Dichtung und Wahrheit.
Das weiße Papier grinste ihn so unverschämt an,
wie nur ein leeres Blatt es kann.
Er hatte schon über so vieles geschrieben – Bohrmaschinen,
Zahncremes, Ferienclubs, Suppenwürze, Elektroautos und
Olivenöle.
Für kleine Firmen und für namhafte Konzerne.
Und vor allem - für Geld.
Aber noch nie über ein Parfum.
Und jetzt das hier.
Er schnupperte noch einmal an seinem Unterarm.
Eine weiche, seltsam frische und zugleich leicht altmodisch-
medizinische Note stieg in seine Nase, sie erinnerte ihn
an das Rauchzimmer seines Großvaters, ohne das direkt
Rauch wahrnehmbar war. Eher altes Holz, auch mittelaltes Holz,
und junges Holz. Und Holzpolitur, eine ganz gute, angenehme,
eine mit Zitronenkräutern oder was ähnlichem.
Es roch altmodisch und modern zugleich, alt und frisch,
vielleicht sogar stark und schwach zugleich.
Schräg irgendwie. Und das sollte man der Zielgruppe
klarmachen oder gar „ausloben“.
Grauenhaftes Wort.
Mit viel Impact den USP rauskitzeln, aufmerksamkeitsstark
und so.
Wie bescheuert diese Werbersprache doch war, hohl und leer.
Wenn nur das Geld nicht wäre.
Ein Freund hatte mal gesagt – was wäre die Werbung so schön,
wenn’s keine Kunden gäbe.
Stimmte irgendwie.
Aber jetzt musste ihm was einfallen.
Er beschloss, sich auf Bewährtes zu verlassen – seine Phantasie.
Er würde allein ein kleines Brainstorming starten.
Aber nicht hier, in seiner Wohnung, wo alles viel zu festgelegt
und durchgestylt war.
Er musste raus.
Kurz darauf saß er auf einer seiner Lieblingsgrübelbänke
im Park, mit Blick über eine blühende Wiese, dahinter eine
anmutige Baumgruppe, nur von wenigen Gebäuden überragt,
die ihn sanft daran erinnerten, in einer Großstadt zu sein.
Den Flakon hatte er mitgenommen.
Er sprühte sich noch einmal etwas auf Arm und Hals.
Es roch einfach…sehr gut.
Toll. Das half ihm echt weiter.
„Leute, das müsst ihr euch holen. Riecht prima!“
Das wär’s doch mal.
Würd‘ ihm natürlich keiner abkaufen.
Also, ran an die Nuss, muss doch zu knacken sein.
Vielleicht mal mit dem Namen anfangen?
Oud Wood. Von Tom Ford. Private Blend Serie.
Was fiel ihm dazu ein?
Das Brainstorming musste jetzt mal losgehen.
„Der Name – der hilft dir nicht wirklich weiter, weil das Oud
da drin ist nicht gerade typisch, so wahr ich aus gutem
Buchenholz geschnitzt bin…“, sagte die Bank.
„O.k., also vergessen wir den erst mal…“
„Aber du kannst dich bei diesem Duft doch astrein und lang und
breit auf dem Wichtigsten ausruhen, das es überhaupt gibt –
und das ist Holz!“, erwiderte die Bank.
„Da is‘ was dran… Holz als archaisches Urmaterial in all seinen
Spielarten… Grundstoff für jede wichtige Erfindung… also das
Parfum quasi neu erfunden… vielleicht sowas wie eine Duft-
Revolution, eine neue, wegweisende Essenz…für alle,
die Innovation leben, jeden Tag…?“, murmelte er vor sich hin.
„Find‘ ich allerdings gar nicht…“, sagte eine feine hohe Stimme.
Es war der Buchfink, der auf einem Zweig nicht weit über seinem
Kopf saß. „Das ist nun wirklich mal ein Duft, der jedem Vogel
gefallen dürfte, sogar den fetten Nilgänsen!“
„Ja, da geb‘ ich ihm recht…“, mischte sich jetzt die Schnecke ein,
die unter der Bank im Gras saß. „Das ist wirklich ein richtiger
Krautpleaser, so weich und geschmeidig-gleitend, wie geölt,
ohne scharfe Kanten, den muss doch einfach jeder mögen…“
„Ja, aber was für die Masse ist, lässt sich so schwer verkaufen.“,
gab er zu bedenken.
„Das ist eben ein Duft für die Masse, der aber gar nicht wie ein
Massenduft riecht, sondern viel raffinierter“, hauchte der Wind,
der gerade als leichte Brise über die Wiese strich.
„Was hat er gesagt?“, fragte die Schnecke.
„Ein Duft für alle, der nicht riecht wie für alle!“, sagte der
Buchfink. „Das find‘ ich gar nicht schlecht gezwitschert...“
„Na, was weißt du schon, du flatterhaftes Wesen…“, erwiderte
die Bank und knarrte ein bisschen im Sitzgebälk.
Er beschloss, das erst mal aufzuschreiben, sicherheitshalber.
Es herrschte sowieso gerade Stille.
Angestrengt überlegte er weiter.
„Jetzt muss ich aber auch mal was sagen“, sagte die Stille,
„obwohl ich ja weiß, dass mir das gar nicht zusteht. Also -
warum lässt du den Duft nicht mal selbst sprechen?“
Er hatte den Flakon eh gerade wieder hervorgeholt und
beschloss auf die Stille zu hören.
„Also gut, Oud Wood, was sagst du denn zu alledem?“
Stille.
(Nein, nicht diese Stille, ich meine Schweigen.)
„Oud Wood! Sag bitte mal was!
„Ich sag‘ nix! Ich rieche nur. Und das mach ich gut!“
„O.k., aber warum? Oder wie?“
„Mehr kriegst du aus mir nicht raus. Außer wenn du auf
meine Sprühknopf drückst…“
Und das tat er. Einatmend, schnuppernd, an sich selbst
riechend, macht er sich eilig ein paar weitere Notizen.
Kardamom-Würze, die immer auch an Kaffee-Aromatik erinnert,
eine Spur cremiges Sandelholz, Rosenholz, was ja schon luxuriös
klang und auch so roch… Oud gerade so raffiniert eingesetzt,
dass es unproblematisch bleibt, aber vor allzu banaler Gefälligkeit
schützt. Kunstvoll und sehr elegant gemacht…
Dunkel und freundlich. Verhalten würzig und mit einer speziellen,
irgendwie märchenhaften Süße…
Ein Duft, der ein Gefühl von Harmonie weckt…
Erinnerung an eine Art Ideal-Wald…ein Märchenwald, der an einer
Seite ans Schlaraffenland, an der anderen ans Morgenland grenzt…
„Jetzt werd‘ ich aber mal n’paar knallharte Fakten bei-
steuern“, sagte der graue Stein, der vor ihm auf dem Weg
lag. „Als ich noch im Vorgarten von so ‘nem Hipster wohnte,
hab‘ ich manches aufgeschnappt über den Duft… is‘ so was
wie das Aventus unter den TF-Parfums. Schwer angesagt
bei Rappern und womöglich sogar bei’n Stones…“
„Gut, gut, danke. Aber kein Alleinstellungsmerkmal.“
Er schnupperte erneut an sich.
Dieser Mix aus Holz, Würze, Süße und zarter Erdigkeit,
irgendwie unergründlich, geheimnisvoll. Mittlerweile kam es
ihm mehr wie sein eigener Geruch vor, kaum noch wie Parfum.
War das Teil des Geheimnisses? Der Duft wird zu einem Teil
deiner Aura. Das heißt natürlich, dass er von vielen auch nicht
mehr als Parfum wahrgenommen wird.
Wirft man ihm deshalb eine gewisse Schwäche vor?
Aber er ist da, eindeutig, halt mit dir verbunden.
Nur – so was eignete sich nicht für knackige Kommunikation.
Einfach locker machen.
„Richtig“ und „Falsch“ vergessen.
Wie wär‘s, wenn jetzt Udo Lindenberg vorbeikäme
und sagen würde – ich schenk dir ‘ne Line:
“Udo would Oud Wood.”
Nein, das war’s nicht.
Aber es klang gut.
Er sprach jetzt leise vor sich hin, den Klang testend.
„Oud Wood tut gut.“
„Im U-Boot nur mit Oud Wood“
„Nur Mut – und Oud Wood!“
„Was Ute gut tut: Oud Wood“
„Oud Wood-Flut für Ruth und Knut“
„Jetzt is‘ aber gut!“, sagte der Papierkorb neben der Bank,
„hast dich genug ausgemüllt. Schreib‘ doch was Einfaches,
das die Leute vielleicht klein bisschen glücklicher macht.“
„Aber ich muss doch beim Thema bleiben.“
„Unsinn! Die Leute müssen jeden Tag so viel Müll schlucken,
da kannst du’s ruhig mal versuchen. Wär‘ auch gut für dich.“
„Ehrlich gesagt bezweifel‘ ich das…“
„Du weißt doch – Glück ist ein Parfum, dass du nicht auf andere
sprühen kannst, ohne ein paar Tropfen abzubekommen…“
„Is‘ das von dir?“
„Stand in einem Buch, das mal einer in mich geworfen hat.“
„Cool!“
„Tust du mir n‘ Gefallen?“
„Klar doch!“
„Sprühst du ein wenig Oud Wood auf mich?“
„Echt?“
„Ja, bitte!“
Er spendierte jeder blechernen Seite zwei Sprüher.
„Jetzt bist du der best-riechenste Papierkorb der Welt!“
„Und du der beste Parkbesucher der Welt.“
„Danke!“
„Könnt ihr jetzt vielleicht mal wieder n‘ bisschen ruhig sein?“
sagte die Stille.