7. Feb., 8.30
Gähn!
Was für eine Uhrzeit! Nachtarbeit… nicht mein Ding.
Ich sitze in der Redaktionskonferenz des „Parfumboten“
und überlege, wie ich ein Paar Comme des Garcons-
Sneaker über die Redaktion abrechnen könnte –
da herrscht mich die raue Stimme des Chefredakteurs an:
„7-Cheese, das übernimmst du!“
„Ich, ähm, ja klar, mach‘ ich…“
Tanja, die Praktikantin, schiebt mit ein 10ml-Röhrchen zu.
„Und du hast genau eine Woche, denk dran!“ bellt der
Chefredakteur noch hinterher.
„Ja, klar, krieg‘ ich hin…“
Nach der Konferenz lass ich mir erzählen, was ich nicht
mitbekommen habe. Ab sofort soll es eine neue Rubrik
geben – „der Blindtest der Woche“. Ein Redakteur schreibt
über einen anonymisierten Duft – die Leser können raten,
welcher es ist und ein Auto gewinnen. Oder war’s ein Bade-
schaum? Jedenfalls effizientere Leserbindung und so.
Und ich hab‘ jetzt eine Woche, um etwas über den Duft
in diesem Röhrchen zu schreiben.
Pffft… und schon schnuppere ich an meiner Hand.
Erster Eindruck: dunkle Beeren, paniert mit Pfeffer und
etwas Zimt… vielleicht Nelkenpfeffer? Auch etwas Warmes,
Harziges spielt mit, strange… Eine Art Saft-Eindruck,
leicht zitrisch-gesund wirkend kommt dazu, die Gewürze
erinnern an eine Apotheke oder auch einen alten
Krämerladen… sehr schwer einzuordnen.
Aber mein Plan steht fest – ich werd‘ rausfinden, was es
ist und glänzen wie noch nie. Sie werden mich bewundern!
Und - befördern!
Genau das wird die Basis für die Umsetzung meines Traums:
mein eigenes Parfum-Magazin! „The Parfum-Observer“ wird
es heißen. Gobal. Independent. Unverzichtbar.
Ich seh‘ schon das Gebäude… 34 Etagen… auf dem Dach
der Schriftzug und mein Logo – eine Nase, aus Neonröhren.
Und der gute, alte Name 7-Cheese wird neu erstrahlen…
Und das ist nicht unrealistisch. Ich stand schon immer mit
beiden Beinen fest in den Wolken.
7. Feb., 12.20
Der Duft verwirrt mich. Mittlerweile geistern allerlei florale
Elemente drin rum… Und der Frucht-Würz-Harz-Mix
tönt immer noch dazu. Das erzeugt bei mir eine Art von
Geisterduft-Wahrnehmung… Dufteindrücke, die vermutlich
nur durch den wilden Mix in meinem Kopf entstehen.
Assoziationen, Erinnerungen… Tante Emma Laden…
Bürstengeschäft… Straßenhändler…
Ziemlich harte Nuss, fürchte ich.
So was kann ich unmöglich in Deutschland rausfinden,
dafür brauch ich Pariser Luft.
Zum Glück hat keiner gesagt, wie hoch mein Budget für den
Job ist.
8. Feb., 11.15
Ich sitze im Zug nach Paris, 1.Klasse, Wagen 7, Platz 34.
Und ich sprühe und schnuppere weiter.
Zu allem Überfluss ist jetzt noch ein seifiger Eindruck da.
Nah am Barbershop. Der Rest ist zarter geworden,
aber etwas Rosiges und Süßliches schleicht um den Bart-
schneider herum… leicht pudrig… Iris?
Hier spielen sich ja fast Kämpfe ab… Kontraste, die sich
gegenseitig fertig machen wollen. Oder spielen die nur?
Ich schreib‘ jetzt erst mal alle Eindrücke auf.
Immer schön locker bleiben.
In Paris finde ich ein preiswertes Hotel (Zweifel an der
Budgethöhe) auf dem Boulevard Saint Germain,
Ecke Rue des Bernadins. Gute Gegend.
Abends zu einem kleinen Chinesen um die Ecke.
Bestelle die Nr. 34, Hähnchen Süß-Sauer, und Burgunder.
Dann schnuppere ich weiter an meinem Arm.
Neben der Feige entdecke ich deutlich Sandelholz, Zeder,
auch etwas Patchouli. Eine solide, weiche Grundlage,
aber immer noch durchzogen von floralen und würzigen
Tönen. Mittlerweile kenn‘ ich alle Phasen, aber es ergibt
kein klares Gesamtbild. Zurück ins Hotel, erst mal schlafen.
9.Feb., 10.15
Karges Frühstück. Schlecht geschlafen, blöd geträumt:
ein kleiner Herr in weißem Habit kommt angeflogen, in der
Hand einen Weidenkorb. „Ich bin der Eiermann“, ruft er munter,
„bin gekommen, damit niemand umsonst auf mich wartet.
Und noch ein kleiner Tipp – denk mal an 31 Rue Cambon!“
Sprach’s und reicht mir kleine Eier mit Chanel-Logo.
Muss am chinesischen Essen liegen. Egal.
Träume sind Schäume.
Plan für heute: Düfte zum Vergleich ranziehen.
Bei Caron in der Rue de Caumartin fang‘ ich an.
Rechter Arm mein Testduft, links sprüh ich sparsam etwas
Yatagan auf. Nur so eine Assoziation, die ich gestern hatte.
Wer weiß?
Fehlanzeige.
Der Testduft ist viel, viel feiner, fast cremig-süß im Vergleich.
War ja klar. Egal.
Weiter geht’s im Marais. Hippstes Arrondissment der Stadt.
In der Rue des Archives bei Eldo… Vorsichtig links, etwas
höher, ein Sprüher Jasmin et Cigarette…
Schnuppern - Hahaha.
Mist. So komm ich nicht weiter.
Kurz darauf im Cafè Charlot. Zwei Tische weiter eine ältere,
weißhaarige Dame, exzentrisch gekleidet, ultra-pariserisch.
Blitzidee! Ich frage sie einfach mal…
„Pardon, Madame, j’ai une petite question. Savez-vous
peut-etre le nom de ce parfum?
Ich halte ihr meinen rechten Arm unter die Nase.
Unter dem Tisch erscheint plötzlich ein knurrender lila
Kampfpudel.
„Fuck off, you bloody german asshole!“ sagt sie. Es klingt
fast freundlich.
Ich ziehe mich zurück.
Beim Verlassen des Cafès höre ich einen Kellner an ihrem
Tisch „Mais oui, Madame Westwood“ sagen.
Schnell vergessen das Ganze!
9. Feb., 16.35
Nachdenklich schlendere ich den Boulevard Saint Germain
runter. Weitere Impressionen des Duftes hab‘ ich genau
notiert – neue Schauspieler sind Vanille und Tonka. Oder
Benzoe. Und dazu Kerzenwachs. Gibt’s etwas, was hier nicht
drin ist? Oder spielt mir meine Nase Komödie vor?
Wie im Ohnesorg-Theater, wo alle paar Sekunden Türen
aufgehen und jemand anders reinpoltert.
An der nächsten Ecke steh‘ ich mit einem Mal vor einem
Dyptique-Laden. Stimmt ja, die hatten ja hier irgendwo
ihren Stammladen.
Ob ich das Spielchen noch mal versuche?
Why not.
Schon bin ich drin, erkläre einer nett aussehenden Dame
mein Problem und halte ihr meinen linken Arm hin.
Bereitwillig schnuppert sie mal.
Und zieht das Näschen kraus.
„Pardon Monsieur, mais je ne peux pas vous aider…“
Immerhin bekomme ich noch ein Kärtchen.
Na, wenigstens war’s ein Versuch.
Überlege noch kurz, ob ich eine Kerze kaufe, finde dann
aber die simple Adresse „34 Boulevard Saint Germain“
als Namen uninspiriert und phantasielos. Bei dem Preis…
9. Feb., 21 Uhr
Wieder im Hotel.
Ich schnuppere erneut hochkonzentriert.
Ist das ein Chypre?
Oder ein grünes Floriental?
Irgendwie ist da auch was Balsamisch-Medizinisches.
Und dabei macht es auch noch Spaß.
Wirkt seltsamerweise natürlich. Natürliches Chaos?
Gibt’s das? Offensichtlich schon.
Vielleicht sollte ich die nette Verkäuferin einfach noch mal
anrufen – sie war doch ziemlich nett.
Hatte ich ihr auch den richtigen Arm hingehalten?
Ich schau noch mal das Kärtchen aus dem Dyptique-Laden an.
Feines hellblaues Bütten, oben steht „Celine“
darunter etwas fetter „Diyptque“ und die Adresse
„34 Boulevard Saint Germain“.
Ach was.
Ich glaube, ich gebe auf.
Vielleicht hätte ich einen anständigen Beruf ergreifen sollen,
wie’s meine Mutter schon immer gesagt hat.
Zum Beispiel Pianist in einem Bordell.
Oder noch besser – Privatdetektiv.
Ja, das wär’s – bei meinem Gespür für kleinste Hinweise.
Aber was soll‘s.
Ich werd‘ den Bericht im Zug fertig schreiben und in die
Redaktion mailen.
Mir fällt ein Satz ein, den ich mal an einer Klowand
gelesen habe: „Immer suchen wir etwas, das wir gar nicht
verloren haben und finden etwas, das wir gar nicht
gesucht haben.“
Als ich anfange zu packen, klingelt das Telefon.
Es ist Tanja, die Praktikantin.
„Hey 7-Cheese, ich weiß was in deiner Probe ist!“
„Echt?“
„Ja, ganz sicher!
„Lieb von dir, aber ich will’s gar nicht mehr wissen.“
Ich lege auf.
Haken dran.
Auf zu neuen Duft-Abenteuern.
So unterhaltsam geschrieben diese Duftblindreise. Mein Lieblingssatz" ich stand schon immer mit beiden Beinen in den Wolken "...Hat Spaß gemacht zu lesen. Def Duft klingt spannend. Liebe Grüße 🥰🙋♀️❄💙🏆
Eine Nobelpreis-Schleife aus dem Hause Chanel wäre doch auch was Feines ... die kannst Du dann zur Preisverleihung tragen. Du könntest in Howard Hallidays Fußstapfen treten ;-)
https://literaturschock.de/literatur/belletristik/gegenwartsliteratur/mitternachtspost
Tja, Handwerk halt zwar goldenen Boden - aber 7K als Puffpianist, da würde uns doch einiges an siebenkäsigen Reiseabenteuern entgehen.
Großartige Story :))
Alleine für seinen Einsatz hätte das bloody german asshole eine Beförderung verdient, will ich meinen! Ich fürchte nur, sein Redakteur wird das anders sehen, aber von Ms. Westwood rund gemacht zu werden ist ja auch schon fast ein Beförderung...
Auch echte Ermittlergenies fehlt ab und zu mal das allerletzte Quäntchen Fortune, da kann man halt nichts machen. Ich empfehle 34 Stoßgebete an den Heiligen Germanus, dann hat 7-Cheese vielleicht beim nächsten Mal mehr Glück!
Sehr schön geschrieben, wobei sich beim Thema Redaktionskonferenz bei mir das Buch Opfer 2117 eingebrannt hat, was dem Journalisten da passiert, uiuiii... Pokal für dich
Highlight des Monats !! Ich erspare mir eine Lobbegründung. 7-Cheese ist jede Lesereise wert.... Zur Unterstützung beteilige ich mich mit einem Global-Independent-Pokal (schon mal gefüllt mit einer Gutschrift für die CdG Sneaker). Den Duft habe ich bisher übergangen, das ändert sich jetzt.
Ich mochte ihn auch, dennoch habe ich ihn weggegeben. Ich konnte mich nicht damit identifizieren. Ich schick' Dir gern ein paar Röhrchen zur als Starthilfe für die Erstausgabe von "The Parfum Observer".
Eine unheimlich liebenswert-durchgeknallt-sprudelnde Geschichte aus dem Siebenkäs-Duftkosmos :) Wunderbar entspannt und kenntnisreich (nicht nur was den Duft angeht) geschrieben und mit viel Lachen gelesen. Ein unglaublich vielschichtiger Duft, den ich auch nicht einordnen könnte. Kein Wunder, da er angeblich das Duftkonglomerat aus dem Pariser-Diptyque-Store zusammenfassen soll. Mich erinnert er in seinem Sandelhozton noch am meisten an Samsara. Dicker Neon-Nasen-Pokal! ;)
Wenn 7-Cheese übernimmt, dann kann nur Gutes dabei herauskommen.
Herrlich amüsant und ich hänge mich mal beim Kollegen Floyd an, 34 Pokale. Macht dann zwar 68, aber wat soll's :-DD
https://literaturschock.de/literatur/belletristik/gegenwartsliteratur/mitternachtspost
Großartige Story :))
What a bright imagination!
:D :D :D
Herrlich amüsant und ich hänge mich mal beim Kollegen Floyd an, 34 Pokale. Macht dann zwar 68, aber wat soll's :-DD