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Charles Street von Mark Birley

Charles Street 2010

Rivegauche
15.10.2012 - 16:04 Uhr
21
Top Rezension
9Duft 7.5Haltbarkeit 7.5Sillage 7.5Flakon

Zwischen Tradition und Moderne

Der in 2007 verstorbene Nachtclubinhaber Mark Birley hatte 1972 seinen zweiten Club 'Mark's Club' in der Londoner Charles Street eröffnet. Am unweit gelegenen kleinen Park 'Berkeley Square,' in einem der exklusivsten Viertel London's, wo auch einst Winston Churchill zu Hause war, hatte Mark Birley bereits 1962 seinen ersten Club, das 'Annabel's' eröffnet, der nach seiner ersten Ehefrau Lady Annabel Goldsmith benannt ist. Beide Clubs existieren bis heute und sind nur für Mitglieder zugelassene klassisch exklusive britische Clubs, zu dessen Kunden auch das britische Königshaus wie Prince Charles und seine Söhne, oder Frank Sinatra, Jude Law, Aristotle Onassis bis hin zu Lady Gaga zählen. Mark Birley und seine Schwester Maxime waren die Kinder des Malers Sir Oswald Birley, der einst viele Mitglieder der britischen Königsfamilie portraitierte. Seine Schwester Maxime, die in der Pariser Modewelt u.a. bei Elsa Schiaparelli als Verkäuferin oder als Model in den Fünfziger Jahren erfolgreich war, heiratete später den französischen Aristokraten Alain Le Bailly de la Falaise. Auch ihre Tochter Loulou de la Falaise blieb in Paris und war mehr als dreissig Jahre lang nicht nur Muse, sondern auch die rechte Hand meines persönlichen Meisters Yves Saint Laurent. Damit schließt sich für mich zumindest wieder der Kreis.

Nur umkreisen hingegen muss man den modern eleganten Lederduft 'Charles Street' aber nicht, auch wenn seine sofort präsente arg bitter muffig dunkel rauchig lederne Kopfnote mit einem großen Crescendo eröffnet, einen klassisch frisch bergamottigen Start gibt es nicht. Aber schon das gefällt mir sehr. Da kann man auch schon mal kurz an Zigarettenqualm denken und die Assoziation an dunkel elegant verrauchte altenglische Herrenclubs mit den etwas abgewetzten "Chesterfield" Ledersofas ist sofort präsent. Allerdings bezweifle ich, das ein Sofa in 'Mark's Club' jemals abgewetzt ist, im Zweifel nennt man es dort Patina. Von der bitteren Kopfnote sollte man sich nicht irritieren lassen, denn der Duft wird weicher. Das muffig rauchige Leder bleibt aber durchgehend erhalten. Es wird schnell gemildert und gestützt durch eine durchgehend begleitende elegant frisch süß aromatische Kaffeenote, die wie frisch geröstet wirkt. Dazu bringt sich der etwas gewöhnungsbedürftige leicht grün harzige Geruch des Angelikawurzelöls mit ein, ein kleiner Gruß von Frédéric Malle's 'French Lover.' Das bringt uns wieder an die Bar, denn Angelikawurzelöl - oder auch Engelwurzöl - wird in Kräuterlikören wie 'Chartreuse' oder 'Boonekamp' verwendet. Das leicht muffige Safran hat es sich eh schon bequem gemacht, vielleicht ist aber auch eine Spur Patchouli für den Muff verantwortlich. Die Muskatnuss steuert eine trocken pfeffrig nussige Holzigkeit bei. Das Thymian schiebt sich dauerhaft mit seiner krautig grünen & leicht ätherischen Note noch ein wenig mit rein. Die Karottensamen bringen eine weitere frisch grün pflanzliche Ecke mit. In diesen Pfeiler von grün aromatisch dunkel frisch krautig muffig rauchigem Leder ergänzt sich in der Basis der zweite Pfeiler des Duftes, beginnend mit einem dezent sanft weich sauberen Moschus. Im Gepäck folgt die warm schmeichelnd süße Vanille und die frisch süß-sauer fruchtigen Himbeeren, aber an Rote Grütze denkt man da trotzdem nicht.

Am Anfang kam ich da mit mir selbst schon ganz schön ins grübeln. Die zum einen sehr angesagte gourmetduftartige Kombination von geröstetem Kaffee, süß warm weicher Vanille und fruchtig frischer Himbeere mag ich grundsätzlich gar nicht und könnte eigentlich pappsig wirken, und zum anderen kommt mir diese Kombination mit dem Moschus in der Duftentwicklung ein wenig synthetisch vor. Aber dieser Gourmetakkord, der im weiteren Verlauf luftiger wird und bei dem die Vanille gewinnt, lässt den Duft als modern, lässig elegant und zeitgemäß erkennen, um auch jüngere Menschen begeistern zu können. Das steht im wunderbaren Kontrast zur sehr natürlich und nobel elitär anmutenden grün krautig rauchigen dunklen Ledernote. Die Dualität beider konträren Duftpfeiler verschmilzt und ergänzt sich miteinander, das begeistert mich sehr und lässt mich über den leicht synthetischen Charakter des Duftes hinwegsehen...ach was, nicht nur hinwegsehen, es ist großartig. Zumal die traditionelle dunkle Ledernote mehr dominiert und kräftig gegen den Gourmetakkord ansteuert, um ihm die synthetische Anmutung und Oberhand zu nehmen. Die Materialien sind zwar recht kraftvoll, komplex und dicht verwebt, das es einem schwerfällt einzelne Dinge herauszuriechen, aber ein schreiend lauter Duft ist 'Charles Street' dennoch nicht. Dank der zurückhaltenden Orchestrierung dieser doch üppigen Inhaltsstoffe zieht sich 'Charles Street' ziemlich elegant & gentlemenlike auf die Haut zurück. Dort lässt er sich ruhig in voller Reichhaltigkeit den ganzen Tag über genießen. Zumal sich der Duft bis in die hinterste Ecke auch durchgehend eine kleine luftige Frische erhält. Immer wieder kommt im Laufe des Tages leise das kantig rauchige und rund kuschelig weiche vanillige Leder im Wechselspiel durch meinen Hemdkragen hoch, was für eine tolle Kombination. Eine schlechte Haltbarkeit wie das erste 'Mark Birley for Men' hat er ganz klar nicht, dafür ist das Volumen zu groß. Samtsakkos würden ganz hervorragend zu diesem dunkel schmeichelnden Duft passen, auch wenn ich keine besitze. Durch die ausstrahlende Ruhe erreicht der Duft eine lässige Eleganz, weil er nicht wie das nahezu identisch riechende "Tuscan Leather" von Tom Ford auch in dessen persönlicher Manier von weitem schon "hier bin ich" schreit, auch die Preisgestaltung geht in sehr unterschiedliche Richtungen. Wer noch etwas mehr von der grün krautigen Note möchte, dem empfehle ich zum Vergleich das ebenfalls naheliegende nach einem Rennpferd benannte "Godolphin" von "Parfums de Marly." Leider finde ich die Flasche ganz gruselig.

'Charles Street' ist mit seinem wunderbar simpel schlicht massiven Glasflakon und dem großen mattgrauen Deckel meine Entdeckung des letzten Winters 2011. Ich habe mich mal - wohl dauerhaft - für einen leicht süßen "Teilzeitgourmand" entschieden.
14 Antworten
EisbaerEisbaer vor 5 Jahren
1
Und ich Idiot schreibe noch, dass ich den "irgendwie mit London" verbinde... :-) vielen Dank für die Hintergrundinformationen und lasse gerne einen Pokal da
GentilhommeGentilhomme vor 10 Jahren
Heute erstmals getestet - grandioser Duft! Gefällt mir und Dein Kommentat trifft alles bis ins letzte Detail, Dankeschön! ;-) Interessante Geschichte, wußte mit Mark Birley nicht wirklich etwas anzufangen....
YataganYatagan vor 12 Jahren
Update! Getestet: perfekt beschrieben. Der Rauchton ist originell und passend zum Sujet.
YataganYatagan vor 13 Jahren
Wird getestet.
RittlerRittler vor 13 Jahren
ich mag MB for Men sehr ... aber dieser duft riecht einfach nur muffig! würde ich den an jemandem riechen, der neben mir stünde, dann würde ich denken, derjenige hätte seine klamotten schon längere zeit nicht mehr gewaschen. geht gar nicht!!!!
HasiHasi vor 13 Jahren
Dieser Kommentar ist ein Empfehlungsschreiben für die beiden Clubs!! :-)
LuckyDogLuckyDog vor 13 Jahren
Toller Kommentar. Ich mag die Mischung aus Duftbeschreibung und Hintergrundinformation. Bisher kannte ich nur das For Men, nun werde ich auch nach dem Charles Street ausschau halten müssen. Pokal.
HermessenzHermessenz vor 13 Jahren
Ich hinterlass mal eine "Gelesen-Notiz".Dankö.
ErnoErno vor 13 Jahren
WOW - Was für ein Kommentar!! Er quillt ja förmlich über, an Geschichte, Hintergrund-, und Insiderinfo's. .. und schön, dass auch die Samtsakkos Erwähnung fanden! ;0) Champagnerkühler!
CoriolonCoriolon vor 13 Jahren
Mit Samtsakkos hast du es ja wohl zur Zeit ...grins
RoninRonin vor 13 Jahren
Danke für den wunderbaren, Neugier weckenden Kommentar. Pokal. Merkliste. Danke.
JensemannJensemann vor 13 Jahren
Und nun brennen die Finger vom Tippen. ;) Respekt! Habe den letztens noch irgendwo getestet und fand den ganz schön heftig irgendwie.
DuftstickDuftstick vor 13 Jahren
Sehr interessanter Kommi. Da erkennt man den Duftprofi!!! Chapeau.
CallasCallas vor 13 Jahren
Meine Güte, da ist ja einiges im Gepäck! Hast mich neugierig gemacht. Ich hoffe, die Haltbarkeit ist besser, als bei Mark Birley for men. Danke auch für den interessanten Anfang.