bis auf weiteres abgesehen habe:

Diamond Parfums 66
Kantstraße 66
https://www.diamondparfums.com/

Falls ich mich nochmal trauen sollte, einen Fuß über diese Schwelle zu setzen, dann könnte das der Anlass sein, es nochmal mit Charlottenburg zu versuchen. Bis auf Weiteres aber sind wir hier fertig und können uns, sollte die Serie fortgesetzt werden, bei den künftigen Spaziergängen endgültig auf Mitte stürzen.

Fortsetzung möglich

9 Antworten

Über weitere Verschärfungen bei den Regulierungen und Verboten von potenziell allergenen Inhaltsstoffen in Parfüms wurde hier auf Parfumo und sonst in der Welt schon viel geschrieben, auch viel Aufgeregtes, aber ich konnte mir nie ein klares Bild machen, nie einen umfassenden Überblick gewinnen. So richtig ist dies auch immer noch nicht der Fall.

Allerdings konnte ich inzwischen einen deprimierenden Eindruck davon erhalten, wie sich diese Verbote in der Praxis, und zwar gerade auf kleine Hersteller, auswirken. Alarmiert durch entsprechende Nachrichten suchte ich kürzlich das Ladengeschäft von Harry Lehmann auf und traf dort zufällig auch auf den Inhaber. Auf meine Frage, welche Düfte den betroffen seien und wie sich das auf das Sortiment auswirke, bekam ich erschütternde Auskünfte:

Voraussichtlich ein Drittel des Gesamtsortiments wird so betroffen sein, dass die Düfte überhaupt nicht mehr verkauft werden können. Eine Refomulierung mit erlaubten Inhaltsstoffen wird oft schlicht nicht möglich sein, oder aber sie würde - um zu einem halbwegs ähnlichen Ergebnis wie beim alten Duft zu kommen - so lange dauern wie die Entwicklung eines neuen Parfüms, also ein halbes Jahr. Da der Inhaber das alleine machen muss, hätte er sein altes Sortiment erst als Mümmelgreis im Altersheim wieder zusammen, wohlgemerkt unter der Voraussetzung, dass er keinen einzigen (wirklich) neuen Duft mehr in seinem Leben entwickelt.

Komplett eingestellt werden die Düfte, die realistischer Weise nicht "nachgebaut" werden können und die, die so ein Nischendasein mit wenigen Käufern führen, dass sich die Reformulierungsarbeit schlicht nicht lohnt. Weitergeführt werden die, bei denen nur wenige Retuschen nötig sind, der Rest "muss man mal sehen". Grundsätzlich gilt: Ein Drittel weniger Düfte sind ein Drittel weniger Umsatz.

Betroffen ist alles, was Eichenmoos hat, aber bei weitem nicht nur das. Gerade viele Naturstoffe fallen unter die neuen Verbote (in den Lavendeldüften muss Naturlavendel durch Chemie ersetzt werden), fast alles was im Schwerpunkt "grün" ist, muss raus aus dem Regal. Der Lehmann'sche Fougère existiert schon nicht mehr (alles ist abverkauft), Düfte, die ich liebe wie Lindenblüte, Russisch Juchten, Ambra, L'Avion und Valeria verschwinden mindestens vorerst, vielleicht werden sie irgenwann reformuliert.

Meine Meinung, dass derartige Verbote vollkommen überzogen und unnötig sind, brauche ich hier nicht herauszustreichen, das sieht wahrscheinlich in diesem Forum jeder genauso. Wie es auf einer Allergiker-Diskussionsplattform wäre, weiß ich nicht genau. Ich vermute aber, dass auch den meisten Allergikern eine ordentliche Kennzeichnung und ein Raumduftverbot für öffentliche Räume genügen würde. Man muss, wenn man gegen Eichenmoos oder Lavendel allergisch ist, das Zeug ja nicht benutzen, und wenn man mit jemandem so eng ist, dass man ihn küsst, wird der wohl auch freiwillig auf das verzichten, wovon man Pickel bekommt oder einem die Luft wegbleibt. Nach dieser Verbotslogik müsste man eigentlich auch den Verkauf von Erdbeeren verbieten.

Was ich hier ausdrücklich nicht tun will, ist, dieses Thema mit einer EU-Schelte verbinden, nach dem bekannten Muster "Brüsseler Irrsinn". Es gibt auch auf nationaler Ebene vollkommen irre Regeln und Verbote, und deswegen fordert auch niemand, dass die Bundesländer sich für selbstständig erklären und Deutschland abgeschafft wird. Die EU bringt uns - das ist meine Meinung - unterm Strich schon mehr Gutes als Schlechtes (was übrigens auch Herr Lehmann so sieht, das nur am Rande). Aber diese Nummer ist aberwitzig, daran gibt es nichts zu deuteln.

Und nun zurück dazu, dass ich noch immer keinen klaren Überblick habe. Wenn ich bei Google Begriffe wie "Parfüm", "Allergie", "Verbot" und "EU" kombiniere, komme ich auf keinen wirklich erhellenden Artikel dazu, was hier eigentlich gerade wirklich passiert:

Seit wann gelten die neuen Regeln?

Wie genau lauten sie, d.h. was ist künftig verboten herzustellen bzw. zu verkaufen?

Sind das eigentlich wirklich neue EU-Regeln, wie behauptet wird, oder irgendwelche internationale Parfümverbands-Richtlinien, d.h. wird hier die EU evtl. insgesamt zu Unrecht geprügelt?

Wenn es EU-Normen sind, ist es dann eine Verordnung oder eine Richtlinie?

Und wer hat die Erlassen, Rat und Parlament, oder ist es eine Kommissionsnorm, als eine Art Durchführungsvorschrift unteren Ranges?

Kann mir diese Fragen vielleicht jemand beantworten, am besten mit genauer Fundstelle im Gesetzblatt? Nur so damit ich schlauer werde und man sich hier nicht ständig über Dinge aufregen muss, die man eigentlich gar nicht richtig verstanden hat.

Und wenn man weiß, wo das Problem eigentlich genau liegt, und wenn es wirklich eine EU-Norm ist, dann sollten die Betroffenen sich vielleicht mal einen guten Anwalt suchen und die Norm mal darauf abklopfen, was man dagegen tun kann. EU-Regelungen sind ja auch nicht Gottes Wort, und wenn die unverhältnismäßig sind und ohne richtigen Gewinn für die öffentliche Gesundheit Gerwerbetreibende in die Insolvenz treiben und das Europäische Duftkulturerbe kaputtmachen, dann kann man dagegen ja auch wohl (auf die eine oder andere Weise, das hängt von den Details ab) vor dem Europäischen Gerichtshof dagegen klagen.

Bei einer so absurden Vorschrift wäre das wohl auch erfolgversprechend. Und konstruktiver als immer nur die Wand hoch zu gehen. Wenn es ein Crowdfunding für die Anwaltskosten gibt und das seriös organisiert wird, bin ich dabei.

Ergänzungen/Klarstellungen am 15.04.2019 um 12.20 Uhr: Dass Lehmann gezwungen war, natürlichen Lavendel (teilweise) durch chemische Produkte zu ersetzen, war - nach seiner Schilderung - ein Ereignis in der Vergangenheit (anlässlich früherer Regulierungs-Verschärfungs-Runden). Es hat nichts mit den ab August 2019 greifenden Neuregelungen zu tun. Um die Problematik von allergischen Reaktionen auf Duftstoffe - die ja nicht auf Hautreaktionen beschränkt sein müssen, sondern auch Asthma umfassen können - nicht zu verharmlosen, habe ich den Text an einer Stelle (Stichwort "Pickel") darüberhinaus geringfügig geändert.

39 Antworten

Mit der Wiederkunft der Frühlingssonne geht das Wiedererwachen der Flanierlust einher, und so beginnt eine zweite Staffel der Berliner Duftspaziergänge.

Sie führt uns zurück in (oder jedenfalls an) den Mommsenkiez, von dem schon in den Folgen 1, 2 und (mit Einschränkungen) 3 und 4 gezeigt wurde, dass er das wahre olfaktorische Gravitationszentrum Berlins, wenn nicht der Republik ist. Auch in Folge 7, so viel darf verraten werden, wird er uns wieder begegnen.

Die südliche Grenze des Mommsenviertels bildet der Kurfürstendamm zwischen Adenauerplatz im Westen und der Kreuzung mit der Knesebeckstraße im Osten und mittendrin, nämlich an der Ecke zu der uns schon aus früheren Folgen bekannten Bleibtreustraße, auf der nördlichen, zum Mommsenviertel gehörigen Seite des Flanier- und Einkaufsboulevards, liegt die feine

Parfümerie Delfi, Kurfürstendamm 46
https://parfuemerie-delfi.de/

In der ersten Etage des Etablissements befindet sich eine - uns heute nicht weiter interessierende - "Beauty Suite", im gut beleuchteten, modern eingerichteten Erdgeschoss stehen die Duftschätze zum Verkauf. Der relativ kleine Verkaufsraum wird gut genutzt, sodass eine Menge Düfte Platz haben, ohne dass es vollgestopft wirkt.

Es wird eine sehr gezielte Auswahl an (vorwiegend Nischen-) Duftmarken geboten, wobei die meisten geführten Marken zwar nicht mit dem Gesamtportfolio, aber doch mit einem ordentlichen Sortiment vertreten sind. Dabei überwiegen, sicher auch dem Standort mit einer entsprechend kaufkraftstarken und prestigebewussten Laufkundschaft aus dem In- und Ausland geschuldet, teure und sehr teure Nischenmarken mit bekannteren (z.B. Creed, Amouage, Montale, Xerjoff, Kurkdjian, Roja, Micallef) und (mir) weniger bekannten Namen (z.B. Kilian, Marly, Simimi, Sospiro, Stephane Humbert Lucas), auch die unvermeidliche Jule mit ihrer noch unvermeidlichen Knarre ist mit von der Partie. Interessanter Weise sind auch einige wenige Marken aus dem Mainstream-Segment vertreten, so Chanel (nicht aber Guerlain, Dior und Givenchy) und Acqua di Parma.

Mir scheint, dass das Angebot des Hauses einem gewissen Wandel unterworfen ist, denn ich meine mich zu erinnern, bei einem Besuch vor etwa einem Jahr noch Marken angetroffen zu haben, die mir diesmal eher nicht aufgefallen sind (außer mit dem Namenszug am Regal), wie Annick Goutal, Houbigant und Penhaligon's.

Hat die Angebotspalette einen gewissen Zug ins Abgehobene, so gilt dies mitnichten für die Atmosphäre. Diese wird maßgeblich geprägt durch sehr freundliche und zugewandte, nicht im geringsten blasierte, stets die richtige Balance zwischen Beratungsfreudigkeit und Zurückhaltung findende Parfümeriefachverkäuferinnen alter Schule. Zu vermuten sind übertarifliche Bezahlung und gute Arbeitsbedingungen; wie auch immer, das Ergebnis sind ausgeglichene Menschen, die sich Zeit für eine gute Beratung nehmen, ohne je Kaufdruck auszuüben. Man erfährt dabei viel Wissenswertes über die einzelnen Duftmarken und die dahinter stehenden Parfumeure.

Und auch wenn man kein Ölscheich oder Filmstar ist und sogar wenn man zu erkennen gibt, dass man nur schnuppern will wird man hier bestens behandelt, vortrefflich bedient und durchaus auch mal mit einer Gratis-Probe bedacht. Ich präzisiere das dahingehend, wenn man zu erkennen gibt, diesmal nur schnuppern zu wollen. Denn meine etwas altmodische Ansicht, dass man nirgendwo die Berater belästigen sollte, wenn man nicht mindestens ernstlich erwägt, beim nächsten Besuch etwas zu kaufen, habe ich ja schon an anderer Stelle geäußert.

Meine Frage, ob man denn hier (womöglich als Bückware) nicht doch auch etwas von Dior erstehen könne (der Duftflaneur war auf der Suche nach dem aktuellen Diorissimo, um ihn mit der Vintageversion vergleichen und bei akzeptablem Ergebnis käuflich erwerben zu können), wurde abschlägig beschieden, nicht ohne auch eine plausible Erklärung dafür zu liefern: Der Kurfürstendamm sei so übervoll von Flagshipstores der großen Modehäuser, dass man sich hier auf die Düfte konzentriere, die nicht einer der draußen schon anderweit vertretenen Marken affiliiert seien. Ich möge doch einfach nebenan zu Dior gehen! Nun gut, sagte ich, aber sei es denn nicht ein wenig, sagen wir, anstrengend, als Normalsterblicher in die Konsumtempel der Reichen und Überreichen zu spazieren, und überhaupt, führten diese überhaupt auch Parfüms, denn was die Auslagen in den Schaufenstern angeht, hatte ich da stets nur die Mode in Erinnerung.

Aber gewiss doch, wurde mir versichert, auch die Duftwässer seien dort im Angebot, und ich möge mich da doch nicht abschrecken lassen, das Personal sei durchweg sehr freundlich, selbst wenn nur die Aussicht bestünde, dass der Kunde statt der schönen Kleider aus der neuen Frühjahrskollektion für 25.000 Euro bloß einen Duftflakon für 150 erwerbe.

Gehört, getan, machte ich mich auf den Weg nach draußen und erforschte zunächst einmal etwas systematischer die Welt der Mode- und Schmuckhäuser dort. Eine bemerkenswerte Konzentration derselben war mir schon viel früher aufgefallen, aber erst mit dem Blick des Forschers wurde mir das Ausmaß der Monokultur deutlich: Auf maximal fünf Spazierminuten Südseite und ebenso vielen Minuten Nordseite des Ku'damms finden sich, im Wesentlichen zwischen Olivaer Platz und Ecke Ku'damm / Schlüterstraße, die Filialen von Yves Saint Laurent, Bally, Armani, Dior, Valentino, Hermès, Bottega Veneta, Jil Sander, Cavalli, Burberry, Gucci, Bulgari, Cartier, Rolex, Chanel (sic! obwohl es die ja nun auch bei der Parfümerie Delfi gibt!), Dolce&Gabanna, MCM, Ermengildo Zegna, Prada, Louis Vuitton und Versace. Das ist schon heftig.

Eines der größten Geschäfte ist das von Dior, und da ich ja auf der Suche nach Diorissimo war, nichts wie rein in die gute Stube. Hier erwiesen sich allerdings beide Auskünfte der freundlichen Dame von "Delfi" als unzutreffend. Denn nachdem ein (der Statur nach auch für Sicherheitsfragen zuständige) Lakai mir die Tür geöffnet hatte, taxierte mich eine (in meiner Wahrnehmung jedenfalls, halten zu Gnaden) recht blasiert wirkende, nach Physiognomie und Brillenmodell frappant an Mister Moto erinnernde Person abschätzig und teilte mir nach Mitteilung meines Begehrs mit, hier gäbe es keine Düfte, da möge ich zu KaDeWe gehen. Vielleicht war es auch nett gemeint und kam bei mir nur hochnäsig an. Wer weiß. Nun, dieser Versuch war jedenfalls im Ergebnis fehlgeschlagen.

In dem festen Willen, das Feld der Ehre nicht geschlagen zu verlassen und sowohl noch irgendeinen Duft, auf den ich neugierig bin, zu testen, als auch für diesen Blog ersatzweise ein anderes Beispiel für die Flagshipstores des Ku'damms zu besuchen (pars pro toto, die anderen könnt ihr selbst probieren!), startete ich einen zweiten Versuch bei Bulgari (aka Bvlgari, aber man sagt ja auch nicht Avgustvs), denn auf meiner Merkliste steht seit langem ungetestet Eau Parfumée au Thé Bleu:

Bulgari, Kurfürstendamm 190-192
https://www.bulgari.com/de-de/storelocator/germany/Berlin

Die Nummer mit dem breitschultrigen Lakaien als Türöffner kannte ich inzwischen schon, nur dass es mir diesmal schon technisch nicht möglich gewesen wäre, die Tür selbst zu öffnen, denn die ist, wie bei teuren Juwelieren üblich, verschlossen: man muss klingeln. Eine weitere Besonderheit liegt darin, dass der Doorman den Kunden - ein wenig italienische Restaurants erinnernd - aus vollem Halse auf italienisch begrüßt (und später verabschiedet). Vorsichtig geworden, erkundigte ich mich diesmal gleich bei ihm danach, ob es hier neben Bulgari-Geschmeiden denn wohl auch Bulgari-Düfte gäbe, und siehe da, es gab. Hier die ersten Düfte, Signore, und da kommt auch schon die Verkäuferin, gleich wird sie Zeit für Sie haben, Signore, va bene.

Um es vorwegzunehmen, es war sehr fein bei Bulgari, ich habe mich sehr wohl gefühlt. Von der soignierten Verkäuferin wohl chinesischer Herkunft in ihrem Chefstewardess-artigen Kostüm, die sonst eher teuren Schmuck an eine andere Klientel verkaufen dürfte, wurde ich aufs Beste beraten und überaus korrekt behandelt, obwohl ich (zu den allerdings impekkablen rahmengenähten Schuhen und zu meinem inzwischen durch ausreichend Lebenserfahrung gefestigten Selbstbewusstsein) bloß ein Hemd von C&A und eine Five-Pocket-Hose von VANS trug und sogleich deutlich machte, dass ich mich nur für Düfte interessiere. Dass die Beratungsintensität, was das Eingehen auf einzelne Duftnoten und dergleichen betrifft, nicht übermäßig hoch war - geschenkt: die Düfte stehen hier ja nicht im Vordergrund. Aber nachdem die mir entgegengebrachte Freundlichkeit zunächst noch etwas geschäftsmäßig wirkte, wurde die Dame, nachdem ihr offenbar mein Humor gefiel, später dann phasenweise fast schon verschwörerisch - und nahm sich viel Zeit für die Beratung.

A propos "die Düfte stehen nicht im Vordergrund": Rein technisch betrachtet tun sie dies doch, indem nämlich an markanten Stellen der weitläufigen, edel eingerichteten, etwas dunkel gehaltenen Räumlichkeiten, z.B. an Ecken und in Durchgängen, kleine Podeste mit der Duftkollektion GEMME aufgebaut sind, auf die ich zuerst stieß und um die sich die Tests und das Beratungsgespräch zuerst drehten. Ich konnte etwa ein halbes Dutzend dieser Düfte testen (wenn ich gewollt hätte, sicher auch noch mehr), und es waren auch ein paar ganz nette dabei. Allerdings muss ich sagen, dass die Flakons für meinen Geschmack dermaßen ungeschlacht und protzig sind, dass ich mir keinen dieser Düfte zulegen würde, auch wenn sie statt 250 Euro (in dieser Liga spielen wir hier) nur 25 kosten würden.

Dann, auf meine Frage, wurde mir auch die (in vollem Umfang vorhandene) Eau-Parfumée-de-Thé-...-Kollektion präsentiert, die (vermutlich weil deutlich preiswerter) an weniger prominenter Stelle des Ladens platziert war. Die Verkäuferin schien diese Düfte auch selbst sehr zu mögen, und ich würde sagen, zu Recht! Die Blanc-Variante war mir etwas zu blass (sollte vielleicht so sein), aber insbesondere "vert" und "bleu" (letzterer war ja der Grund meines Kommens) sind tatsächlich ganz famos. Ich testete ausführlich, wurde mit Proben (u.a. von Thé Vert und von einigen der Mainstream-Bulgaris wie Man in Black und Aqua Pour Homme) versorgt - ferner mit Hinweisen darauf, dass einige der Tee-Düfte, u.a. "mein" Bleu, in Kürze ganz eingestellt würden, sodass sich bei ernstem Interesse ein Notkauf anbiete, sowie auf eine demnächst bevorstehende Duftvernissage.

Da kann man nicht meckern, wie das größtmögliche Lob des Berliners lautet. Obwohl mir der Stil des Schmucks von Bulgari immer noch nicht gefällt, verließ ich den Laden ("Arrividerci, Signore") gut gelaunt. Die Marke hat durch dieses Erlebnis bei mir einen spektakulären Image-Sprung nach oben hingelegt. Und wenn ich diesen blauen Tee noch kaufen sollte (was wahrscheinlich ist, so gut hat er mir und meiner Frau gefallen), dann nur in diesem Flaggschiffladen und nirgends sonst.

Fortsetzung geplant - Für Teil 7 der Duftspaziergänge ist u.a. ein Besuch bei der Berliner Filiale von "Le Labo" vorgesehen.

Bereits besucht:

Mekkanische Rose (Teil 1)
Harry Lehmann (Teil 1)
Belle Rebelle (Teil 2)
The English Scent (Teil 2)
Manufactum (Teil 3)
Parfumsalon Berlin (Heinz Schlicht) (Teil 3)

Urban Scents (Teil 4)
Diptyque (Teil 4)
Wheadon (Teil 5)
The Different Scent (Teil 5)
Parfümerie Delfi (Teil 6)
Die Flagshipstores der Mode- und Schmuckhäuser am Ku'damm (Teil 6)



13 Antworten
Vor 114 Tagen
22 Auszeichnungen

Wir Parfumos kennen - und einige von uns, wie ich, lieben - die Tonkabohne als würzige, leicht vanillige Duftnote, die u.a. gerne mal die Basisnote schöner Herrendüfte bereichert. Manche von uns haben auch mal gelesen, dass die Tonkabohne auch als Küchengewürz verwendet wird (wegen des Kumarin-Anteils nicht unumstritten, obwohl man das Zeug wahrscheinlich futtern müsste, um Schaden zu nehmen). Ich vermute, die wenigsten von uns haben sie tatsächlich schon als Würzmittel verwendet.

Ich persönlich dachte bisher, die aus Südamerika stammende Bohne würde vielleicht seit 50 Jahren in der Duftindustrie verwendet und erst seit kurzem (als der allerneueste Schrei für die, die sonst schon jedes exotische Gemüse, Obst und Superfood durch haben) in der Küche gebraucht, jedenfalls hätte ich so vermutet, wenn man mich gefragt hätte.

Von daher hat es mich doch sehr überrascht, in dem schönen Roman von Theodort Fontane "Schach von Wuthenow", der 1883 geschrieben wurde, aber schon 1806 (in Berlin) spielt, folgende Szene zu finden, die mit Sicherheit, wie alles bei Fontane, exakt recherchiert ist. Drei männliche Protagonisten des Romans kehren des Abends in Berlin in das (historisch verbürgte) italienische Restaurant "Sala Tarone" ein (also gab es italienische Restaurants in Deutschland schon vor über 200 Jahren; ob es da auch Pizza gab, würde ich aber bezweifeln), und einer von diesen dreien spricht mit dem Kellner Fritz:

Sagen Sie, Fritz, wie verhält sich die Firma Sala Tarone zur Maibowle?

Gut. Sehr gut.

Aber wir haben erst April, und sosehr ich im Allgemeinen der Mann der Surrogate bin, so hass' ich doch eins: die Tonkabohne. Die Tonkabohne gehört in die Schnupftabaksdose, nicht in die Maibowle, verstanden?

Zu dienen, Herr Sander.

Gut denn. Also Maikräuter...

In den Anmerkungen findet sich dazu noch folgender Eintrag:

Tonkabohne: südamerikanische Baumfrucht, deren Auszug u.a. zu Tabaksbeize und als Maitrankessenz verwendet wird.

Wir müssen dazu wissen, dass die vor 200 Jahren wohl höchst populäre Maibowle hergestellt wurde, indem leichter Weißwein (gerne von der Mosel) über Waldmeisterblätter (alter Name: "Maikraut") gegossen wurde; man ließ dies eine Zeit ziehen und goß dann mit Champagner auf. Der vorsichtige Gast ließ sich die Champagnerflasche getrennt und geschlossen zum Selberaufgießen an den Platz bringen, um sicher zu gehen, dass der Wirt nicht mit Brause aufgegossen hatte.

Da Waldmeister (der ebenfalls kumarinhaltig ist!) meist erst ab Mai gepflückt werden kann, scheint es also damals üblich gewesen zu sein, statt dieses Krauts, das man zudem etliche 20 Minuten ziehen lassen musste, einfach eine Prise Tonkabohne in den Wein zu geben, was schneller ging und auch außerhalb des Wonnemonats funktionierte - sozusagen das Zaubermittel zur Produktion von Instant-Maibowle. Es scheint dann ähnlich wie Waldmeister zu schmecken.

In diesem Sinne wünsche ich (mit einem Glas Waldmeisterlimo vor mir auf dem Tisch) einen schönen Frühling. Und bitte jetzt nicht euer Parfüm in den Schampus kippen!

Ergänzung: Heute scheint die Funktion "Antworten-auf-Blogs" defekt zu sein. Wenn ihr etwas loswerden wollt, schreibt mir vielleicht am Besten etwas auf die Pinnwand.

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