FvSpeeFvSpees Parfumblog

14.04.2019 20:44 Uhr
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Verbot allergener Duftstoffe - Das Beispiel Harry Lehmann

Über weitere Verschärfungen bei den Regulierungen und Verboten von potenziell allergenen Inhaltsstoffen in Parfüms wurde hier auf Parfumo und sonst in der Welt schon viel geschrieben, auch viel Aufgeregtes, aber ich konnte mir nie ein klares Bild machen, nie einen umfassenden Überblick gewinnen. So richtig ist dies auch immer noch nicht der Fall.

Allerdings konnte ich inzwischen einen deprimierenden Eindruck davon erhalten, wie sich diese Verbote in der Praxis, und zwar gerade auf kleine Hersteller, auswirken. Alarmiert durch entsprechende Nachrichten suchte ich kürzlich das Ladengeschäft von Harry Lehmann auf und traf dort zufällig auch auf den Inhaber. Auf meine Frage, welche Düfte den betroffen seien und wie sich das auf das Sortiment auswirke, bekam ich erschütternde Auskünfte:

Voraussichtlich ein Drittel des Gesamtsortiments wird so betroffen sein, dass die Düfte überhaupt nicht mehr verkauft werden können. Eine Refomulierung mit erlaubten Inhaltsstoffen wird oft schlicht nicht möglich sein, oder aber sie würde - um zu einem halbwegs ähnlichen Ergebnis wie beim alten Duft zu kommen - so lange dauern wie die Entwicklung eines neuen Parfüms, also ein halbes Jahr. Da der Inhaber das alleine machen muss, hätte er sein altes Sortiment erst als Mümmelgreis im Altersheim wieder zusammen, wohlgemerkt unter der Voraussetzung, dass er keinen einzigen (wirklich) neuen Duft mehr in seinem Leben entwickelt.

Komplett eingestellt werden die Düfte, die realistischer Weise nicht "nachgebaut" werden können und die, die so ein Nischendasein mit wenigen Käufern führen, dass sich die Reformulierungsarbeit schlicht nicht lohnt. Weitergeführt werden die, bei denen nur wenige Retuschen nötig sind, der Rest "muss man mal sehen". Grundsätzlich gilt: Ein Drittel weniger Düfte sind ein Drittel weniger Umsatz.

Betroffen ist alles, was Eichenmoos hat, aber bei weitem nicht nur das. Gerade viele Naturstoffe fallen unter die neuen Verbote (in den Lavendeldüften muss Naturlavendel durch Chemie ersetzt werden), fast alles was im Schwerpunkt "grün" ist, muss raus aus dem Regal. Der Lehmann'sche Fougère existiert schon nicht mehr (alles ist abverkauft), Düfte, die ich liebe wie Lindenblüte, Russisch Juchten, Ambra, L'Avion und Valeria verschwinden mindestens vorerst, vielleicht werden sie irgenwann reformuliert.

Meine Meinung, dass derartige Verbote vollkommen überzogen und unnötig sind, brauche ich hier nicht herauszustreichen, das sieht wahrscheinlich in diesem Forum jeder genauso. Wie es auf einer Allergiker-Diskussionsplattform wäre, weiß ich nicht genau. Ich vermute aber, dass auch den meisten Allergikern eine ordentliche Kennzeichnung und ein Raumduftverbot für öffentliche Räume genügen würde. Man muss, wenn man gegen Eichenmoos oder Lavendel allergisch ist, das Zeug ja nicht benutzen, und wenn man mit jemandem so eng ist, dass man ihn küsst, wird der wohl auch freiwillig auf das verzichten, wovon man Pickel bekommt oder einem die Luft wegbleibt. Nach dieser Verbotslogik müsste man eigentlich auch den Verkauf von Erdbeeren verbieten.

Was ich hier ausdrücklich nicht tun will, ist, dieses Thema mit einer EU-Schelte verbinden, nach dem bekannten Muster "Brüsseler Irrsinn". Es gibt auch auf nationaler Ebene vollkommen irre Regeln und Verbote, und deswegen fordert auch niemand, dass die Bundesländer sich für selbstständig erklären und Deutschland abgeschafft wird. Die EU bringt uns - das ist meine Meinung - unterm Strich schon mehr Gutes als Schlechtes (was übrigens auch Herr Lehmann so sieht, das nur am Rande). Aber diese Nummer ist aberwitzig, daran gibt es nichts zu deuteln.

Und nun zurück dazu, dass ich noch immer keinen klaren Überblick habe. Wenn ich bei Google Begriffe wie "Parfüm", "Allergie", "Verbot" und "EU" kombiniere, komme ich auf keinen wirklich erhellenden Artikel dazu, was hier eigentlich gerade wirklich passiert:

Seit wann gelten die neuen Regeln?

Wie genau lauten sie, d.h. was ist künftig verboten herzustellen bzw. zu verkaufen?

Sind das eigentlich wirklich neue EU-Regeln, wie behauptet wird, oder irgendwelche internationale Parfümverbands-Richtlinien, d.h. wird hier die EU evtl. insgesamt zu Unrecht geprügelt?

Wenn es EU-Normen sind, ist es dann eine Verordnung oder eine Richtlinie?

Und wer hat die Erlassen, Rat und Parlament, oder ist es eine Kommissionsnorm, als eine Art Durchführungsvorschrift unteren Ranges?

Kann mir diese Fragen vielleicht jemand beantworten, am besten mit genauer Fundstelle im Gesetzblatt? Nur so damit ich schlauer werde und man sich hier nicht ständig über Dinge aufregen muss, die man eigentlich gar nicht richtig verstanden hat.

Und wenn man weiß, wo das Problem eigentlich genau liegt, und wenn es wirklich eine EU-Norm ist, dann sollten die Betroffenen sich vielleicht mal einen guten Anwalt suchen und die Norm mal darauf abklopfen, was man dagegen tun kann. EU-Regelungen sind ja auch nicht Gottes Wort, und wenn die unverhältnismäßig sind und ohne richtigen Gewinn für die öffentliche Gesundheit Gerwerbetreibende in die Insolvenz treiben und das Europäische Duftkulturerbe kaputtmachen, dann kann man dagegen ja auch wohl (auf die eine oder andere Weise, das hängt von den Details ab) vor dem Europäischen Gerichtshof dagegen klagen.

Bei einer so absurden Vorschrift wäre das wohl auch erfolgversprechend. Und konstruktiver als immer nur die Wand hoch zu gehen. Wenn es ein Crowdfunding für die Anwaltskosten gibt und das seriös organisiert wird, bin ich dabei.

Ergänzungen/Klarstellungen am 15.04.2019 um 12.20 Uhr: Dass Lehmann gezwungen war, natürlichen Lavendel (teilweise) durch chemische Produkte zu ersetzen, war - nach seiner Schilderung - ein Ereignis in der Vergangenheit (anlässlich früherer Regulierungs-Verschärfungs-Runden). Es hat nichts mit den ab August 2019 greifenden Neuregelungen zu tun. Um die Problematik von allergischen Reaktionen auf Duftstoffe - die ja nicht auf Hautreaktionen beschränkt sein müssen, sondern auch Asthma umfassen können - nicht zu verharmlosen, habe ich den Text an einer Stelle (Stichwort "Pickel") darüberhinaus geringfügig geändert.


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