Vorsichtig schob er den Warp-Regler der Z-51 auf 1982.
Ein sanfter Ruck war die Folge, sonst schien wenig zu
passieren. Er lehnte sich in den mittelbequemen Ledersitz
zurück und nahm sich ein paar Erdnüsschen aus der
mittel aufregend designten Mittelkonsole.
Fast drei Jahre machte er jetzt schon diesen Job. Immer
noch fürs gleiche Geld, immer noch ohne erkennbare
Karriereaussichten. Und ohne jede Aussicht auf ein wenig
Ruhm. Nicht mal einen neuen Timeglider gaben sie ihm,
etwa den schnittigen Z-91c oder wenigstens den Z-71.
Nein, immer noch diese alte Gurke.
Und jetzt dazu dieser nicht gerade einfache Auftrag.
„ZINO rausholen“, hatte der knappe Befehl auf dem sich
selbst vernichtenden Bierdeckel nur gelautet. „Es droht
Gefahr für den Duftfrieden!“
Und er wusste, was das bedeutete.
Er machte das ja nicht zum ersten Mal.
Weshalb er auch wusste, dass dieser ZINO kein einfacher
Fall war.
Die Landung verlief einigermaßen sanft, nur den genauen
Zeitpunkt konnte er nicht ablesen, da die Borduhr schon
lange festhing, sie zeigte nur die Jahrezeit – Herbst.
Der Landepunkt war gut gewählt – er versteckte die Z-51
hinter einem Hollerbusch und schaltete die Tarnoptik ein.
Kurz darauf schlenderte er lässig eine kleine Geschäftsstraße
hinunter, bekleidet mit einem roten Knautschlackmantel
und Fransenstiefeln. Na ja, eher 70er, die Ausstattungsstelle
für Zeitagenten war auch nicht mehr, was sie mal war.
Zum Glück hatte er ein mittels Quellen, die hier noch nicht
mal angedeutet werden dürfen, ein Dossier erstellt, dass ihm
jetzt helfen sollte, ZINO zu finden.
Schneller als erwartet fand er die Diskothek „Marquis“,
über der die kleine Wohnung lag – ZINOs geheimer
Schlupfwinkel in diesem Zeitwinkel.
Über den Hinterhof ins Treppenhaus, erster Stock, kurz Ohr
an die Tür, lautlos und schnell das Schloss öffnen – Routine.
Und dann hinein. Zwei Räume. Schnell gecheckt.
Ausgeflogen der Vogel.
Er hatte es im Grunde nicht anders erwartet.
Aber – sein Geruch lag noch in der Luft. Und das war viel wert.
Er hatte ihn lange genug studiert um seine Bestandteile
schnell zu erkennen. Da waren klar Elemente der fruchtig-
würzigen Eröffnung, die aber schon eine Ahnung von dunkler
Rose, auch von Rosenholz verriet. Und jetzt, hier im Jahr 82,
war auch etwas von einer bitteren Note zu ahnen, die man
ihm in der Zentrale als „Kamel bis Kamelschweiß-verwandt“
angekündigt hatte. Er hatte das für übertrieben gehalten und
fand es auch jetzt theatralisch überhöht. Ja, da war etwas Zart-
bitteres, aber doch nichts wirklich Animalisches. Im Gegenteil -
er vernahm sogar einen Barbershop-Vibe, nicht vordergründig,
aber mitspielend im Ganzen, geprägt von Lavendel und gut
balancierter Bergamotte. ZINO schien ihm noch ungewöhnlicher,
als er erwartet hatte – er spielte souverän herum, gab sich
zugleich als orientalisch und britisch im Sinne von holziger,
Vintage-würziger Gentlemen-Club Atmosphäre aus. Locker.
Und weltläufig. Ja das war das Wort.
Und sein Grundcharakter verwandelte nicht ungewöhnliche
Anlagen – Patchouli, Sandelholz, Zeder, etwas Vetiver -
in eine einzigartige, weich-würzige Aura, die von irgendwoher
etwas Süße erhielt. Woher genau - das blieb rätzelhaft, aber
diese leicht süß-pudrige Eleganz war seine eigentliche
Geheimwaffe. Mit Begriffen wie Benzoe oder Tonka nicht so
einfach zu erklären. Wie so oft war hier das Ganze mehr
als die Summe der Einzelteile.
Nur leider half das alles nichts.
Er musste ihn irgendwie finden.
Ziemlich ratlos stand er wieder auf der Straße.
Da tippte ihm jemand von hinten auf die Schulter.
Vorsichtig drehte er sich um – und grinste.
Er hatte schon vermutet, dass sie noch jemanden hinterher
schicken könnten, aber nicht so schnell.
Und nicht sie.
Es war Barbie Q – die zwar noch nicht lange als feste Zeitagentin
für die Zentrale arbeitete, aber als knallhart galt.
Als freie Agentin hatte er schon öfter mit ihr zu tun gehabt.
Schwarzer Leder Catsuit mit breiten Schulsterpolstern,
weiße Fiorucci-Schuhe und Aerobic Knöchelwärmer.
Stand ihr gut.
„Hallo Stanley… schön dich zu sehen.“
„Hi Barbie…“
Sie roch nach Cuir de Russie, perfekt verblendet mit etwas
Rostbratwurst.
„Deinen letzten Job hast du nicht übel erledigt“, sagt er.
Sie schenkte ihm einen ihrer berühmten Perl-Lächler.
„Danke!“
2 Monate war sie bei der Ifra eingeschleust und lebend wieder
rausgekommen. Und zwar mit wertvollen Informationen.
Mit einem Mal fuhr sie ihm mit der Nase an den Hals, schwenkte
darüber, erst eine Seite, dann die andere, wieder zurück -
es dauerte höchstens eine Minute. Oder vielleicht zwei.
Höchstens drei.
„Aramis 900…“, sagte sie, „Geschmack hast du ja.“
„Kann ich mal ihre Papiere sehen?“
Sie hatten ihn gar nicht bemerkt, den Uniformierten, der sich
jetzt bullig vor ihnen aufpflanzte. Er begann mit Stanley.
„Name?“
„Mein Name ist Drauf. Stanley Drauf.“
„Wie schön für Sie, ständig drauf zu sein…“
„Witzbold!“
Am liebsten hätte Stanley ihm sofort ein paar Doubletten
verpasst. Aber der Typ sah etwas kräftig aus. Und natürlich
spürte er sofort, dass dies kein echter Bulle war.
Falsche Naht an der Hose, verräterische Schnürsenkel. Mieser
Fake-Eichenmoss-Geruch. Zum Glück waren diese Ifra-Agenten
in mancher Hinsicht nicht schlauer als Knäckebrot.
Und dann ging alles sehr schnell.
Blitzschnell sprühte Barbie dem Bullen etwas Kouros ins
Gesicht, der sackte gleich zusammen.
„Da – er hat ihn im Auto!“, rief sie und hechtete auch schon
davon.
Sie war leider gut.
In wenigen Sekunden hatten sie ZINO befreit und waren
auch schon wieder an der Z-51, die als kaputter Einkaufswagen,
gefüllt mit leeren Farbdosen, getarnt war.
Die Rückfahrt war angenehm, denn die Z-51 war eher eng.
Kaum zurück in der Gegenwart, fertigten sie zusammen das
Duft-Dossier für die Zentrale an:
„ZINO-Profilnotiz Normalnull/Jetztzeit:
Bergamotte-Noten untermalt von dunklen Rosen,
etwas Lavendel und Salbei frischen auf, etwas leiser im
Einstieg als im Rückführjahr, aber nicht schwach.
Bald erste Orientalik auf ganz eigene Art.
Sandelholz- und Zeder-Weichheit.
Mit Patch und Vanille verschmilzt alles zu einer herb-süßen,
fast buttrigen Aura, zeitlos cosy und unbehäbig-gemütlich.
Ein unverwechselbarer Charakter. Eher sexy als sediert.
ZINO lebt!“
„Nicht schlecht…“, sagte Nr.2, als sie ZINO in der Zentrale
präsentierten, „wirklich nicht übel.“
Und das war nun wirklich das höchste Lob, das von ihm
zu haben war.
„Macht einen guten Eindruck, der Junge…“, ergänzte er,
„nicht gerade modern, fast schon altmodisch, aber noch gut…“
„Nur wenige Dinge sind so altmodisch, wie der Wunsch,
modern zu sein“, murmelte Stanley. Aber nur ganz leise,
denn er wollte seinen geplanten Luxusurlaub mit Barbie Q
nicht auf‘s Spiel setzen. Er wusste schon genau, wo es hin
gehen sollte. Er kannte da ein Erlebnisbad im Sauerland.
Mit künstlichen Hollerbüschen. Dekadent auf der Liege
lümmeln… Fritten holen… Barbie mit Vol de Nuit den Nacken
massieren… Fassbrause schlürfen…
„Stanley…?“
Nr. 2 riss ihn jäh aus seinen Träumen.
„Äh…ja…?“
„Grad kommt ein sehr dringender Fall rein! Seien Sie morgen
Abend im Gasthaus „Maulwurf“. Alles weitere auf Bierdeckel!“,
riss ihn Nr. 2 mit metallischer Stimme aus seinen Träumen.
„Aber ich wollte…“
„Nichts aber! Es geht um die westliche Welt, wie wir sie
kennen. Ich sage nur Mu… nein, ich sage lieber gar nichts,
wer weiß, ob nicht sogar hier die Wände Ohren haben...“
Barbie stieß Stanley sanft in die Seite.
„Schon gut, Nr. 2, er wird da sein!“
Heute trage ich wieder einmal Zino. Und schaue mir die letzten Kommis dazu an. Entdecke deine fantastische Story. Das versüsst mir das Tragen umso mehr :)
Eine einmalig großartige Story zum einmalig großartigen Duft, den ich jetzt auch in der Vintage-Version genießen darf. Schriftsteller-Super-Sonder-Pokal für Dich für diese wundervolle Rezension,
Hach, Sauerland, ein Traum! Wo die Misthaufen qualmen, da gibt's keine Palmen... aber die braucht es offensichtlich auch nicht, wenn man diesen Duft trägt. Bin anjefixt, die Erinnerung malt mit güld'nem Pinsel und Deine Geschichte tut ihr übriges dazu: Ick! Will! Den! Jetzt! Testeeeeen!!
Ein wunderbar phantasievolles, schelmisch-humorvolles, schräges Potpourri an Einfällen. Und mittendrin der coole Zino, dem das alles nichts anhaben kann. Nur die IFRA ein bisschen. Ein großes Vergnügen zu lesen! Den Duft triffst du sehr gut, finde ich, mit seiner Mischung aus orientalisch und britisch. Einer dieser magischen Düfte, bei denen man eigentlich nicht erklären kann, warum sie so wunderbar aromatisch duften. Sich selbst vernichtender Bierdeckel-Pokal mit... oh jetzt ist er schon weg ;)
Eine Reise mit den Möglichkeiten der Zukunft in die Vergangenheit! Schön und interessant geschrieben und mit großer Lust zu lesen! Und Zino ist ein guter Klassiker, aber kein Lieblingsduft von mir!
Das versüßt mir das trübe Wochenende. Großartige Geschichte, vollgepackt mit Zeitreise (ich hätte nach wie vor gern eine Zeitmaschine und viel Phantasie.
Zino ist großartig, besonders in älteren Versionen.
Mann, Mann, Mann, was für eine rattenscharfe Geschichte, die mich sofort in den Z-71 beamed. Mach mich mal auf die Suche nach Zino in den unbekannten Weiten der Test-Zeitagentur! Für dich den sich nicht selbst vernichtenden Z-91c-Pokal für die nächste Warp-Reise mit Barbie Q (ohne Bierdeckel)....Genuss pur.
Großes Lese-Amüsement, auch wenn ich den Zino vor längerer Zeit beim testen nur mittelprächtig fand. Grund genug, mit Z-51 (die berühmte Gelenkteleskoparbeitsbühne, wer kennt sie nicht, oder doch die alte Corvette, ach nein, ein Raumgleiter mit Herbst Uhr, hihi) mal wieder testen zu fliegen. Barbie Q wäre dabei :-))
"Hallo Friesin, Siebenkäs hat...." mit dieser Nachricht im Postfach, geht immer Freude aufs Lesen einher. Hab Dank, für eine wunderbare Geschichte- wiedermal! Der Duft klingt toll, allerdings bin ich wohl nicht Zielgruppe...
Was ein Zeitreise-Abenteuer! James Bond ist nichts dagegen. Diese Ifra-Agenten sind allerdings auch keine wirklichen Gegner. Knäckebrot-Pokal für Dich!
Dufterfahrung absolut genial in eine atmosphärische und gleichzeitig pointierte Geschichte verpackt, die mich Zino genau so erleben lässt, wie auch ich ihn empfinde. Disco-Elysium-Pokal! Aber sowas von…
Wie gewohnt, eine sehr schöne Rezension von dir, eingekleidet in eine phantasievolle und witzige Geschichte. Die Düfte werden auch immer sehr respektvoll behandelt.
Ein Lesegenuss, der animiert, das Zino mal wieder aufzutragen.
Phantastisch! Ich liebe Science Fiction. Gucke gerade mit meiner besseren Hälfte die ganzen alten Star-Trek-Folgen nochmal durch. Hach, das wärs. Die alten Duftrezepturen einfach zu retten. Sag den beiden, sie sollen nächstes Mal ins Jahr 1991 fliegen und mir noch 1-3 volle Extraits Casmir mitbringen. :)
Zino ist großartig, besonders in älteren Versionen.
Ein Lesegenuss, der animiert, das Zino mal wieder aufzutragen.