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Louce
16.03.2014 - 06:31 Uhr
Top Rezension
9Duft 7.5Haltbarkeit 5Flakon

Sonneneinladung

Die Different Company Colognes (zwar in EdT-Stärke, aber betont "Cologne" genannt: "Esprit de Cologne") sind Émilie Bevierre-Coppermann bislang verdammt gut gelungen und die Symrise-Parfumeurin werde ich im Auge, bzw. der Nase behalten, wenn sie außerhalb der normalen Marken-Auftragsarbeit zum Duftgestalten kommt, so wie hier. Die kann was.

Der Anspruch an ein Cologne ist ein anderer als an sonstiges Parfum: Hier darf die Komposition nicht so komplex, dicht verwoben und tiefschichtig sein, dass sie den Vorder-, Mittel- und Hintergrund einnimmt und den (Luft-)Raum verstopft. Ein Cologne muss immer einen erfrischenden Effekt haben und auch über die Kopfnote hinaus, möglichst bis zum Ende der Dufterfahrung, einen erquickenden, jung-natürlich-gesunden, gerne auch kühlenden Charakter aufweisen.
Es muss leicht sein und erleichternd wirken.
Wenn die Different Company Colognes macht, kommt dazu noch die Erwartungshaltung, dass das ganze trotz des obligatorischen Frische-Gebots ein spannendes und modernes Parfum sein und sich nicht zu belanglos in die 0815-Aquas oder 4711-Varianten einreihen soll.

Mission accomplished auf ganzer Linie:
Alle Different Company-Colognes habe ich als echte, im Sommer gut tuende und bei Hitze besonders taugliche Eaus de Colognes erfahren, die Nase und Hirn freuen mit interessanten, riechenswerten und ungewohnten Duftbögen, die dabei aber nicht fordernd (und damit irgendwie anstrengend), sondern aufheiternd, anregend und belebend sind. Jetzt hat mich eines davon so sehr bezaubert, dass ich es gar nicht erwarten kann, es bei über 25°C auszuprobieren und es als ganz heißen Kandidaten für den Sommer 2014 auf meine Wunschliste setze: South Bay.

South Bay fängt an mit einer außerordentlich natürlich wirkenden Grapefruitnote. Nicht die, die einem öfter begegnet in Kopfnoten und seit TdH zum Kanon zeitgenössischer Zitrusstarts gehört, sondern eine hyperrealistische: Nicht eingebettet in Kontext, sondern unmittelbar, ruft die Grapefruitnote (laut Pyramide unterstützt von sauer-bitterer Quasizitrus-Tamarinde und herbem Mandarinenblatt, was ich gut nachvollziehen kann) mit hohem Ikonizitätsgrad eine direkte Geschmackserinnerung an den ersten Schluck frisch gepressten Grapefruitsafts am frühen Morgen auf. Und genau diese Auswirkung hat sie auch olfaktorisch: sie weckt, rüttelt auf und bringt die Sinne auf die Reihe.
Die Bitternote zieht sich langsam zurück, aber das Säuerliche bleibt und das, was dann entsteht, ist blumig. Aber es entspricht überhaupt nicht bekannten Blumenakkorden und erfüllt kein gewohntes Sommerblumenklischee: Eine gut erkennbare, supercharmante Freesie duftet gut gelaunt neben etwas Süßsaurem, Schwungvollem, das ein wenig holzig und rosig ist und unter dem Eindruck enorm Vitamin C-haltiger Frische eine Idee von Fülle, Dichte und Reife mitbringt. Keine Ahnung, wie das gemacht wurde, aber der Name „Hagebutte“ passt 1:1! Auf ihrer Website nennt die Different Company das "Églantine", was "Heckenrose", oder deren Frucht "Hagebutte" bedeuten könnte... obwohl der Akkord durchaus auch etwas Rosenhaftes hat, bin ich mir sicher, dass es mit Hagebutte exakt richtig übersetzt ist. Diese Hagebuttennote ist verblüffend und auffallend, sie macht für mich den Hauptreiz dieses Colognes aus. Nicht süß-mehlig, wie Hagebuttenmark oder extrasauer wie Hagebuttentee (der ja eigentlich ein Hibiskus-Hagebutten-Tee ist), sondern wie Hagebuttenfruchtfleisch um die vielen kleinen Kerne, wenn man die Frucht direkt vom Strauch gepflückt und aufgepuhlt hat.
Diese hagebuttig-blumige Mitte zeigt für ein Cologne eine erstaunliche Puste und hält lange an, bis sie sich schrittchenweise zu einer hellen, leichten Holzigkeit wandelt, die dann immer weiter verblassend und sich in Hautduft integrierend, ausklingt. In diesem letzten, holzigen Kapitel wird der Duft ausgeglichen und ruhig, dabei aber nicht fester oder weniger durchlässig. Der Wildlederaspekt bedeutet hier keine eigentliche Ledrigkeit mit hinterrücks kickender animalischer Beinote, vielmehr ein Heben der Holzigkeit zu streichelig-weicher Leichtigkeit.

Ein attraktiver, sehr vergnüglicher Duft - frisch, erst bitter, dann sauer, dann süßsauer, zuletzt hellholzig, leicht und bei aller Unschwere dennoch kraftvoll und charakterstark, Gegenmittel gegen Hitzemüdigkeit und Wärmephlegma, voller Lebendigkeit… das macht SOLCHE Lust, South Bay im Sommer zu tragen. Der braucht Sonne, Sonne und noch mehr Sonne, um sein ganzes Potenzial an Energie zu entfalten und bestimmt mächtig viel Spaß zu bringen.
Bravo, Émilie!
11 Antworten
AugustoAugusto vor 6 Jahren
1
Toller Kommentar zu einem wundervollen Sommerduft!
DieLoraDieLora vor 10 Jahren
Großartiger, informativer und sehr präziser Kommentar! Danke!
MarisMaris vor 11 Jahren
Wow, präzise beschrieben. Ich kann mir was drunter vorstellen.
BertelBertel vor 11 Jahren
Perfekte Beschreibung. Exakt so empfinde ich diesen Duft auch, nehme ihn allerdings leider nur sehr schwach wahr (anders als "Tokyo Bloom" für mich sehr EdC). Danke!
FittleworthFittleworth vor 11 Jahren
Ganz wunderbarer, hervorragender Kommentar! Ich nehme diesen Duft mal in meine Merk-und Wunschliste auf und sage Dir ein großes Dankeschön für Deinen sehr informativen Kommentar.
MaryanaMaryana vor 11 Jahren
so ! Ich hab jetzt auch SOLCHE Lust auf den Duft!!!!
FlorblancaFlorblanca vor 11 Jahren
Du bist ja hin und wech! Klingt sehr gut, was Du erzählst. Als Kinder haben wir Hagebutten vom Strauch gepflückt und gegessen. Da war Vorsicht angesagt, wegen der haarigen Kerne!
PaloneraPalonera vor 11 Jahren
Ohne Zweifel: Du bist erobert. Und ich bin gespannt. Danke für's Anfixen, ;-)!
ShinyAbraxasShinyAbraxas vor 11 Jahren
Aussagekräftige Duftbeschreibung, die Lust macht, den Duft bei sommerlichen Temperaturen zu testen. Ob er auch in tropischen Gefilden funktioniert? Klingt danach und platziert ihn deswegen sofort auf meiner Merkliste. Danke für den Fingerzeig.
Viola8Viola8 vor 11 Jahren
Der steht seit Veröffentlichung auf meiner Merkliste, jetzt weiß ich, dass ich ihn unbedingt testen muss! Danke für die interessante Beschreibung.
YataganYatagan vor 11 Jahren
Als Liebhaber von Hagebuttenmarmelade hast Du mich überzeugt, South Bay auszuprobieren. ;)