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Sugarspun

Sugarspun

Rezensionen
1 - 5 von 14
Unaufdringlichkeit Intense

Jenseits der Welt der Sillagemonster existieren sie still vor sich hin, die Zurückhaltenden, die Zarten, denn auch sie finden immer noch ihr Publikum. Die Sensiblen, die Rücksichtsvollen, die Pflegenden, die Migränegeplagten - und all jene, die sich gern von leisen Schönheiten bezaubern lassen, mit der Nase ganz nah an den Handrücken kommen, um noch den letzten Hauch Feenstaub zu erhaschen.

An Düften mit der Zuschreibung "Intense" im Namen geht dieses Publikum oftmals vorbei. Ein Zufallsfund im Schnäppchenmarkt, ein Blindkauf, eigentlich wollte ich das nicht mehr machen. Wir kennen das. Aufregung, Vorfreude, Skepsis. Der erste vorsichtige Test. Die ersten längeren Tests. Die Überraschung - Intense ist hier höchstens die unaufdringliche Behutsamkeit. Ein Leisetreter wie aus dem Lehrbuch, ein hautnahes Funkeln, ein leichter, sanfter Schleier auf der Haut. Ein schöner!

Mir springt zuerst die Iris in die Nase, frisch, ein wenig trocken, zedrig, auch die Teenote könnte diese pudrige, bleistiftspänige Frische unterstreichen. Begleitet von weicher Wärme, Sanftheit. Später wird der Duft süßer, Rosenblätter stimmen sich in den Akkord ein, frisch und leicht. Ich erahne einen Hauch Vanille.
Das alles geschieht so hautnah wie nur möglich, die Sillage ist minimal, auch auf Kleidung getragen nicht mehr als eine feine Aura. Gepflegt, dezent, duftend, ohne sich parfümiert zu fühlen - der Duft muss niemandem etwas beweisen, er ist einfach da, ein leiser, aber stetiger, gefälliger Begleiter.

Ohne zu Zögern hätte ich den Duft für einen Softly -Flanker gehalten; mit diesen (von mir sehr geschätzen) Reihe verbindet er eine beruhigende, erdende Wirkung auf mich: Dieses Frisch geduscht, eingecremt ins frisch bezogene Bett-Gefühl, der Jemand kümmert sich um dich-Unterton eines teuren Weichspülers. Einer dieser Düfte, mit denen man sich selbst umarmen möchte.

Trotz allen Wohlgefühls leise Kritik: Ich finde den Preis recht ambitioniert und möchte vermuten, dies ist ein Grund dafür, dass der Duft hier eher ein Schattendasein fristet. Dabei ist er wirklich eine tolle Erweiterung des Duftportfolios der Zurückhaltenden.
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Ein Tanz auf dem Marktplatz
Ich war noch niemals in Palermo, ich kann mich nur von Videos, Bildern und Texten mitnehmen lassen auf den ältesten Markt, den Mercato di Ballarò, der Stadt - und von diesem Duft. Die Bilder auf dem Bildschirm und in meinem Kopf leuchten in allen erdenklichen Farben, das Leben pulsiert, die Sinne vibrieren. Wahnsinn! Da möchte ich unbedingt mal hin, an dieser Stelle erst einmal eine Empfehlung für eine Reise durch die Google-Bildersuche, Träumerei und Fernweh für eine kurze Auszeit von der deutschen Kleinstadt.

Eine Reise durch das Internet hat mein Interesse für die schöne Marke I Am Sicily geweckt, dank einer lieben Parfuma konnte ich diesen Duft testen. Und auch in dieser Abfüllung pulsiert das Leben, vibrieren die Sinne, weiß ich kaum, wohin ich zuerst gucken bzw. schnuppern möchte. Den großen Auftritt hat ein honigsüßes, sahneweiches, dichtes Karamell und ja, Bianco Latte winkt freundlich um die Ecke. Die gleiche Dichte, aus Mangel an Worten nenne ich es Süß-Umami, gesüßte Kondensmilch, die ganz tief sitzende Instinkte anspricht und manche Menschen dazu animiert, eine ganze Tüte Caramel Fudge auf einmal essen zu wollen. Kopie, Dupe? Möchte ich nicht sagen. Ballarò Idda geht trotz aller Ähnlichkeiten eigene Wege und hier kommen wir wieder auf den Marktplatz: Die Würze des Kümmels, seine leichte Anis-Note mischen Frische und Leichtigkeit in die Süße, neben dem Süßigkeiten-Stand hat der arabische Gewürzhändler seine Säcke ausgebreitet, in die man mit beiden Hönden greifen, seine Nase in ihnen versenken möchte. Und woher kommt die Fruchtigkeit? In der Pyramide nicht aufgeführt rieche ich sonnendurchtränkte, saftige Mandarinen. Hier spielt sicherlich die Tuberose eine Rolle, die blumige Cremigkeit, zarte und unbeschwerte weiße Blüten. Die Wortähnlichkeit drängt sich auf, il ballo, der Tanz - leichtfüßig, fröhlich, elegant.
Die Blütenpracht dimmt sich im Verlauf des Duftes leise aus, jetzt übernehmen Mandel und Vanille mit pudriger Zärtlichkeit und schließen das Milchkaramell in ihre Arme, wie die Abendröte, die sich leise über den Marktplatz legt, Federwölkchen am Himmel, plötzliche träumerische Ruhe.

Hier sei ein weiterer Vergleich erlaubt: Der Duft ist langanhaltend und auch nicht schüchtern, aber keinesfalls so raumgreifend und intensiv wie Bianco Latte . Somit für mich tragbarer und alltagstauglicher.

Vom Preis-/Leistungsverhältnis müssen wir gar nicht sprechen. Wer karamellige Gourmands mag, kann hier bedenkenlos zuschlagen, trotz des überaus fairen Preises keinerlei unangenehme Synthetik. Ein authentischer, wunderschöner Duft und auch wenn ich nicht die größte Freundin des Karamellbonbondufts bin, hat dieser mich vollends überzeugt. Und angefixt. Ich will jetzt dringend nach Sizilien. Und mich durchs Sortiment von I Am Sicily schnuppern.
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Wintersonne
Als Kind der 90er habe ich, wie so viele, sofort ein Bild vor Augen, wenn ich an diesen Duft denke. Die Freundin meines großen Bruders, die Mutter einer Schulfreundin, die Sportlehrerin. Laute, dominante Frauen, Kurzhaarschnitt, selbstbewusst und modern, aber auch ein wenig unnahbar und einschüchternd. Und so war Sun Eau de Toilette für mich, längst den 90ern entwachsen, nie eine Option, immer zu stickig, zu streng, zu laut - und warum ich nach Sonnencreme riechen sollte, die ich im Sommer ohnehin benutze, erschloss sich mir nie.

Bis mir an einem kalten, grauen Februartag eine Abfüllung in die Hände fiel und ich den Duft kurzentschlossen auf mein Handgelenk sprühte.

Im tristen kalt-grauen Februar ist Sun plötzlich ein wunderschöner Puderduft. Helle Blüten, sommerlich-tropisch anmutend, Ylang cremig weich, Orangenblüten süß und gleichzeitig ein wenig herb, zart vanillig. Ja, sonnencremig, die Assoziation ist von Flakon und Namen klar gewollt, aber fernab der Sonnencremesaisom vor allem feinpudrig distinguiert, sauber, sanft und weich, elegant, stimmig und rund, jedes Rädchen der Duftpyramide greift perfekt ins nächste. Und hinter der Eiscremewerbespot-Fassade erschnuppere ich eine erwachsene Ernsthaftigkeit - ist das der Februar oder bin ich mittlerweile einfach selbst modern und selbstbewusst genug für diesen Duft? Welchen Einfluss hat unsere Erwartungshaltung eigentlich auf unsere Wahrnehmung?

Im Sommer ist er mir immer noch zu viel, zu laut, zu stickig. Aber in den kühleren Jahreszeiten werde ich ihn jetzt häufiger tragen, mich gepflegt und gut angezogen fühlen. Nostalgisch an die Neunziger denken. Und mich dazu anhalten, offen zu bleiben, zu experimentieren, Düfte nicht zu sehr zu kategorisieren, Sommer, Winter, Damen, Herren - wie viele Entdeckungen sind mir durch Schubladendenken schon entgangen?
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Warmes, weiches Leder
Leder war bisher keine Duftnote, die mir Sternchen in die Augen zauberte, Leder war für mich entweder zu maskulin oder zu gewollt verrucht, zu sehr neue Autositze, zu sehr knarzender Cowboysattel, zu sehr Dominastiefel. Dann aber ruschte diese Probe unter meine Nase und verwischte alle Vorurteile.
An den einleitenden Worten lässt es sich bereits erahnen, Leder ist die dominierende Duftnote. Es ist ein frisches, aber warmes und weiches Leder, sehr natürlich. Mehr geflochtene, filigrane Ledersandalette aus einer kleinen Manufaktur im Herzen Barcelonas als Motorradstiefel. Es atmet Sonne, Frische und Fruchtigkeit. Untermalt wird es von der mediterranen Frische der Orangenblüte, einer frischen Süße, die dem Duft zusätzliche Leichtigkeit verleiht.
Ich verspüre einen Hauch von Seriosität ohne aufgesetzte Dominanz, einen Hauch von Freiheit, vielleicht die Verlockung eines kleinen Abenteuers. Ich höre tänzerische Schritte auf Kopfsteinpflaster in einer lauen Sommernacht, lasse mich treiben, schließe die Augen und träume. Kein Duft für jeden Tag, auch kein Duft, mit dem ich Andere beeindrucken kann, eher für die kleinen Fluchten aus dem Alltag, für die Momente, an denen ich mich besonders fühlen möchte. Absolut und im besten Sinne unisex, nicht zu laut und federleicht. Und für mich eine Ermunterung, hin und wieder über den Tellerrand zu blicken und Duftnoten nicht zu ignorieren, nur weil sie mich beim ersten Blick auf die Duftpyramide nicht in Extase versetzen.
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Tokio, warum? Kopfkino mit weißen Blüten
Elegantly, definitiv. Lilien sind wunderschön anzusehen, majestätisch, harmonisch, stolz. Ihr Duft - ich möchte sagen, gefällig ist er nicht. In diesem Duft nehme ich sie vor allem in der Kopfnote wahr, würzig, fast ein bisschen scharf. Kurze Irritation, ist da ein Stechen?

Nein, es wird von einem schieren Meer von Jasminblüten aufgefangen. Weiße, frisch-zarte Blüten, so weit das Auge reicht, sauber, ein wenig pudrig, hell und klar. In Tokio sehe ich dieses Blütenmeer nicht, mein Kopfkino schickt mich auf ein Jasminfeld in Südfrankreich, unter einem strahlend blauen Himmel trägt eine Frau einen geflochtenen Korb voller weißer Blüten vom Feld in ihr blitzsauberes Postkartendorf, Häuser aus Naturstein, eine Katze räkelt sich in der Mittagssonne. Filigrane, blütenweiße Vorhänge bauschen sich im Wind. Ein kleines bisschen altmodisch, beruhigend und verträumt.

Dazu passt auch die holzige, warme, leicht erdige Basis des Dufts, die mich endgültig in mein südfranzösisches Dorf teleportiert. Sie hält die Süße im Zaum, lässt den Duft nicht ins Kitschige abdriften, ihn immer noch frisch und klar leise ausklingen.

Jo Malone ist hier ein reduzierter und doch sehr aussagekräftiger Duft gelungen, der für Zara-Massengefälligkeit wirklich überrascht. Ich kann ihn 6 bis 7 Stunden wahrnehmen, ohne dass er mich erdrückt. Unisex tragbar, gleichzeitig modern und rustikal, minimalistisch und elegant. Nur Tokio kann ich immer immer noch nicht sehen.
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