Vitriol ist kristallines Metallsulfat, aus dem früher Schwefelsäure gewonnen wurde. Vitriolmineralien sind bunt, wirken gläsern und inspirierten auf der alchemistischen Suche nach dem Stein der Weisen. Oeillet ist die Nelke. Vitriol d´Oeillet ist also eine chemisch-natürlich unmögliche Idee von einer kristallisierten Metallblume oder so ähnlich. Ein alchemistisches, kühnes Experiment des verrückten Wissenschaftlers auf Abwegen, der Schöpfung widersprechend und einer Perversion der Synthese folgend. Ist mit Vitriol d'Œillet ein solcher Kunst-Natur-Hybridduft entstanden? Ja… schon. Aber der Stein der Weisen ist es sicher nicht.
Eine überaus anstrengende Kopfnote verweigert zunächst jede florale Idee und bombardiert mit einer kalten Pfeffrigkeit, die ein wenig weh tut. Das, was manchmal extrem reizvoll sein kann, nämlich ein wenig Schmerz, in dem aber unwiderstehliche Anziehung wirkt, die oft verlockende Ästhetik des Hässlichen, funktioniert hier nicht. Steht man den Pfefferkopf durch, tritt eine drastisch dominante, raumnehmende Nelkennote in die Mitte des Duftes. Die leichte Rosennähe der Nelke ist hier unmittelbare Nachbarschaft: Diese Nelke ist sehr rosig. Sie ist auch hartkantig. Ihre Blüten- und Stengelblätter sind schneidend scharf, ihre Konturen sind starr und geometrisch exakt. Diese krasse Nelke wird weiter vom Anfangspfeffer begleitet, dessen Gewürzschärfe ihre Kantenschärfe perfekt betont und wird dann von dunklen Gewürznoten (Muskat und Gewürznelke, beide deutlich erkennbar) in die Tiefe geführt.
Etwas ganz leicht Lakritzig-Balsamisches erinnert an Lutens-Sheldrake, jedoch ist alles sonst so Typische, das Orientalische, Opulente, Reichüppige hier spurlos verschwunden. Der kalt-scharf-würzige Nelkenduft hat etwas sehr Elegantes. Ich kann ihn mir gut an Frau oder Mann vorstellen, wenn eine gewisse Fiesigkeit und stylische Kaltschnäuzigkeit betont werden sollen. Beim olflactoralist (olflactoralist.com) las ich, dass Vitriol d'Œillet ein sehr französischer und null orientalischer Duft sei und hierin Gemeinsamkeiten mit Bas de Soie habe. Absolut richtig!
Nach dem Drydown wird Vd´O harmonischer, freundlicher. Die krasse Kantigkeit und übertriebene Konfrontration werden zu einer etwas versöhnlicheren Milde geführt. Dass ihm hier Dünnbrüstigkeit, nachgesagt wird, kann ich nicht nachvollziehen. Es ist kein Orientknaller, aber das Blumen-Gewürzmotiv hat durchaus Stärke.
Nicht meins. So gar nicht. Aber zweifellos spannend, interessant, bemerkenswert.
Teste ihn gerade zum zweiten Mal und bin mir nicht ganz schlüssig. Du hast ihn recht gut erfasst und beschrieben. Ich frage mich noch immer, mag ich ihn oder nicht. Er hat schon etwas außergewöhnliches an sich.
Toller Kommi liebe Louce :-) Teste gerade beide, Vd'O und Bas de Soie und auch ich finde, dass beide in ihrer Duftatmosphäre Ähnlichkeit haben! Beide nicht meins aber spannend, interessant und bemerkenswert. Yes! :-)
toller kommentar, louce! ich bin heute losgezogen um daran zu schnuppern - und was muss ich sagen? der entwickelt eine wunderbare tiefe auf der haut und hat unter seine härte und geometrie auf der oberfläche etwas zerbrechlieches wie glas. meiner!
Ich fürchte, den muss ich haben.Und wie wir wissen, braucht man gelegentlich etwas Hartkantiges. Nelkendüfte haben es mir ohnehin angetan.Mein Dealer hatte ihn noch nicht vorrätig, und ohne Test mag ich ihn nun doch nicht erwerben.
@Spinster: Ich kann mir super vorstellen, dass der einen kriegt! Es muss passen. Ein Mensch aus Hundert, nicht 99... aber dann ist es einzigartig und beispiellos toll! :-)
PERFEKT beschrieben, finde ich. Genaus SO hab ich ihn auch wahrgenommen. -alles sonst so Typische, das Orientalische, Opulente, Reichüppige hier spurlos verschwunden.- und ja, die Nelke ist hartkantig. Riesen-Pokal!
Danke für den informativen Kommentar!