Hin und wieder ist es erquickend zu sehen, wie nachfolgende Generationen modische Koordinaten scheinbar neu einnorden. Jenseits des Atlantiks sind gewisse Jungspunde es leid entweder mit Hängematten am Hintern oder bei 90°C gewaschenen Konfirmandenanzüge sich in die Öffentlichkeit zu trauen.
Gewiss, der vorliegende Duft grinste mich herrlich westküstenfrech aus einer eher versteckten Ecke der Duftabteilung eines Kaufhauses an. Doch den endgültigen Überzeugungsschubser des Beschnupperns lieferte einer der zahlreichen Mode-Beeinflusser im praktischen Kurzvideoformat.
Sehr seriös und kumpelhaft widerlegt er lächerliche Drapierungen, flößt subtil normierende „attire requirements” ins Bewusstsein der in den Tiefen Fortnites verlorenen Jungs ein. Alles schlüssig, alles wunderbar leicht nachvollziehbar. Nur mit dem Begriff individualistisch kam mein Hirn nicht zurecht und löste eine rotierende Spirale im Bildschirm aus, vulgo Glitch.
Mein liebes Kind, als GenXer musste ich köstlich grinsen über die oh so neue Sachlichkeit Deiner Altersgruppe. Lass es Dir gesagt haben, so etwas durchlief ich bereits Ende der 1980er. (Und mein Herr Papa Ende der 1960er.) Die damaligen Schnitte wirken heuer mit Sicherheit überholt, doch die Grundfarben und die Stoffauswahl änderten sich kaum.
Ja, ich hätte Dir zur beigen Chino auf jeden Fall ein weißes Hemd empfohlen, ganz preppy einen dunkelblauen V-Pulli. Loafers in Weinrot? Digga, Du bestellst doch keinen Döner ohne Fladenbrot!
Anzugsmäßig nichts Neues unter der Sonne. Gedeckte Farben, gut sitzende Schnitte. Bei Regen einen Trenchcoat.
Interessant empfinde ich Deine Abwehr bezüglich greller Muster und vor allem Markenembleme. Pluspunkt! Ich hatte es auch damals gehasst, wie eine Reklamesäule der Marke rum zu laufen und teures Geld obendrauf dafür zu zahlen.
Ich folgte Deinen Anweisungen wie gebannt, fast glaubte ich vor einem der Jünger der letzten Modetage irdischer Niedertracht zu stehen, mein PayPal Zuwendungsfinger Dir eine Tasse Kaffee spendieren wollte.
Bis…
… Deine Duftauswahl mich schlagartig nach Trenton, New Jersey katapultierte. So zwischen New York und Philadelphia gequetscht. In etwa das unmittelbare Chaos nach einer gehörigen Schießerei an einer Autowaschanlage im South Ward zeitgleich mit einer räuberischen Erpressung in Joe‘s Diner gegenüber der halblegalen Massagesalons.
Im Ernst, Dein Lob auf Iconic Men ließ sogar meinen Kieferchirurg unentgeltlich mir einen dringlichen Hausbesuch abstatten, so sehr klebte mein Unterkiefer auf den Fließen des Bades.
Junge, was stimmt mit Dir nicht?
Neudeutsch mit L-Zeichen auf der Stirn: Hällooo, Gürtel auf Flakon! Je bunter die Schlange, desto giftiger ihr Biss!
Kinners, ich werde versuchen es Dir zu erklären.
Zisch!
Billiger geht eine Kopfnote kaum, für gerade mal zwanzig Sekunden bitzelt es alkoholisch frisch und von mir aus zitrisch.
Dann der markentypische Kieferbrecher an dunkelgrünen Kräutern, trocken wie Death Valley. Freundchen Dihydromyrcenol lässt sich mal wieder nicht lumpen. Quasi Guess Man in neuböse.
Bis hierher klasse, ab zur Kasse.
Na ja, zu früh gefreut.
So ein raues Lederchen peitscht Dir den Hintern wund, als hätten Patchouli und Labdanum noch offene Rechnungen zu begleichen.
Da wir aber den FSK-16 Bereich nicht verlassen dürfen, heult ein Milchbubi bittere Ambroxantränen im melancholischten Blau Kaliforniens.
Und sein Gejammer dauert gefühlt drei Episoden von General Hospital samt Werbeunterbrechungen an.
Ok, das war‘s. Flakon brav zurückstellen und Dir via direct message passendere Düfte vorschlagen.
Ach ja, verwende bitte nicht Lobpreisungen wie elegant, confident, manly strong oder gar classy im Nebel dieser Plörre. Deiner Anhängerschaft zuliebe.
Dude, das kriegen wir schon hin.
Ich bleibe fair und wünsche:
Kudos für Deinen Kanal!
Kleine Randnotiz. Ich war eines der ersten Versuchskarnickel in den 1980ern von Guess Jeans. Damals mit geblümten Applikationen. Heute schier undenkbar! Und wie gebannt schaute ich mir dreimal Zurück in die Zukunft im Kino an. Ironisch, nicht wahr?
Klasse Rezension! Die Achtziger fand ich klasse. Die Noten hier lesen sich ganz ordentlich. ABER: Guess kann ja noch nichtmal Taschen... deshalb verzichte ich großzügig auf einen Test.
Trau keinem Beeinflusser :-D Ja, was jetzt als 'quiet luxury' oder 'old money' hochgejubelt wird, war früher 'Preppy' oder 'Mod'... Letzteres ist mir lieber, weil das auch für die erklärte 'working class' Großbritanniens gut war. Und da schwingt dann auch nicht die toxische Männlichkeit der alten Kennedys mit...Vielleicht nennt man es einfach auch 'klassisch ohne Firlefanz'. 'Quiet and old' ist der Stil auch deshalb nicht , weil er von Youngstern auf TikTok herausgeschrien wird...
Das passiert, wenn man vermeintlich "seriös und kumpelhaft" angeditscht wird. Zum Glück gehört zumindest das geblümte Still-Fehlleben der Vergangenheit an 😀. Gern gelesen!
Der Duft wirkt sehr uninspiriert, deine Rezension ist genau das Gegenteil. Gerne gelesen.
Vielleicht hilft etwas "Pour Monsieur", der hat alle die Generationen überlebt.
Schön, daß Du wieder schreibst. Herrliche Rezi. Auch wenn Du jetzt denkst ich habe einen Knall, aber ich mochte die Mode der 80er und die Krawall Düfte auch.
Ich habe sie nicht gelesen, ich habe sie durchlebt.
So viel Sprachwitz, Beobachtungsgabe und liebevoll grantige Präzision bekommt man selten serviert 😂 🏆
🏆
Vielleicht hilft etwas "Pour Monsieur", der hat alle die Generationen überlebt.
So viel Sprachwitz, Beobachtungsgabe und liebevoll grantige Präzision bekommt man selten serviert 😂 🏆