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Siebenkäs

Siebenkäs

Rezensionen
11 - 15 von 65
Klingeling!
Wir saßen gut, es regnete und stürmte immer noch
und zu trinken hatten wir auch noch.
„Also gut“, sagte ich, „dann erzähl ich auch noch eine.
Ist diesem Typ aus der Zürich-Story passiert und natürlich
ist es ‘ne wahre Geschichte, nur schon paar Jahre her.
Der Typ arbeitete damals in so einer Firma, Bank oder
Versicherung oder so was, egal – jedenfalls saß er in seinem
kleinen Eckbüro im 38. Stock.
Es mag so gegen fünf gewesen sein, da fiel ihm das Geschenk
ein, dass er am Abend zuvor von seiner Ex bekommen hatte.
Er kramte es aus seinem Mantel, den er über einen Sessel
geworfen hatte, und packte es hastig aus.
Oha, ein Parfum. Seltsames Geschenk, dachte er, wo sie doch
nur noch so was wie Freunde waren.
Ambre Sultan hieß es.
Na gut. Er nahm den Flakon in die Hand, zog die Kappe ab,
die wie ein schwarzes Mützchen aussah, und schnupperte
am Sprühkopf. Warme Würze stieg auf.
Ich weiß nicht, ob er dabei nur den Finger an den Drücker
legte oder versehentlich drauf drückte – jedenfalls geschah
etwas völlig Unerwartetes.
Er vernahm ein leises Klingeln im Innern des Fläschchens,
das daraufhin zu zittern und wackeln begann, Rauch erhob sich,
er trat erschrocken zurück, eine Nebelwolke hüllte alles ein,
die Konturen einer Gestalt zeichneten sich ab, wurden
deutlicher – und mit einem Mal stand ein kräftiger, untersetzter
Typ vor ihm. Er trug ein lachsfarbenes, T-Shirt, auf dem
„Who the Fuck is Luca?“ stand, dazu alte, sehr weite 501-Buxen,
die von einem Ledergurt gehalten wurden.
„Zu Diensten – was kann ich für dich tun?“, sagte er mit weicher,
eindrucksvoll tiefer Stimme.
„Ähm, wer… bin ich jetzt plemplem…?“
„Noch nie ‘nen Dschinn gesehen? Dann wird’s aber Zeit…“
Er versuchte angestrengt, irgendwie cool zu bleiben, zumal
sein Gegenüber sehr lässig wirkte.
„O.K., verstehe, Sie sind also echt…“
„Sag‘ ruhig „du“ zu mir, Meister!“
„Du bist also ein…“
„Genau, ein Flaschengeist, von mir aus auch Flakongeist,
wenn’s dir lieber ist.“
„Und ich – ich kann jetzt…?“
„Na was wohl? Du kannst dir jetzt was wünschen.“
„In Echt, richtig ernsthaft?“
„Alles, was du willst. Kein Problem.“
„Auch einen Ferrari?“
„Kleinigkeit für mich!“
„Aber nein, der passt nicht zu mir. Gäbe zu viele Fragen…
Lieber was Klügeres… wäre denn die totale Bewegungsfreiheit
machbar – ich wäre immer gleich da, wo ich hin will, sofort?
„Doch, das ginge durchaus.“
„Aber nein, das würde noch mehr Fragen aufwerfen…
Wie wäre es… mit dem perfekten Gefühl von Freiheit,
einer sehr angenehme, erfrischende, aktiv-lockeren Wohlfühl-
Freiheits-Illusion oder so ähnlich?“
„Auch machbar!“
„O.K. – genau das wünsch‘ ich mir!“
Ein Rauschen erklang, der Dschinn wurde transparent,
schrumpfte zusammen - und verduftete, einen
zarten Nebel hinterlassend, zurück in seine Flasche.

Und dann machte sich der Duft bemerkbar.
Zunächst war alles ein ziemliches Durcheinander, aber bald
begann es sich zu sortieren und zu einem wunderbaren Bild
zu ordnen - einer Art Wimmelbild.
Er nahm getrocknete Kräuter wahr, die noch spürbar die
Wärme der Sonne übertrugen, Oregano, Lorbeer, Koriander,
Myrrhre vielleicht…
Gleichzeitig entstand ein staubiges und doch frisches Aroma,
etwas grün-balsamisches schwang darin mit, dass ihm wirklich
eine Art Freiheitsgefühl gab.
Eine Ahnung von Wald bahnte sich an, mehr wie ein Auftauchen
und wieder Versinken – das Zepter übernahmen immer mehr
die Gewürze.
Und das gefiel ihm – sehr sogar.
Direkt übermütig wurde er, ein neuer Wunsch fiel ihm ein –
warum auch nicht? Wozu hatte man denn einen Dschinn?
Er rieb kurz am Flakonverschluss, ein zartes Klingeln ertönte
und schon erhob sich aus schwellenden Nebeln quellend
wieder der Flaschengeist.
„Was kann ich für dich tun?
„Nun – ich wünsche mir ein Konglomerat aller irdischen
Genüsse, mit Schwerpunkt auf den kulinarischen, aber
ohne Völlegefühl oder so. Und so raffiniert und verfeinert
wie nur möglich…“
„So gut wie erledigt!“
Sprach‘s und verduftete elegant in die Flasche zurück.

Jetzt änderte sich das Duft-Szenario – nicht abrupt, sondern
weich, mehr als ob alles nur anders fokussiert würde.
Getrocknete und frische Gewürze, wie aus einer provencalischen
Küche, tauchten auf, eine Art Bouquet Garni-Kräuter-Note,
raffiniert und nach Sternekoch-Manier ätherisch-duftend -
wobei aus dem offenen Küchenfenster noch frische Pinien
und Zedernnoten hinein wehten.
Er bemerkte ein Changieren zwischen südlichen Bergen und
einer Wüstenoase.
Sehr reizvoll… und mehr als er erwartet hatte.
Wieder löste sich ein Wunsch in ihm – vielleicht aufgrund
der weichen, ambrierten Aura, die jetzt aufkam.
Ein bisschen hippie-mäßig war das, dank etwas Patchouli,
aber auch abenteuerlustig, wie für einen Entdecker,
der offen für fremde Genüsse ist.
Und wieder rief er den Geist - der prompt erschien.

„Ich möchte eine Art virtuelle Luxusliege, eine total relaxte,
entspannte, geistige Hängematte, in die man sich jederzeit fallen
lassen kann, weich und geborgen, gut geschützt vor schnödem
Unbill irdischer Stänkereien, verstanden?“
„Aber ja, Meister! Bitte bedenke nur eins – das ist dein letzter
Wunsch!“

Unser Held erschrak gewaltig.
„O.K. - darf ich dann noch was kleines ergänzen?“
„Bitte!“
„Könnte es so sein, dass mich beim Genießen des dritten
Wunsches der Nachklang der beiden anderen noch weiter
begleitet, wie eine Kuscheldecke, die man sich einfach
überziehen kann?
„Krieg ich auch noch hin. Aber dann war‘s das.“
„Also gut – mein dritter Wunsch!“
„O.k. - mach’s gut!“ rief der Dschinn und verduftete.

Mit einem Mal verstärkte sich die weiche Charakteristik des
Duftes - Harze, die wirkten wie von heißer Wüstensonne
zum Schmelzen gebracht wechselten mit zarten Schleiern,
die Walderinnerungen mit kindlichen Vanillegenüssen
verbanden, aber ohne viel Süße.
Weihrauchige und nadelholzige Elemente spielten mit,
mal lauter, mal leiser.
Ein Balanceakt zwischen herb, warm, würzig und süß,
ohne jede Mühe, spielerisch ineinander gleitend.
Vielgesichtig und doch von sehr individuellem Charakter.
Ein Duft-Füllhorn, so reich, dass man aus ihm immer wieder
schöpfen könnte.
Seltsamerweise konnte er sich den Duft ebenso im Winter
wie im Sommer vorstellen, weil er beides in sich trug -
wärmende Behaglichkeit und nachtfrische Wüstenwürze.

Dann bekam er eine E-Mail.
Es war die Rothaarige aus der Buchhaltung, die ihn mal wieder
zum Kochen einladen wollte.
Sie wäre schon zu Hause und hätte jede Menge eingekauft.
Er fand sie eigentlich ganz nett, aber irgendwie auch anstrengend.
Nur weil er ihr auf einer Firmenparty mal erzählt hatte, wie gern
er neuerdings kochen würde, lud sie ihn jetzt ständig ein.
„Sorry, kann heute leider nicht, vielleicht ein andermal“
schrieb er zurück.
Mit einem Mal bekam er Lust den Duft spazieren zu führen -
und brach einfach auf, es war ja schon fast acht.
Bald darauf schlenderte er ziellos durch’s Westend.
Der kühle Abendwind verband sich anmutig mit dem Parfum.
Keine Ahnung wieso – aber irgendwie stand er plötzlich vor
der Haustür in der Liebigstr., wo die Rothaarige wohnte,
und las ihren Namen auf dem Klingelschild.
Ob er vielleicht doch…? Quatsch, er kannte sie doch kaum.
Seine Hand zuckte in Richtung Klingel, er steckte sie schnell
wieder in die Manteltasche. Sie kam wieder heraus, er trat einen
Schritt zurück… wieder hin… und wieder zurück, Hand rein,
Hand raus…
Klingeling!“

Alle schwiegen.
Mittlerweile hatte es aufgehört zu regnen.
Unsere Runde löste sich dann ziemlich bald auf.
Ob sie mir die Geschichte geglaubt haben, weiß ich nicht.
17 Antworten
Spät.
Und dann schlug es vom Dom her acht, die letzten Kunden
bezahlten, die anderen rissen sich von den Regalen los und
schlenderten Richtung Ausgang. Allmählich leerte sich das
Geschäft. Schließlich gingen auch die Verkäufer, die Glastür
wurde verschlossen und das Gitter herabgelassen.
Langsam verebbten die Stimmen und Geräusche des Tages
in der Ferne und mit einem Mal lag die Parfumerie verlassen
und still im Dämmerlicht.
Aber es dauerte nicht lange, da regte sich Leben in den Räumen
und es begann zu flüstern und raunen und knispern.
„Viel hätt‘ nicht gefehlt und das Blondchen hätt‘ mich mit-
genommen…“, sagte eine weiche Stimme. Sie kam gerade aus
dem Diptyque-Regal und gehörte der stolzen Madame
Eau Duelle. „Na, morgen kauft sie mich, da bin ich mir
vanillesicher“, fuhr sie fort - und das war durchaus recht ein-
gebildet, auch wenn es vielleicht stimmen mochte.
„Ach, ich weiß gar nicht ob ich überhaupt in so ein Heim
möchte… womöglich ins Badezimmer, wo primitives,
unsensibles Deo-Volk das Sagen hat…“, bemerkte ein etwas
zu leise, fast feige klingender Herr namens Philosykos.
Dann schwiegen alle kurz, denn ein leises, unterdrücktes
Schluchzen war zu hören.
„Was hast du denn nur? Schon wieder Fernweh?“, fragte
der kecke Dandy Habit Rouge aus dem Regal schräg gegenüber.
Natürlich wussten alle, wer da schluchzte – natürlich wieder
der kleine Vetyverio.
„Ach weh, mich kauft wohl keiner mehr! Niemals komm‘
ich in ein Parfumheim, werde niemals verehrt und zum
Ausgehen mitgenommen, nie geliebt und bewundert…“
„Ach, du kleines Dummchen! Du hast doch die besten
Anlagen“, erwiderte der Nachbar von Habit Rouge,
das rüstige, muntere und ebenfalls adlige Vetiver von Guerlain.
„Bist ja fast verwandt mit mir, nur ein bisschen
verweichlichter…“
Mit einem Male mischte sich der Feudel, der gleich daneben
in seinem Putzeimer stand, ins Gespräch. Er hatte einiges zu
sagen, denn er war schon viel herumgekommen und dazu
ein bodenständiger Typ, den alle schätzten.
„Mein lieber Vetyverio, ich will dir mal was sagen. Du bist
ein spezieller Charakter, das weißt du doch! Du hast den Zauber
der Vetiverwurzel genauso wie den der Rose im Leib,
bist ein kleiner Querkopf mit herbem Schrubber-Charme
und auch ein samtig-lappenweicher Schmeichler. Das gibt’s
nicht oft! Freu dich deines Lebens und deiner Besonderheit!“
„Ich will aber versprüht werden! Ganz viel! Und…
„Das sind nur deine unreifen Grapefruit-Flausen! Genieß‘
was du hast, hier bei deinesgleichen, so lange du’s noch
kannst…“
„Hört euch diese Normalos an, was für ein einfaches Fußvolk,
ohne jede Eleganz und gesundem Hochmut, wie ordinär,
n’est ce pas?…“
Das kam hinten aus dem Tom Ford-Privat-Blend Altar, es war
wohl wieder das etwas eingebildete Oud Wood, das zu gern
mooserte. Dabei kannte es echtes Moos nur vom Hörensagen.

Und dann kam der große Tag. Ein junger Mann im nachtblauen
Duffle Coat griff sich unser Vetyverio und ging flugs mit ihm
zur Kasse. Er kannte es wohl schon – und darüber freute
sich Vetyverio mindestens ebenso, wie über den feinen,
sicher sehr reichen Jüngling, dessen dunkler Mantel so gut zum
schwarzen Vetyverio Eau de Parfum-Outfit passte.
Er wurde in eine dunkle Tasche gesteckt und in schrecklich
holprigem Auf und Ab ging es auf und davon,
weg von seinen lang vertrauten Brüdern und Schwestern.

Aber dann wurde es ganz hell und er wurde ausgepackt und
auf einen Tisch gestellt. Der junge Mann kam ganz nah, erhob
ihn und sprühte sich etliche mal über seinen Hals und den
schneeweißen Hemdkragen.
„Aaah…“ sagte er, „hmmm…“ und auch „herrlich…“.
Vetyverio wollte schier vergehen vor Freude.
Dann schrieb der junge Mann etwas in ein Heft, dabei
murmelte er vor sich hin, aber Parfums hören alles und
deutlich vernahm Vetyverio:
…erstaunliche Etude in Grün… das helle Grün des oberirdischen
Vetivers wird hier mehr konterkariert von den rauchig-dunklen Erdwurzelklängen des tiefen Vetivers, viel deutlicher als im Edt.
Bevor aber unangenehme Assoziationen wie Gummi oder
Schmutzigkeit aufkommen können, gesellt sich zunächst eine
blattgrüne Blumen-Zartheit dazu, hell und sonnig, dann schließlich
die ganze dazugehörige Rose. Weich und schmeichlerisch, fast
etwas süß, jedenfalls elegant wirkt das. Und es passt auch ganz
gut zur zweiten Melodie, die leiser im Hintergrund der Duft-
entwicklung mitklingt – die einer fein-fruchtigen Zitrik, eben-
falls eher grün, fast unreif. Sie changiert um die hellgrünen,
grasigen Vetivernoten herum und bildet natürlich einen
weiteren reizvollen Gegensatz zu den rauchigen Vetiver-
Aspekten…
Jetzt wurde der Stift auf Seite gelegt.
Dann griff die Hand des jungen Mannes erneut nach Vetyverio
und der freute sich – schon wieder sollte er versprüht werden.
War das nicht ganz außerordentlich?
Aber stattdessen wurde er ein Stück durch’s Zimmer getragen
und dann in einen Schrank gestellt, die Tür quietschte, Rumms
machte es, dann war sie zu und Vetyverio stand im Dunklen.
Langsam gewöhnten sich seine Moleküle an das spärliche
Restlicht und er merkte, dass er nicht allein war.
„Willkommen auf dem Friedhof der Dufttiere“,
sagte ein klotziger Herr ganz in schwarz gekleidet, der sich
als Encre Noir vorstellte.
„Ach, du alte Iso-E-Super-Schleuder, mach dem Neuen doch
nich‘ gleich Angst…“
Der das sagte, trug auch von Kopf bis Fuß Schwarz, war aber
schlanker und nannte sich Antaeus.
„Aber Onkel Noir, ist das denn Euer Ernst?“, fragte Vetyverio
kleinlaut.
„Ach gib‘ nichts auf den, der riecht sich selber gern und ist
gar nicht so grimmig wie er tut…“, sagte Antaeus. „Aber eins
stimmt schon, viele von uns kommen hier monatelang nicht
mehr raus… man gewöhnt sich dran!“
„Oh je…“, sagte Vetyverio.
„Ach was, wir sind hier fast 40 Mann! Bzw. Frau!“
Der gut aussehende, abenteuerlich-optimistische lächelnde
Devin rückte näher an Vetyverio heran.
Oder bildete es sich das nur ein?
„Wir sind hier eine ganz lustige Gesellschaft, du wirst schon
sehen…“ ergänzte Devin forsch.
„Ja, ja, vor allem ihr K.R.s, ihr seid ja eh ‘ne Sorte für sich,
aber ‘ne liebenswerte, find‘ ich“, sagte Frau Diorissimo.
„Was heißt denn K.R.?“, fragte Vetyverio.
„Na, das sind die Kaum Reformulierten, eine Kaste für sich,
aber zum Glück alle sehr lieb. Die Bernard-Chant-Kinder
zum Beispiel. Ich gehör‘ ja leider nicht dazu…“ Ein Seufzer des
Bedauerns löste sich von Diorissimos Sprühkopf.
„Aber man gewöhnt sich dran!“ rief von hinten Herr Fahrenheit.
„Heut‘ Abend laden übrigens die Hèrmes-Düfte zum Faubourg
St.Honorè-Schwänke-Lauschen ein…“
„Da musst du auch dabei sein, du cremiger Neuling!“, rief
der quirlige Lalique White, „du hast doch noch nichts vor?“
„Äh, nein, nicht direkt…“
„Gut, gut, ich würde mich freuen, wenn Sie… oder darf ich
„du“ sagen…?“
Vetyverio erschrak ein wenig. Aber nett war er ja, der White.
Oder war es die White?
Na ja, spielte das eine Rolle?
Jedenfalls war hier drin wenigstens bisschen was los.
Er würde das Beste draus machen müssen.
War das wohl diese „Lebenskunst“, von der Jaipur immer
gesprochen hatte? Damals im Laden?
Wie schön war es da doch gewesen, hell und freundlich,
voller Leben und neugieriger Menschen.
Wie lange das schon her zu sein schien.

Aber seine herbe Vetiver-Ader und seine souveräne Rosigkeit
würden schon helfen, mit der Situation fertig zu werden.
Und vielleicht, wer weiß, käme sein Besitzer ja irgendwann
auf die Idee, ihn mal wieder hervorzuholen.
Davon würde Vetyverio von jetzt an träumen.
39 Antworten
Nocturne
Diese bescheuerten Berghain-Nächte.
Anselm konnte die Typen nicht mehr sehen und die Musik
nicht mehr hören. Er war ja nur wegen ihr noch geblieben –
irgendwie kam sie ihm seltsam bekannt vor, fast wie aus einem
anderen Leben. Sie hatte sich ihm nur kurz vorgestellt als
„das Freifräulein Lena von Hallmackenreuther“ und ihm dann
eine kleine, wie sie sagte „homöopathische Kräuterkugel gegen
Ohrenpfeiffen“ gegeben. Er war davon geeilt, um ihr aus der
Panoramabar geschwind einen Bailey’s zu holen. (Mancher
Leser mag Anselm ja vielleicht noch aus den seltsamen
Geschichten zu Knize Two und Aromatics Elixir kennen)
Als er zurückkam, da war sie verschwunden.

Bald darauf stand er auf der Rüdersdorfer Straße, schlug sich
den Kragen hoch und bog auf gut Glück in die Wedekind Straße
ein. Es gab ein paar Lokale, wo er sie vielleicht finden könnte.
Nebel lag über Berlin, nur ein paar Krähen waren wie er noch
so spät unterwegs.
An der nächsten Ecke ging er Richtung Comeniusplatz und stand
plötzlich vor einer Kneipe, die er noch nie zuvor gesehen hatte.
Vielleicht ist sie genau hier - Mädels lieben doch neue Lokale,
dachte er.
Wacker öffnet er die Tür und trat flink ein.

Wenig Licht und wenig Luft gab’s hier und doch umwehte
ihn etwas Seltsames, so dass ihm mit jedem Schritt etwas
sonderbarer zumute wurde. Er setzte sich an den erstbesten
freien Tisch und lehnte sich zurück.
Da beugte sich jemand aus dem Wandschatten vor und
mit Schrecken stellte er fest, dass hier ja doch jemand saß.

„Ei, was will er denn um diese Stunde noch hier in der Schank-
stube, sucht er am End‘ gar wen?“, schnarrte die Gestalt.
Sie trug einen dunklen Pudermantel, nur einen Teil des Gesichts
konnte Anselm sehen, bärtig war es und ein paar seltsam
grünlich leuchtende Augen blitzten daraus hervor.
„Ich, äh, nein, gewiss nicht, nur…“
„Papperlapapp! Ich weiß ja, wen er sucht! Ich warne ihn!“
Bei diesen Worten hob er einen Zeigefinger empor, blaue
Flämmchen schossen aus ihm herfür und erloschen erst kurz
vor Anselms Brust.
„Weiß er denn nicht, dass Lena längst dem alten Geheimrat
Seidelbast versprochen ist, der reich ist wie ein Pfeffersack,
und dass jeder törichte Musikus und Compositör, wie er
einer ist, es mit mir zu tun bekommt, wenn er um sie buhlt…?“
„Ich weiß gar nicht, wovon Sie sprechen…“
Jetzt beugte sich sein Gegenüber zu ihm vor, das Leuchten
seiner Augen wurde fast blendend – da trat eine weitere
Gestalt an den Tisch. Sie trug einen geblümten Morgenrock,
und Anselm erkannte sie trotz seiner Aufgeregtheit sofort -
niemand anders war‘s als sein guter Onkel Nelson G, den er
irgendwie fast vergessen hatte, obgleich er ihn sehr mochte,
auch wenn er zuweilen seltsam wirken mochte, ja manchmal
gar wie ein Magus.
In der Hand hielt er einen eckigen Flakon, aus dem er nun
einige Mal munter in die Luft und auf ihn sprühte.

Ein wundersam warmwürziges Odeurchen breitete sich rasch
aus, ein wenig süß, ein wenig auch an Wald und Holz erinnernd.
Es lag etwas Verspieltes und etwas Ernstes darin, etwas Vertrautes
und zugleich Fremdländisches, wie ein eingeschlossener Zauber,
der jetzt frei heraus durfte.
Dem Unheimlichen behagte das gar nicht, murrend stand er auf
und zog sich in die Tiefe des Lokals zurück – dabei zischte er
„Das werd‘ ich ihm schon noch heimzahlen, wart‘ er’s ab…!“
„Schnickschnack, troll‘ er sich nur“, rief der Onkel und lachte.
Der Duft erfasste Anselm immer mehr, es ward ihm warm ums
Herz, die Furcht verblasste ganz. Ein wenig Zimt glaubte er wahr-
zunehmen, etwas feine Gewürznelke und dann wieder eine
geradezu betörende Blumen- und Rosennote, wie von feinsten
Schlossrosen, die er einst zu einem Strauß gebunden hatte.
Auch ein ruhiges märchenhaftes Tannenaroma mischte sich
in den merkwürdigen Duftdunst, der stärker war als der ganze
Kneipenmief. Nach nahem Herd mocht‘ es wohl riechen und
nach fernen, exotischen Ländern, nach Abenteuern und gar
nach schönen Damen aus 1001er Nacht.
„Ach, Onkel“, sprach er, „wie gut dass ihr da seid! Seid ihr wohl
gekommen um mir diesen trefflichen Duft zu überlassen?“
„Was würde er denn schon damit anfangen können, als der
kleine Schalksnarr, der er nun einmal ist und bleibt?“
„Ich könnt‘ aber doch vielleicht das Fräulein Lena damit
gewinnen, ich sprüh’s mir etwan auf den Shawl und überlass‘
ihn dann ihr, dass sie an mich denkt und in Lieb‘…
„Ach was, törichte Possen! Ein dummer Kinderglauben ist‘s,
mit Duftparföngs Frauenzimmer gewinnen zu können.“
„Aber, lieber Onkel, ich dacht‘ ja nur, weil auf eurem
Fläschlein „J H L“ steht, was ja doch wohl nur heißen kann:
„J-a H-eirate L-ena!“
„Die drei Buchstaben – sie mögen allerlei bedeuten, für dich
heißen sie aber „J-eden H-eilt L-iebe“, sagte der Onkel,
„und zwar in deinem Falle am ehesten die Liebe zur Musik.
Ich werd‘ dir aber etwas verraten…“ Er sprach jetzt recht
eindringlich und voller Wärme zu ihm.
„Ja, bitte, guter, bester Onkel, sprich nur…“
„Nun - lass den Duft nur auf dich wirken und saug‘ aus ihm
die trefflichsten Ideen für eine Composition auf der Laute
oder dem Pianoforte – und diese schenke dann nur deiner
Herzensdame!“
Mit diesen Worten übergab er ihm den Flakon.
„Oh, das klingt gut…“, rief Anselm voller Feuer und sprühte
sich gleich noch tüchtig etwas auf den Wams.
„Magst du denn meinem Rate auch alsbald Folge leisten?“
„J-a, H-ab‘ L-ust!“, antwortete Anselm zur seiner eigenen
Verwunderung, „das mögen wohl die Lettern heißen.“
„J-etzt H-urtig L-os!“, erwiderte der Onkel und lachte.
Anselm stand auch brav auf und ging zur Türe, wo er sich noch
einmal umdrehte, um seinem Onkel zu winken. Aber der war
schon verschwunden, am Tisch saßen lediglich eine Meerkatze
und eine Eule, ganz ins Kartenspiel Doppel-Oud vertieft.
Von seiner Brust stieg erneut eine Duftwelle empor, irisierend,
zimtig, würzig, pudrig, wild und dabei weich und rund, sowohl
von feiner Süße als auch wieder ins Herbe wechselnd, holzig
und blumig-rosig vermischend, durchzogen von Vanille-Rauch,
der wieder umsprang zu nach Birken duftendem Balsam und
milchigem Sandelholz-Aroma, ganz wie in einem Caleidoscpium.

Kaum dass er die Türklinke berührte, wurd‘ ihm noch sonder-
barer zu Mute als es beim Eintreten der Fall war, aber er ging
doch rasch über die Schwelle. Ein Weltkriegs-Rauschen, Klingen,
Staub, Taufwasser lief in den Kindergarten, er durfte den Tisch
decken und stolz sein die Kommunionsuhr bist du groß geworden
zeigte sein Abitur schon Kinorücksitzknutschen erste Wohnung
Krach Stimmgerät Quietsch Wirrwirbel…

Und dann stand er wieder draußen.

Als er die Straße hinab stapfte, da setzte wie eine weich
eingeblendete Melodie ein sanfter Regen ein, erzeugte auf der
Markise eines Sonnenstudios einen fein synkopierten Rhythmus
und zeichnete kleine Muster auf das Pflaster, wie Noten sahen
sie aus, leicht und elegant und nur scheinbar willkürlich.
24 Antworten
In geheimer Mission.
Vorsichtig schob er den Warp-Regler der Z-51 auf 1982.
Ein sanfter Ruck war die Folge, sonst schien wenig zu
passieren. Er lehnte sich in den mittelbequemen Ledersitz
zurück und nahm sich ein paar Erdnüsschen aus der
mittel aufregend designten Mittelkonsole.
Fast drei Jahre machte er jetzt schon diesen Job. Immer
noch fürs gleiche Geld, immer noch ohne erkennbare
Karriereaussichten. Und ohne jede Aussicht auf ein wenig
Ruhm. Nicht mal einen neuen Timeglider gaben sie ihm,
etwa den schnittigen Z-91c oder wenigstens den Z-71.
Nein, immer noch diese alte Gurke.
Und jetzt dazu dieser nicht gerade einfache Auftrag.
„ZINO rausholen“, hatte der knappe Befehl auf dem sich
selbst vernichtenden Bierdeckel nur gelautet. „Es droht
Gefahr für den Duftfrieden!“
Und er wusste, was das bedeutete.
Er machte das ja nicht zum ersten Mal.
Weshalb er auch wusste, dass dieser ZINO kein einfacher
Fall war.
Die Landung verlief einigermaßen sanft, nur den genauen
Zeitpunkt konnte er nicht ablesen, da die Borduhr schon
lange festhing, sie zeigte nur die Jahrezeit – Herbst.
Der Landepunkt war gut gewählt – er versteckte die Z-51
hinter einem Hollerbusch und schaltete die Tarnoptik ein.
Kurz darauf schlenderte er lässig eine kleine Geschäftsstraße
hinunter, bekleidet mit einem roten Knautschlackmantel
und Fransenstiefeln. Na ja, eher 70er, die Ausstattungsstelle
für Zeitagenten war auch nicht mehr, was sie mal war.
Zum Glück hatte er ein mittels Quellen, die hier noch nicht
mal angedeutet werden dürfen, ein Dossier erstellt, dass ihm
jetzt helfen sollte, ZINO zu finden.
Schneller als erwartet fand er die Diskothek „Marquis“,
über der die kleine Wohnung lag – ZINOs geheimer
Schlupfwinkel in diesem Zeitwinkel.
Über den Hinterhof ins Treppenhaus, erster Stock, kurz Ohr
an die Tür, lautlos und schnell das Schloss öffnen – Routine.
Und dann hinein. Zwei Räume. Schnell gecheckt.
Ausgeflogen der Vogel.
Er hatte es im Grunde nicht anders erwartet.
Aber – sein Geruch lag noch in der Luft. Und das war viel wert.
Er hatte ihn lange genug studiert um seine Bestandteile
schnell zu erkennen. Da waren klar Elemente der fruchtig-
würzigen Eröffnung, die aber schon eine Ahnung von dunkler
Rose, auch von Rosenholz verriet. Und jetzt, hier im Jahr 82,
war auch etwas von einer bitteren Note zu ahnen, die man
ihm in der Zentrale als „Kamel bis Kamelschweiß-verwandt“
angekündigt hatte. Er hatte das für übertrieben gehalten und
fand es auch jetzt theatralisch überhöht. Ja, da war etwas Zart-
bitteres, aber doch nichts wirklich Animalisches. Im Gegenteil -
er vernahm sogar einen Barbershop-Vibe, nicht vordergründig,
aber mitspielend im Ganzen, geprägt von Lavendel und gut
balancierter Bergamotte. ZINO schien ihm noch ungewöhnlicher,
als er erwartet hatte – er spielte souverän herum, gab sich
zugleich als orientalisch und britisch im Sinne von holziger,
Vintage-würziger Gentlemen-Club Atmosphäre aus. Locker.
Und weltläufig. Ja das war das Wort.
Und sein Grundcharakter verwandelte nicht ungewöhnliche
Anlagen – Patchouli, Sandelholz, Zeder, etwas Vetiver -
in eine einzigartige, weich-würzige Aura, die von irgendwoher
etwas Süße erhielt. Woher genau - das blieb rätzelhaft, aber
diese leicht süß-pudrige Eleganz war seine eigentliche
Geheimwaffe. Mit Begriffen wie Benzoe oder Tonka nicht so
einfach zu erklären. Wie so oft war hier das Ganze mehr
als die Summe der Einzelteile.
Nur leider half das alles nichts.
Er musste ihn irgendwie finden.

Ziemlich ratlos stand er wieder auf der Straße.
Da tippte ihm jemand von hinten auf die Schulter.
Vorsichtig drehte er sich um – und grinste.
Er hatte schon vermutet, dass sie noch jemanden hinterher
schicken könnten, aber nicht so schnell.
Und nicht sie.
Es war Barbie Q – die zwar noch nicht lange als feste Zeitagentin
für die Zentrale arbeitete, aber als knallhart galt.
Als freie Agentin hatte er schon öfter mit ihr zu tun gehabt.
Schwarzer Leder Catsuit mit breiten Schulsterpolstern,
weiße Fiorucci-Schuhe und Aerobic Knöchelwärmer.
Stand ihr gut.
„Hallo Stanley… schön dich zu sehen.“
„Hi Barbie…“
Sie roch nach Cuir de Russie, perfekt verblendet mit etwas
Rostbratwurst.
„Deinen letzten Job hast du nicht übel erledigt“, sagt er.
Sie schenkte ihm einen ihrer berühmten Perl-Lächler.
„Danke!“
2 Monate war sie bei der Ifra eingeschleust und lebend wieder
rausgekommen. Und zwar mit wertvollen Informationen.
Mit einem Mal fuhr sie ihm mit der Nase an den Hals, schwenkte
darüber, erst eine Seite, dann die andere, wieder zurück -
es dauerte höchstens eine Minute. Oder vielleicht zwei.
Höchstens drei.
„Aramis 900…“, sagte sie, „Geschmack hast du ja.“

„Kann ich mal ihre Papiere sehen?“
Sie hatten ihn gar nicht bemerkt, den Uniformierten, der sich
jetzt bullig vor ihnen aufpflanzte. Er begann mit Stanley.
„Name?“
„Mein Name ist Drauf. Stanley Drauf.“
„Wie schön für Sie, ständig drauf zu sein…“
„Witzbold!“
Am liebsten hätte Stanley ihm sofort ein paar Doubletten
verpasst. Aber der Typ sah etwas kräftig aus. Und natürlich
spürte er sofort, dass dies kein echter Bulle war.
Falsche Naht an der Hose, verräterische Schnürsenkel. Mieser
Fake-Eichenmoss-Geruch. Zum Glück waren diese Ifra-Agenten
in mancher Hinsicht nicht schlauer als Knäckebrot.
Und dann ging alles sehr schnell.
Blitzschnell sprühte Barbie dem Bullen etwas Kouros ins
Gesicht, der sackte gleich zusammen.
„Da – er hat ihn im Auto!“, rief sie und hechtete auch schon
davon.
Sie war leider gut.
In wenigen Sekunden hatten sie ZINO befreit und waren
auch schon wieder an der Z-51, die als kaputter Einkaufswagen,
gefüllt mit leeren Farbdosen, getarnt war.
Die Rückfahrt war angenehm, denn die Z-51 war eher eng.
Kaum zurück in der Gegenwart, fertigten sie zusammen das
Duft-Dossier für die Zentrale an:
„ZINO-Profilnotiz Normalnull/Jetztzeit:
Bergamotte-Noten untermalt von dunklen Rosen,
etwas Lavendel und Salbei frischen auf, etwas leiser im
Einstieg als im Rückführjahr, aber nicht schwach.
Bald erste Orientalik auf ganz eigene Art.
Sandelholz- und Zeder-Weichheit.
Mit Patch und Vanille verschmilzt alles zu einer herb-süßen,
fast buttrigen Aura, zeitlos cosy und unbehäbig-gemütlich.
Ein unverwechselbarer Charakter. Eher sexy als sediert.
ZINO lebt!“

„Nicht schlecht…“, sagte Nr.2, als sie ZINO in der Zentrale
präsentierten, „wirklich nicht übel.“
Und das war nun wirklich das höchste Lob, das von ihm
zu haben war.
„Macht einen guten Eindruck, der Junge…“, ergänzte er,
„nicht gerade modern, fast schon altmodisch, aber noch gut…“
„Nur wenige Dinge sind so altmodisch, wie der Wunsch,
modern zu sein“, murmelte Stanley. Aber nur ganz leise,
denn er wollte seinen geplanten Luxusurlaub mit Barbie Q
nicht auf‘s Spiel setzen. Er wusste schon genau, wo es hin
gehen sollte. Er kannte da ein Erlebnisbad im Sauerland.
Mit künstlichen Hollerbüschen. Dekadent auf der Liege
lümmeln… Fritten holen… Barbie mit Vol de Nuit den Nacken
massieren… Fassbrause schlürfen…
„Stanley…?“
Nr. 2 riss ihn jäh aus seinen Träumen.
„Äh…ja…?“
„Grad kommt ein sehr dringender Fall rein! Seien Sie morgen
Abend im Gasthaus „Maulwurf“. Alles weitere auf Bierdeckel!“,
riss ihn Nr. 2 mit metallischer Stimme aus seinen Träumen.
„Aber ich wollte…“
„Nichts aber! Es geht um die westliche Welt, wie wir sie
kennen. Ich sage nur Mu… nein, ich sage lieber gar nichts,
wer weiß, ob nicht sogar hier die Wände Ohren haben...“
Barbie stieß Stanley sanft in die Seite.
„Schon gut, Nr. 2, er wird da sein!“
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Aufbruch.
Seltsam, wie anders die Rue du Thouron an diesem Morgen
wirkte.
Jetzt, wo sie sich entschlossen hatte, all das hinter sich zu
lassen, sahen die vertrauen Wege auf einmal so anders aus.
Die ganze Stadt kam ihr noch kleiner als sonst vor.
Den Boulevard du Jeu de Ballon überquerte sie schnell und
ein Stück unterhalb der Schule, an der sie schon in wenigen
Wochen anfangen sollte.
Aber dazu würde es nicht kommen, sie hatte ihre eigenen
Pläne. Und dazu zählte nicht, in die Fußstapfen ihres Vaters
zu treten. Oder sich von der uralten Tradition des Städtchens
einfangen zu lassen.
Sie wollte frei sein. Ihre eigenen Erfahrungen machen und sich
die Welt oder doch ein Stückchen davon um die Nase wehen
lassen.
Mit der Nase hatte sie die Welt schon immer am liebsten
entdeckt. Als kleines Mädchen mit ihrer Mutter auf den Lavendel-
feldern oder in den Hügeln von Tanneron, wenn die Mimosen
blühten, in der Küche der Großmutter beim Backen, in den
Straßen und Geschäften, in Kellern und Kirchen, an Kleidern,
Büchern, Buntstiften, an Blumen und Bäumen wie an Möbeln,
und auch im Arbeitszimmer ihres Vaters.
Wer weiß – vielleicht würde sie sogar Musikerin? Erst mal
nach Paris, dann weiter nach London, wo im Moment so
viel Neues passierte, wo aus Punk New Wave wurde.
Ihr Rucksack kam ihr nicht schwer vor, sie hatte ja nur das
Nötigste eingepackt und dazu ihre gesamten Ersparnisse dabei.
Entspannt steckte sie die Hände in die Taschen - und fühlte
etwas Kleines, Rundes, das sich irgendwie vertraut anfühlte.
Sie zog es hervor und hielt es auf der flachen Hand ins
Morgenlicht. Ein kleines Parfumröhrchen, auf dem in
feinen Lettern „Mitsouko“ stand.
Natürlich sagte ihr das etwas. Aber, obwohl sie viele Parfums
kannte, war sie nicht sicher, ob sie dieses schon mal
gerochen hatte. Wie kam es nur in ihre Tasche?
Etwa Alain…? Doch, das konnte schon sein, er hatte sie in
letzter Zeit öfter angesprochen und außerdem passte so was
ganz gut zu ihm.
Und es passte zu ihrer Lust auf Neues, zu ihrer euphorischen
Stimmung.
Mit lockerer Hand sprühte sie sich etwas rechts und links
an den Hals.
Ein leicht zitrischer, ein wenig fruchtiger und irgendwie
prickelnder Duft stieg ihr in die Nase und verband sich perfekt
mit ihrer freudigen Aufgeregtheit.
Sie stand jetzt an der Bushaltestelle – denn sie hatte sich
für die preiswertere Variante entschieden - es dauerte
länger, aber der Zug nach Paris kostete das Doppelte.
Eine leichte Herbheit machte sich jetzt in der Duftwolke
bemerkbar, auch etwas Rau-Blumiges und Pflanzlich-Würziges,
das merkwürdig mit der leichten Wehmut harmonierte, die
in ihr aufstieg, während sie auf den Bus wartete, der sie
weit wegbringen sollte von allem, was ihr vertraut war.

Sie saß am Fenster, ganz hinten im Bus, der jetzt durch die
bergige, von der Morgensonne überglänzte Landschaft glitt.
War ihre Entscheidung richtig? Die Frage tauchte in ihr auf,
ohne, dass sie es wollte. Paris kannte sie nur wenig und
London überhaupt nicht. Beide Städte waren unendlich viel
größer als ihre kleine verträumte Heimatstadt.
Eine fast strenge Würze mischte sich jetzt unter die Blumen,
bei denen sie auf Flieder tippte, dazu auf Jasmin, etwas wilde
Rose wohl auch.
Überhaupt herrschte schöne Unordnung im Duft, denn die
Fruchtigkeit hatte sich bald als Pfirsich oder auch Pfirsich-
kompott mit Zimt herausgestellt.
Und zwar vermischt mit den ungezähmt wirkenden Blumen.
Die Würze, die an trockene Kräuter erinnerte, verwies
die Blumigkeit bald in ihre Schranken, so dass ihr der Duft
jetzt fast männlich vorkam.
Nein, da war nichts Lieblich-Versöhnliches, kein „Na gut,
ihr wisst schon was das Beste für mich ist…“
Natürlich war ihre Entscheidung richtig. Sie würde ihren
eigenen Weg gehen. Und nicht brav auf diese Schule, nur
weil schon ihr Vater bei Roure war und überhaupt jeder
zu wissen schien, was gut für sie war.
Mit einem Mal meldete sich der Pfirsich zurück.
Fast balsamig wirkte er jetzt, die Blüten und Gewürze wirkten
weniger streng, weniger autoritär, offener.
„Du hast das doch selbst unter Kontrolle“, schienen sie zu
sagen, „du kannst das, du wirst es ihnen zeigen.“

Irgendwann war sie eingenickt, das gleichmäßige Schaukeln
und die kraftvoller gewordene Sonne hatten ihre Wirkung
getan.

Als sie die Augen wieder aufschlug, wusste sie erst weder,
wo sie war noch wie lange sie geschlafen hatte.
Dann entdeckte sie ein Schild: Paris 625km. Kein Hinweis auf
den nächsten Ort, aber die exakte Entfernung in die Hauptstadt.
Als ob alle Wege nur ein Ziel kannten.
Sie fühlte sich jetzt ausgeschlafener, aufmerksamer.
Und auch der Duft schien ihr noch munterer.
Da war etwas zu erkennen, dass sie in einem Parfum so
nicht kannte. Es war wie etwas Lebendiges, eine Spannung,
die aus Kontrasten entstand.
Man konnte es nicht kontrollieren, das Parfum schien das
selbst zu tun.
Da war die fast barsch-herrische Strenge, herb-würzig, rau,
ungezähmt. Und eine balsamisch-weiche, mal moosige,
mal vanillig-holzige, auch kandiert-fruchtige, anschmiegsame
Tiefe, vor der sich Rauheit und Strenge relativierten.
Mal schien eines, mal das andere zu dominieren.
Obwohl ihr die balsamisch-weiche Seite die Liebere war,
fand sie Mitsouko unglaublich. Sie fühlte, dass der Duft
vielleicht nicht ganz ihr Herz erobert hatte, aber zu 100%
ihren Kopf. Und ihr war klar, dass viele mit Mitsouko
Schwierigkeiten haben könnten.
Sie allerdings konnte das Ganze überblicken und so die
kunstvolle, raffinierte Qualität der Komposition mühelos
erkennen.
Sie näherten sich Montélimar. Wie der Duft hatte die
Landschaft liebliche und schroffe Seiten.
Galt es nicht für so vieles?
Dass ein Parfum so etwas ausdrücken konnte, war ihr neu.
Es spielte mit hell und dunkel - was nicht hieß gut und schlecht.
Beides war gleichwertig, wie Tag und Nacht.
Hatte es so einen Duft schon mal gegeben?
Sie kannte vielleicht nicht genug Parfums, um es zu wissen.
Aber sie spürte eine große Lust, selbst neue Duftwege
auszuprobieren. Gingen nicht zu viele Parfums, meist von
Männern ausgedacht, immer die gleichen Wege?
Könnte man nicht versuchen einen Duft zu schaffen,
der sich noch mehr auf die dunkle Seite schlug – nicht böse,
sondern spielend mit weicher, umhüllender Tiefe,
wie es manche Vetivers oder Hölzer konnten, dunkel,
aber auch glänzend, wie die Nacht an einem See oder
irisierende schwarze Tinte. Und gab es nicht noch mehr
Möglichkeiten? Sensitive Düfte, mit Eigenleben, Düfte,
die mit Klischees von weiblich und männlich spielten…
Sie griff nach dem kleinen Flakon und sprühte sich erneut
etwas auf. Sanft stieg der Duft zu ihr empor, fast frech,
prickelnd, aber harmlos tuend.
Mitsouko schien leise vor sich hin zu singen:
„Ich weiß, dass mehr in mir steckt…“
In Montèlimar rollte der Bus in eine Seitenbucht der Avenue
Jean Jaurès, wo er Aufenthalt hatte. Auf der gleichen Seite
gab es einen kleinen Laden, wo man sich Proviant holen konnte.
Die meisten Passagiere stiegen aus, auch sie erhob sich
von ihrem Sitz und trat hinaus in die warme,
südfranzösische Nachmittagssonne.
Den Rucksack hatte sie mitgenommen.
Sie warf einen kurzen Blick zu dem Laden, aus dem die ersten
Fahrgäste mit Baguettes heraustraten.
Dann warf sie sich mit Schwung ihren Rucksack über die
Schulter, überquerte die Avenue Jean Jaurès und ging
hinunter in Richtung Rue de Grèzes, wo die Haltestelle des
Gegenbusses war, der wieder zurück nach Grasse fuhr,
zurück in ihre Zukunft.
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