Puderperle

Puderperle

Rezensionen
Filtern & sortieren
1 - 5 von 30
Puderperle vor 20 Tagen 28 35
5
Flakon
8
Sillage
8
Haltbarkeit
10
Duft
Je ne regrette rien
Ich wache auf, blinzele in die warmen Morgenstrahlen. Das Sonnenlicht küsst meine Nasenspitze. Die Sommersprossen, die du gestern so süß fandest, zwinkern sich wissend zu. Sie sind Zeuge. 
Mein Blick wandert über die Spuren letzter Nacht. Doch du bist nicht mehr da. Der Platz neben mir ist leer. Ich spüre Leere in meiner Brust. Nicht, dass ich es nicht gewusst habe. Die Vernunft hatte mich gewarnt. Geh nicht, sagte sie. Es wird später weh tun.  
Und doch habe ich nicht einen Moment gezögert, der Versuchung nachzugeben. Den Nervenkitzel des Ungehorsams zu spüren, mich euphorisch hineinzustürzen, um in deinen starken Armen zu landen. Ein Tanz energetischer Vertrautheit, pulsierender Körper, Wärme, 10.000 Volt… 

Ich zünde mir eine Zigarette an und beobachte die Ringe in der Luft. Noch gestern hast du versucht, sie auf deinem Zeigefinger aufzustapeln. Kichernd wählten wir irgendwelche Nummern und erlaubten uns mit verstellten Stimmen kindische Scherze.  

Wir waren betrunken vor Adrenalin und Anziehungskraft. 

„Tu es belle comme une cathédrale
Je veux m'agenouiller avec crainte
T'at tout admettre
Et demander ta bénédiction“

„Du bist schön wie eine Kathedrale
Ehrfürchtig möchte ich niederknien
Dir alles beichten
Und um deinen Segen bitten“

Ich hauche die Versprechen, die du mir gestern gegeben hast, in die morgendliche Frische. Mein Körper dampft, als die Kühle des geöffneten Fensters auf meine zarte Haut trifft. Meine Haut, die noch davon zehrt, von dir berührt worden zu sein. Du hast mir gezeigt, was eine richtige Gänsehaut ist. Du warst mein bester Lehrer. 
Ein letztes mal drücke ich mein Gesicht in die weißen Laken und atme den balsamischen Duft ein, den dein Körper ausgeschwitzt hatte. Süße, orientalische Klänge hallen blass in mir nach. Dabei hatte ich mich so bemüht, im Moment zu leben und ihn doch festzuhalten. Ich hatte keine Chance. Der Schlaf stahl ihn sanft aus meinen Armen.

„Il n'y a rien à avoir“
„Es gibt nichts zu beichten“, schreibe ich auf einen Post it und klebe ihn an deinen Spiegel, neben den violetten Lippenstiftabdruck meines Kussmundes.

In dem Moment als ich die Tür hinter mir zuziehe, trifft mich der Schmerz voller Wucht. Ob ich es bereue? Je ne regrette rien!

——————————-

Der Versuchung, mich auf einen Test mit "Lancaster (Eau de Toilette Concentrée) | Lancaster" einzulassen, habe ich nach all den verlockenden Rezensionen nachgegeben. Balsamisch würzige Kräuter, die mich in ihren Bann gezogen haben. Sie einzeln zu benennen ist für mich unmöglich. Rauch liegt in der Luft. Orientalisch, fast schon ätherisch mit leichter Süße. Starke Projektion mit kraftvoller Haltbarkeit. Beeindruckend für ein Eau de Toilette. Ein Schwergewicht, das dennoch durch die Transparenz halb so schwer wirkt. Wahnsinn, es steckt so viel Leidenschaft in diesem unscheinbaren Flakon, der äußerlich eher an einen alten Selbstbräuner erinnert.
Ich wusste, er wurde bereits eingestellt. Ich wusste, es wird nur eine Liebe für den kurzen Augenblick.
Tut es weh? Unfassbar ja.
Habe ich es bereut? Nicht eine Sekunde.
35 Antworten
Puderperle vor 25 Tagen 20 32
7
Flakon
6
Sillage
8
Haltbarkeit
10
Duft
Puderpuppe
„Quentin, mach doch mal der Anna-Isabella ein Kompliment“, forderte der Datingexperte den schüchternen Teilnehmer seines Flirtkurses auf.

Quentins Hände rutschten von der Armlehne des Stuhls, so nassgeschwitzt waren sie. Er rieb sie an seiner Kordhose ab. Man konnte von außen regelrecht beobachten, wie sein Oberstübchen am Arbeiten war.
„Du… du hast hohe Absätze.“ quetschte er heraus und zeigte auf ihre Riemchenschuhe, in der Hoffnung das richtige gesagt zu haben.

„Ja das hast du folgerichtig erkannt“, sagte der Coach und ermutigte Quentin, noch etwas Nettes hinterherzuschicken. Der Schweiß rann ihm von der Stirn. Anna-Isabella reichte ihm ein Taschentuch.
„Du… ehm… du hast Taschentücher dabei, …das ist voll praktisch“, stammelte er.

Der selbstbewusste Coach mit dem super modernen Haarschnitt erklärte daraufhin nochmals allen Teilnehmern was unter einem Kompliment zu verstehen sei.
Er setzte sich auf die Kante seines Tisches und baumelte mit einem Bein. Das helle Weiß der Sneaker blendete regelrecht, passte aber hervorragend zu der Farbe seiner Veneers. Nachdem er die Zweiergrüppchen ausreichend beobachtet hatte, kündigte er an, einen Schritt weiter zu gehen. Nun sollte es nach einem erfolgten Kontaktaufbau bei beidseitiger Sympathie etwas intimer werden.

Mit ausdrücklicher Erlaubnis von Anna-Isabella, sollte Quentin nun etwas näher kommen, sodass er ihr Parfum wahrnehmen konnte. Was ihm dazu einfallen würde.
Der Bauch des armen Quentin machte jetzt wilde Glucker Geräusche. Er war peinlich berührt und aufgrund der Ablenkung wirklich nicht imstande nun so etwas tiefgründiges zu tun.

„Du riechst nach hübscher Frau, Anna-Isabella“, brachte er noch wahrheitsgemäß heraus. Sie errötete. Der Coach war begeistert, aber konnte seinem Teilnehmer keine weitere Beschreibung aus den Rippen leiern.

Um der Truppe zu demonstrieren, wie man es richtig macht, zog er einen Stuhl neben Anna-Isabella. Er betrachtete ihre zierliche Hand und legte seine große gebräunte daneben. Automatisch maß sie im Kopf den Längenunterschied und lächelte. Er begann ihre zarte, durchschimmernde Porzellanhaut zu beschreiben. Welchen Duft sie heute aufgelegt hatte, wollte er wissen und tat, als würde er einen Hauch von Ahnung besitzen. Wie erwartet hielt sie ihm ihren Handrücken hin. Ganz Gentleman, den Kopf geneigt, fragte er „Darf ich?“ und auf ihr Nicken nahm er ihr fast schon zerbrechliches Handgelenk in seine Hand und führte den Puls in Zeitlupe an seine Nase. Mit geschlossenen Augen atmete er ein.

„Rose. Du liebst Rosen“, mutmaßte er genußvoll. „Aber Puder steht im Vordergrund.“
Anna-Isabella machte große Augen. Ja das stimmte. Für diese Art von Aufmerksamkeit war sie sehr empfänglich. Leider hatte der Duft am Handgelenk an Haltbarkeit verloren, deshalb könne er nicht mehr so viel dazu sagen, obwohl er gerne die Tiefen des Dufts erforscht hätte. Folgerichtig spürte sie den Drang ihr seidiges Haar hinter die Schulter zu legen und ihm ihren Hals anzubieten. Mit gespielter Überraschung und Dankbarkeit nahm er das Angebot an und kam langsam näher.

„Hmm, wie wundervoll. So unschuldig. Der Duft deiner Haut gibt diesem zarten Parfum ein angenehmes Zuhause. Die sanfte Pudrigkeit unterstreicht deine natürliche Schönheit in harmonischen, leisen Tönen. Moschus bringt mich dazu, dich beschützend umarmen zu wollen. Voller Achtsamkeit. So wie man feinstes Porzellan betrachtet und mit Samthandschuhen berührt.
Holz… ja ich rieche Holz, der wie ein freundlicher Parkettboden leise knarrt, wenn du leichtfüßig darauf tanzt. Einer der dich sicher trägt. Du erinnerst mich an eine Ballerina, sauber, edel, anmutig. Dein Duft ermutigt mich, dir Geborgenheit zu schenken aber gleichzeitig fühle ich mich darin so wohl, als ob du diejenige bist, die mir einen leicht warmen Mantel um die Schultern legt. Ich kann es nicht anders sagen als: Einfach bezaubernd, kleine Puderpuppe. Erlaubst du mir diesen Spitznamen?“

Heftig nickend strahlte die Puderpuppe ihn an.

„Aach war das schee!“ Verzückt klatschte Regina in die Hände.
„Ja guck an, es gibt sie noch, die romantischen Männer“, träumte Bettina.

Leider hatte Quentin die Szene verpasst, als er von der Toilette wieder kam.
Anna-Isabella, der Inbegriff eines Clean-Girls war das egal, sie rückte ihr hellrosa Blusenkleid zurecht, um den Coach nach Ende des Kurses… nun ja, nach seinem Duft zu fragen.

———————————————————-
Der Coach der kleine Schelm hat den Duft genau so beschrieben, wie ich es tun würde. Hell, pudrig, unaufdringlich, sauber und feminin. Ein Wechselspiel zwischen warm-kalt. Er ist ladylike, aber so natürlich und kommt ohne Künstlichkeit aus. Fluffiger Narciso typischer Moschus und unstaubiger Puder machen den Auftakt. Rose ist gut wahrnehmbar, bleibt aber harmonisch im Zusammenspiel. Jasmin bemerke ich nicht. Die Basis ist pudrig zedernholzig. Er ist einfach leicht: leicht süß, leicht cremig und wird zum Ende hin auf meiner Haut auch leicht wärmer wie ein Frühlingstag. Ein faszinierender Duft, den ich niemals missen will.
32 Antworten
Puderperle vor 28 Tagen 19 28
9
Flakon
6
Sillage
7
Haltbarkeit
8.5
Duft
Rollkragenerotik
„Dita ist alles in Ordnung? Du musst gleich auf der Bühne sein.“

Dita biss sich gequält auf die Unterlippe. Nein, nichts war in Ordnung.
„Schick mir Victor! Dringend!“ bat sie ihre Assistentin durch geschlossene Tür.

„Victor? Der Hausmeister? Bist du sicher, dass du den meinst?“ fragte Feline, die Assistentin erstaunt.

„Ja ganz sicher! Und sag ihm er soll seinen Werkzeugkasten mitbringen!“

Victor, ein stämmiger zwei Meter Hüne aus Sibirien musste ihr Diskretion zusichern, bevor sie ihn hereinließ. Verstohlen musterte er sie aus dem Augenwinkel. So war ihm auch nicht entgangen, dass sie ihre Arme eng um den zierlichen Oberkörper schlang. Untenrum trug sie wie gewohnt ihr winziges Höschen.
Ihre Corsage war gerissen und ließ sich von ihrer Assistentin auf die Schnelle nicht nähen. Da sie in ihm einen lösungsorientierten Handwerker vermutete, bat sie ihn um Hilfe. Für Victor kein Problem, sondern eine äußerst ehrenvolle Aufgabe. Scheppernd öffnete er den Werkzeugkoffer und kramte nach Ösen, Dübeln, Schrauben und Zangen. Doch nichts schien so richtig zu zünden. Dita wurde immer nervöser. Sie tippelte von einer Fußspitze auf die nächste. Den Teil weshalb die Corsage gerissen war, hatte sie nicht erwähnt. Besser weihte man die Männer in die Geheimnisse praller Dekolletés nicht ein. Denn dieses mal hatte sie es mit dem ausstopfen sichtlich übertrieben.

„Tadaaa ich habs.“ Triumphierend hielt er graues Gewebeband in die Luft. Ehe sie verstand was gerade vor sich ging, wickelte er die kleine Künstlerin wie eine Puppe um die eigene Achse im Klebeband ein.
Nun ja, es hielt aber entsprach nicht den optischen Anforderungen einer Bourlesque Show. Ihre Lippe begann zu beben und bevor sie in Tränen ausbrach, zog er seinen tannengrünen Rollkragenpullover aus und stülpte ihr diesen über. Er roch wunderbar nach Holz.
„Mein Lieblingspullover, den ziehe ich zum Scheite hacken im Wald an.“ zwinkerte Viktor.
Da sie fast darin ertrank, zog er den Strick hauteng im Rücken zurück und tackerte alles schön fest. Zufrieden beäugte er sein Werk. Von vorne ein traumhaftes Kleid in Knielänge, das jede Kurve schmeichelhaft betonte. Die Rose im dunklen Haar gab den letzten Schliff.

Aber so konnte sie keine erotische Darbietung auf der Bühne bringen. Geschweige denn als eingeschnürtes Paket tanzen. Dita fühlte schon regelrecht, wie faule Eier und Tomaten aus dem Publikum auf sie einprasselten.

Auch das war kein Problem für Victor. Aus seiner Arbeitslatzhose zog er ein zerfledertes Buch und drückte es ihr in die Hand. Sie sollte einfach etwas vorlesen. Damit das ganze intellektueller wirkte, zog er sich die Hornbrille von der Glatze und setzte sie auf ihr hübsches Stupsnäschen.
Geschwind band er ihr noch eine schwarze Quaste vom Theaterumhang um die schmale Taille. Die Wirkung von Accessoires war schließlich nicht zu unterschätzen. Los raus, die Show beginnt.

Fast hätte er sich vergessen und ihr einen schwungvollen Klaps mit seiner Riesenhand auf das Hinterteil verpasst, konnte sich aber noch in letzter Sekunde besinnen. Es war schließlich nicht Galina, seine Frau. Puh, Glück gehabt!

Dita tippelte seitlich zu dem bereitgestellten Holzstuhl auf der Bühne, damit keiner die getackerte Wurst im Rücken sah. Sie nahm eine äußerst elegante Pose ein.

Hinter ihr befand sich das überdimensionale Martiniglas. Nur dass anstatt Dita, jetzt ein Haufen Schraubenmuttern und Metallspäne darin schwammen und herrlich glitzerten. Victor hatte wirklich ein Auge für Details.

„Ich hätte noch einen Bunsenbrenner für Spezialeffe…“, flüsterte er ihr zu.
„Nein, nein! Das ist schon gut so“, unterbrach sie ihn raunend. Kein Feuer, keine Axt und keine Motorsäge.

Dita hauchte eine Begrüßung ins Mikrophon. Jetzt war ihr Improvisationstalent gefragt. Was war das eigentlich für eine Lektüre, die ihr der Hausmeister da in die Hand gedrückt hatte… Eine Gebrauchsanweisung für Fahrstuhlhydraulik??? Es konnte nicht mehr schlimmer werden.

Sie entschloss kurzerhand, das Publikum mit einzubeziehen.
Victor- der Mann der Stunde, pickte jeweils einen Gast heraus und geleitete ihn in sicherem Abstand an Ditas Mikrofon. Er gefiel sich in der Rolle des Personenschützers, Modedesigners und Hydraulikbeauftragten.
Der Gast durfte eine Nummer zwischen 1 und 359 nennen, sie schlug die Seitenzahl nach und las einen beliebigen Satz daraus vor.

Seite drei war das Inhaltsverzeichnis und aus Ditas Mund äußerst anregend und klangvoll.
Jetzt: Seite 24. „Möchten… Sie abwärts… oder lieber aufwärts… fahren?“ fragte sie mit spannenden Zwischenpausen und blinzelte flirtend über den schwarzen Brillenrand.

„Aufwärts, lieber Aufwärts!“
„Ja, ja! Aufwärts ist besser!“
riefen drei Männer synchron, unterstützt von zustimmendem Gemurmel aus der Menge. Als die Seite mit den Warnhinweisen aufgerufen wurde, begannen die Herren im Publikum ihre Krawatten zu lockern und obersten Hemdknöpfe zu öffnen. Auch Frauen hingen gebannt an ihren Lippen. Es war mucksmäuschen still, man hätte eine Stecknadel fallen hören können.

Jeder der seine Nummer an Ditas Mikrophon loswurde, nahm im warm weichen Bühnenlicht den holzigen Duft vom getackerten Hausmeisterpullover wahr, der sich mit der cremigen Hautpflege und der dekorativen Rose der Künstlerin verband. Weihrauchharz, der balsamisch wirkte und minimale Pfefferspuren, verblendet mit weichen Sandel-/Hölzern. Nichts störte oder kratzte, alles passte angenehm zusammen. Süße ließ sich hier nur erahnen, die sich anbahnte wie ein Nießer, aber dann doch kitzelnd in der Nase verblieb. Ein leiser Wohlfühlduft mit der Assoziation zuhause zu sein. Kein Wunder, dass Victor die Gäste von der Bühne schieben musste, die nicht aufhören wollten zu schnuppern. Nie war ein Auftritt erotischer und interessanter gewesen, ganz gleich was der Inhalt ihrer Lektüre war. Der motivierte Hausmeister hatte kurz den Gedanken an einen Hydraulik Zetteltest, verwarf ihn dann aber doch. Denn ausnahmslos alle hatten gebannt zugehört. Also ein voller Erfolg. Dazu brauchte es keine nackte Haut. Erotik mit (technischem) Anspruch und Intelligenz für beide Geschlechter.
Dies war die Geburtsstunde des Parfums. Da sich ein Duft mit dem Namen ihrer Inspirationsquelle „Victor“ nicht gut genug verkaufen lassen würde, nannte sie ihn kurzerhand „Victresse“.

(Es handelt sich um eine fiktive Geschichte)
28 Antworten
Puderperle vor 1 Monat 24 30
10
Flakon
9
Sillage
8
Haltbarkeit
10
Duft
Zappzarapp
Entschlossen öffnete ich die Tür der Parfümerie. Die Absätze meiner Louboutins klackerten auf dem Marmorboden.
Ach so, Lächeln nicht vergessen.

Der Kopf einer Verkäuferin tauchte über den Regalen auf. Sie hatte sich wohl auf die Fußspitzen gestellt. Überfreundlich kam sie um den aufgestellten Werbeadonis von Paco Rabanne getippelt und musterte mich ungeniert.
„Kann ich Ihnen behilflich saaaain?“

Automatisch spiegelte ich ihre Süffisanz wieder. Natürlich, unbedingt brauchte ich ihre Hilfe für mein Vorhaben:
„Ja das ist furchtbar nett von Ihnen, ich würde gerne einen klassischen Damenduft testen, der heute noch tragbar ist.“

Dabei drehte ich mich langsam in Richtung Guerlain. Sie steuerte aber zielsicher in Richtung Chanel. Ein Griff und Pftpftpft hielt sie mir den Papierstreifen unter die Nase. Ich erkannte sofort No. 5, stellte mich aber dumm.

„Sie haben etwas Feines herausgesucht“, lobte ich sie.
Da er mir dann doch ein wenig zu pudrig war, bat ich um weitere Auswahl.
Quelque Fleurs war mir zu blumig, Aromatics zu würzig und White Linen zu sauber. Mit gutem Zureden, ob sie mit ihrem Sachverstand auch vielleicht etwas vanilliges mit exotischem Namen zeigen könne, griff sie zu Eden. Man die Alte war echt schwer von Begriff. Man mag es kaum glauben, aber geheucheltes Lob kostet auch seine Anstrengung. Fast wollte ich aufgeben, bis sie innehielt und sich kopfkratzend vor dem Guerlain Regal platzierte. Erleichtert atmete ich aus. Endlich stand sie da wo ich sie haben wollte.
Ihre Augen wanderten die einzelnen Flakons durch bis -„Ha hier hab ich was“, -
sie den zauberhaften Flakon von Shalimar, dem Objekt meiner Begierde in die Höhe hielt. Die bernsteinfarbene Flüssigkeit schwappte in der kunstvoll gefertigten Glasflasche. Sie nahm den blauen Deckel ab und sprühte den Duft großzügig auf meinen ausgestreckten Unterarm.
Ich schloss die Augen. Endlich. So fühlte sich der Himmel an. Dort blicke ich auf mir herab, konnte aber zunächst nichts erkennen. Waren es die Wolken oder dichter Rauch? Es wäre mir neu, dass Engel eine Vorliebe für Tabak hegen oder auch sehr unwahrscheinlich, dass der Himmelsthron gerade abfackelt. Was könnte es also sein?

Eine Reihe bezaubernd schöner Tempeldienerinnen kam tanzend und singend auf mich zu. Ich staunte. Die erste hielt Räucherwerk in ihrer Hand, das sie mit sanften Bewegungen um mich schwang. Die zweite setzte mir eine Krone aus Bergamotten auf, für den zitrischen Einschlag. Die dritte Tänzerin half mir in ein zartes Seidenkleid, dessen Oberfläche golden schimmerte. Den Reigen beschloss die Spiegelträgerin, mit einer Einladung mich zu betrachten. Ich rieb meine Augen. Was war mit meinen Beinen passiert? Waren das Vanilleschoten? Tatsächlich. Endlos lange Vanilleschoten. Aber es sah irgendwie gut aus.
Ich fühlte eine Hand auf meiner Schulter und als ich im Begriff war, wiegend in den Reigen mit einzustimmen, hörte ich

„Hallo? Der Duft gefällt Ihnen wohl auch nicht?“

Schlagartig holte mich die Parfumverkäuferin mit dem gezwungenen Lächeln und viel zu kleinem Blazer zurück.

„Äh nein, leider nein. Gar nicht“, log ich, behielt den Flakon aber in der Hand. Um sie bei Laune zu halten, schmierte ich ausreichend Honig um ihren schwarz umrandeten Mund und bat sie noch ein letztes mal um einen bestimmten Duft, von dem ich wusste, dass er nicht im Laden erhältlich sei. Die Dame fühlte sich offensichtlich gebauchpinselt und begann aus ihrem Privatleben zu plaudern. Dann schwebte sie übereifrig an ihr Tablet, um die Bestellverfügbarkeit zu überprüfen.

Mein Telefon klingelte und ich entschuldigte mich, den armen Taxifahrer nicht warten lassen zu wollen. Bevor sie die Bestellung abschließen konnte, bedankte ich mich überschwänglich für ihr exzellente Beratung und ließ dabei Shalimar unauffällig in meine Manteltasche plumpsen. Draußen stellte ich den Wecker aus und schritt langsam zur Bushaltestelle, damit die Krone nicht verrutschte….

————————————————————
Nein liebe Leser, klauen ist nicht gut. Auch nicht bei Testern. Handschellen sind nämlich nicht unbedingt das schönste Accessoire.
Den Beschreibungen, der Duft sei altmodisch, kann ich mich nicht anschließen. Bereits beim ersten Test wurde ich wie oben beschrieben in eine andere Welt versetzt. Bergamotte auf dem Kopf, die endlosen, nicht zu süßen Vanilleschoten, gehüllt in einen warmen Rauchmantel. Zeitlose Eleganz und Charakter, Schönheit und Adel. Nicht kleidsam genug für die Jeanshose, eher ein Begleiter für den großen Auftritt. Ein abgedroschenes Wort der KI, aber ich kann es nicht anders sagen, sondern ehrfürchtig flüstern: Shalimar ist für mich wahrhaft ein „Meisterwerk“.
30 Antworten
Puderperle vor 2 Monaten 19 22
7
Flakon
6
Sillage
7
Haltbarkeit
9
Duft
Eichhörnchen
Konstantin liebte Routinen. Jede Mittagspause ging er exakt um 12 Uhr mit seinem Buch in den Park, um dort alleine auf seiner Lieblingsbank einen Fantasy Roman zu lesen. Er las immer nur so weit, bis er wieder bei gerader Seitenzahl rechts unten aufhören konnte. Einsam war er nicht, zumindest würde er es niemals eingestehen. Er hatte genug Enttäuschungen erlebt, die ihn dem weiblichen Geschlecht gegenüber zunehmend verschlossen.

Neuerdings konnte er sich kaum auf seine Mittagslektüre konzentrieren, denn da gab es dieses eine „Problem“.
Seit etlichen Tagen bemerkte er die großflächig verteilten Abfälle eines übermäßigen Pistazienkonsums. Jedesmal schwoll ihm der Kamm, wenn er die Schalen sah. Es kratze erheblich an seinem Hygiene- und Symmetrieempfinden. Böse Zungen würden behaupten er würde möglicherweise unter einer Zwangsstörung leiden.

Eines sonnigen Frühlingstages konnte er eine frische Spur entdecken. Die Augen verfolgten suchend die Linie auf dem Kiesweg, die ihn zu einer Sandelholzbank unter schattigen Bäumen führte.
Aha. Hier musste die Quelle der Verunreinigung sein. Um die Bank herum lagen im weiten Bogen hunderte von Nussschalen im Gras verteilt.
Er wollte gerade mit einer ziemlich unfreundlichen Ermahnung ansetzen, die sich wochenlang in ihm aufgestaut hatte, als ihm das „Eichhörnchen“ zuvorkam und sich umdrehte. Das lieblichste Wesen, das er je gesehen hatte lächelte ihn an. Ihm blieb jedes Wort im Halse stecken. Klassischer Fall von Blackout.
In ihrem weiß-rosa gestreiften Kleid und den Spacebuns erinnerte sie an eine Anime Puppenfrau. Das zarte Gesicht wirkte, als hätte man einen weichen Filter aus alten Hollywoodfilmen darüber gelegt. Kam es ihm nur so vor oder hörte er Geigen spielen?

Das Rascheln einer Nusstüte holte ihn wieder zurück. Sie fischte eine Pistazie heraus und klemmte sie zwischen ihre perlweißen Zähne. Bei dem Knacken zuckte er unweigerlich zusammen. Die arme Nuss verliert ihre Behausung, dachte er kurz.

Die Nussknackerin hielt ihre Hand hin „Jasmin“ stellte sie sich vor.
„Du meinst wohl Schöne Jasmin“ korrigierte er.

Die schöne Jasmin kicherte.

„Eh… ist Aladdin auch hier?“ hörte er sich selbst ein wenig zu übermütig kieksen, um sich im nächsten Moment wie ein Idiot zu fühlen. Zu spät, er spürte schon die Hitze in seinem Quadratschädel pulsieren.

Zum Glück unterbrach sie die peinliche Stille. „Wie heisst du?“

„Konstaldin“

Sie blickte zunächst verdutzt drein, um im nächsten Moment in schallendes Gelächter auszubrechen.

Stolz, dass sein Wortwitz so gut ankam, räusperte er sich jetzt, um endlich zum Punkt zu kommen:
„Du hast heute 392 Pistazien gegessen. Und seit Montag vor drei Wochen insgesamt 8.934. Offenbar hast du vergessen abzuräumen.“
Er hielt ihr triumphierend eine ausgeblichene Netto Tüte mit Nussschalen unter die Nase.

Ihr Lachen verstummte. Sie war sprachlos. Oder beeindruckt. Das konnte er nicht so genau sagen. Mimik aus Gesichtern abzulesen gehörte nicht zu seinen Stärken, ebensowenig zu merken, wann man das Richtige im passenden Moment sagen oder tun sollte und umgekehrt. Was er aber dann doch erkannte waren die weißen Kleckse ihrem sonst makellosen Gesicht.

„Du hast da was.“
Schneller als sie reagieren konnte, malte sein Zeigefinger schon auf ihrer Wange und verschwand daraufhin in seinem Mund.
„Ah Creme. Nivea Creme mit Paraffinum Liquidum ums genauer zu sagen“, analysierte er.

Jetzt war sie ein wenig peinlich berührt, dass sie so stümperhaft mit ihrer Pflege am Morgen umgegangen war. Das störte aber nicht weiter. Ganz verzaubert von ihren Mandelaugen vergass er seinen Vorsatz, Abstand zum weiblichen Geschlecht zu halten. So fasste er sich ein Herz und fragte, ob sie mit ihm ausgehen wollen würde. Das sei viel zu kompliziert, entgegnete die schöne Jasmin, sie habe eine Lebensmittelallergie. Sie könne nichts außer diese Nüsse essen.
Das konnte er logisch nachvollziehen und sein Ärger war ihm fast schon peinlich.

Aufgrund des Umstandes saßen sie tagein- und tagaus auf der gleichen Bank und teilten sich Pistazien aus einer Packung. Für das wilde Spucken der Schalen konnte sie ihn leider nicht gewinnen. Er ging soweit den Kompromiss ein, die Nettotüte symmetrisch in Fußnähe aufzustellen, um dort hineinzuzielen.

Randnotiz: Sie wurden durch den übermäßigen Konsum übrigens auch immer schlauer und gesünder und das beste von allem: einsam war auch keiner mehr. Aber das würde Konstaldin natürlich nie zugeben, genauso wenig, dass er sein Buch niemals zuende lesen würde.

———————————————————
Dieser Trussardi hat mich auf Anhieb verzaubert. Ein unaufdringlicher Puderduft wie das sanfte Lächeln der Frühlingssonne. Neroli und Bergamotte geben nur ganz zart in der Kopfnote eine frische Brise, die Pistazie ist angenehm süß, ohne klebrig zu werden. Salz bleibt mir verborgen. Cremig ist der Duft von Anfang bis zum Sandelholzende. Ich rede aber von einer Hautpflegecreme, keinem essbaren Dessert. Den Pflegeaspekt hat der Duft der schönen Jasmin zu verdanken, die immer harmonisch und nie aufdringlich wird. Die Sillage nehme ich eher hautnah wahr.

Ich danke dir liebe Kalinka1973, dass du deine Schatzkiste geöffnet und die Liebe für den Duft mit mir geteilt hast. Es ist wie ein gemeinsames Pistazienfuttern unterm Jasminstrauch.
22 Antworten
1 - 5 von 30