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Siebenkäs

Siebenkäs

Rezensionen
6 - 10 von 65
Stray Cat Strut.
Gestatten meine Name ist Francois. Kater Francois.
Da mich einige noch nicht kennen, will ich kurz etwas über
mich erzählen.
Ich lebe meist in Paris und bin durch meine alte Freundin
Choupette auf euch gekommen. Meine natürliche
Bescheidenheit erlaubt mir nicht, weitere Details zu meinen
Vorfahren zu erwähnen. (als da wären mein berühmter
Urururururgroßvater Kater Murr, mein Ur8-Onkel Tim, der schon
bei der Schlacht von Katerloo rühmlich aufgefallen war
oder meine Urururgroßtante Kate, die mit der Erfindung des
Catwalks Miauden von Dollars verdient hat)
(Mancher mag das alles nicht glauben, obwohl das alles mittels
Katerschaftstest leicht zu beweisen wäre)
Aber genug.

Ich bin beileibe kein bürgerliches Tier.
Nein, das Streunen, das Sich-treiben-Lassen, das Überall-
und Nirgends-zu-Hause-sein - kurz das Abenteuer ist mein
Naturell. Ich bin da ganz wie ein unzähmbarer Wind.
Womit wir uns dem Thema nähern.

Denn - die Menschen mögen nicht gut sein und verantwortlich
für viele Katerstrophen, aber einem ist etwas wunderbares
gelungen: er hat es geschafft, den mir seelenverwandten Wind
Mistral oder auch Maestrale, der vom Süden des Landes bis nach
Korsika und Italien weht, in einer kleinen Flasche einzufangen.
Natürlich nur einen Bruchteil davon - aber dennoch.
Man braucht nur auf einen Knopf zu drücken - schon kommt
er heraus. Und riecht dabei fein wie ein Parfum.
Ein lieber Mensch, der auch viel herumreist, schenkte mir ein
Fläschchen davon. (übrigens ein wunderbarer Musiker, wie
mir ein Freund, der Kater Holzig, versicherte)

Täglich verwende ich seitdem dieses Windparfum, sein Duft
begleitet mich auf all meinen Streifzügen.
Es beginnt am frühen Morgen, wo ich es als Kater Shave
benutze. Mich macht die frisch-trockene Note, mit der er
losbläst, einfach munter, dieser feine Rhabarberhauch mit
südlichem Gewürz- und Kardamomduft und einer Kaffee-
Ahnung. Da freu ich mich gleich aufs Katerfrühstück.
Später, wenn der Duft an wilde Kräuter und trockene, leicht
harzige Hölzer in der Sonne erinnert, aber immer noch morgen-
frisch wirkt, beginn' ich mein Tagwerk und mach mich auf die
Tatzen.
Klar - es zieht mich in Abenteuer und Gefahr, aber zunächst
starte ich in der Rue de Sèvres bei Arnys, wo sich schon
Cocteau einkleidete und lass mir von Monsieur Mentenez
ein wenig das Fell kraulen. Gern nehm' ich ein paar in Butter
geschmorte Krabben dazu, die er mir bisweilen kredenzt.
Von hier geht mein Weg weiter auf die andere Seine-Seite,
bis in die Rue Marbeuf (meist geh' ich den Umweg über die
Rue Montaigne, da ist das Pflaster etwas feiner und schont
meine samtigen Pfoten).
Ich muss gestehen, bei aller Wildheit hab' ich doch ein Herz
für die Couture, liebe es Schaufenster und Modekaterloge zu
studieren und uptocat zu sein.
Mittlerweile entfaltet sich Maestrale weiter - die sanfte Frische
wird ernster, Meeresanklänge von Treibholz und Seeräuber-
romantik tauchen auf, Zedernholz verbindet sich mit Wiesen-
klängen, sind es Seewiesen, wo Seekühe Koriander kauen?
Ich muss wieder an Piraten denken, an wertvolle, geraubte
Gewürze, aber auch an Sturm und die Romantik der Heimat-
losigkeit. All das bleibt aber stets eingehüllt in diese sanfte,
trockene Frische, fein wie ein Kaschmirtuch von Charles
Bosquet, vor dessen Schaufenster ich mittlerweile stehe.
Eine zarte Ahnung von Nelke, vielleicht auch ein paar herbei-
gewehte Blüteneindrücke kann ich jetzt ebenfalls schnuppern,
sie wehen mich wie eine gleichzeitig liebliche und aromatisch-
würzige Brise zu meinen nächsten Stationen - Berluti,
mit seinem britischen Flair, Cifonelli, von dem ich mir gern
einen Anzug aufs Fell schneidern lassen würde und Crimson,
wo bisweilen nette Musik läuft, z.B. eins mein Lieblingsstücke
von Cure, Katerpillar.
Bevor ich jetzt aber ernsthaft in die abenteuerliche und
gefährliche Ferne strebe, wird es Zeit fürs Mittagessen.

Und das such' ich mir nicht, wie einige meiner Kollegen, in den
Katerkomben von Paris, nein, da weiß ich Besseres.
Am liebsten diniere ich bei Divellec, seine Langoustines
de casier sind unvergleichlich, genau wie die Brandade
de cabillaud.
Ich habe hier Freunde in der Küche - und ziehe mittlerweile
deren Gaben jedem Menu Surprise aus der poubelle vor.
Sicher mögen auch sie meine dezente, aber wunderbare Duft-
Aura. Mittlerweile ist zur Holzigkeit noch eine zart-moosige
und dunkelgrüne, immer noch frisch, aber auch dunkel wirkende
Farbe dazugekommen, vielleicht auch ein wenig stabilisiert durch
einen Hauch Vetiver und Moschus. (Woher ich das weiß? Ich bitte
euch - ich bin ein französischer Kater!) Gerade sie passen so gut
zum Wind, weil sie mit einer gewissen melancholischen
Cremigkeit von Ferne und Sehnsucht erzählen.
Mir jedenfalls.
Nicht zu vergessen der Lavendel, der immer wieder eine Rolle
spielt, ein windgebeutelter Lavendel aus den provencalischen
Bergen, der eine gewisse Eleganz und Noncatlance versprüht.
Irgendwie erscheint mir der Duft wie eine Beständigkeit im
Unbeständigen. Etwas, das sich über das Schwere lustig macht.
Solange der Wind nicht weht, ist selbst die Daunenfeder von
ihrer Schwere überzeugt. So sagt man doch.
Aber ich kenne keine Schwere, keine Bodenständigkeit, keine
Behäbigkeit, keine verwöhnte Verweichlichung.
Where ever I lay my head, that's my home.

Aber nachmittags brauch' ich noch ein Schälchen Milch, am
liebsten im Les Deux Magot. Da träum ich dann von meinen
nächsten Reisen.
(Vielleicht ja mal nach Deutschland? Ich wollte immer mal nach
Katzel zur Documenta oder den wilden Karneval erleben in
Maunz am schönen Rhein. )

Wenn es dann langsam Abend wird und Paris mit seinen
Lichtern mein dunkles Fell zum Changieren bringt, (ihr müsstet
das mal sehen!) finde ich meinen Platz für die notwendige
Ruhe, die man für neue Abenteuer benötigt.
Am liebsten an der Place Vendôme. Hier schlüpfe ich durch
ein tiefliegendes Fenster ins Hotel Ritz und genieße den
Drydown mit seiner ruhigen, immer noch würzig-frischen,
aber jetzt immer cremiger, ja fast ein wenig pudrig
werdenden Aura in einer leerstehenden Suite, wo ich dann
auch für den nächsten Tag strategisch schön nah an einem
der besten Frühstücksbuffets der Stadt aufwache (bis auf die
Sahne, die scheint mir im Plaza Athénée etwas cremiger).

Manchmal, ganz manchmal, spiele ich mit dem Gedanken,
irgendwo sesshaft zu werden und all den Abenteuern und
Gefahren abzuschwören. Ja, vielleicht sogar eine nette Katze,
jemand wie Choupette, zu heiraten und...
Aber dann zieht es mich doch wieder hinaus ins Ungewisse,
in Gefahr und Abenteuer, Ungewissheit und Risiko -
ich muss einfach wieder weg, wie der nie endende Wind,
der vor seinem eigenen Schatten flieht.
16 Antworten
Gegengift.
Ihr war, als ob der Wind etwas gesagt hätte.
(Besserer Blödsinn - hätte das vermutlich ihr Galerist
kommentiert)
Rund 6200 Kilometer lagen jetzt zwischen ihr und New York.
Und dazu fast zwei Wochen.
Nur in ihrem Kopf war sie noch nicht zurück.
Ein halbes Jahrzehnt in der Stadt, die angeblich nie schläft.
(was Touristen-Schwachsinn ist)
Die ersten Jahre hatte sie genau wie die meisten Künstler
in der Stadt sogar sehr viel geschlafen, einfach, weil man
ohne Geld nicht viel machen konnte, außer arbeiten.
Und weil man den Hunger im Schlaf nicht so spürte.

Erst mit dem Erfolg zeigte die Stadt langsam ihr glamouröses
Gesicht. Vernissagen, Einladungen zu potentiellen Sammlern,
zugedröhnte Clubnächte.
Fast drei Jahre im gefährlicheren Teil von Brooklyn hatten sie
allerdings misstrauisch gemacht. Hellwach, irgendwie immer
auf dem Sprung. Gestörter Tag-Nacht-Rhythmus sowieso.

Und jetzt war sie hier.
Hinterster Hunsrück. Bisschen wie in „Heimat“.
Das Haus eines Freundes, der in London war.
Genug Leinwände, Farben und Material für eine neue Art
von Bildern, die nicht unter dem Einfluss der verlogensten
Stadt der Welt entstehen würden.
Aber sie fühlte es - sie stand immer noch unter diesem Einfluss.
Unruhig, unstet, unfähig, ihre Umgebung so zu nehmen,
wie sie war. Unfähig, aus reiner Lust zu malen.

Sie spazierte durch den Garten, der bis an den Waldrand reichte.
Hohe Tannen, Buchen, Eichen. Eindrucksvolle Skyline, dachte sie.
Ein Eichhörnchen sprang prompt von einer der Tannen herab,
ihr fast vor die Füße.
Na, da oben zahlste sicher ganz schön Miete für dein Penthouse,
dachte sie.
Dann sah sie sich den Garten genauer an.
Eine kleine wilde Wiese, Sonnenblumen, ein paar Beete.
Unter einer alten Tanne ein kleiner Holztisch mit einem
Bänkchen.
Wenn man da saß, sah das Haus aus, als wäre es aus einem
Märchenbuch gefallen.
Und viel Platz, um die Staffelei hinzustellen.
Aber sie wusste – diese Ruhe, diese vorwurfsvolle Natur…
das würde nix mit ihnen beiden. Hier gab‘ nichts zu malen.
Vielleicht einfach zu viel Schönheit?

Im Haus war’s nicht viel besser.
Alte Öfen, viel Holz, Forsthaus-Stimmung.
O.K., ein paar starke Bilder an den Wänden,
sogar ein Baselitz.
Und auch hier viel, viel Platz.
In New York würde so viel Fläche locker 20.000 Dollar
kosten. Monatlich. Eher mehr.

Auf dem Küchentisch stand ein Päckchen mit einem Zettel.
„Öffnen und einsprühen“ stand darauf, sonst nichts.
Mechanisch folgte sie und hielt kurz darauf einen hübschen
Flakon in der Hand. „Tam Dao“ las sie laut.
Es hallte seltsam nach.
Ohne nachzudenken sprühte sie sich etwas auf die Hand.
Und schnupperte.
Gut, warm. Süßlich? Roch nach Jetzt.

Sie sprüht weiter, Hals, T-Shirt, Arme.
Wartet, inhaliert.
Sie ist… ja wo ist sie?
Holzstaub, Werkstatt-Feeling, Waldarbeit, Sägespäne,
Cremigkeit, weiche, sanfte Antik-Möbelaura,
eine Art Holz- und Waldgeist-Balsam, vertraut und exotisch
zugleich, als hätte Dr. Kleinermacher dich in ein Märchenbuch
eingeschleust.
Etwas Grünes, kommt dazu, wie aus der Farbtube gequetscht,
vermischt mit den cremigen Holzfarben.
Eine seltsam tiefe, ruhige, leicht würzige Cremigkeit.
Bisschen wie Heimkommen, Tür zuknallen.

Der nächste Morgen mit Tam Dao.
Jetzt bemerkt sie zu Beginn auch ein zart-zitrische Frische,
die schnell wieder in einem Holzbett landet, kuschelt sich da
rein, womöglich Unzucht mit einem Hauch minderjähriger
Vanille?
Etwas Prickelndes. Assoziations-Weckruf. Kurzer Kokos-Eindruck.
Auch was Milchiges. Rahm abschöpfen.
Oder riecht Holz nicht zuweilen so?
Wie riecht Holz eigentlich?
Sandelholz ist der Hauptbestandteil.
(sagt ihr Google über Tam Dao)
Aus indischen Landen frisch auf den Tisch.
Oder aus Laboren?
Oder ist auch Zeder im Spiel?
Sicher noch mehr.
(Viel Farben können dennoch wie wenige aussehen,
bisweilen wie eine)
Jedenfalls - der Hunsrück riecht doch so ähnlich…
Ihr neuer Hunsrück jedenfalls.

Ein paar Zeilen fallen ihr, sie schreibt sie auf:

"Beginn' das Neuste zu verbreiten
ich hau heute ab
Ich will ein Teil davon sein
Wald, Wald.
Diese Vagabunden-Schuhe
sehnen sich nach streunen
mitten durchs Herz
Wald Wald
Ich will aufwachen im Wald
der niemals schläft
und merken ich bin König der Hügel
ganz oben auf dem Haufen.
Dieser Klein-Wald-Blues
Ich schmelze dahin...
Ich mach n' Neustart draus
im alten Wald
Wenn ich's da schaffe
schaff ich's überall
es liegt an dir
Wald Wald...

Passte das? Vielleicht.
Vielleicht war der Wald aber auch ganz anders.
Sie schnupperte an ihrer Tam Dao-Aura.

Umpolen / @
esc mit Sandelholz.
Egal. Egal-Holz. (besser als Regalholz)
Entspannend, entschleunigend, runterfahrend.
Aber nicht einschläfernd.
Bildschirm mit Holzbrettern sperren, Neustart.
Schnuppern. Meditieren? Na ja.
Immer langsam mit den jungen Pferden.
Abendstimmung.
Alles hängt irgendwie zusammen.
Keinschönerlandindieserzeit?
Kinderkram. Deshalb o.k. für sie.

Sie schläft diese Nacht ganz gut.

Sonnenaufgang ist jetzt vielleicht eine Stunde her.
5 Sprüher Tam Dao.
1.50 x 1.20 Meter Leinwand auf der Staffelei vor dem
Erdbeerbeet.
Ultramarine-blau, dicker Pinsel.
Angenehm fett und rücksichtslos klatscht
die Farbe auf die weiße Fläche.
20 Antworten
Dichtung und Wahrheit.
Das weiße Papier grinste ihn so unverschämt an,
wie nur ein leeres Blatt es kann.
Er hatte schon über so vieles geschrieben – Bohrmaschinen,
Zahncremes, Ferienclubs, Suppenwürze, Elektroautos und
Olivenöle.
Für kleine Firmen und für namhafte Konzerne.
Und vor allem - für Geld.
Aber noch nie über ein Parfum.
Und jetzt das hier.
Er schnupperte noch einmal an seinem Unterarm.
Eine weiche, seltsam frische und zugleich leicht altmodisch-
medizinische Note stieg in seine Nase, sie erinnerte ihn
an das Rauchzimmer seines Großvaters, ohne das direkt
Rauch wahrnehmbar war. Eher altes Holz, auch mittelaltes Holz,
und junges Holz. Und Holzpolitur, eine ganz gute, angenehme,
eine mit Zitronenkräutern oder was ähnlichem.
Es roch altmodisch und modern zugleich, alt und frisch,
vielleicht sogar stark und schwach zugleich.
Schräg irgendwie. Und das sollte man der Zielgruppe
klarmachen oder gar „ausloben“.
Grauenhaftes Wort.
Mit viel Impact den USP rauskitzeln, aufmerksamkeitsstark
und so.
Wie bescheuert diese Werbersprache doch war, hohl und leer.
Wenn nur das Geld nicht wäre.
Ein Freund hatte mal gesagt – was wäre die Werbung so schön,
wenn’s keine Kunden gäbe.
Stimmte irgendwie.
Aber jetzt musste ihm was einfallen.
Er beschloss, sich auf Bewährtes zu verlassen – seine Phantasie.
Er würde allein ein kleines Brainstorming starten.
Aber nicht hier, in seiner Wohnung, wo alles viel zu festgelegt
und durchgestylt war.
Er musste raus.

Kurz darauf saß er auf einer seiner Lieblingsgrübelbänke
im Park, mit Blick über eine blühende Wiese, dahinter eine
anmutige Baumgruppe, nur von wenigen Gebäuden überragt,
die ihn sanft daran erinnerten, in einer Großstadt zu sein.
Den Flakon hatte er mitgenommen.
Er sprühte sich noch einmal etwas auf Arm und Hals.
Es roch einfach…sehr gut.
Toll. Das half ihm echt weiter.
„Leute, das müsst ihr euch holen. Riecht prima!“
Das wär’s doch mal.
Würd‘ ihm natürlich keiner abkaufen.
Also, ran an die Nuss, muss doch zu knacken sein.
Vielleicht mal mit dem Namen anfangen?
Oud Wood. Von Tom Ford. Private Blend Serie.
Was fiel ihm dazu ein?
Das Brainstorming musste jetzt mal losgehen.
„Der Name – der hilft dir nicht wirklich weiter, weil das Oud
da drin ist nicht gerade typisch, so wahr ich aus gutem
Buchenholz geschnitzt bin…“, sagte die Bank.
„O.k., also vergessen wir den erst mal…“
„Aber du kannst dich bei diesem Duft doch astrein und lang und
breit auf dem Wichtigsten ausruhen, das es überhaupt gibt –
und das ist Holz!“, erwiderte die Bank.
„Da is‘ was dran… Holz als archaisches Urmaterial in all seinen
Spielarten… Grundstoff für jede wichtige Erfindung… also das
Parfum quasi neu erfunden… vielleicht sowas wie eine Duft-
Revolution, eine neue, wegweisende Essenz…für alle,
die Innovation leben, jeden Tag…?“, murmelte er vor sich hin.

„Find‘ ich allerdings gar nicht…“, sagte eine feine hohe Stimme.
Es war der Buchfink, der auf einem Zweig nicht weit über seinem
Kopf saß. „Das ist nun wirklich mal ein Duft, der jedem Vogel
gefallen dürfte, sogar den fetten Nilgänsen!“
„Ja, da geb‘ ich ihm recht…“, mischte sich jetzt die Schnecke ein,
die unter der Bank im Gras saß. „Das ist wirklich ein richtiger
Krautpleaser, so weich und geschmeidig-gleitend, wie geölt,
ohne scharfe Kanten, den muss doch einfach jeder mögen…“
„Ja, aber was für die Masse ist, lässt sich so schwer verkaufen.“,
gab er zu bedenken.
„Das ist eben ein Duft für die Masse, der aber gar nicht wie ein
Massenduft riecht, sondern viel raffinierter“, hauchte der Wind,
der gerade als leichte Brise über die Wiese strich.
„Was hat er gesagt?“, fragte die Schnecke.
„Ein Duft für alle, der nicht riecht wie für alle!“, sagte der
Buchfink. „Das find‘ ich gar nicht schlecht gezwitschert...“
„Na, was weißt du schon, du flatterhaftes Wesen…“, erwiderte
die Bank und knarrte ein bisschen im Sitzgebälk.

Er beschloss, das erst mal aufzuschreiben, sicherheitshalber.
Es herrschte sowieso gerade Stille.
Angestrengt überlegte er weiter.
„Jetzt muss ich aber auch mal was sagen“, sagte die Stille,
„obwohl ich ja weiß, dass mir das gar nicht zusteht. Also -
warum lässt du den Duft nicht mal selbst sprechen?“

Er hatte den Flakon eh gerade wieder hervorgeholt und
beschloss auf die Stille zu hören.
„Also gut, Oud Wood, was sagst du denn zu alledem?“
Stille.
(Nein, nicht diese Stille, ich meine Schweigen.)
„Oud Wood! Sag bitte mal was!
„Ich sag‘ nix! Ich rieche nur. Und das mach ich gut!“
„O.k., aber warum? Oder wie?“
„Mehr kriegst du aus mir nicht raus. Außer wenn du auf
meine Sprühknopf drückst…“
Und das tat er. Einatmend, schnuppernd, an sich selbst
riechend, macht er sich eilig ein paar weitere Notizen.
Kardamom-Würze, die immer auch an Kaffee-Aromatik erinnert,
eine Spur cremiges Sandelholz, Rosenholz, was ja schon luxuriös
klang und auch so roch… Oud gerade so raffiniert eingesetzt,
dass es unproblematisch bleibt, aber vor allzu banaler Gefälligkeit
schützt. Kunstvoll und sehr elegant gemacht…
Dunkel und freundlich. Verhalten würzig und mit einer speziellen,
irgendwie märchenhaften Süße…
Ein Duft, der ein Gefühl von Harmonie weckt…
Erinnerung an eine Art Ideal-Wald…ein Märchenwald, der an einer
Seite ans Schlaraffenland, an der anderen ans Morgenland grenzt…

„Jetzt werd‘ ich aber mal n’paar knallharte Fakten bei-
steuern“, sagte der graue Stein, der vor ihm auf dem Weg
lag. „Als ich noch im Vorgarten von so ‘nem Hipster wohnte,
hab‘ ich manches aufgeschnappt über den Duft… is‘ so was
wie das Aventus unter den TF-Parfums. Schwer angesagt
bei Rappern und womöglich sogar bei’n Stones…“
„Gut, gut, danke. Aber kein Alleinstellungsmerkmal.“
Er schnupperte erneut an sich.
Dieser Mix aus Holz, Würze, Süße und zarter Erdigkeit,
irgendwie unergründlich, geheimnisvoll. Mittlerweile kam es
ihm mehr wie sein eigener Geruch vor, kaum noch wie Parfum.
War das Teil des Geheimnisses? Der Duft wird zu einem Teil
deiner Aura. Das heißt natürlich, dass er von vielen auch nicht
mehr als Parfum wahrgenommen wird.
Wirft man ihm deshalb eine gewisse Schwäche vor?
Aber er ist da, eindeutig, halt mit dir verbunden.
Nur – so was eignete sich nicht für knackige Kommunikation.

Einfach locker machen.
„Richtig“ und „Falsch“ vergessen.
Wie wär‘s, wenn jetzt Udo Lindenberg vorbeikäme
und sagen würde – ich schenk dir ‘ne Line:
“Udo would Oud Wood.”
Nein, das war’s nicht.
Aber es klang gut.
Er sprach jetzt leise vor sich hin, den Klang testend.
„Oud Wood tut gut.“
„Im U-Boot nur mit Oud Wood“
„Nur Mut – und Oud Wood!“
„Was Ute gut tut: Oud Wood“
„Oud Wood-Flut für Ruth und Knut“

„Jetzt is‘ aber gut!“, sagte der Papierkorb neben der Bank,
„hast dich genug ausgemüllt. Schreib‘ doch was Einfaches,
das die Leute vielleicht klein bisschen glücklicher macht.“
„Aber ich muss doch beim Thema bleiben.“
„Unsinn! Die Leute müssen jeden Tag so viel Müll schlucken,
da kannst du’s ruhig mal versuchen. Wär‘ auch gut für dich.“
„Ehrlich gesagt bezweifel‘ ich das…“
„Du weißt doch – Glück ist ein Parfum, dass du nicht auf andere
sprühen kannst, ohne ein paar Tropfen abzubekommen…“
„Is‘ das von dir?“
„Stand in einem Buch, das mal einer in mich geworfen hat.“
„Cool!“
„Tust du mir n‘ Gefallen?“
„Klar doch!“
„Sprühst du ein wenig Oud Wood auf mich?“
„Echt?“
„Ja, bitte!“

Er spendierte jeder blechernen Seite zwei Sprüher.
„Jetzt bist du der best-riechenste Papierkorb der Welt!“
„Und du der beste Parkbesucher der Welt.“
„Danke!“

„Könnt ihr jetzt vielleicht mal wieder n‘ bisschen ruhig sein?“
sagte die Stille.
20 Antworten
Richie goes Meta.
Gestern hatt‘ ich seit langem mal wieder eine Begegnung
der 3. Art.
Ich steh vorm Schaufenster der „Filiale“ und schau mir
Buxen und Jacken von Dries van Noten an, da tippt mir
von hinten einer auf die Schulter.
„Die sind nix für dich… sähst aus wie der Top-Act auf
‘ner Kinderbelustigung…“
Ich dreh mich um – und wer isses?
Der gute alte Richie.
Manche von euch kennen ihn vielleicht noch, wenn nicht,
auch nicht schlimm. Jedenfalls ist er schon sehr speziell,
Ich mein, schon der Name sagt was. Aber ich will überhaupt
nicht lästern – ist letzten Endes doch n‘ guter Freund.
„Mensch, Richie, lang nich‘ mehr gesehen!“
„Gut, dass du nich‘ „long time no see” gesagt hast…”
Er grinst und umarmt mich dann kurz. Sehr kurz.
„Junge, du riechst gut!
Zack, sind wir beim Thema. Ich mein, einem unserer großen
Themen.
„Ja, danke, sag‘ ich, „bloß das L’Homme vom alten Versace.“
„Weiß ich doch. Ich mein‘, hab‘ ich doch sofort gemerkt.“
„Is‘ mir klar, Richie…“
„Was denkst du denn? Glaubst mir etwa nich‘? Unverkennbar
grelle Zitrik mit würziger Macho-Kante und gleichzeitig so
‘ne selbstironische halb-Macho-halb-Dandy-Attitude…
Richtiger Meta-Duft, wennsde mich fragst. Spielt mit dem
Männerduft-Klischee seiner Zeit wie keiner anderer,
und zwar via Überhöhung und ‘ner Art Collage aus
Oldschool-Zitaten... Bedient sich klassischer Duftelemente
und ist gleichzeitig modern im 80er Jahre-Sinn des Wortes.“
„Du meinst quasi wie Zitat-Pop?“
„Ja, schon, is‘ doch auch genau die Zeit. ABC, Dexys und so…
Außerdem - eine der Aufgaben eines intelligenten Parfumeurs
ist doch die Kontrolle von Klischees, oder?
„Jau. Aber sag‘ mal, wo hast du eigentlich so lange gesteckt?“
„Hab bei ‘nem Independent Frauen-Theater gearbeitet…
Die machen so postmodernen Neo-Struktualismus mit spät-
kapitalistisch adaptierten Commedia-dell arte-Zitaten auf ‘ner
Meta-Ebene. Ich war so ne Art Pierrot und musste lediglich
einmal nackt mit ‘ner Geige von rechts nach links über die
Bühne und 10 Minuten später wieder zurück…“
„Das war alles?“
„Nö. Hab‘ auch noch den Damen hinter der Bühne beim
Umziehen geholfen.“
„Für wieviel, wenn ich fragen darf?“
„40 Euro am Tag. Mehr konnt‘ ich mir auch nicht leisten…“
Ich stutze kurz.
„Nein, sorry, der letzte Teil stimmt natürlich nich‘. Hab‘ ich
irgendwo geklaut, wahrscheinlich von Woody Allen…“
„Genau! Das is‘ aus… äh… „Was gibt’s Neues, Pussy?“
„Übrigens wo wir grad dabei sind – ich werd‘ vielleicht zum
Film gehen!“
„Wie belieben?“
„Na ja, jetzt mit meiner Theatererfahrung. Is‘ doch nur logisch…
Aber egal. Du solltest jedenfalls was über diesen Versace-Duft
schreiben. Der is‘ total unterschätzt!“
„Keine Lust… den kann man so schwer beschreiben…“
„Wieso? Knallig seifiger Zitroneneinstieg. Dann Blumen-
kräuter-Mix, der mit Fougère-artiger Macho-Würze
schäkert, aber leicht ironisch irgendwie. Zimt is‘ drinne,
Ingwer, florale Elemente, sogar bisschen Zibet. Und dann
Leder, eher dandyhafter Machart, dazu trockene Vanille…“
„Nicht zu vergessen Eichenmoos!“
„Kannste laut sagen. Is‘ alles auch heute noch fast so drin.“
„Also eine Art Spicy-Zitrus mit Bad Boy Sex-Appeal…“
„Na bitte - schreib das doch!“
„Ich weiß nich‘…find‘ da nicht die passenden Sätze...“
„Mensch, lern aus dem Medium schlechthin – dem Film.
Verwend‘ so starke, kommunikative Sätze wie sie nur der Film
hervorgebracht hat - z.B.: „Ihren Revolvergurt weg, Mister,
schön langsam!“
„Verstehe! Oder so was wie: „Ma‘m, die Männer sind hungrig
und müde.“ Meinste sowas?
„Genau! Gut is auch: „Lasst mich hier liegen.“
„Stimmt. Oder: „Ich weiß nicht was es ist, aber es kommt direkt
auf uns zu.“
„Oder: „Wir machen jetzt einen kleinen Ausflug.“
„Ein Klassiker auch: „Es ist nicht so wie es aussieht.“
„Oder: „Ich kann das alles erklären.“
„Ja! Gut is‘ auch: „Trink das, das wird dir gut tun.“
„Genau wie: „Er hat einen meiner Männer getötet.“
„Oder: „Das ist eine Sache zwischen ihm und mir.“
„Und natürlich: „Augenblick mal. Der Junge hat recht!“
„Nicht zu vergessen: „Nein ehrlich, ich mag Sie.“
„Der is‘ auch prima. Aber was anderes – der Versace hat
doch irgendwie auch den L’Homme von Yves Saint Laurent
im Hinterkopf zitiert oder? Da gibt’s doch ähnliche
Schwingungen…“
„Gibt‘s wirklich. Aber der Versace ist halt knalliger,
poppiger, mehr Meta, wie seine Plünnen…“
Und klein bisschen so ‘ne Aramis-Attitude hat er auch…“
„Aber auch darin klischee-hafter.“
„Aber gut Klischee-haft, sehr gut sogar.“
„Er hat was vom Jovan Sex Appeal, also beinahe zitrisch-
orientalisch, aber auch, grad im Drydown, so nen Chypre-
Charakter wie eine Art Chanel Pour Monsieur auf Steroiden…“
„Klar, und überhaupt - Klischees konnten der Kunst doch
schon immer auf die Sprünge helfen. Jedenfalls gut gemachte.“
„Eben!“
„Wie im Film!“
„Mir fällt noch n‘ guter ein: „Lassen Sie uns ein paar Dinge
klarstellen.“
„Vergiss nich‘: „Sie tun mir weh, Mister.“
„Schön is‘ aber auch: „Ich will, dass die gesamte Stadt
durchkämmt wird, klar? Jedes Haus, jede Straße, jede
gottverdammte Damentoilette.“
„Ich mag ja auch: „Ach, es ist nur ein Kratzer.“
„Warum sagst du nichts?“
„Meinst du jetzt mich? Oder soll das so n‘ Satz sein?“
„Weißt du, Richie, ich habe nachgedacht.“
„Der is‘ auch gut! Oder wie…?
„Mach das nie, nie, nie wieder!“
“Ähm… wie meinste das jetzt? Irgendwie wird mir das grad
bisschen zu unwirklich… Weißte was? Wir beide geh‘n jetzt
erst ma‘ in‘ Parfumladen und sorgen dafür, dass die Tester
nich‘ schlecht werden, einverstanden?“
„Lieber nich‘. Vielleicht schreib‘ ich ja doch ne kleine
Rezension über den Versace L’Homme…“
„Na dann, gutes Gelingen!“



23 Antworten
Just do it.
7. Feb., 8.30
Gähn!
Was für eine Uhrzeit! Nachtarbeit… nicht mein Ding.
Ich sitze in der Redaktionskonferenz des „Parfumboten“
und überlege, wie ich ein Paar Comme des Garcons-
Sneaker über die Redaktion abrechnen könnte –
da herrscht mich die raue Stimme des Chefredakteurs an:
„7-Cheese, das übernimmst du!“
„Ich, ähm, ja klar, mach‘ ich…“
Tanja, die Praktikantin, schiebt mit ein 10ml-Röhrchen zu.
„Und du hast genau eine Woche, denk dran!“ bellt der
Chefredakteur noch hinterher.
„Ja, klar, krieg‘ ich hin…“
Nach der Konferenz lass ich mir erzählen, was ich nicht
mitbekommen habe. Ab sofort soll es eine neue Rubrik
geben – „der Blindtest der Woche“. Ein Redakteur schreibt
über einen anonymisierten Duft – die Leser können raten,
welcher es ist und ein Auto gewinnen. Oder war’s ein Bade-
schaum? Jedenfalls effizientere Leserbindung und so.
Und ich hab‘ jetzt eine Woche, um etwas über den Duft
in diesem Röhrchen zu schreiben.

Pffft… und schon schnuppere ich an meiner Hand.
Erster Eindruck: dunkle Beeren, paniert mit Pfeffer und
etwas Zimt… vielleicht Nelkenpfeffer? Auch etwas Warmes,
Harziges spielt mit, strange… Eine Art Saft-Eindruck,
leicht zitrisch-gesund wirkend kommt dazu, die Gewürze
erinnern an eine Apotheke oder auch einen alten
Krämerladen… sehr schwer einzuordnen.
Aber mein Plan steht fest – ich werd‘ rausfinden, was es
ist und glänzen wie noch nie. Sie werden mich bewundern!
Und - befördern!
Genau das wird die Basis für die Umsetzung meines Traums:
mein eigenes Parfum-Magazin! „The Parfum-Observer“ wird
es heißen. Gobal. Independent. Unverzichtbar.
Ich seh‘ schon das Gebäude… 34 Etagen… auf dem Dach
der Schriftzug und mein Logo – eine Nase, aus Neonröhren.
Und der gute, alte Name 7-Cheese wird neu erstrahlen…
Und das ist nicht unrealistisch. Ich stand schon immer mit
beiden Beinen fest in den Wolken.

7. Feb., 12.20
Der Duft verwirrt mich. Mittlerweile geistern allerlei florale
Elemente drin rum… Und der Frucht-Würz-Harz-Mix
tönt immer noch dazu. Das erzeugt bei mir eine Art von
Geisterduft-Wahrnehmung… Dufteindrücke, die vermutlich
nur durch den wilden Mix in meinem Kopf entstehen.
Assoziationen, Erinnerungen… Tante Emma Laden…
Bürstengeschäft… Straßenhändler…
Ziemlich harte Nuss, fürchte ich.
So was kann ich unmöglich in Deutschland rausfinden,
dafür brauch ich Pariser Luft.
Zum Glück hat keiner gesagt, wie hoch mein Budget für den
Job ist.

8. Feb., 11.15
Ich sitze im Zug nach Paris, 1.Klasse, Wagen 7, Platz 34.
Und ich sprühe und schnuppere weiter.
Zu allem Überfluss ist jetzt noch ein seifiger Eindruck da.
Nah am Barbershop. Der Rest ist zarter geworden,
aber etwas Rosiges und Süßliches schleicht um den Bart-
schneider herum… leicht pudrig… Iris?
Hier spielen sich ja fast Kämpfe ab… Kontraste, die sich
gegenseitig fertig machen wollen. Oder spielen die nur?
Ich schreib‘ jetzt erst mal alle Eindrücke auf.
Immer schön locker bleiben.
In Paris finde ich ein preiswertes Hotel (Zweifel an der
Budgethöhe) auf dem Boulevard Saint Germain,
Ecke Rue des Bernadins. Gute Gegend.
Abends zu einem kleinen Chinesen um die Ecke.
Bestelle die Nr. 34, Hähnchen Süß-Sauer, und Burgunder.
Dann schnuppere ich weiter an meinem Arm.
Neben der Feige entdecke ich deutlich Sandelholz, Zeder,
auch etwas Patchouli. Eine solide, weiche Grundlage,
aber immer noch durchzogen von floralen und würzigen
Tönen. Mittlerweile kenn‘ ich alle Phasen, aber es ergibt
kein klares Gesamtbild. Zurück ins Hotel, erst mal schlafen.

9.Feb., 10.15
Karges Frühstück. Schlecht geschlafen, blöd geträumt:
ein kleiner Herr in weißem Habit kommt angeflogen, in der
Hand einen Weidenkorb. „Ich bin der Eiermann“, ruft er munter,
„bin gekommen, damit niemand umsonst auf mich wartet.
Und noch ein kleiner Tipp – denk mal an 31 Rue Cambon!“
Sprach’s und reicht mir kleine Eier mit Chanel-Logo.
Muss am chinesischen Essen liegen. Egal.
Träume sind Schäume.
Plan für heute: Düfte zum Vergleich ranziehen.
Bei Caron in der Rue de Caumartin fang‘ ich an.
Rechter Arm mein Testduft, links sprüh ich sparsam etwas
Yatagan auf. Nur so eine Assoziation, die ich gestern hatte.
Wer weiß?
Fehlanzeige.
Der Testduft ist viel, viel feiner, fast cremig-süß im Vergleich.
War ja klar. Egal.
Weiter geht’s im Marais. Hippstes Arrondissment der Stadt.
In der Rue des Archives bei Eldo… Vorsichtig links, etwas
höher, ein Sprüher Jasmin et Cigarette…
Schnuppern - Hahaha.
Mist. So komm ich nicht weiter.
Kurz darauf im Cafè Charlot. Zwei Tische weiter eine ältere,
weißhaarige Dame, exzentrisch gekleidet, ultra-pariserisch.
Blitzidee! Ich frage sie einfach mal…
„Pardon, Madame, j’ai une petite question. Savez-vous
peut-etre le nom de ce parfum?
Ich halte ihr meinen rechten Arm unter die Nase.
Unter dem Tisch erscheint plötzlich ein knurrender lila
Kampfpudel.
„Fuck off, you bloody german asshole!“ sagt sie. Es klingt
fast freundlich.
Ich ziehe mich zurück.
Beim Verlassen des Cafès höre ich einen Kellner an ihrem
Tisch „Mais oui, Madame Westwood“ sagen.
Schnell vergessen das Ganze!

9. Feb., 16.35
Nachdenklich schlendere ich den Boulevard Saint Germain
runter. Weitere Impressionen des Duftes hab‘ ich genau
notiert – neue Schauspieler sind Vanille und Tonka. Oder
Benzoe. Und dazu Kerzenwachs. Gibt’s etwas, was hier nicht
drin ist? Oder spielt mir meine Nase Komödie vor?
Wie im Ohnesorg-Theater, wo alle paar Sekunden Türen
aufgehen und jemand anders reinpoltert.
An der nächsten Ecke steh‘ ich mit einem Mal vor einem
Dyptique-Laden. Stimmt ja, die hatten ja hier irgendwo
ihren Stammladen.
Ob ich das Spielchen noch mal versuche?
Why not.
Schon bin ich drin, erkläre einer nett aussehenden Dame
mein Problem und halte ihr meinen linken Arm hin.
Bereitwillig schnuppert sie mal.
Und zieht das Näschen kraus.
„Pardon Monsieur, mais je ne peux pas vous aider…“
Immerhin bekomme ich noch ein Kärtchen.
Na, wenigstens war’s ein Versuch.
Überlege noch kurz, ob ich eine Kerze kaufe, finde dann
aber die simple Adresse „34 Boulevard Saint Germain“
als Namen uninspiriert und phantasielos. Bei dem Preis…

9. Feb., 21 Uhr
Wieder im Hotel.
Ich schnuppere erneut hochkonzentriert.
Ist das ein Chypre?
Oder ein grünes Floriental?
Irgendwie ist da auch was Balsamisch-Medizinisches.
Und dabei macht es auch noch Spaß.
Wirkt seltsamerweise natürlich. Natürliches Chaos?
Gibt’s das? Offensichtlich schon.
Vielleicht sollte ich die nette Verkäuferin einfach noch mal
anrufen – sie war doch ziemlich nett.
Hatte ich ihr auch den richtigen Arm hingehalten?
Ich schau noch mal das Kärtchen aus dem Dyptique-Laden an.
Feines hellblaues Bütten, oben steht „Celine“
darunter etwas fetter „Diyptque“ und die Adresse
„34 Boulevard Saint Germain“.
Ach was.
Ich glaube, ich gebe auf.
Vielleicht hätte ich einen anständigen Beruf ergreifen sollen,
wie’s meine Mutter schon immer gesagt hat.
Zum Beispiel Pianist in einem Bordell.
Oder noch besser – Privatdetektiv.
Ja, das wär’s – bei meinem Gespür für kleinste Hinweise.
Aber was soll‘s.
Ich werd‘ den Bericht im Zug fertig schreiben und in die
Redaktion mailen.
Mir fällt ein Satz ein, den ich mal an einer Klowand
gelesen habe: „Immer suchen wir etwas, das wir gar nicht
verloren haben und finden etwas, das wir gar nicht
gesucht haben.“
Als ich anfange zu packen, klingelt das Telefon.
Es ist Tanja, die Praktikantin.
„Hey 7-Cheese, ich weiß was in deiner Probe ist!“
„Echt?“
„Ja, ganz sicher!
„Lieb von dir, aber ich will’s gar nicht mehr wissen.“
Ich lege auf.
Haken dran.
Auf zu neuen Duft-Abenteuern.
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