Yharnam79Yharnam79s Parfumkommentare

1 - 5 von 66
Yharnam79 vor 24 Tagen 8
9
Duft
8
Haltbarkeit
8
Sillage
8
Flakon

Im Inneren eines tiefgrünen Edelsteins
Dies dürfte wohl eine meiner kürzeren Bewertungen werden. Denn entgegen aller Lobgesänge, die mir zu diesem Duft einfallen, ergibt er für mich ein derart komplexes Duftbild, als dass eine Aneinanderreihung der Ingredenzien schlichtweg überflüssig wäre.
...und gerecht werden würde das dem Duft wohl auch nicht.

Betelpfefferblatt gibt kantige Bitterwürze, der Vetiver ist saftig und frisch, die teils scharfen, teils rauchigen Gewürze wie aus dem fernen Asien und direkt in einem buddhistischen Tempel eingefangen und mit Myrrhe und nasskaltem Grün verwoben.
Das alles klingt schon toll, beschreibt aber nur zum Bruchteil das sich daraus ergebende Ganze.
Und auch wenn das evtl. auch ziemlich unspektakulär und gefällig klingen mag, beides ist es keineswegs.
Zu kantig, zu ungewohnt, zu fremd oder nennen wir es eigenartig ist das, was einem da in die Nase steigt.

Übrigens: ich bin eigentlich kein wirklicher Freund von Fougère-Düften.
Irgendwas in der "klassischen Fougère-Mischung" bzw. an dem klassischen Fougère-Akkord mag ich schlichtweg nicht.
Der einzige, der mich bisher gekriegt hat war Dodo. Der dürfte allerdings auch als " Fougère-Abwandlung" durchgehen.
Evtl. auch Häxan, den ich persönlich allerdings nicht wirklich zu der Kategorie Fougère zähle, auch wenn er wohl heruntergebrochen dazu gehören dürfte.

Bei Mohragot handelt es sich (ebenfalls) um eine Nische im Fougère-Genre.
*zumindest teilt es die prin-eigene Duftbeschreibung so mit...
Eine ganz, ganz dunkelgrüne.
Nass.
Erdig.
Würzig.
Bitter.
Mystisch.
Naturverbunden.
Fremd.
Geheimnisvoll.
Undurchdringliches Dickicht.

Um in Metaphern zu sprechen:
Als befände man sich im Innersten eines ungeschliffenen, rohen und tiefgrünen Edelsteins.

Ein wahrhaft faszinierender Duft.
7 Antworten

Yharnam79 vor 2 Monaten 13
9.5
Duft
9
Haltbarkeit
9
Sillage
10
Flakon

Rauchend, trinkend und ein bisschen rollig
Eigentlich stehe ich nicht wirklich auf Reformulierung von Düften.
Ich fand es schon damals bei Beaver doof. Bei Bat war etwas anderes weil es dabei um die Beendigung der Zusammenarbeit mit der entsprechenden Parfumeurin handelte. Auch bei Dodo und Rhinoceros war ich zwiegespalten, da ich beide Düfte in der eigentlichen Formulierung als perfekt empfinde und mich frage, warum man sich nicht einfach zwei andere Tiere als Namensgeber ausgesucht hat.

Hat das Originalgetier noch in Rauchschwaden stehend krautig-scharf und süßlich-beißend um sich getreten, geht sein Nachfolger komplett andere Duftwege.
Rhinoceros (2020) startet nicht weniger einnehmend und forsch, allerdings haut einem kein verbranntes Wüstenkraut sondern eine holzig anmutende Whiskey-Rumfahne auf die Nase. Und selten war ein Schlag auf die Nase so gut auszuhalten!
Umweht von vollen und kräftigen Kaffeearomen und etwas kräuterigem, fast ätherischem, von dem sich mir allerdings noch nicht ganz erschlossen hat, was es ist.
Im frühen Drydown wird es noch dunkler. Das Nashorn zeigt sich nun ledrig-rauchig. Und immernoch ziemlich betrunken. Und auch durch Schlamm und Morast scheint der Dickhäuter gewandert zu sein. Moosiges Dunkelgrün mischt sich mit in das sonst eher verrauchte, whiskeyfarbene Duftbild.

In seiner ganzen Eigenständigkeit tun sich bei mir immer wieder flüchtige Bilder auf, die Brücken zu anderen Düften ziehen.
Zum Beispiel zu Tobacco Oud, ja auch zu seinem ihm eher unähnlichen Bruder Tobacco Oud Intense.
Dann nimmt die Mischung aus Fusel und Rauch wieder eine fast schon "poltergeistesque" Form an um kurz danach wieder der eigentlichen Lederhaut Platz zu machen, während sie genüsslich auf Basilikum herumkaut - in brennendem Gras stehend.
Obwohl keinerlei Vanille oder vanilleähnlichen Substanzen gelistet sind, bilde ich mir auch regelmäßig ein, bittersüße Vanilleschoten wahrzunhemen. Ganz weit entfernt.
Denn von "süß" ist Rhinoceros meilenweit entfernt - und das in beiderlei Hinsicht...

Um nochmal kurz auf Vergleiche mit anderen Düften einzugehen:
Es gibt Düfte, (viele, viele Düfte) die riechen für mich wie eine Mischung aus einem Mischmasch mir bekannter Düften. Einige erst kürzlich getestes Paradebeispiele hierfür sind Kobe (Xerjoff) oder auch Imperial (Boadicea the Victorious), der für mich 1zu1 so riecht als hätte man die jeweiligen Light-Versionen von Oud Wood, dem Rochas-Kegel und Black XS einfach zusammengekippt.
Bei Rhinoceros war mein Brückenschlag weder negativ behaftet noch würde ich mich so weit aus dem Fenster lehnen zu sagen, "...riecht wie..."!
All seine Nuancen bauen sich hier gekonnt zu einem völlig eigenständigen Großen und Ganzen auf.
Als ob sich der Dickhäuter mal eben die besten Eigenschaften aus all den genannten Nuancen und Düften zusammengeräubert hätte um sich dann selbstbewusst darin zu suhlen.

Das ganze Lob mit einem weinenden und einem lachenden Auge.
Von mir aus hätte es keiner Reformulierung des von mir so liebgewonnenen Original-Rhino gebraucht.
Man hätte ihm von mir aus auch einfach den Namen eines anderen Wüstentiers geben können.
Ich stecke jetzt aber auch nicht drin und weiß bei den beiden neuen Zoologisten nichts über die Gründe, die zu der (im Fall von Dodo auch recht schnellen) Reformulierung geführt haben.
Nichts desto trotz: der Duft ist, was er ist.
Ganz, ganz stark.

Rhinceros (war und) ist ein Reviermarkierer.
Auch strahlt er eine gehörge Menge an Maskulinität aus.
Dunkel-schimmernd.
Selbstbewusst.
Die zerranzte Lederjacke über der Schulter.
Rauchend und stark alkoholisiert.
Und ein bisschen rollig.

Nochmal zum Ende:

Ganz, ganz starker Duft!
2 Antworten

Yharnam79 vor 2 Monaten 22
8.5
Duft
8
Haltbarkeit
8
Sillage
10
Flakon

Das Leuchtfeuer im Schnee
Dass ich einen ziemlich ausgeprägten Faible für die Zoologist-Düfte habe, dürften regelmäßige Leser evtl. schon bemerkt haben. Musk Deer, um das vorweg zu nehmen, macht da keine Ausnahme.

Erschwerend kam diesmal (wie auch schon bei T-Rex, Squid und Bee) hinzu, dass ich, durch Sammelleidenschaft getrieben, unbedingt die Limited Edition mein Eigen nennen wollte, die bei Musk Deer tatsächlich zu den schönsten gehört, die ich je gesehen habe (das musste Erwähnung finden).

Erwartet hatte ich, wie bei Zoologist größtenteils üblich, etwas ersteinmal gewöhnungsbedürftiges, evtl. auch animalisches. Etwas, was mich begeistert und abholt, aber eben auch etwas (ich nutze das Wort nochmal) gewöhnungsbedürftiges.
Um die Überraschung vorweg zu nehmen, Musk Deer wirkt für mich um vielfaches gefälliger als ich es erwartet hatte und gleichzeitig auch um vielfaches gefälliger als manch anderer Zoologist.
Gefällig ist für mich in diesem Moment übrigens keinswegs negativ behaftet bzw. (be-)wertend gemeint:
Bat (Nr.1), Hyrax, T-Rex, sind für mich großartige Düfte. Die würde ich jetzt aber mal als weniger "gefällig" bezeichnen. Squid, Dodo, Bee gehören für mich und mein Duftverständnis zu den "gefälligeren" Zoologisten. Hierzu rechne ich auch Musk Deer. Das bedeutet aber nicht, dass Musk Deer keine Parfumkunst wäre oder gar ein langweiliger Duft ist!

Kuschelig, fast anschmiegsam verströmt er eine kalte und warme Aura zugleich.
Wie eine Art einsames Leuchtfeuer im tiefsten Schnee.
Einsam und doch wärmend und Trost spendend.
Wie die fast blendende Sonne, die im Schnee reflektiert.
Musk Deer bewegt sich von kalt zu warm und von warm zu einhüllend und umschmeichelnd.
Gerade Kalmus, der zu Beginn noch gut wahrnembar eine der Hauptrollen spielt, gibt dem Duft etwas sumpfig-modriges, etwas nasskaltes, natürliches.
Hier muss erwähnt werden, dass das Duftbild trotz der vorangegangenen Beschreibung absolut nicht modrig oder gar dreckig ist.
In der Herz- und Basisnote verschwindet diese Nuance übrigens völlig.

Obwohl Musk Deer eine Art Komplexität mit sich bringt, ist auch hier der Facettenreichtum das, was den Duft besonders macht. Und die Paradoxität in diesem Facettenreichtum.
Noten und Auren die sich in komplett entgegengesetztem Terrain befinden spielen hier zusammen.
So hat Musk Deer neben all der Anschmiegsamkeit auch etwas rohes, natürliches, wildes, ungezähmtes.

Kalmus hatte ich bereits angeschitten. Weiterhin kommt im frühesten Verlauf Rose hinzu (Rosendüfte gehen bei mir nur sehr, sehr begrenzt), die jedoch so schön scharf und beißend anmutet, dass sie den hervorragenden Kontrast zum vorangegangenen Nasskalt bietet. Umspielt wird sie von allerlei herb-floralen Akkorden und holziger Würze.
Das obligatorische Oud (Oud-Rosendüfte gehen bei mir auch nicht wirklich - naja, eher nicht "mehr") gibt dem Ganzen dann noch bitterschöne Süße und macht das Duftbild mehr und mehr balsamisch.

Im Drydown wird dann das namensgebende Tierchen nochmal aufgegriffen. Mit Moschus, genau genommen mit Ambrettesamen, die dann auch nochmal in Mixtur mit Patchouli (ich denke, dass es das ist), Oud und dickblättrigen Blumen etwas Animalik (das zu sagen wäre fast schon zu viel) oder eher Ungezämtheit verströmen. Diese wird jedoch, im Endstadium gerade auch durch (Sandel-)Holz im Zaum gehalten.

Das, was im allgemeinen Verständnis wohl als "Wohlfühl-Duft" bezeichnet wird, ist so gar nicht mein Ding. Daher möchte ich die nächste Aussage nicht falsch verstanden wissen:

Musk Deer ist für MICH ein "Wohlfühl-Duft", womit ich meine, ICH fühle mich wohl mit ihm.
Er hat die für mich perfekte Mischung oder um das nochmal aufzugreifen, er ist ein Paradoxum
aus kuschelig und wild.
Aus anschmiegsam und widerspenstig.
Aus schön und roh.
Aus wärmend-einhüllend und kühl-beruhigend.

Aus Feuer und Schnee.
11 Antworten

Yharnam79 vor 3 Monaten 11
10
Duft
9
Haltbarkeit
8
Sillage
8
Flakon

Verbotene Rituale
Es kommt in der Tat selten vor, dass ich ersteinmal verwundert-erschrocken zurückweiche, wenn ich an einem (neuen) - auch einem vieleicht eher ungewöhnlichen - Duft rieche.

Allerdings würde "ungewöhnlich" dem kühl-blauen Gebräu (und ich wähle dieses Wort aus Absicht) nicht ansatzweise gerecht werden. Sollte es eine geheime Nische in der Nische geben, so etwas wie die verbotene Zusammenkunft von Magiern, die sich an versteckten Orten trifft um verbotene Zauber zu murmeln und uralte Tränke zu brauen, dann entspringt Maryuama wohl am ehesten einem dieser gut gehüteten Experimente.

Maruyama hat mich zu Beginn fast daran zweifeln lassen, dass es sich wirklich um den - nein, um einen - Duft handelt und nicht irgendwie auf mysteriöse Art und Weise verbranntes Plastik und Sekundenkleber in den Flakon gelangt ist.
Nicht direkt angewidert aber schon verhältnismäßig zögerlich nochmals dran gerochen; vielleicht wird er gesetzter, wenn er sich gelegt hat...

Ganz im Gegenteil: zu der bereits umschriebenen Note gesellen sich haufenweise verkokelte Papierschnipsel, ein unüberschaubares Sammelsorium an scharfen und herben Gewürze und kräuterig-anmutenden Blumen. Dichte Rauchschwaden breiten sich aus.
Ich bezeichne den Rauch (es dürfte sich wohl um Weihrauch handeln) absichtlich so, denn sakral oder gar meditativ ist er mal so gar nicht. Scharf, einehmend, vernebelnd und rituell tifft es da schon eher.
Als ob verschiedenste Räucherwaren in einem Kräuter.- und Blumenbeet vor sich hinkokeln würden. Die Kräuter und Blumen schwelen langsam mit.

Und obwohl keine der genannten Nuancen dies ausstrahlt wirkt Maruyama nicht nervig und durcheinander. Und obwohl ich von Plastik und Sekundenkleber spreche, (hatte ich (Fenster-)Putzmittel schon erwähnt?) auch herrlich unsynthetisch. Das klingt paradox und riecht auch so.

Lebendig wirkt er. Selbstbewusst - ohne sich dessen bewusst zu sein.
Ich würde fast sagen, auch meditativ. Ich meine damit allerdings nicht beruhigend-meditativ:
wach und belebend, wie der Sonnengruß auf einem Felsen stehend unter dem strahlend blauen Frühlingsmorgenhimmel.

Maruyama ist für mich ein absoluter Ausnahmeduft.
Hier wurde eine völlig neue Tür geöffnet.
Auch mutig ist er ohne Frage.
Kunst ebenfalls.
Wild und paradox.
Tragbar?
Das kommt schlichtweg darauf an ob man sich traut oder überhaupt diese Frage stellt.
Ich tue das nicht und trage für gewöhnlich das, was ich möchte.

Wie in meinem Statement schon gesagt, für Maruyama muss man wahrscheinlich schon sehr aufgeschlossen sein und neben einer Liebe zu Düften auch eine gewisse Liebe zu Parfum-Kunst mitbringen.
Dann beginnt jedoch eine Reise wie ein nasaler Trip.
Ein wilder Trip.
Durch alles, was in der des Welt des Kreierens von Düften und den damit verbundenen Sinneseindrücken möglich - und unmöglich - ist.
8 Antworten

Yharnam79 vor 3 Monaten 23
9.5
Duft
9
Haltbarkeit
7
Sillage
8
Flakon

"Wenn du Pupu dabei hast, feuer los!"
Es gibt einzelne Düfte, da weiß ich eigentlich schon im Vorfeld, dass ich mir mit meinem dazugehörigen Kommentar nicht unbedingt nur Freunde machen werde...
Stercus ist ganz weit vorne mit dabei.

Warum?
Weil ich mich nicht zurückhalten kann, auch auf den Namen und die (damit verbundenen) von Entrüstung und Ekel getriebenen "Aufschrei-Statements" einzugehen.
Das Thema habe ich zugegebenermaßen auch schon bei dem ein oder anderen Animalen angebracht, da sich bei derartigen Düften meines Erachtens nach eine ganz ähnliche Tendenz in den Kommentaren - vorrangig aber in den Statements - abzeichnet.

Nicht , dass ich irgendwem vorschreiben will, was er/sie zu mögen hat oder nicht. Auch nicht, was er/sie hier schreiben darf oder nicht. Damit hat mein Exkurs nämlich rein gar nichts zu tun.
Es geht mir eher um Statements, die eindeutig zeigen, dass dort nicht unbedingt immer ein Test zu Grunde liegt sondern die Motivation - nein - das dringende Bedürfnis, auch eine Meinung kundtun zu müssen.
Und was wird da gefachsimpelt... oder sollte ich in diesem Fall gewollt-provokant sagen "mit Kacka um sich geworfen"...
Ja, nach "Scheiße" soll der Duft riechen.
Auch nach "Tierexkrementen".
Eigentlich nach allen erdenklichen Sorten der Ausscheidung.
Von menschlichem Kot über Kuhstall bis hin zu Donnerbalken.
"Ekelerregend, abstoßend und niemals tragbar".
Kaum vorstellen kann man sich, dass es irgendwen gibt, der diesen Duft tragen möchte und auch noch gut findet.
Da fühlt man sich als Schreiber schon fast dazu genötigt, sich zu rechtfertigen, dass bzw. warum man diesen Duft mag. Mal abgesehen davon, dass einem von der ein oder anderen Rezension quasi unterstellt wird, man würde darauf abfahren nach "Scheiße" zu riechen...

Übrigens: ich bin auf dem Land aufgewachsen und fast 15 Jahre lang jedes Jahr ins Zeltlager gefahren - inklusive Donnerbalken! Ich nehme mir deswegen auch heraus zu sagen, dass ich Stercus nicht mit eienm Toilettengang assoziiere, egal ob menschlicher oder tierischer Natur.
Was ich einräume ist, dass Stercus ein Duft ist, der durch seine Erdverbundenheit und Erdigkeit, seine Körper.- und Naturnähe durchaus zu polarisieren weiß.

Aber was soll ich sagen? Die Namensgebung und der damit einhergehender Hype (egal erstmal in welche Richtung) haben voll ins Schwarze getroffen!
Und ich gehe noch einen Schritt weiter und behaupte, stünde "Menstruation" auf dem Flakon würden sich auch da genügend Stimmen finden, die genau das auch herausriechen...
In eine andere Duftrichtung gehend aber mindestens genauso kontrovers diskutiert: Bull's Blood. Die wenigsten dürften sich die Mühe gemacht haben, diesen Inhaltssftoff mal zu recherchieren bevor das große Geschrei losging, dass der Duft nach Kadavern, Schlachthaus und Innereien riechen würde und bestenfalls ein Duft für Nekrophile sein darstelle...

Aber wie riecht denn nun dieser so viel diskutierte "Kot"?

"Die Bereiche des Körpers, die mehr Geruch entwickeln als andere, sind die, in der sich unsere Seele sammelt. Intensive Gerüche sind uns unangenehm geworden – denn ein Übermaß an Seele ist unerträglich für das Empfinden. Unser angeborener Hang zum Animalischen wird durch die Zivilisation unterdrückt."
*Alessandro Gualtieri

Eigentlich schreibe ich lieber selbst als mich an Zitate zu halten aber in diesem Fall möchte ich doch eine Ausnahme machen, denn für mein Empfinden trifft es das zemlich genau.

Seit wann ist das so, dass uns naturnahe oder aber "natürliche" Gerüche unangenehm sind?
Und ich meine damit natürlich nicht Kacki oder Pipi!
Das trifft genauso auf Erde, Schlamm oder z.B. auch auf authentisches Leder zu. Auch auf den natürlichen Körpergeruch, den jeder von uns von Natur aus hat. Auch hier nicht zu verwechseln mit dem Geruch, wenn jemand tagelang nicht geduscht hat oder nach dem Schwitzen im Fitnessstudio. Eher das altbekannte "Ich trage noch dein Shirt weil es noch nach dir riecht" - Ding.

Man sieht, ich bin darauf bedacht, jegliche Missverständnisse und Antworten wie "also ich will nicht nach Scheiße riechen" von vorneherein zu vermeiden oder einzugrenzen.
Auch ich möchte nicht nach Scheiße riechen!

Ich bemerke gerade, dass ich dabei bin, mich furchtbar zu verzetteln.

Nachdem ich nun schon eine Blogartikellänge lang mehr oder weniger direkt zum Ausdruck gebracht habe, dass ich den Duft etwas anders sehe und wahrnehme als mach andere/r hier möchte ich all den jetzt verärgerten Lesern noch mitgeben: es ist nur meine eigene subjektive Meinung. Und genau, wie sie allen anderen Menschen hier erlaubt ist und weiterhin erlaubt sein soll, nehme ich mir auch das Recht heraus, meine hier mehr oder weniger unverblümt heraus zu posaunen.

Stercus ist ein fordernder Duft.
Stark. Reviermarkierend. Polarisierend.
Wahrscheinlich auch kein Duft für jungfräuliche Nasen.
Ebenso kein Duft für Liebhaber von "leichten" Düften - leicht hier gemeint in jeglicher Hinsicht.

Holzig-harzig.
Ledrig.
Erdig.
Balsamisch-süßlich.
Scharf
ist er.

Ehrlich, roh, lebendig, erdverbunden, fruchtbar, standhaft, potent.
Erwachsen.
Einhüllend und von dunkler Aura.

Es kommen Assoziationen von Schlamm, Lehm, Erde, Wald und Waldtieren.
Dem stolzen Hirschen, der paarungsbereit durch das Unterholz stampft und dabei einen ohrenbetäubenden Balzruf ausstösst.
Dem Wind nach einem starken Regenfall.
Von regenfeuchtem und hitzetrockenem Holz.
Von altgegerbtem Leder.
Der schweißtreibenden Arbeit auf einer Ranch
ebenso wie
dem Nickerchen im Schatten eines gewaltigen Baumes.

Keine dieser Nuancen und keine dieser Assoziationen löst bei mir Unbehagen oder gar Unwohlsein und Ekel aus.
Ganz im Gegenteil.
Und auch Stercus als Duft tut dies nicht.
Ganz im Gegenteil.

Stercus ist für mich ein Duft, dessen zunächst genial wirkende Marketingsstrategie doch auch gleichzeitig zum Verhängnis wurde bzw. wird.
Gehört er doch für mich persönlich zu den stärksten und eigenständigsten Kreationen der letzten Jahre.
Er ist gleichzeitig Duft und (Duft-)erfahrung.
Du trägst ihn nicht nur; wenn du es zulässt, trägt er dich.
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