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J•H•L (Cologne) von Aramis

J•H•L 1982 Cologne

Siebenkäs
26.11.2021 - 08:54 Uhr
30
Top Rezension
9.5Duft 8Haltbarkeit 8Sillage 8Flakon

Nocturne

Diese bescheuerten Berghain-Nächte.
Anselm konnte die Typen nicht mehr sehen und die Musik
nicht mehr hören. Er war ja nur wegen ihr noch geblieben –
irgendwie kam sie ihm seltsam bekannt vor, fast wie aus einem
anderen Leben. Sie hatte sich ihm nur kurz vorgestellt als
„das Freifräulein Lena von Hallmackenreuther“ und ihm dann
eine kleine, wie sie sagte „homöopathische Kräuterkugel gegen
Ohrenpfeiffen“ gegeben. Er war davon geeilt, um ihr aus der
Panoramabar geschwind einen Bailey’s zu holen. (Mancher
Leser mag Anselm ja vielleicht noch aus den seltsamen
Geschichten zu Knize Two und Aromatics Elixir kennen)
Als er zurückkam, da war sie verschwunden.

Bald darauf stand er auf der Rüdersdorfer Straße, schlug sich
den Kragen hoch und bog auf gut Glück in die Wedekind Straße
ein. Es gab ein paar Lokale, wo er sie vielleicht finden könnte.
Nebel lag über Berlin, nur ein paar Krähen waren wie er noch
so spät unterwegs.
An der nächsten Ecke ging er Richtung Comeniusplatz und stand
plötzlich vor einer Kneipe, die er noch nie zuvor gesehen hatte.
Vielleicht ist sie genau hier - Mädels lieben doch neue Lokale,
dachte er.
Wacker öffnet er die Tür und trat flink ein.

Wenig Licht und wenig Luft gab’s hier und doch umwehte
ihn etwas Seltsames, so dass ihm mit jedem Schritt etwas
sonderbarer zumute wurde. Er setzte sich an den erstbesten
freien Tisch und lehnte sich zurück.
Da beugte sich jemand aus dem Wandschatten vor und
mit Schrecken stellte er fest, dass hier ja doch jemand saß.

„Ei, was will er denn um diese Stunde noch hier in der Schank-
stube, sucht er am End‘ gar wen?“, schnarrte die Gestalt.
Sie trug einen dunklen Pudermantel, nur einen Teil des Gesichts
konnte Anselm sehen, bärtig war es und ein paar seltsam
grünlich leuchtende Augen blitzten daraus hervor.
„Ich, äh, nein, gewiss nicht, nur…“
„Papperlapapp! Ich weiß ja, wen er sucht! Ich warne ihn!“
Bei diesen Worten hob er einen Zeigefinger empor, blaue
Flämmchen schossen aus ihm herfür und erloschen erst kurz
vor Anselms Brust.
„Weiß er denn nicht, dass Lena längst dem alten Geheimrat
Seidelbast versprochen ist, der reich ist wie ein Pfeffersack,
und dass jeder törichte Musikus und Compositör, wie er
einer ist, es mit mir zu tun bekommt, wenn er um sie buhlt…?“
„Ich weiß gar nicht, wovon Sie sprechen…“
Jetzt beugte sich sein Gegenüber zu ihm vor, das Leuchten
seiner Augen wurde fast blendend – da trat eine weitere
Gestalt an den Tisch. Sie trug einen geblümten Morgenrock,
und Anselm erkannte sie trotz seiner Aufgeregtheit sofort -
niemand anders war‘s als sein guter Onkel Nelson G, den er
irgendwie fast vergessen hatte, obgleich er ihn sehr mochte,
auch wenn er zuweilen seltsam wirken mochte, ja manchmal
gar wie ein Magus.
In der Hand hielt er einen eckigen Flakon, aus dem er nun
einige Mal munter in die Luft und auf ihn sprühte.

Ein wundersam warmwürziges Odeurchen breitete sich rasch
aus, ein wenig süß, ein wenig auch an Wald und Holz erinnernd.
Es lag etwas Verspieltes und etwas Ernstes darin, etwas Vertrautes
und zugleich Fremdländisches, wie ein eingeschlossener Zauber,
der jetzt frei heraus durfte.
Dem Unheimlichen behagte das gar nicht, murrend stand er auf
und zog sich in die Tiefe des Lokals zurück – dabei zischte er
„Das werd‘ ich ihm schon noch heimzahlen, wart‘ er’s ab…!“
„Schnickschnack, troll‘ er sich nur“, rief der Onkel und lachte.
Der Duft erfasste Anselm immer mehr, es ward ihm warm ums
Herz, die Furcht verblasste ganz. Ein wenig Zimt glaubte er wahr-
zunehmen, etwas feine Gewürznelke und dann wieder eine
geradezu betörende Blumen- und Rosennote, wie von feinsten
Schlossrosen, die er einst zu einem Strauß gebunden hatte.
Auch ein ruhiges märchenhaftes Tannenaroma mischte sich
in den merkwürdigen Duftdunst, der stärker war als der ganze
Kneipenmief. Nach nahem Herd mocht‘ es wohl riechen und
nach fernen, exotischen Ländern, nach Abenteuern und gar
nach schönen Damen aus 1001er Nacht.
„Ach, Onkel“, sprach er, „wie gut dass ihr da seid! Seid ihr wohl
gekommen um mir diesen trefflichen Duft zu überlassen?“
„Was würde er denn schon damit anfangen können, als der
kleine Schalksnarr, der er nun einmal ist und bleibt?“
„Ich könnt‘ aber doch vielleicht das Fräulein Lena damit
gewinnen, ich sprüh’s mir etwan auf den Shawl und überlass‘
ihn dann ihr, dass sie an mich denkt und in Lieb‘…
„Ach was, törichte Possen! Ein dummer Kinderglauben ist‘s,
mit Duftparföngs Frauenzimmer gewinnen zu können.“
„Aber, lieber Onkel, ich dacht‘ ja nur, weil auf eurem
Fläschlein „J H L“ steht, was ja doch wohl nur heißen kann:
„J-a H-eirate L-ena!“
„Die drei Buchstaben – sie mögen allerlei bedeuten, für dich
heißen sie aber „J-eden H-eilt L-iebe“, sagte der Onkel,
„und zwar in deinem Falle am ehesten die Liebe zur Musik.
Ich werd‘ dir aber etwas verraten…“ Er sprach jetzt recht
eindringlich und voller Wärme zu ihm.
„Ja, bitte, guter, bester Onkel, sprich nur…“
„Nun - lass den Duft nur auf dich wirken und saug‘ aus ihm
die trefflichsten Ideen für eine Composition auf der Laute
oder dem Pianoforte – und diese schenke dann nur deiner
Herzensdame!“
Mit diesen Worten übergab er ihm den Flakon.
„Oh, das klingt gut…“, rief Anselm voller Feuer und sprühte
sich gleich noch tüchtig etwas auf den Wams.
„Magst du denn meinem Rate auch alsbald Folge leisten?“
„J-a, H-ab‘ L-ust!“, antwortete Anselm zur seiner eigenen
Verwunderung, „das mögen wohl die Lettern heißen.“
„J-etzt H-urtig L-os!“, erwiderte der Onkel und lachte.
Anselm stand auch brav auf und ging zur Türe, wo er sich noch
einmal umdrehte, um seinem Onkel zu winken. Aber der war
schon verschwunden, am Tisch saßen lediglich eine Meerkatze
und eine Eule, ganz ins Kartenspiel Doppel-Oud vertieft.
Von seiner Brust stieg erneut eine Duftwelle empor, irisierend,
zimtig, würzig, pudrig, wild und dabei weich und rund, sowohl
von feiner Süße als auch wieder ins Herbe wechselnd, holzig
und blumig-rosig vermischend, durchzogen von Vanille-Rauch,
der wieder umsprang zu nach Birken duftendem Balsam und
milchigem Sandelholz-Aroma, ganz wie in einem Caleidoscpium.

Kaum dass er die Türklinke berührte, wurd‘ ihm noch sonder-
barer zu Mute als es beim Eintreten der Fall war, aber er ging
doch rasch über die Schwelle. Ein Weltkriegs-Rauschen, Klingen,
Staub, Taufwasser lief in den Kindergarten, er durfte den Tisch
decken und stolz sein die Kommunionsuhr bist du groß geworden
zeigte sein Abitur schon Kinorücksitzknutschen erste Wohnung
Krach Stimmgerät Quietsch Wirrwirbel…

Und dann stand er wieder draußen.

Als er die Straße hinab stapfte, da setzte wie eine weich
eingeblendete Melodie ein sanfter Regen ein, erzeugte auf der
Markise eines Sonnenstudios einen fein synkopierten Rhythmus
und zeichnete kleine Muster auf das Pflaster, wie Noten sahen
sie aus, leicht und elegant und nur scheinbar willkürlich.
24 Antworten
AxiomaticAxiomatic vor 2 Jahren
1
So eine schöne Erzählung!
SpiroErgoSumSpiroErgoSum vor 4 Jahren
Einer der einprägsamsten Düfte, die ich kenne, gar wundersam-wunderbar von Monsieur Siebenkäs ins Geschichtchen gesponnen. Riechet ihr das? Hmmm…Dank dafür und Gruß!
Brelles530Brelles530 vor 4 Jahren
2
Der gefällt mir auch total gut. Schöne Story dazu- habe ich gerne gelesen.
JackoJacko vor 4 Jahren
Krasser Bogen vom Berghain zu den Alltvorderen ;) Passt.
FlirtyFlowerFlirtyFlower vor 4 Jahren
Schöööööööönnnn. Pokal! :)
CravacheCravache vor 4 Jahren
6
Der Buchstaben-Bedeutungsremix ist so faszinierend wie die skizzierten Bilder. Grossartiger Kommentar.
ToppineToppine vor 4 Jahren
Was für eine atemberaubende Geschichte wieder! Hier ist alles drin, was Hirn und Herz erfreut. Inklusive einem 300 m Absturz mit Lebensrückschau. Der Duft ist wohl ein Testmuss! Anselm ist toll, für ihn viel Glück mit Lena und für dich einen mit Baileys gefüllten Berghain-Techno-Pokal :-)
YataganYatagan vor 4 Jahren
3
Wieder toll fabuliert! Der Duft war natürlich ein großer!
FriesinFriesin vor 4 Jahren
1
Wortmalerei und nächtliche Abenteuer -
dazu noch Aramis, Friesin glücklich!
GoldGold vor 4 Jahren
4
Zwar bin ich viel zu alt für Berghain, aber ich kann's mir vorstellen. Werde Deine Geschichte mal meiner Tochter zeigen. Die kennt sich da aus.
0815abc0815abc vor 4 Jahren
Das war wieder eine unglaubliche Reise.Danke!Was Düfte so alles bewirken,ne?Timetunnel Pokal.
MonsieurTestMonsieurTest vor 4 Jahren
1
In meiner Aramis-Collection fehlt der gewiss oberfeine JHL leider noch.
A-R-A-M-I-S: Aller Romantischster Aussergewöhnlicher Musikdichter Ist Siebenkäs :-))
Wie hier ETA Hoffmann ausm Berghain stolpert, lässt einen davon fanatsieren wie wohl (oder: voll) HeLene Hegemann ins Lutter & Wegner trudeln könnte...
StulleStulle vor 4 Jahren
Oh junger Freund! Gar köstlich haben wir uns amüsiert - nun geh' er schnell zu Bette, so druff und verstrahlt wie er mal wieder ist :DDD
FloydFloyd vor 4 Jahren
Es kann nur einen geben: Den Heckmollenreiterpokal!
PinkdawnPinkdawn vor 4 Jahren
2
Hallmackenreuther ... Ist das nicht der Bettenverkäufer bei Loriot? Ich möchte lieber nicht wissen, was in der homöopathischen Kräuterkugel gegen Ohrenpfeiffen drinnen war. Gern gelesen. Und Berghain höre ich oft, wenn ich am Computer sitz. Ich liebe Techno.
PoesiefannyPoesiefanny vor 4 Jahren
Du machst ja E.T.A Hofmann und Jeremias Gotthelf Konkurrenz, da geb ich Dir schnell eine Kontaktadresse zur Gilde der Geschichtenerzähler. Ich kenne sie nur im mittelfränkischen Raum, aber es gibt sie wohl allüberall ;-)
https://www.kubiss.de/maerchen-im-turm/
Wenn Du nicht Bücher schreibst, so schließe Dich wacker ihnen an ... schwer beeindruckt reiche ich einen Pokal herfür !
ParmaParma vor 4 Jahren
1
Du bist ein geborener Erzähler. Ein modernes Märchen, welches mit Hilfe des Duftes einen wunderbaren Zauber entfaltet. Parfum als Inspiration. Der Lebens-Zeitraffer-Film ist genial :) Ich bin gespannt, ob Anselm und Lena irgendwann zueinander finden... Nah-am-Herd-Pokal!
NuiWhakakoreNuiWhakakore vor 4 Jahren
Wenn er jetzt ganz schnell komponiert, sollte das mit Fräulein Lena klappen - aber schnell, bevor die Wirkung von JHL oder den homöopathischen Kräuterkugeln nachläßt! Toller Kommentar!
PonticusPonticus vor 4 Jahren
Eine tolle Geschichte und eine immer wieder interessante Neuinterpretierung der JHL Buchstaben! Auch die duftige Beschreibung des JHL hat mir gut gefallen, schließlich zähle ich dieses Parfüm zu meinen absoluten Lieblingen und kann Dich nur bestätigen! Feine Rezension zu einem außergewöhnlich schönen Duft!
FvSpeeFvSpee vor 4 Jahren
Hier würde ich fast sagen: Neoromantik schlägt Romantik! (Großartig!)
SchatzSucherSchatzSucher vor 4 Jahren
Ein Lesevergnügen höchster Güte und eine Geschichte gespickt mit viel Phantasie.
Berghain hat mich nie interessiert, aber J•H•L ist wirklich toll.
PollitaPollita vor 4 Jahren
Ich kannte den guten Anselm noch nicht. Was für ein sympathischer Knabe. Ich wünsche ihm, seine Lena gewinnen zu können. Bei Deiner Geschichte war ich gedanklich ein wenig bei den Zons-Kriminalromanen von Catherine Shepherd, die zum Teil in der aktuellen Zeit und zum Teil im Mittelalter spielen. und auch da gehts öfter mal um die Liebe.
TrobaidizTrobaidiz vor 4 Jahren
Eine volle Ladung märchenhafte, romantische Einfälle. Ein Genuss! 🤩 Danke und, en passant, finde ich J.H.L. auch wunderbar…
Greenfan1701Greenfan1701 vor 4 Jahren
1
Was für eine Wortgewalt Deine Geschichte hat. Ich bin sehr beeindruckt. Auch von J.H.L.