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Mitsouko (Eau de Toilette) von Guerlain

Mitsouko 1919 Eau de Toilette

Siebenkäs
15.10.2021 - 10:01 Uhr
30
Top Rezension
9.5Duft 8Haltbarkeit 7Sillage 9Flakon

Aufbruch.

Seltsam, wie anders die Rue du Thouron an diesem Morgen
wirkte.
Jetzt, wo sie sich entschlossen hatte, all das hinter sich zu
lassen, sahen die vertrauen Wege auf einmal so anders aus.
Die ganze Stadt kam ihr noch kleiner als sonst vor.
Den Boulevard du Jeu de Ballon überquerte sie schnell und
ein Stück unterhalb der Schule, an der sie schon in wenigen
Wochen anfangen sollte.
Aber dazu würde es nicht kommen, sie hatte ihre eigenen
Pläne. Und dazu zählte nicht, in die Fußstapfen ihres Vaters
zu treten. Oder sich von der uralten Tradition des Städtchens
einfangen zu lassen.
Sie wollte frei sein. Ihre eigenen Erfahrungen machen und sich
die Welt oder doch ein Stückchen davon um die Nase wehen
lassen.
Mit der Nase hatte sie die Welt schon immer am liebsten
entdeckt. Als kleines Mädchen mit ihrer Mutter auf den Lavendel-
feldern oder in den Hügeln von Tanneron, wenn die Mimosen
blühten, in der Küche der Großmutter beim Backen, in den
Straßen und Geschäften, in Kellern und Kirchen, an Kleidern,
Büchern, Buntstiften, an Blumen und Bäumen wie an Möbeln,
und auch im Arbeitszimmer ihres Vaters.
Wer weiß – vielleicht würde sie sogar Musikerin? Erst mal
nach Paris, dann weiter nach London, wo im Moment so
viel Neues passierte, wo aus Punk New Wave wurde.
Ihr Rucksack kam ihr nicht schwer vor, sie hatte ja nur das
Nötigste eingepackt und dazu ihre gesamten Ersparnisse dabei.
Entspannt steckte sie die Hände in die Taschen - und fühlte
etwas Kleines, Rundes, das sich irgendwie vertraut anfühlte.
Sie zog es hervor und hielt es auf der flachen Hand ins
Morgenlicht. Ein kleines Parfumröhrchen, auf dem in
feinen Lettern „Mitsouko“ stand.
Natürlich sagte ihr das etwas. Aber, obwohl sie viele Parfums
kannte, war sie nicht sicher, ob sie dieses schon mal
gerochen hatte. Wie kam es nur in ihre Tasche?
Etwa Alain…? Doch, das konnte schon sein, er hatte sie in
letzter Zeit öfter angesprochen und außerdem passte so was
ganz gut zu ihm.
Und es passte zu ihrer Lust auf Neues, zu ihrer euphorischen
Stimmung.
Mit lockerer Hand sprühte sie sich etwas rechts und links
an den Hals.
Ein leicht zitrischer, ein wenig fruchtiger und irgendwie
prickelnder Duft stieg ihr in die Nase und verband sich perfekt
mit ihrer freudigen Aufgeregtheit.
Sie stand jetzt an der Bushaltestelle – denn sie hatte sich
für die preiswertere Variante entschieden - es dauerte
länger, aber der Zug nach Paris kostete das Doppelte.
Eine leichte Herbheit machte sich jetzt in der Duftwolke
bemerkbar, auch etwas Rau-Blumiges und Pflanzlich-Würziges,
das merkwürdig mit der leichten Wehmut harmonierte, die
in ihr aufstieg, während sie auf den Bus wartete, der sie
weit wegbringen sollte von allem, was ihr vertraut war.

Sie saß am Fenster, ganz hinten im Bus, der jetzt durch die
bergige, von der Morgensonne überglänzte Landschaft glitt.
War ihre Entscheidung richtig? Die Frage tauchte in ihr auf,
ohne, dass sie es wollte. Paris kannte sie nur wenig und
London überhaupt nicht. Beide Städte waren unendlich viel
größer als ihre kleine verträumte Heimatstadt.
Eine fast strenge Würze mischte sich jetzt unter die Blumen,
bei denen sie auf Flieder tippte, dazu auf Jasmin, etwas wilde
Rose wohl auch.
Überhaupt herrschte schöne Unordnung im Duft, denn die
Fruchtigkeit hatte sich bald als Pfirsich oder auch Pfirsich-
kompott mit Zimt herausgestellt.
Und zwar vermischt mit den ungezähmt wirkenden Blumen.
Die Würze, die an trockene Kräuter erinnerte, verwies
die Blumigkeit bald in ihre Schranken, so dass ihr der Duft
jetzt fast männlich vorkam.
Nein, da war nichts Lieblich-Versöhnliches, kein „Na gut,
ihr wisst schon was das Beste für mich ist…“
Natürlich war ihre Entscheidung richtig. Sie würde ihren
eigenen Weg gehen. Und nicht brav auf diese Schule, nur
weil schon ihr Vater bei Roure war und überhaupt jeder
zu wissen schien, was gut für sie war.
Mit einem Mal meldete sich der Pfirsich zurück.
Fast balsamig wirkte er jetzt, die Blüten und Gewürze wirkten
weniger streng, weniger autoritär, offener.
„Du hast das doch selbst unter Kontrolle“, schienen sie zu
sagen, „du kannst das, du wirst es ihnen zeigen.“

Irgendwann war sie eingenickt, das gleichmäßige Schaukeln
und die kraftvoller gewordene Sonne hatten ihre Wirkung
getan.

Als sie die Augen wieder aufschlug, wusste sie erst weder,
wo sie war noch wie lange sie geschlafen hatte.
Dann entdeckte sie ein Schild: Paris 625km. Kein Hinweis auf
den nächsten Ort, aber die exakte Entfernung in die Hauptstadt.
Als ob alle Wege nur ein Ziel kannten.
Sie fühlte sich jetzt ausgeschlafener, aufmerksamer.
Und auch der Duft schien ihr noch munterer.
Da war etwas zu erkennen, dass sie in einem Parfum so
nicht kannte. Es war wie etwas Lebendiges, eine Spannung,
die aus Kontrasten entstand.
Man konnte es nicht kontrollieren, das Parfum schien das
selbst zu tun.
Da war die fast barsch-herrische Strenge, herb-würzig, rau,
ungezähmt. Und eine balsamisch-weiche, mal moosige,
mal vanillig-holzige, auch kandiert-fruchtige, anschmiegsame
Tiefe, vor der sich Rauheit und Strenge relativierten.
Mal schien eines, mal das andere zu dominieren.
Obwohl ihr die balsamisch-weiche Seite die Liebere war,
fand sie Mitsouko unglaublich. Sie fühlte, dass der Duft
vielleicht nicht ganz ihr Herz erobert hatte, aber zu 100%
ihren Kopf. Und ihr war klar, dass viele mit Mitsouko
Schwierigkeiten haben könnten.
Sie allerdings konnte das Ganze überblicken und so die
kunstvolle, raffinierte Qualität der Komposition mühelos
erkennen.
Sie näherten sich Montélimar. Wie der Duft hatte die
Landschaft liebliche und schroffe Seiten.
Galt es nicht für so vieles?
Dass ein Parfum so etwas ausdrücken konnte, war ihr neu.
Es spielte mit hell und dunkel - was nicht hieß gut und schlecht.
Beides war gleichwertig, wie Tag und Nacht.
Hatte es so einen Duft schon mal gegeben?
Sie kannte vielleicht nicht genug Parfums, um es zu wissen.
Aber sie spürte eine große Lust, selbst neue Duftwege
auszuprobieren. Gingen nicht zu viele Parfums, meist von
Männern ausgedacht, immer die gleichen Wege?
Könnte man nicht versuchen einen Duft zu schaffen,
der sich noch mehr auf die dunkle Seite schlug – nicht böse,
sondern spielend mit weicher, umhüllender Tiefe,
wie es manche Vetivers oder Hölzer konnten, dunkel,
aber auch glänzend, wie die Nacht an einem See oder
irisierende schwarze Tinte. Und gab es nicht noch mehr
Möglichkeiten? Sensitive Düfte, mit Eigenleben, Düfte,
die mit Klischees von weiblich und männlich spielten…
Sie griff nach dem kleinen Flakon und sprühte sich erneut
etwas auf. Sanft stieg der Duft zu ihr empor, fast frech,
prickelnd, aber harmlos tuend.
Mitsouko schien leise vor sich hin zu singen:
„Ich weiß, dass mehr in mir steckt…“
In Montèlimar rollte der Bus in eine Seitenbucht der Avenue
Jean Jaurès, wo er Aufenthalt hatte. Auf der gleichen Seite
gab es einen kleinen Laden, wo man sich Proviant holen konnte.
Die meisten Passagiere stiegen aus, auch sie erhob sich
von ihrem Sitz und trat hinaus in die warme,
südfranzösische Nachmittagssonne.
Den Rucksack hatte sie mitgenommen.
Sie warf einen kurzen Blick zu dem Laden, aus dem die ersten
Fahrgäste mit Baguettes heraustraten.
Dann warf sie sich mit Schwung ihren Rucksack über die
Schulter, überquerte die Avenue Jean Jaurès und ging
hinunter in Richtung Rue de Grèzes, wo die Haltestelle des
Gegenbusses war, der wieder zurück nach Grasse fuhr,
zurück in ihre Zukunft.
19 Antworten
Greenfan1701Greenfan1701 vor 4 Jahren
Und wieder eine wundervolle Geschichte, die ich immer wieder lese, weil sie mir so gut gefällt. Herzlichen Dank dafür.
StulleStulle vor 4 Jahren
1
Neeeein, bloß nicht zurück!!
Obwohl, wenn es für ein tolles Parfüm ist, kann man eventuell die güld'ne Zukunft auf's Spiel setzen... ;)
Die schöne Unordnung gefällt mir, den Duft habe ich - wie so einige Guerlain-Klassiker - nocht nicht getestet, aber auf der Testliste. Ein Pokal sei abgestellt.
GoldGold vor 4 Jahren
Nathalie Lorson... n'est-ce pas ? Du komponierst so feine Geschichten wie sie Parfums.
JackoJacko vor 4 Jahren
Schöne Erzählung. Im Prinzip spiegeln Grasse und Paris die Parfumgeschichte wider.
TtfortwoTtfortwo vor 4 Jahren
Was für eine traumschöne Entscheidungsreise. Mitsouko und ich reisen ja auch schon einige Jahrzehnte miteinander, wir kennen uns ganz gut, könnte man sagen. Und doch entdecken wir immer noch neue Details an uns. Deine traumschöne Miniatur sollte man ebenfalls mehrmals lesen, der Details wegen. Sehr schön, lieber Herr Siebenkäs.
MonsieurTestMonsieurTest vor 4 Jahren
Seltsamerweise bin ich als Gerlinist mit Mitsouko immer noch nicht wirklich befreundet... Mit Deiner fabelhaften, sinnlich anschaulichen Duft(macherin)geschichte freilich sofort.
Klasse Kommentar!
MicscentMicscent vor 4 Jahren
1
Wunderbare Geschichte zu einem wunderbaren Duft! Vielen Dank!
CravacheCravache vor 4 Jahren
Eine wunderbare Reise durch den Duft. Ein ganz wunderbarer Duft für mich, sowohl in der EdT als auch der EdP-Version.
NeverthelessNevertheless vor 4 Jahren
2
Einfach nur wow.
Danke für diese wunderschöne Geschichte!
(Und ich bin sogar gespannt, ob sie mir den Duft näher bringt. Ich werde ihn, der sehr vernachlässigt bei mir steht, noch einmal testen...)
FlirtyFlowerFlirtyFlower vor 4 Jahren
Der Duft wäre nichts für mich, dein Kommentar aber schon. Daher ein Zurück-in-die-Zukunft-Pokal für dich!
FvSpeeFvSpee vor 4 Jahren
Ich liebe deine Weggabelungs-Rezensionen, und ich meine, dass es der erste mit einer Frau in der Hauptrolle ist. Schöne Idee auch, die Duftentwicklung nach Buskilometern zu bemessen! Mitsouko EdT ist auch für mich ein 9,5-er, und mehr Kopf als Herz.
ToppineToppine vor 4 Jahren
1
Was für ein schöner Kommentar zu meinem geliebten Mitsouko, danke dafür! Für mich ist er nicht herrisch und rau, ungezähmt aber schon... Eine schöne Busfahrt, aber wer will schon nach Paris oder London, wenn man in Grasse Düfte machen kann!
PinkdawnPinkdawn vor 4 Jahren
Hab ich das jetzt richtig verstanden, dass sie sich beruflich fortan mit Düften beschäftigen will?
Nach diesem schönen Roadmovie hätte ich sofort Lust auf Mitsouko bekommen, würde ich es nicht kennen. Eine Schulfreundin benutzte es zeitweise. Ihr stand es, sie war dunkelhaarig. Ich hätte vom Namen her etwas Liebliches erwartet, aber das ist ein herber Chypre, der nicht zu mir passt.
PonticusPonticus vor 4 Jahren
Eine sehr schöne Reise und Geschichte im Bann von Mitsouko vereint in einer ausgezeichneten Rezension!
ParmaParma vor 4 Jahren
Wunderbar leichtfüßig wird der Duft in einer Selbstfindungsreise erzählt, die so erfrischend und am Ende wunderbar überraschend ist, das man unbändige Lust auf diesen wunderbaren Duft bekommt. Unkonventionalitäts-Pokal!
FloydFloyd vor 4 Jahren
Wieder eine tolle Reise durch Zeit und Raum. Gerne gelesen!
SchatzSucherSchatzSucher vor 4 Jahren
Mitsouko ist so einzigartig wie deine Erzählung. Viele meiner Empfindungen zu diesem Duft erkenne ich wieder. Ich habe lange gebraucht, diesen Duft lieben zu lernen. Aber dann ließ Mitsouko mich nicht mehr los.
FriesinFriesin vor 4 Jahren
Mitsouko begleitet mich fast täglich, positv und wie in deiner wunderbaren Geschichte nach vorne gewandt. Ich zieh kein Ticket zurück. ;-)
PollitaPollita vor 4 Jahren
Was für eine traumhaft schöne Geschichte. Leider hat sich Mitsouko für mich nicht erschließen wollen. Für mich war er einfach nur tief traurig, fast depressiv und "schmeckte" regelrecht bitter. Getestet hatte ich allerdings das EdP.