Tropfen schwarzer Tintenzähren, in grünen Papierfasern verschwunden, verweht in scharfen rauchenden Fäden, rot wie die Köpfe von gezündeten Streichhölzern, die über die Kerben im Schreibtisch gezogen, die frisch geschnittenen ätherischen Wunden, nur kurz noch einmal entflammen. Dann ist es bitter und kühl geworden. Er ist in den Mezcal gegangen. Der Wermuth ist an den Wänden gefroren. Mit all seinen Tränen, die zu Harzen versteinern, die Wurzeln darin, die zu Flechten verschorfen, zu haschbraunen Moosen verdorren. Sie wird nie wieder kommen. Seine Seele im Gesang einer Taube gefangen. Cucurrucucú, Paloma.
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Carter Weeks Maddox von Chronotope aus Florida glaubt, dass Düfte innere Welten reflektieren. "Olfaction [is] an embodied physiochemical process produced by an integrated cluster of organs networked within the larger human limbic system. Therefore, any scent or combination of scents will invariably prompt embodied, physical, limbic reactions—ie: emotions—from those who encounter them." schreibt er auf seiner Homepage über seine Motivation Düfte zu erschaffen. Manche seiner Kreationen kombinieren dabei Aromen und Noten auf recht eigenwillige Art, rufen somit individuell sicher recht unterschiedliche Reaktionen hervor.
"Cucurrucucú" beginnt rauchig-scharf, verbindet einen typisch tuscheähnlichen Tintengeruch mit rauchigem Stechwacholder und Streichholzkopf-artigem Safran, bevor zunächst rauchig-erdiger Mezcal und schließlich grün-ätherische Noten durchdrücken, gleißend-kühl rauchiges Hinokiholz, bitteres Wermutkraut, würzige Angelika sowie saftig-grüne Papyrusaromen, die ganz allmählich schwarzes Kopal zu Tage fördern, erdig, dezent balsamisch und doch auch wurzelartig, welches in Verbindung mit eher braunen Moosen, ledrigem Bisam und dem Mezcal Incensy-Noten erzeugt, die entfernt an braunes Hasch erinnern.
Durch die Namensgebung assoziierte ich natürlich auch das gleichnamige Lied von Tomás Méndez, das die Leidenschaft eines Mannes für seine verstorbene Geliebte beschreibt. Er flüchtet sich in Alkohol und stirbt vor Kummer. Seine Seele lebt daraufhin in einer Taube weiter, die einsam in einem Holzhaus auf die Geliebte wartet, welche sich für mich in den holzig-ledrig-animalischen Noten der Basis abbildet. Für mich einer der interessantesten Düfte des Hauses.
Was für eine ergreifende traurigschöne Beschreibung. Ich hoffe, die Taube fliegt eines Tages wieder gen Himmel! Das wird ihr gut tun. Wenn diese Transformation noch im Duft mit wäre, würde ich ihn auch unbedingt probieren müssen. So ist er mir wahrscheinlich mit zu viel bitterer Traurigkeit. Aber spannend doch.
Wohl eher eine Emotion wie ein 'Parfum' - so etwas fasziniert mich ja auch oft. Nur finde ich - gerade für solche Düfte - oft nicht die passenden Worte... Du hingegen meisterhaft! 🏆
Witziger Name für einen Duft- konnte ihn kaum aussprechen. Aber er wird wohl eh nich auf meine ML wandern. Aber gerne habe ich deine Rezi trotzdem gelesen.
Was für ein schönes, düsterromatisches Bild 🖤 also ich werde Tauben jetzt von einer ganz anderen Seite betrachten.
Der Duft klingt sehr spannend....
Großartig wortgezeichnet, ich bin ganz hin und weg 🥰
Diese herbe Traurigkeit könnte mir gefallen .. an der Wand festgefroren! Das Lied von Tomás Méndez scheint direkt in die wärmende Basis zu fließen.
Wunderbare Bilder 🕊️
Ich liebe doch alles, was Federn hat, mein lieber Floyd. Was für eine traurig-romantische Geschichte mit der Taube. Der Duft wäre mir vermutlich etwas zu wild.
Danke, dass unten die Interpretationsanleitung für den ersten Abschnitt steht 😅
Leider sind mir deine Assoziationen oft zu hoch. Aber wieder gerne gelesen.
Nach der Lektüre deiner Rezension musste ich an Sprich mit ihr von Almodóvar, an die Stimme von Caetano Veloso und an Café Müller von Pina Bausch denken...
Ja, genau! Ich musste aber erst mal suchen, welcher Almodóvar-Film das war. ("hable con ella" fand ich eher problematisch …, wobei ich sonst ein großer Fan von Pedro bin)
Die Überschrift gesehen, den Duftnamen - und ein Grinsen stellte sich ein: Interessant und kreativ! Erst dann sah ich, dass Du den Kommentar geschrieben hast und dachte, ach, klar, kein Wunder, und fing an zu lesen. So spannend und aufschlussreich Deine Schilderung auch ist - es wird wohl ganz bestimmt kein Duft für mich sein, kombiniert er doch gleich eine ganze Reihe von Noten, die mir Düfte sehr schnell verleiden können. Nur authentischer Safran, Papyrus, Moose und Haschisch könnten mir gefallen. Aber was nützt es, wenn das Rauchige, Wermut (Oh, nein!) und Angelika kopal-erdig unterlegt mir dazwischenfunkten. Das Lesen war mir allerdings, wie immer, ein ausgesprochener Genuss!
Berührend … großartig!
Der Duft klingt sehr spannend....
Großartig wortgezeichnet, ich bin ganz hin und weg 🥰
Und wie spannend mit der Reflexion innerer Welten, das spricht mich sehr an ☺️
Wunderbare Bilder 🕊️
Sehr gerne gelesen.
Wer kennt es nicht?
Leider sind mir deine Assoziationen oft zu hoch. Aber wieder gerne gelesen.