KonsalikKonsaliks Parfumkommentare

1 - 5 von 79
Konsalik vor 47 Tagen 15
6.5
Duft
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Haltbarkeit
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Sillage
6
Flakon

Moderner Barbershop mit Formfehler
Es war eine jener kleinen Veränderungen alltäglicher Abläufe, die der Lebensführung, rückblickend betrachtet, doch einen nicht unerheblichen Schubs gegeben haben und deren Zurücknahme nunmehr umso unmöglicher erscheint, als sich an jene eine Veränderung eine ganze Reihe anderer – für sich genommen ebenfalls kleiner, kleinster – Veränderungen der Daseinsbewältigung angeschlossen haben, die nun, wie gekoppelte Güterwaggons, doch ein Ganzes von nicht unerheblicher Gravität und wechselseitiger Abhängigkeit bilden. Kurz: Vor etwa zweieinhalb Jahren habe ich mich zum ersten Mal rasiert.

Das heißt, meine Gesichtsbehaarung habe ich mir freilich schon früher regelmäßig entfernt. Zunächst mit einem elektrischen Rasierapparat (von Braun, zum sechzehnten Geburtstag bekommen, initiatische Erfahrung), danach über mehr als zehn Jahre mit wechselnden „Cartridge“-Systemrasierern (Gilette Mach 3, 4, 5; Wilkinson Sword 3D, 4D, 5D etc.) - und damit dachte ich, dass es das gewesen sei. So rasiert man sich nun einmal. Aus nachträglich rekonstruierbaren, hier aber nicht hin gehörenden, externen Gründen und einem, in seiner Genese etwas obskureren, plötzlich raumgreifenden Formwillen heraus stand ich nun allerdings eines Tages mit einem Rasierhobel alter Schule, einem Tiegel mit Rasierseife und einem Rasierpinsel aus synthetischer Borste vor dem Badezimmerspiegel. Und es war wunderbar! Ein ungekannt gründliches, befriedigendes Rasurergebnis! Nicht vergleichbar mit dem enervierenden Gezuppel und Gezippel vergangener Jahrzehnte! Ich war zum ersten Mal rasiert. Doch nicht nur das Ergebnis, auch das Erlebnis war es, was begeisterte: Die fast schon meditative, ruhig vor- und nachbereitende Reihenfolge der nötigen Handgriffe kostete nur auf dem Ziffernblatt der Uhr Zeit, denn in Wahrheit formierte sie einen Zeitraum, gab ihm Qualität und „Geschmack“, der zuvor nur halbherzig bis widerwillig mit der regelmäßigen Duschroutine verknüpft worden war: Dosenschaum auf‘s Gesicht, schab, schab, schab, Schaumreste flott abgeduscht. „Convenient“, aber im Grunde nervig. So jedoch hatte ich mir mit einem Mal an drei Wochentagen fünfzehn Minuten tatsächlich für mich (!) erobert, was in einer bürgerlichen Gesellschaft, bittesehr, als mittelgroßer Triumph zu gelten hat. Blumen und Glückwunschnoten bitte an mein Postfach.

Anteil an diesem oasenhaften Behagen hatten von Anfang an die vorzüglich duftenden Rasierseifen von Proraso, einer alten italienischen Firma für Barbierprodukte aller Art, deren Produktgestaltung bis heute ewige 50er Jahre-Italo-Sommer evoziert; man möchte jauchzen. Nachdem ich in den Folgemonaten auch noch meines seit Schulzeiten unangetasteten 30cm-Bartes (Modell „Nordmann rustikal“) verlustig gegangen war, da ich ihn beim Innenstadtbarbier gegen 5cm des Modells „Kardinal Richelieu“ eintauschte, wuchs der Bedarf an Bartpflegeprodukten. Und auch bei Ölen und Balsam tat sich erneut die rührige Marke aus dem florentinischen Fiesole hervor: Gute Pflegeeigenschaften bei geschmackvoller olfaktorischer Abstimmung und gleichzeitig sehr humaner Preisgestaltung! Besonders „Wood and Spice“ gefiel mir von Anfang an ausgezeichnet: Ein recht kräftig abgestimmter, aber sehr ausgewogener Dreiklang aus mentholiger Frische, kerliger Holzigkeit und wärmender Süße. Und auch wenn mein Bild einer Barbershop-Duftsignatur sich seit meinem Eintritt in den Parfumo-Orden deutlich gewandelt und vertieft hat, halte ich „Wood and Spice“ auch heute noch für eine gelungene Aktualisierung des alten Barbershop-Themas. Zumindest, solange es nicht um das Cologne aus der Reihe geht…

Ich weiß nicht, ob Proraso bei der Komposition der Parfumversion von „Wood and Spice“ kräftig an der Zusammensetzung der Duftnoten gedreht hat, oder ob schlicht die ölige bzw. balsamische „Trägermasse“ fehlt, die für den ausgewogenen und hochwertigen Dufteindruck der anderen Produkte aus dieser Reihe verantwortlich ist, aber irgendwie ist das oben angesprochene Gleichgewicht bei diesem Cologne ein wenig aus den Fugen geraten: Die Süße nimmt schon kurz nach dem Aufsprühen überhand und raubt der sehr mentholigen Minze des Bartöls die pflegende Frische, was den Gesamteindruck eher in Richtung Wrigley‘s Spearmint verschiebt (die Duftnoten sprechen von „Veilchenblatt“ - mag sein, dass es das ist; „Veilchenbonbon“ träfe es eher). Daneben wirkt das eigentlich so sauber eingebundene Holz mit einem Mal vergleichsweise trocken, pieksig und deutlich synthetisch. Auch der fehlende Duftverlauf (bei Kosmetikprodukten ja weiß Gott kein Malus) ärgert hier plötzlich ein wenig, auch wenn dieser Befund objektiv unfair sein mag.

„Wood and Spice Cologne“ ist für sich genommen sicher kein Fehlgriff, jedoch wirkt es im Vergleich zu seinen Kollegen ein wenig wie Bückware. Daher meine Empfehlung für die Bartträger unter euch: Versucht es stattdessen entweder mit dem gleichnamigen Bartöl oder (wenn ihr einen Drei-Tage-Bart bevorzugt) dem „Balsamo cura barba“. Beide vermitteln deutlich mehr Wertigkeit und strahlen fast genauso lang und intensiv ab wie das Cologne – zum kleineren Kurs. Habe ich eigentlich schon genug Werbung für Proraso-Produkte gemacht?
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Konsalik vor 59 Tagen 15
8.5
Duft
8
Haltbarkeit
8
Sillage
9
Flakon

Reflektiert breitbeinig
Versuche, klassische Duftsignaturen in Verbindung mit Oud ausfindig zu machen, schlugen für mich bislang fehl: Synthetisches Oud und althergebrachte Kompositionen vertrugen sich entweder nicht so recht (AdPs Colonia Oud) oder der Charakter klassischer Häuser wurde entstellt und das Ergebnis wirkte seltsam halbherzig (Floris' Leather Oud). Wenn ich nun nicht ein kleines Vermögen für - zugegebenermaßen großartige - Echt-Oudler wie z.B. aus dem Hause Ormonde Jayne ausgeben wollte, blieb für mich eigentlich nur, die Formel "Alteuropäische Parfumschule + Oud" mit dem Vermerk "nicht zufriedenstellend aufzulösen" ad acta zu legen und mich einer erfolgversprechenderen Partie zuzuwenden. Zum Glück mag ich ja nicht nur die, vom Mainstream her betrachtet, uralten Obskuritäten von Anno Kautabak, sondern auch Düfte aus der Zeit der sogenannten Powerhouse-Epoche. Deren Vertreter aus der Kernzeit zwischen etwa 1975 und 1990 drehen in Sachen Gewürze, Seife und Animalik gerne mal alles auf 10 und verhalten sich zu vielen Klassikern der vorangegangenen Jahrzehnte wie "Bat out of Hell" zu "All you need is Love". Da möchte man im Stile der Ratiopharm-Zwillinge doch nachfragen: Gibt's da auch was mit Oud?

Sollte es eigentlich nicht geben, oder? Schließlich fing der Hype um den Duftstoff ja erst vor gut zehn Jahren an, lange nach dem Ende des genannten Zeitraums. Doch durch eine Rezension des geschätzten Users MonsieurTest wurde ich (zum wiederholten Male!) auf einen Duft aus der One Man Show-Reihe von Jacques Bogart aufmerksam gemacht. Steht der ursprüngliche One Man Show aus den 70ern im Ruf, einer der archetypischsten Kracher aus der Powerhouse-Riege zu sein, las sich auch MonsieurTests Rezension zum "Gold Edition"-Flanker so, als wäre die Grundsubstanz (Marke: Elegante Dampframme) weitgehend unangetastet geblieben. Ein Haus also, das über vierzig(!) Jahre hinweg einen Klassiker mit Flankern versieht, ohne dass sein grundsätzlicher Charakter verraten würde?! Das verdient schon Beifall. Und dann soll es von diesem sogar eine Oud Version geben? Für weit unter 20€?! Da wird nicht kleinlich rumgesoukt, da wird gekauft.

Nach einer ersten Testdusche (der Sprühkopf unseres Glasreinigers dosiert sparsamer) kam ich schon im Verlauf weniger Minuten zu einem Zwischenfazit, das sich auch nach mehreren Testläufen nicht geändert hat: Genau so muss man mit synthetischem Oud umgehen! Nicht leisetreten, nicht runterdrehen, sondern in eine Gang aus ähnlich polarisierenden, dominant im Raum stehenden Kollegen eingliedern, die den "Neuen" souverän unter ihre Fittiche nehmen.
Der mittlerweile fast schon standardisierte, pieksig-hölzerne und leicht medizinische Dufteindruck des landläufig bekannten Synthie-Ouds wird nach einer irgendwie mürbe-fruchtig-alkoholischen Eröffnung (fachgerecht nachgereifter Obstler) vor allem von kräftig grünem, bitter-adstringierendem Galbanum - das mich hier seltsamerweise ausgerechnet an Grey Flannel erinnert - und einer nicht minder muskulösen Leder-Seifennote gerahmt. Das Vintage-Gewürzsträußchen (ich vermute neben Thymian noch Zimt und Basilikum) tritt demgegenüber fast schon in den Hintergrund, gibt aber, ähnlich wie das vergleichsweise sparsam dosierte Patchouli, dem Duft erst seine eigentliche "Parfumhaftigkeit". Jacques Bogart wurde von einem Mitparfumo nachgesagt, dass dort Parfums nicht mit der Pipette, sondern mit dem Messbecher komponiert würden. Den Eindruck habe ich auch, aber komponiert wurde da eben doch. Und das gut!

Die Oud Edition von One Man Show steht insgesamt zwar ebenso breitbeinig und langanhaltend im Raum wie die großen Powerhäuser von damals (Kouros, Santos etc.), wurde aber behutsam und mit spürbarer Liebe zu der Duftsignatur eben jener Epoche an die Jetztzeit angepasst. Wer ihn trägt, reflektiert seine Vorliebe für jene Zeit, ohne sie plump ironisieren zu wollen: OMS - Oud Edition ist, um es auf eine Formel zu bringen, "0% Hipster". Wer einen musikalischen Vergleich wünscht, sei auf eines der besten Retrowave-Projekte verwiesen, die den melancholischen Synthiepop der 80er mit ebenso zärtlich-aktualisierenden Eingriffen ins Hier und Jetzt überführen: Man suche auf Youtube nach FM-84 mit dem Song "Running in the Night" - mein persönlicher Soundtrack zu diesem Duft.
13 Antworten

Konsalik vor 82 Tagen 19
8
Duft
6
Haltbarkeit
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Sillage
8
Flakon

In der Prärie wird nicht geduscht!
Es ist doch wunderbar, wenn man einen guten Freund aus Schulzeiten mit seiner parfumologischen Leidenschaft ansteckt, der zugleich dazu neigt, ähnlich analytisch/komplettistisch/exploratorisch an seine Hobbies heranzugehen wie man selbst. Da werden bei Besuchen schachtelweise Parfums zusammengestellt und am Ende sind es die Herren, die schnüffelnd und fachsimpelnd am zur Mikro-Osmothek umfunktionierten Esstisch sitzen, während die Damen im Garten am Bambusbestand herumsägen und ab und an missmutig die Köpfe ins Zimmer stecken. "Oh, seid ihr fertig?" - "Ja, wir vergleichen jetzt Rasierseifen! Textur und Cremigkeit der Seife von Tabac Original lassen nicht ohne Weiteres auf den niedrigen Preis schließen, oder was meint ihr?" - "..."

Nunja, also, hm, ansonsten sind wir sehr charmant und kurzweilig. Wirklich. Bestimmt. *hust* Besagter Freund also hat (neben einem üppig angewachsenen Harry Lehmann-Regal) auch eine entschiedene Vorliebe für Produkte aus dem alten - in Deutschland weitgehend unbekannten - amerikanischen Haus Pinaud bzw. Clubman entwickelt. Dessen Produkte zeichnen sich zunächst durch ihren wirklich günstigen Preis sowie die ebenso günstige Darreichung in Form billigster (!) Weichplastik-Splashflakons aus. Kein Grund die Nase zu rümpfen, denn sowohl der Preis als auch die Präsentation stimmen mit Sinn und Zweck der Produkte auf's Charmanteste überein. Ich zitiere die Innenseite des Labels (ein eigenes Rückseitenlabel wäre wohl zu teuer gewesen):

"- bold, masculine fragrance
- instantly cools, tones, refreshes the skin
- exhilerating freshener after bath, splash on freely all over body"

Wir folgern scharf: Die hauseigene Bezeichnung von Clubman Special Reserve als "After Shave Cologne" war wohl das semantisch Breiteste, was zu finden war. "Universalriechbrühe", "Notfall-Duschersatz" oder "Olfaktorisches WD-40 für Bohrinsel und Opernball" wären meine Alternativ-Vorschläge. Wie genau riecht also dieses etwas schmutzig-grün-braune, an Brackwasser gemahnende Zeugs, das man sich da in die Hand schüttelt? Eine Notenliste bleibt uns der Hersteller ja schuldig (was ich immer spannend finde, da man sich so unvoreingenommener mit dem Duft beschäftigt und nicht so leicht auf Peinlichkeiten wie "Nach einer halben Stunde zeigte sich die lombardische Zobelkiefer deutlich!" verfällt)...

Cappellusman schrieb Clubman Special Reserve vor zwei Jahren in seinem Statement eine "kerlige" Art zu, und das stimmt. Hier reitet der Marlboro-Mann in vollem Galopp aus dem alten Werbeplakat. Aber ganz anders, als europäische Düfte in den vergangenen Jahrzehnten Männlichkeit interpretiert haben: Hinter der - bei "richtigen" Parfums eher unerwünschten, bei Rasierwässern hingegen sehr willkommenen - alkoholisch-ratzeputzigen Eröffnung mit einem Hauch orangiger Zitrik steht ein eigentümlicher Dreiklang aus Nelke, Bay Rum-artigem Lorbeerblatt und Lederakkord, wobei ich nicht sagen könnte, ob der ledrige Eindruck nicht erst durch diese eigentümliche Gewürzkombination entsteht. Ein sehr eigener Duft: reduziert und dennoch üppig, hemdsärmelig und dennoch von exotischem Charme. Auch die Basis bleibt eigentümlich, wird die klassische Rasierwasser-Seifigkeit doch von einer deutlichen, für mich schwer definierbaren Süße begleitet, die mich ein wenig an (stark verdünnte!) Dr. Pepper-Cola erinnert. Sehr amerikanisch, das Ganze. Man lasse sich übrigens nicht von der schwachen Eigenprojektion beschwindeln: Die (nähere) Umgebung hat für einige Stunden etwas von Clubman Special Reserve.

Insgesamt einer der stärksten Vertreter einer im Ganzen seltsam sympathischen Marke. Wer ab und an Lust auf Düfte hat, die charakterstark sind und nicht mit der Pipette, sondern mit der Kreissäge komponiert wurden, wird hier sicher fündig. Bonustipp für Fans des kölnischen Dufttyps: Das "Eau de Portugal"-Haartonikum taugt gleichsam als bitterorangiger (ebenfalls mit der hauseigenen Lorbeernote versehener) Universalkörperduft.
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Konsalik vor 104 Tagen 24
9.5
Duft
8
Haltbarkeit
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Das hölzerne Chamäleon, oder: Die duftende Tiefe der Jahre
Nach dem irreführend benannten - wenngleich sehr guten! - Sandalwood Cologne von Geo F. Trumper war es mir ein Bedürfnis, den Namensvetter eines anderen alten Hauses für Rasurbedarf und begleitende Beduftung aus England zu testen. Es sollte eine der eigenartigsten Begegnungen mit einem Duft überhaupt werden.

Zunächst war ich einfach nur prosaisch erfreut! Dieses Sandalwood Cologne war nun in der Tat das, was der Name verheißt: Ein einfacher, leicht altertümelnder Zweiklang nach meinem Geschmack, der mit dem gelungenen Zusammenspiel aus barbershopiger Sandelholzigkeit und (gleichfalls mit Sandelholzprodukten assoziierter) ober-barbershopiger Seifigkeit schlicht eine funktionale Lücke in meinem Regal zu schließen schien. Toll! Da musste demnächst ein ganzer Flakon ins Haus. Bei dem Preis!
Ein paar Tage später. Kurz vor Verlassen des Hauses betupfe ich Hals und Handrücken und denke erst einmal nicht weiter über den Duft nach; er war ja bereits entschlüsselt und der Tenor der Rezension (acht Punkte, guter, straighter Funktionsduft klassischer Façon) stand bereits fest. Irgendwann am Vormittag dann der erste beiläufige Riecher an der Hand. Seltsam! Der riecht... irgendwie anders, dunkler, fast süß. Nun, wird an mir liegen. Oder an der Umgebung. Bin halt nicht konzentriert. Man kennt das ja.
Dann beim dritten Mal: Schon wieder ein wenig anders! Diesmal nussig und leicht bitter. Wie kann dieser einfache Zweiklang (der er im Grunde auch die ganze Zeit über bleibt!) nur so vielgestaltig sich darstellen?! An der verblüffend langen Liste der Zutaten kann es ja kaum liegen, zumal ich weder Jasmin, noch Veilchen, noch Rosmarin oder eine der anderen gelisteten Noten isolieren kann - oder liegt es doch daran? Ausgerechnet unter dem zuletzt von mir besprochenen Trumper-Duft gleichen Namens finde ich einen Hinweis, der den Schlüssel zu diesem von Mal zu Mal rätselhafter werdenden Dufterlebnis liefern könnte:

Der kenntnisreiche User DasguteLeben sprach in seiner Rezension von echtem Mysore-Sandelholz und davon, wie dieser Duftstoff heutzutage praktisch unauffindbar sei. Vom teuren Edelrohstoff wusste er zu berichten, dass dieser über eine "unbeschreibliche milchig-cremig-holzig-säuerlich-süß-würzig-florale Qualität" verfüge. Merkwürdig!

Kombiniere, kombiniere... Meine Vermutung ist nun, dass die Herrschaften bei Taylor of Old Bond Street unter Zuhilfenahme der vielen gelisteten (z.T. sogar unter Sammelbezeichnungen zusammengefassten) Riechstoffe versucht haben, dieses von DasguteLeben umrissene Duftchamäleon, welches Mysore-Sandelholz darstellen soll, nachzubauen. Denn neben der allgemeinen Holzigkeit und Seifigkeit ist das einzige verbindende Element aller meiner bisherigen sechs oder sieben Testläufe die unglaublich schillernde, im wahrsten Sinne des Wortes (bzw. der Metapher) facettenreiche Beschaffenheit dieses Duftes geblieben. Als würden das Holz und die Seife ständig leicht irisieren - wie Insektenflügel oder der Inhalt einer aufgebrochenen Geode im Dämmerlicht. Aber egal, ob sich Sandalwood Cologne nun wie neulich leicht verschwitzt-angesäuert oder wie heute dezent kupfermetallisch und zugleich sahnig präsentiert: Immer bleibt es elegant, im Ausdruck einfach und beherrscht, regt aber zugleich auch die Imagination an, wie ein guter Geschichtenerzähler im Ohrensessel. In diesem bei oberflächlicher Betrachtung sehr einfachen Duft stecken in der Tat so ungemein viele geflüsterte Zitate, liebevolle Reminiszenzen an ein unbestimmtes Früher, dass man das Gefühl bekommen kann, in jedem Milliliter seien uralte, auf Stoffen eingetrocknete Parfumreste konserviert worden und beim Auftragen gleite die längst verblichene Hand nach hundert Jahren erneut durch den Ärmel des Mantels, werde der vergessene Schal ein weiteres Mal schwungvoll über die Schulter geworfen, um so die Düfte aus der Tiefe der Jahre für einige Stunden erneut zu aktivieren.

Ich weiß nicht, wie Mysore riecht, aber ich möchte, dass es diesem Duft ähnlich ist.
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Konsalik vor 111 Tagen 23
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Duft
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In dubio pro Geo.
Ja, Sandalwood Cologne ist in der Tat mindestens als ein naher Verwandter des für meine Begriffe letzten großen Herrenparfums von Chanel, Égoïste, zu betrachten. Die dunkelfruchtigere, elegantere Weiterentwicklung des Powerhouse-Themas der Achtziger Jahre, die sich zwischen Obsession (1986) und Opium pour Homme EdP (1995) entfaltete, findet sich auch in diesem späten Nachbau von 2002. Ein schnöder Quasi-Dupe eines massenhaft verkauften, raumfüllenden Franzosenwämmsers ? Und sowas ausgerechnet von einer altehrwürdigen Institution des britischen Duftwesens?! Da sollte man doch nicht nur angesichts der irreführenden Namensgebung zornig werden, oder? Ist das Urteil also schon gesprochen?

Gemach! Zum einen sind auch die älteren und ältesten Düfte aus dem Hause Trumper keineswegs allesamt Leisetreter. Legte man beispielsweise zwei hohle Hände des einmaligen Kümmel-Ungetüms Astor auf, wäre man nicht weniger Gesprächsthema als nach vier Sprühstößen Égoïste. Zum anderen riecht Sandalwood Cologne bei aller Ähnlichkeit wesentlich kantiger als das Vorbild: Die einzelnen Komponenten sind nicht so nahtlos-französisch miteinander vermählt, sondern stehen in schöner britischer Geradlinigkeit disparater beieinander: Frucht, Zimt, Nelke, Hölzer, Vanille. (Edit: Hier stimme ich Sweetscents Statement zu!) Diese dezente Rustikalität ist durchaus typisch für Trumper und gefällt mir hier sehr, zumal die einzelnen Noten so nochmals mehr Kraft entfalten, als es das Original derzeit tut. Derzeit? Das führt zu einem weiteren Punkt, der für Sandalwood Cologne spricht. Die Marke Geo F. Trumper ist bekannt für ihre bemerkenswerte Reformulierungsresistenz. Das bedeutet im Umkehrschluss, dass Sandalwood Cologne den Käufer eventuell näher an die ursprüngliche Formulierung von Égoïste heranführt, als dessen aktuelle Version. Und auch wenn ich keine Vintage-Abfüllung zur Hand habe: Der derzeitige Égoïste nimmt sich insgesamt tatsächlich verhaltener aus als sein britischer Cousin. Letzterer brennt zumindest Frau Konsalik auch bei moderatem Sprühverhalten nach eigener Aussage noch auf zwei Meter die (wenigen! entzückenden!) Nasenhaare weg.

Noch nicht überzeugt? Dann würde ich noch anfügen wollen, dass Trumper vielleicht als einziges Haus auf der Welt zu einem derartigen Nachbau legitimiert ist. Schließlich stammt das – meines Wissens – erste dunkelfruchtig-würzige Herrenparfum überhaupt (die Rede ist natürlich von Eucris) aus Trumpers Stall! Also darf man vielleicht sagen, dass Sandalwood Cologne die Tantiemen darstellt, die sich Trumper nach der erfolgreichen Variation eines Themas von 1912 durch Chanel ausbezahlen lässt. Gut, vielleicht etwas zu weit hergeholt. Dann vielleicht zuletzt noch der Preis. Ich weiß, man spricht nicht gern darüber, aber Chanel hält seinen Nimbus des Exklusiven nicht zuletzt durch stabil stramme Preispolitik aufrecht. Sonderangebote? Kaum bis gar nicht. Sandalwood Cologne hingegen habe ich für vergleichsweise kleines Geld erworben.

Ich für meinen Teil plädiere für Freispruch.
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