Möchte ein sogenannter Barbershop-Duft mein Wohlwollen erwecken - andere sprechen eher von Fougère-Düften - so hat er es nicht besonders leicht. Lavendel, das wohl zumeist obligatorischste Element in einem solchen Parfüm, darf vorhanden sein, aber bitte vorsichtig dosiert. Ansonsten verschlägt es mir schnell die Laune, wie ich leider bei "masculien Pluriel" aus dem Hause Kurkdjian feststellen musste.
Kräutern oder allgemein grünen Noten sei ihre Gegenwart auch gestattet, aber bitte auch hier im angemessenen Maße. Tom Fords "Beau de Jour" zum Beispiel hat hiervon ein kleines bisschen zu viel enthalten und auch der Lavendel ist mir hier noch deutlich zu krautig.
Fassen wir zusammen:
Ich trage Barbershop-Düfte, sofern diese mit dem Lavendel haushalten, jener nicht zu krautig oder kratzig auftritt und das Grüne - häufig Kräuter oder Vetiver - sauber eingebunden wird und nicht die vollständige olfaktorische Herrschaft innerhalb einer Duftkomposition an sich reißt.
Schlussendlich bedeutet all dies zugleich, dass ich es bei der Suche nach einem für mich geeigneten Barbershop-Duft, der durchaus klassisch, aber keineswegs altbacken riechen soll, nicht besonders leicht habe.
Nun habe ich hier im Souk vor Kurzem eine kleine Abfüllung erworben, die aus einem spannenden, aber irgendwie auch ziemlich kitschigen, dafür jedoch nahezu unverwechselbaren Flakon gezapft wurde. Der Name "The Tragedy of Lord George" mag einen gewissen Hintergrund haben (ich meine mal etwas auf Youtube gesehen zu haben), doch von einer Tragödie muss hier glücklicherweise nicht gesprochen werden.
Alles beginnt mit einem alkoholischen Auftakt, welcher definitiv dem Brandy zu verdanken ist, der sich in dieser wirklich sehr übersichtlichen Duftpyramide finden lässt. Dieser ist anfangs etwas süßlich, was typisch für viele alkoholische Genussgetränke ist. Ein bisschen Holzigkeit schwingt auch mit - an einen Braukeller erinnernd. Das alkoholisch Süße gerät bereits nach nur wenigen Sekunden in den Hintergrund, was wohl durch das Hinzugeben von Rasierseife, eine irgendwie seltsame Duftnote, verursacht wird. Seltsam ist diese Duftnote deshalb, weil es ja etliche Sorten jener Seife gibt, was Geruch und Inhaltsstoffe angeht. Diese Seife ist es, die nun für den Barbershop-Flair sorgt. Es scheint, als hätten wir es hier mit einer zu tun, welche auf Lavendel- und Rosenbasis aufbaut. Immerhin errieche ich etwas dezent Krautiges, was mir aber keineswegs in der Nase sticht oder an das stets überdosierte After Shave meines Großvaters erinnert. Die ebenso von mir vernommene Rose besticht durch einen zurückhaltenden, sehr sauberen und vor allem reifen Auftritt. Ich finde, das ist ein schöner Kontrast, mit dem man meiner Angstnote, dem Lavendel, begegnen kann. Vielleicht sollten sich auch andere Parfümeure hier ein Beispiel nehmen.
Übrigens ist die anfängliche Brandyholzigkeit noch immer zugegen, wird uns über den gesamten Duftverlauf begleiten und ist im Ganzen eine wirklich gut umgesetzte alkoholartige Note, die mir zusagt. Andere Wässerchen, die großzügig mit Rum oder Whiskey spielen, schaffen dies nicht.
Haben wir uns den ersten beiden Duftnoten, die sich selbstverständlich irgendwie auch wieder aus mehreren zusammensetzen, gewidmet, richten wir unsere Aufmerksamkeit nun auf die etwas später hinzukommende Tonkabohne, welcher es gelingt, der noch recht konservativ duftenden Kreation eine Twist Modernität zu verleihen, wodurch ich das Attribut "konservativ" gerne durch "klassisch" ersetze, was unweigerlich mit Zeitlosigkeit zu verbinden ist. Durch die Tonkabohne - hier nicht zu süß oder vanillig in Erscheinung tretend - unterlegt Alberto Morillas seine in meinen Augen gelungene Interpretation eines sauberen Barbershop-Duftes mit ein wenig Süße. Auch hier findet das alles in geregelten Bahnen statt. Nichts ist überzuckert, klebrig oder für Diabetiker rezeptpflichtig. Rezeptpflicht besteht ebenso wenig, was Haltbarkeit und Sillage betrifft, denn das Umfeld wird weder belästigt noch erschlagen. Auch das kennt man von manchen lavendligen Barbershop-Konkurrenten anders. Alles in allem ist dieser Duft eine gute Alternative für fougère-empfindliche Nasen. Ich würde sogar behaupten, dass auch ein gewisses Signaturduftpotential besteht, wenn - ja wenn - der Preis nicht wäre.
Ein toller Kommentar zu einem Duft, den ich gerade kennenlerne. Ich kann Deine Eindrücke nur bestätigen. Wäre hier volle "Tonka-Power" drin, hätte er eine Ähnlichkeit zu Tom Fords FF. George meidet diesen süßen Pfad jedoch, denn er steht auf Seife :-)
Ein traumhafter Duft, leider kann ich meinen Freund so gar nicht dafür begeistern, also werde ich ihn heimlich selbst tragen und mich fühlen wie ein englischer Gentleman :)
Was ist ein Barbershop-Duft? Ist das die Marke? Puh, jetzt hab ich mich aber als unwissende geoutet =D Aber deinen Kommentar habe ich gerne gelesen. Pokal
Ich tue mir mit solchen Düften auch schwer, da ich auch immer an das überdosierte Rasierwasser meines Großvaters denke und somit "Opa" mit solchen Düften assoziiere, eben auch an jüngeren Herren. Aber das klingt fein, mal merken.
Ja, ein preisgünstiger Duft ist dieser exzentrische Lord nicht. Aber man gönnt sich ja sonst nichts. Nach deinem ausführlichen und anschaulichen Kommentar stelle ich mir den Duft recht originell und reizvoll vor für Herren mit Persönlichkeit und einer gewissen Gabe zur Selbstironie.