Marlborough von Geo F. Trumper ist ein ganz und gar ungewöhnlicher Duft. Tatsächlich assoziiert fast jeder, der diesen Duft einmal probiert hat, das Stichwort Noblesse und Adel. Sicherlich denkt man bei einem typisch englischen Duft vor allem auch an englische Lords, an ein Herrenhaus auf dem Lande in einem versteckten County, ein Bristol in der Garage (andere Luxusautomarken sind viel zu vulgär) und ein Stall voller edler Pferde. Das kommt nicht von ungefähr. Ich glaube, dass Marlborough deshalb so ungewöhnlich und einzigartig ist, weil es Strahlkraft besitzt, eine Eigenschaft, die die meisten Hersteller vielen ihrer Parfums zwar gerne zuschreiben, die man aber tatsächlich nur ganz selten bei einem Duft antrifft.
Diese Strahlkraft hat auch nichts mit Haltbarkeit oder Sillage zu tun (beides ist bei diesem Duft übrigens hervorragend), sondern vor allem mit dem Glanz und dem Zusammenspiel der Inhaltsstoffe, die zufällig oder absichtlich in diesem Duft perfekt zusammen gebunden wurden. Noch interessanter wird diese Feststellung, wenn man bedenkt, dass Marlborough ein Duft aus dem Jahre 1877 ist - und gerade Trumper gehört zu jenen Marken, die kaum bereit sind, ihre Düfte zu verändern, zu reformulieren oder auch nur einzelne Inhaltsstoffe zu entfernen, um den Duft zu glätten. Vermutlich haben wir hier also ein Originalprodukt vor uns, zumindest eines, das seinen Charakter noch weitgehend wahren konnte.
Trumper gehört für mich zum Inbegriff des Gentlemans Perfumer, der Duft selbst zum Inbegriff des Duftes eines Gentleman. Damit aber kein Missverständnis aufkommt: Meines Erachtens ist der Duft in keiner Weise alt, antiquiert oder verstaubt, sondern hat eine Klasse, die ihn weit über die meisten aktuellen Herrendüfte auf dem Markt heraus hebt.
Vornehm ist er allerdings schon, dieser Duft von Geo F. Trumper, und somit auch kein reiner Alltagsduft. Zwar könnte man ihn ohne Probleme auch im Büro tragen (was ich auch schon gerne und häufig getan habe), aber irgendwie geht man mit diesem Duft stets etwas ehrfürchtig um, so als müsse man auf den richtigen Zeitpunkt warten, um ihn aufzulegen.
Sehr schade ist es, dass der Duft kaum Verbreitung auf dem Kontinent gefunden hat. In England ist er Parfumliebhabern sehr wohl ein Begriff. Es reicht schon ein Blick in die Besitzerliste auf der rechten Seite, um zu sehen, dass man mit diesem Cologne eine individuelle Ausstrahlung (und hier im Wortsinn gemeint) wahren kann. Die wenigen Besitzer werden sich wohl selten über den Weg laufen.
Der Duft selbst beginnt in der Kopfnote zunächst mit Bergamotte (seit der Erfindung des berühmten Earl Grey Teas das Sinnbild für britische Lebensart) und natürlich (auch das sehr typisch für die english scents) mit Lavendel und Rosmarin. Der Rosmarin ist es wohl auch, der hier in Verbindung mit der Bergamotte das anfangs erwähnte Strahlen hervorruft. Auch das Vetiver, das dann zutage tritt, hat seinen Anteil an dieser Wirkung. Zunächst fällt es als Einzelkomponente gar nicht so auf, wer aber die klassischen Vetiver-Düfte der französischen Parfümeure kennt, der wird es nach kurzer Zeit auch in diesem Duft wieder erkennen. Nicht fehlen darf bei einem englischen Duft die Basis aus Sandelholz, ergänzt durch Zeder, so dass eine klar vernehmbare holzige (nicht ledrige) Note durchschimmert.
Damit wird der Duft zu einem Paradebeispiel für englische Parfümeurskunst des 19. Jahrhunderts, nicht nur, weil er fast alle typisch englischen (man müsste eigentlich sagen: britischen, weil kolonialen) Inhaltsstoffe enthält, sondern ganz einfach auch deshalb, weil er so unglaublich gut ist.
Nachdem ich gerade hin und weg bin von Spiced Limes (in der Anglia-Version) ist der Weg zu Trumper nicht weit. Auch diesen Duft werde ich mir nach diesem schönen Kommentar vornehmen müssen :)
Schöner Kommentar, schöner Duft, auch wenn für mich kein "10-er". Für mich ein schwer zu beschreibender, schwer zu charakterisierender Duft, aber schön und markant. Ich nehme ihn auch als deutlich rauchig war, weiß nicht woher. Nach Penhaligon's entwickelt sich bei mir Trumper zur zweiten britischen Marke, von der mir nahezu alle Düfte gefallen (im Sinne von "wirklich recht gut" bis "muss ich haben").
so, habe den jetzt endlich getestet und danke dir für die dufterfahrung! das dieses cologne schon vor fast 130 jahren benutzt wurde macht es zu einer zeitreise...und du hast es perfekt beschrieben:-) very british!
erstaunlicherweise heutzutage absolut tragbar, the real gentleman stuff:-) john steed pokal:-)
Richtig. Die Strahlkraft ist es!
Es klingt vielleicht albern, aber ich habe das Gefühl, dass mir, wenn ich dieses Cologne trage, alle Menschen von vornherein positiv gesinnt sind. Egal worum es geht...
Ich pflichte Apicius bei, der hat auch Moschus im Ausklang. Ein toller Duft und sehr gut von Dir beschrieben. Der könnte es in meine Sammlung schaffen, mal sehen...
Ja, deine interessanten und informativen Kommis sind in der Tat eine hoch willkommene Abwechslung unter den zahlreichen "Neuerscheinungen" hier :-) Abo ist eingerichtet und ich freue mich auf den nächsten Kommi von dir!
erstaunlicherweise heutzutage absolut tragbar, the real gentleman stuff:-) john steed pokal:-)
Es klingt vielleicht albern, aber ich habe das Gefühl, dass mir, wenn ich dieses Cologne trage, alle Menschen von vornherein positiv gesinnt sind. Egal worum es geht...