Die Chypre-Basis
Ich habe eine große Schwäche für klassische Chypre-Düfte. Ihre moosige Tiefe, dieses leicht erdige, gedämpfte Gefühl – das spricht mich sofort an. Was mich jedoch oft aus der Bahn wirft, sind einzelne Komponenten, die in vielen Chypres unvermeidlich scheinen: die Aldehyde, wie man sie aus Düften des Hauses Chanel kennt, lösen bei mir leider Übelkeit aus. Und weiße Blüten – Orangenblüte, Neroli, Jasmin, sogar Rose – können bei mir Kopfschmerzen verursachen.
Darum ertappe ich mich oft dabei, einen Chypre nur wegen seiner Basis zu lieben: wegen dem Moment, in dem das Eichenmoos auftaucht und der Duft endlich in der Tiefe ankommt, die mir wirklich gefällt.
Mit Evernia von Ormonde Jayne hat Geza Schön für mich einen Duft geschaffen, der genau diesen Teil eines Chypres in den Vordergrund stellt – und zwar von Anfang an. Evernia überspringt den für mich schwierigen Auftakt aus Blüten und Aldehyden und landet sofort in der moosigen, leicht feuchten, angenehm erdigen Zone, die ich an Chypres so liebe.
Was mich überrascht hat: Obwohl in Evernia kein Vetiver enthalten ist, erinnert mich der Duft an Escentric Molecule 03, das ich wegen seiner trockenen, klaren Erdigkeit sehr schätze. Beide Düfte teilen diese ruhige, grüne Sauberkeit – als würden sie denselben inneren Faden aufnehmen, nur auf unterschiedliche Weise.
Wenn ich beschreiben müsste, warum Evernia für mich so gut funktioniert, würde ich eine Parallele zur monochromen Kunst ziehen. Manche Werke – etwa die intensiven Farbfelder von Künstlern wie Yves Klein – konzentrieren sich radikal auf einen einzigen Eindruck. Sie verzichten auf überflüssige Details, um Raum für die reine Wirkung zu schaffen. Genauso fühlt sich Evernia an: Es ist kein komplex aufgebautes Duftdrama, sondern ein klarer, sauber gesetzter Akkord, der vom ersten Moment an genau das liefert, was ich suche.
Für mich ist Evernia deshalb ein seltener Glücksfall: ein Duft, der die Seele eines Chypres trägt, aber ohne jene Noten auskommt, die mich sonst überfordern. Ein ruhiger, moosiger, grün schimmernder Duft – simpel im besten Sinne und gerade dadurch überzeugend.
Zeitlose Coolness
Kennt Ihr den Spruch: "Wann wurde eigentlich aus Sex, Drugs and Rock 'n Roll Veganismus, Laktose-Intolleranz und Helene Fischer?" Dieses Statement spricht mir aus dem Herzen.
Ich teste gerade die neue Version von Rive Gauche, rauche dabei eine Zigarette und fühle mich zurück versetzt in die Zeit meiner Kindheit: Die beste Freundin meiner Mutter, die fast etwas wie eine Zweitmutter für mich und meinen Bruder war, war das, was man damals eine 'rassige' Frau nannte - heute würde man sie 'cool' nennen... Sie trug ihr dunkles Haar ganz kurz, rauchte, fuhr einen sportlichen Flitzer, war leidenschaftliche Reiterin, Skifahrerin und hatte zwei bissige Yorkshire Terrier. In ihrem Wagen roch es nach Leder, Hund und Rive Gauche - ich liebte diesen Geruch.
Für mich ist RG einfach ein richtig 'cooler' Duft. Die neue Version kommt mir nicht mehr ganz so harsch vor, was nunmal dem Zeitgeist entspricht (siehe oben), aber hat immer noch die Aura von 'rassig', unabhängig, modern. Vor allem in der Basis. Mir scheint, dass vor allem die Kopfnote harmloser geworden ist - nach dem ersten Sprüher erkannte ich den Duft kaum wieder, so blümelig und sanft kam er mir vor - doch nun, nach gut zwei Stunden, ist er wieder voll da: der 70er Jahre-Groove, der chice Part davon: Yves Saint Laurent eben, der Frauen in dunkelblaue Smokings steckte und sie dabei umwerfend aussehen liess.
Obwohl die Aldehyde und die Blumennote am Anfang mir ein flaues Gefühl im Magen und leichte Kopfschmerzen verursachen, brauche ich dieses Statement von einem Duft in meiner Sammlung! Nur schon in Erinnerung an die coole Freundin meiner Mutter mit dem herrlich altmodischen Namen Edeltraut...
Ein zeitloser Chypre, der sehr alltagstauglich ist und sich dennoch eigenständig und deutlich aus der Masse hervorhebt. Der Metallflakon passt genau zum Duft: schlicht und doch völlig eigen und dazu noch praktisch für die Handtasche...
Ab ins Bett
Manchmal stöbere ich einfach ein wenig in meinen völlig unordentlich irgendwo herumliegenden Abfüllungen herum, von denen ich meist nicht mal mehr weiss, dass ich sie habe und lasse mich überraschen. 'Cotton Flower' lese ich auf der Plastikflasche und denke mir 'könnte passen zum Zubettgehen im Hauch von Nichts, bei dieser Hitze'. Und so ist es: passt. Weder sinnlich noch sexy noch verführerisch, sondern einfach wohl duftend, leicht cremig, sauber, brav, ohne irgendwelche Assoziationen oder Sehnsüchte auszulösen. Wie frisch geduscht und eingecremt, und das Kleinkind würde sich an mich kuscheln und sagen 'Mama, du riechst so gut'...
Herbe Schönheit
Diesen Duft würde ich tragen in meinem Leben als Schriftstellerin, die entweder auf einer friesischen Insel oder dem schottischen, irischen oder dort, von wo die Dings, wie heisst sie nochmal, mit den kitschig-romantischen Geschichten, die so fürchterlich deutsch verfilmt wurden? Ach ja, jetzt fällt's mir ein: Rosamunde Pilcher! Genau, als Rosamunde Pilcher, aber ohne Plüsch und Kitsch... würde ich den tragen.
Der Auftakt erinnert mich stark an Algen, doch sehr schnell eröffnet sich mir genau das, was der Name verheisst: Salziger Vetiver. Man muss sie lieben, diese herbe nordische Schönheit. Ich liebe sie sehr! Die Inseln der Nordsee, insbesondere die kleine Insel Föhr, sind mein Sehnsuchtsort. Ich liebe das raue Klima, den trockenen Humor der Menschen, die flache Landschaft... Leuchttürme, Dünen, Gischt - die Jever-Werbung passt hier perfekt und Sel de Vetiver wäre der Duft dazu, wenn man dann dereinst auch das Geruchserlebnis bei Film und Werbung dazu geliefert bekäme.
Trotz meines nicht mehr so taufrischen Alters (*hüstel*) habe ich noch viele Träume. Einer davon ist, dereinst als Schrifstellerin in einem Haus am Meer zu leben, das Haus nur für lange Strandspaziergänge mit meinem Hund, und auf ein Feierabend-Bier mit den Fischern zu verlassen. Riechen würde ich nach "Sel de Vetiver". (Sozusagen die nordische Version von Diane Keaton in "Something's gotta give" ("Was das Herz begehrt") - die Location, hier in den Hamptons angesiedelt, ist der absolute Traum! Duftet aber nicht nach SdV!))
Das Meisterstück
Als Daniela Andrier die Prada-Düfte Infusion d'Iris, Infusion d'Homme oder Infusion de Vétiver erschuf, hat sie nur geübt - (untitled) ist ihr Masterpiece! Unverkennbar die gemeinsame Handschrift, doch wo die Pradas zwar überaus edel und gekonnt daherkommen, sind sie aber doch noch etwas brav. (untitled) hingegen ist wirklich überraschend anders: herb-grün, beinahe spritzig der Einstieg, dann der Auftritt von Weihrauch, der dem Duft einen leicht gruftigen Dreh gibt und in Kombination mit dem Buchsbaum-Galbanum-Grün diese spezielle rauchige, fast nach Asche duftende Note verbreitet. In dieser Phase nehme ich den Duft eher männlich wahr, was mir sehr gefällt, denn ich weiss inzwischen, wie es weitergeht: das rauchig-grün-aschige bleibt zwar, verbindet sich dann aber mit einem Hauch von Moschus und Jasmin (den ich nicht wirklich als solchen wahrnehme, der aber wahrscheinlich dafür sorgt, dass eine ganz leichte Süsse hinzu kommt) auf's schönste mit der Haut und nimmt zuletzt sogar noch einen pudrig-cremigen Twist an. Alles in Allem einfach eine geniale Komposition, die für meine Nase von höchster Parfumeur-Kunst zeugt.
Für mich ein wirklicher Klasse-Duft! Völlig unblumig, würzig-rauchig aber doch weich, bestechend in seiner Einzigartigkeit und bestimmt auch absolut umwerfend auf Männerhaut!