Geisha Noire (Eau de Parfum) von aroma M

Geisha Noire 2007 Eau de Parfum

Seerose
19.03.2017 - 22:09 Uhr
Top Rezension
9.5Duft 7.5Haltbarkeit 5Sillage

Geisha-Duft? Nein: Hippie-Flower-Power!

Sehr neugierig war ich auf "Geisha Noire". Einen Duft etwa so, wie ich ihn mir nach der Beschreibung aus dem "Kopfkissenbuch" der Dame "Sei Shonagon" die bedufteten Kleider vorstelle. Zur Zeit der Verfasserin gab es noch keine Kimono wie wir sie kennen. Die Aufzeichnungen sind etwa 1000 Jahre alt.
Das Geishawesen gab es zur Zeit der Dame Shonagon noch lange nicht. Die adligen Frauen waren diejenigen, die nur geistreich, gebildet und anmutig, liebreizend zu sein hatten. Alles andere wurde von Dienern erledigt.
Das was wir so streng minimalistisch aus der japanischen Kultur kennen, existierte damals noch nicht. Es ist nur von der Oberschicht die Rede wie man sich denken kann. Jahrhunderte später waren Geisha (es gibt im Japanischen keinen Plural und keinen Genus) zunächst Männer, die tanzend und musizierend die reinen Männergesellschaften in den Teehäusern unterhielten. „Gei“ bedeutet weitgefasst: Kunst!
Erst später waren es zunächst mutige Frauen, die Gäste gebildet und geistreich mit Musik, Tanz und Gesang unterhalten sollten. Die Geishazunft, die Gesetze und Bestimmungen zur Ausübung dieses Vergnügungsgewerbes waren wechselhaft, je nachdem, wie die herrschende allgemeingültigen Moralvorstellungen der herrschenden Schichten waren.
Jedoch setzten sich die Geisha von den Yuyo, den Prostituierten, ab. Obschon, wie sich denken lässt, es unausgesprochen, den „Kopfkissendienst“ gab.
Das Geishasystem innerhalb der japanischen Gesellschaft ist für uns Europäer nicht so leicht zu verstehen. Dazu muss man viel über die japanische Geschichte und Kultur kennen.
Die goldene Ära des Geishawesens war etwas in der Mitte des 19. Jahrhunderts. Und bis gegen ca. Mitte des 20. Jahrhunderts waren die hochrangigen Geisha tonangebend bzw. Trendsetter in Mode und Habitus in dem „was man wie tut“.
Heutzutage gibt es nur wenige Geisha, die weitgehend selbständig sind. Es hat einen Wechsel zum Hostessenwesen gegeben.
Jedenfalls existierten seit dem 19. Jahrhundert bis heute ziemlich viele Klischees und ganz seltsame Vorstellungen vom Leben und Wirken der Geisha in Europa und Nordamerika.
Es stimmt fast alles nicht, und doch ist es eine höchst sublimierte Form dessen, was wir als„Vergnügungsviertel“ kennen: „Die fließende Welt der Weiden und Blumen“
Eine Geisha soll Anmut, Liebreiz, Eleganz und Klugheit ausstrahlen, Zurückhaltung und Ergebenheit. Zudem muss sie sehr gebildet sein, den Gästen, wenn sie es wünschen, eine kluge Gesprächspartnerin sein mit Einfühlungsvermögen. Aber viele Gäste wollen sich amüsieren, also müssen Geisha schlagfertig und humorvoll und spielerisch sein können.
Geisha übernehmen den gesellschaftlichen Part, den eine traditionelle japanische Ehefrau niemals einnehmen kann. In der Regel heiraten Geisha nicht, sie haben allenfalls „Gönner“.
Eine Ausbildung zur Geisha dauert viele Jahre. Es wurden noch sehr junge Mädchen dazu ausgewählt. Jetzt wählen sie diesen Beruf selber. Geishas steigen mit dem Alter in der Rangfolge auf. Den Rang einer Geisha kann man an der Drapierung des Kimonokragens, der Frisur und dem Muster der weißen Schminke im Nacken erkennen. Das alles ist streng geregelt.
Mein Wissen über das Geisha-Phänomen habe ich u. a. aus der in Buchform veröffentlichten Dissertation der Anthropologin „Liza Dalby: Geisha“.
Entspricht nun das Parfüm „Geisha Noire" dem, was ich von Geisha weiß?
Das beweifle ich. Denn Geisha oder Hostessen sind immer noch die Frauen, die „en vogue und Avantgarde“, selbständig sind. Davon ausgehend werden wohl Kenzo-, Dior-, Chanel-Düfte, überhaupt die hochpreisigen Düfte, wie wir sie kennen, von ihnen getragen werden.
„Geisha Noire" ist meines Erachtens für mich hauptsächlich ein südostasiatischer Duft wie ich ihn in z. B. auch in Anklängen früher in Geschäften wahrnehmen konnte, die Räucherwerk und Asiatika verkauften.
Sofort nach dem Auftragen duftet es sehr angenehm nach wohlriechendem balsamischen Harz. Unmittelbar, in Sekunden wird der Duft würzig-blütig und das Sandelholz, diesfalls ein zartes aromatisches, mischt sich dazu. Tonka und Vanille sind für mich nicht einzeln wahrnehmbar. Sie verstärken die Amberharznote und machen den Duft zartsüß. „Geisha Noire" ist ein zurückhaltender Duft, angenehm wie ein seit Jahren mit Sandel und Harzkörnern bedufteter Raum. Ich nehme auch einen leichten Hauch von Weihrauch wahr. Ebenso verströmt „Geisha Noir“ in Intervallen einen süßen zitrischen Hauch. Und auch Patchouli ist im Hintergrund als Basis. Für mich ist es vor allem ein nostalgischer Duft. Ich kann mich noch an die Zeiten der Räucherstäbchen erinnern. Viele meiner Freundinnen hatten ihre Räume ganz ähnlich beduftet und auch ihre Kleidung verströmte in etwa diesen Duft. Jedenfalls bei denen, die sich nicht nur mit starkem Patchouli einnebelten.
Sicherlich kann man mit "Geisha Noire" nichts falsch machen, dazu „Geisha Noire" zu zurückhaltend. „Geisha Noire" ist ein alltagstauglicher Duft. Jedoch bei der Überlegung ob ich diesen wenn auch schwebenden Duft tragen möchte, zögere ich und mir wird bewusst, dass dies für mich der Hippieduft aus der "Flower-Power-Ära ist. Nein, ich möchte nicht mehr mit diesem, wenn auch zarten Nachruf aus der Ära der 60/70er Jahre beduftet sein.
10 Antworten
AlysanneAlysanne vor 8 Jahren
1
Den Kommentar habe ich sehr gerne gelesen - die Erklärungen zum Hintergrund sind interessant und der Duft ist auch gut beschrieben. Für mich klingt er verlockend und ich freue mich aufs Testen meiner Probe.
SaemmSaemm vor 9 Jahren
Danke für das geteilte Wissen, dass neugierig macht! Auf Geisha, nicht auf den Duft - nichts für meineeine ;)
KovexKovex vor 9 Jahren
Das ist ein ganz wunderbarer Kommentar.
Sweetsmell75Sweetsmell75 vor 9 Jahren
hab ich gern gelesen ...spannend. Ich hab mir den Duft auch irgendwie anders vorgestellt.
AzaharAzahar vor 9 Jahren
Das habe ich sehr gern gelesen, interessant.
YataganYatagan vor 9 Jahren
Aus irgend einem Grund war mir der damals (ist schon länger her) beim Test ganz und gar nicht sympathisch, obwohl ich eine große Zuneigung (Du weißt es) zur japanischen Kultur habe und ich diesen Duft auch deswegen testen wollte. Schöne Einführung ins Thema Geisha übrigens!
JumiJumi vor 9 Jahren
Sehr spannend! Und den Duft habe ich mir doch anders vorgestellt... Bin aber immer noch neugierig.
PlutoPluto vor 9 Jahren
Die Geschichte der Geisha ist spannender, ich hab dazu auch einiges gelesen, da tritt der Duft in den Hintergrund.
TIA1971TIA1971 vor 9 Jahren
Ja wirklich! Sehr gelungen, danke!
pudelbonzopudelbonzo vor 9 Jahren
Sehr informativ - und interessant zu lesen.