Rosenut
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Mit so etwas, stelle ich mir vor, hätte die noch unbedarfte Emma Bovary sich an ihrem Hochzeitstag das Gesicht gewaschen
Es ist eigentlich gar nichts wirklich grün an "Paisley", weswegen ich es nicht als Fougère einordnen würde, sondern in die kleine Nische der sommerlich-leichten Gewürzwässer. Diese völlig unzitrischen Sommerwässer auf Anisbasis sind originell, zutiefst idyllisch und rührend. Vergleichbar war Acqua di Stresas traumhaftes "Calycanthus Brumae", das inzwischen leider nicht mehr produziert wird. Die Zitrusnoten markieren "Paisley" als Frühlings- und Sommerduft, sind aber reine Auftaktgestaltung. Schon nach Sekunden ziehen sie sich zurück und entblößen ein warmes Herz aus süßlicher Minze und Sternanis. Die Minznote ist zuckrig, frei von Mentholschärfe und lässt kaum an die Pflanze, sondern eher an altmodische kleine Minzpastillen denken. Sie verschmilzt mit dem Anis zu einer pudrigen Einheit, die den Grundton dieses Dufts ausmacht. Während auch der Kardamom sich eng an diesen Grundton schmiegt, tritt der Pfeffer ein wenig daraus hervor und bewirkt eine subtile Frische. Dass "Paisley" (wie auch "Calycanthus Brumae") ein leiserer Duft ist, scheint mir eine vollkommen plausible, durch und durch stilistische Entscheidung. Das zart-komplexe Wesen solcher Düfte kann nur in einer etwas verhuschten Sillage existieren; kräftiger temperiert würde etwas anderes, viel prätentiöseres daraus. Schöne Worte, die Reviewer Darvant auf 'basenotes' zu "Calycanthus Brumae" findet, lassen sich auch über "Paisley" sagen: "A poetic little shadowy juice for struggling souls."
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Lime Pickle und Blumenseife
Im Bauplan und Gesamteindruck sehr vergleichbar zu Annick Goutals "Les Nuits d'Hadrien" (2003). Beide sind herbe, leicht bittere Zitrusdüfte mit würzigem Herzen und warmer Amber-Moschus-Patchouli-Sandelholz-Basis. Es gibt aber einen entscheidenden Unterschied: typisch für seine Zeit enthält "Eau de Rochas" einen blumigen Aspekt (Rose, Nelke, Narzisse), während die "Hadriansnächte" - blumenlos, dafür aber mit Kreuzkümmel und Wacholder - ein starker Gewürz-Schwerpunkt auszeichnet. Im Ergebnis ist "Les Nuits d'Hadrien" durch und durch Gourmandduft und kann nicht mehr als frisch oder "Cologne" bezeichnet werden. Vielmehr wirkt dieses Parfum tief, intim und "leiblich"; für manche ein Geruch wie das T-Shirt von jemandem, der an einem heißen Tag stundenlang iranischen Eintopf mit Limetten gekocht hat; der Zitrusschalen-Aspekt sitzt sozusagen in einer dunklen, aromatischen Achselhöhle. Auch "Eau de Rochas" ist nicht frei von einem gewissen Gourmandcharakter - einer Art Lime-Pickle-Note - aber diese Würzigkeit ist moderat und durch ein subtiles, florales Gegengewicht austariert. Ein einfacher tragbares, Daytime-taugliches Parfum - lebhaft sauer, leicht zestig-bitter, krautig, würzig und behält bei alledem einen Hauch von blumenseifigem, traditionellem Chic. Geht als formell durch und ist doch voller Wildheit.
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Veilchensucht: Symptom der ersten Stadtneurotiker
Violettes du Czar (2014) ist die Rekonstruktion eines 1862 von Oriza Legrand komponierten, "maskulinen" Veilchenparfums. Der Name ehrt Zar Alexander II., einen Stammkunden des Hauses. Das Veilchen war die Lieblingsblume der Belle Époque, einer Zeit, in der die industrielle Revolution bereits gesiegt hatte. Gerade in den Städten liebte man die scheue Aura der kleinodhaften Waldblume, die in Wirklichkeit massenhaft unter Glas gezüchtet wurde. Zum Straßenbild gehörten Verkäuferinnen, denen man kleine Veilchensträuße abkaufen konnte. Manets Portrait "Berthe Morisot mit Veilchenstrauß" (1872) zeigt, was man damit machte: Sie wurden an der Kleidung befestigt. Violettes du Czar basiert auf der androgynen Idee des "Veilchenleders". Den Auftakt bilden strenge, hellgrüne Noten, in denen das Medizinale sich vom Giftigen nicht recht unterscheiden lässt. Die grünen Noten gehen fließend in eine leicht stechende, an Gerbungsprozesse erinnernde Urin-Schärfe des Lederaspekts über. Aus dieser herben Melange aus Arznei, Frühjahrsblühern und Leder strömt ein ungezuckerter, erdig-mineralischer Veilchenduft hervor. Die Veilchennote scheint hier hauptsächlich auf der Wurzel der florentinischen Schwertlilie zu beruhen, was im 19. Jahrhundert üblich war. Ohne den sonnigen Charakter echter Veilchen verkörpert dieses Wurzel-Absolue sehr überzeugend eine kühle, nachdenklicher gestimmte Variation auf sie. Mit modernem Interesse am Konflikthaften stellt Violettes du Czar (2014) dieses Veilchen in den Kontext menschlich erfasster, zu Medizin und Leder gemachter Natur. Obwohl anfänglich etwas stechend, projiziert dieses Parfum nicht sehr stark. Ein schicker und subtiler Duft für den noch kalten Abschnitt des Frühjahrs. P.S.: Ein nicht so progressiver, aber beachtenswerter Veilchen-Leder-Duft ist das weichere und süßere "Jolie Madame" von Balmain aus dem Jahr 1953.
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Veilchenlakritz und Textmarker
Diesen Duft von 1978 kann vielleicht nur lieben lernen, wer bereit ist, ihn aus seiner Zeit heraus zu verstehen. Knize Two entspringt dem Geschmack einer Ära, die nicht das Naturalistische sucht, sondern deren Idee von Eleganz auch das Künstliche integriert. Im Auftakt besitzt der Duft eine zeittypische schnapskühle Schärfe, die jedoch schnell einer würzigen Tiefe weicht. Auf ledriger Basis verschränkt er tiefgrüne Noten und eine dunkle, lakritzige Blumigkeit mit einem etwas chemischen Filzstift-Charakter. Not bad.
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Coca-Col-ogne
Seine Komponenten ähneln tatsächlich der originalen Coca-Cola-Rezeptur von 1886, die sich wie eine Cologne-Formel liest: https://en.wikipedia.org/wiki/Coca-Cola_formula. Allerdings besitzt das schon etwa 80 Jahre früher entwickelte Florida Water stärkere Zitrus-Obertöne. Gute Idee, die das Augsburger Brauhaus Riegele 1956 dann noch einmal hatte: Spezi. Spezi gibt es nur in Deutschland, Österreich, der Schweiz und in Finnland. Wer hier aufgewachsen ist, wird sich an diese nicht als stilsicher geltende, wenngleich leckere Limonadenmischung erinnert fühlen. Der Rest der Welt kann Florida Water als ein untypisches und hinreißendes Cologne genießen, das - ein bisschen alpin - wunderbare Bergkräuter-Akzente à la Ricola mit italienischem Zitrusflair vereint.
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