Philtre Hiram Green 2024
30
Top Rezension
Deine (./?)
Catherine
Februar 1945, Paris
Cher M.
Die Februartage sind trist und grau. Ich schreibe kurze Briefe an Dich, die ich im Anschluss ins Feuer werfe. Sie können Dich nicht mehr erreichen. Morgen wird Anna fünf Jahre alt. Heute werde ich noch einen Kuchen backen, viel Gewürznelke, so wie Du es mochtest und Anna es mag. Ich habe im kleinen Blumengeschäft am Kanal Nelken gekauft und denke daran, wie Du sie mir damals mitgebracht hast. Du Banause hattest sie mit Rosen verwechselt. Ich mochte keine Nelken, war enttäuscht und habe sie schmollend auf den Küchentisch gepfeffert. Heute kann ich mir nichts Schöneres vorstellen. Mit jeder Nelke, die eingeht, geht ein Teil von Dir. Darum kaufe ich immer wieder einen neuen Bund.
Deine.
Catherine
*****
Anna
April 1973, Paris
Cher F.
Maman feiert morgen ihren 55. Geburtstag. Ich bin vorgestern aus der Bretagne angereist. In der Wohnung von Maman war ich schon lange nicht mehr. Hier scheinen die Uhren stehen geblieben zu sein, dabei ist sie noch so jung. Kühl ist es in den Räumen, in jedem steht ein Bund Nelken. Maman trägt eine rote Nelke im Revers, als würde sie jeden Moment Widerstand leisten wollen. Das tut sie aber nicht. Sie macht Feuer am Abend. Manchmal erwischt sie sehr harziges Holz, das den Raum würzig flutet. Immer wieder wirft sie kleine Zettel ins Feuer, ich frage nicht warum. Sie vermeidet es auch, Fragen zu stellen. Zum Beispiel diejenige, warum ich am Morgen so lange im Bad bin und Wein zum Abendessen ausschlage. Wir beide schweigen wissend und tun ahnungslos. Wirst Du da sein, wenn ich zurückkomme? Oder sind Deine Augen im Rückspiegel und der aufgewirbelte Staub das Letzte, was ich von Dir gesehen habe?
Ich hätte gerne mit „Deine“ unterschrieben. Wir beide wissen, dass dahinter ein Fragezeichen stehen müsste.
Anna.
*****
Isabella
März 1996, Nizza
Cher D.
Ernsthaft? Nelken? Damit hättest Du Catherine, meiner Grossmutter, eine Freude gemacht. Ist das nun verstaubt oder zeitlos? Du Nostalgiker. Ich bin gerade bei Maman, wie Du weisst. Sie ist nicht mehr die Gleiche, seit sie die Bretagne verlassen hat. Papa scheint auch verändert. Ich stelle keine Fragen, aber ich glaube, Maman hat ihm nie verziehen, dass er sich aus dem Staub gemacht hat, als sie mit mir schwanger war. Sie hat nie was gesagt, aber ich sehe in ihren Augen, dass sie ihn gelegentlich dorthin wünscht, wo der Pfeffer wächst. Ihre eigene stille Nelkenrevolution.
De toute façon, ich denke an Dich und die Nacht vor meiner Abreise. Alanis sang davon, dass sie eine Hand in der Hosentasche hat, während ich meine unter Deinem T-Shirt vergrub. Die Bettlaken habe ich nicht mehr gewechselt und würde mich jetzt und sofort am liebsten darin wälzen. Zu Vanilla für Dich? Wer Nelken schickt, sollte nicht mit Steinen werfen. Ich habe nicht gesagt, dass ich mich MIT DIR darin wälzen würde. So magst Du doch Deine Frauen am liebsten, nicht wahr?! Unberechenbar. Wirst Du da sein, wenn ich zurückkomme?
Deine (?)
Isabella
Februar 1945, Paris
Cher M.
Die Februartage sind trist und grau. Ich schreibe kurze Briefe an Dich, die ich im Anschluss ins Feuer werfe. Sie können Dich nicht mehr erreichen. Morgen wird Anna fünf Jahre alt. Heute werde ich noch einen Kuchen backen, viel Gewürznelke, so wie Du es mochtest und Anna es mag. Ich habe im kleinen Blumengeschäft am Kanal Nelken gekauft und denke daran, wie Du sie mir damals mitgebracht hast. Du Banause hattest sie mit Rosen verwechselt. Ich mochte keine Nelken, war enttäuscht und habe sie schmollend auf den Küchentisch gepfeffert. Heute kann ich mir nichts Schöneres vorstellen. Mit jeder Nelke, die eingeht, geht ein Teil von Dir. Darum kaufe ich immer wieder einen neuen Bund.
Deine.
Catherine
*****
Anna
April 1973, Paris
Cher F.
Maman feiert morgen ihren 55. Geburtstag. Ich bin vorgestern aus der Bretagne angereist. In der Wohnung von Maman war ich schon lange nicht mehr. Hier scheinen die Uhren stehen geblieben zu sein, dabei ist sie noch so jung. Kühl ist es in den Räumen, in jedem steht ein Bund Nelken. Maman trägt eine rote Nelke im Revers, als würde sie jeden Moment Widerstand leisten wollen. Das tut sie aber nicht. Sie macht Feuer am Abend. Manchmal erwischt sie sehr harziges Holz, das den Raum würzig flutet. Immer wieder wirft sie kleine Zettel ins Feuer, ich frage nicht warum. Sie vermeidet es auch, Fragen zu stellen. Zum Beispiel diejenige, warum ich am Morgen so lange im Bad bin und Wein zum Abendessen ausschlage. Wir beide schweigen wissend und tun ahnungslos. Wirst Du da sein, wenn ich zurückkomme? Oder sind Deine Augen im Rückspiegel und der aufgewirbelte Staub das Letzte, was ich von Dir gesehen habe?
Ich hätte gerne mit „Deine“ unterschrieben. Wir beide wissen, dass dahinter ein Fragezeichen stehen müsste.
Anna.
*****
Isabella
März 1996, Nizza
Cher D.
Ernsthaft? Nelken? Damit hättest Du Catherine, meiner Grossmutter, eine Freude gemacht. Ist das nun verstaubt oder zeitlos? Du Nostalgiker. Ich bin gerade bei Maman, wie Du weisst. Sie ist nicht mehr die Gleiche, seit sie die Bretagne verlassen hat. Papa scheint auch verändert. Ich stelle keine Fragen, aber ich glaube, Maman hat ihm nie verziehen, dass er sich aus dem Staub gemacht hat, als sie mit mir schwanger war. Sie hat nie was gesagt, aber ich sehe in ihren Augen, dass sie ihn gelegentlich dorthin wünscht, wo der Pfeffer wächst. Ihre eigene stille Nelkenrevolution.
De toute façon, ich denke an Dich und die Nacht vor meiner Abreise. Alanis sang davon, dass sie eine Hand in der Hosentasche hat, während ich meine unter Deinem T-Shirt vergrub. Die Bettlaken habe ich nicht mehr gewechselt und würde mich jetzt und sofort am liebsten darin wälzen. Zu Vanilla für Dich? Wer Nelken schickt, sollte nicht mit Steinen werfen. Ich habe nicht gesagt, dass ich mich MIT DIR darin wälzen würde. So magst Du doch Deine Frauen am liebsten, nicht wahr?! Unberechenbar. Wirst Du da sein, wenn ich zurückkomme?
Deine (?)
Isabella
43 Antworten


Zumal ich mich bei anderen Beschreibungen dieses Duftes bei Herren-Parfums von vor 100 Jahren wiederfinde.. (es regnet Gewürznelken 🥁)
Gelogen habe ich auch noch nie !!!
ich werfe eine Nelkenblüte in die Glut und flüsterte all die ungesagten Worte in den Rauch. Für Catherine, für Anna, für Isabella. Am meisten aber für dich.
Alles Liebe
J
Als ich gestern nach Hause gekommen bin, hatte der Nelkenrauch aus dem Kamin Worte in der Luft gebildet: M-A-R-I-E-P-O-S-A (in verschnörkelter Schrift). Danke, liebe @Marieposa, für dein offenes Ohr für die ungesagten Worte. Ich weiss nicht, ob die drei Briefe verschickt worden sind, was mich unweigerlich an Dich erinnert (und die eine wortgewaltige Rezension, die in meinen Notizen im Telefon gespeichert ist). 🥰
Sei herzlich gegrüsst.
Z.
Gerne mehr Rezensionen von dir, sehr kreativ !
Ich weiss ja um Deine Verkleidungs-Gefühle, wenn es um Blumen geht. Umso schöner, dass Du den Nelkengeschichten zugehört hast! 🤗
Deine Rezension ist fantastisch.
deine Briefe, die einen so
wundersamen Zeitenduft verströmen,
sind auf dem Weg zu mir und
es wird mir eine Freude sein,
in ihren Geschichten weiterzulesen.
B.
Ich freue mich schon sehr darauf,
den Geschichten zu lauschen, die Dir
"Philtre" erzählen wird. Es ist mir eine Freude,
dass Du meinen zugehört hast, danke! 🥰
Z.
Nostalgisch fand ich den Duft schon, aber eher heiter.
Wie schön, wenn ein Parfum solche Geschichten erzählen kann!
Einen „Nelken-Pokal“ 🏆 für dich