YataganYatagans Parfumblog

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Vor 77 Tagen
79 Auszeichnungen

Vor zwei Tagen las ich hier einen verdienstvollen Blog von JoHannes zum Thema Verpackungswahnsinn, überbordenden Konsum und wie wir einen Beitrag zur Reduktion von Plastik und Papiermüll leisten können. Viele Antworten waren konstruktiv und engagiert. Ich gehe hier gar nicht mehr explizit auf die Diskussion ein, die uns wohl alle auf Parfumo betrifft: ökologisches Handeln ist nur möglich bei reduziertem Konsum. Ich habe nun offensichtlich selbst auch wieder bei einer Bestellung einen Fehler gemacht, denn... seht selbst:

Heute klingelte der Postbote einer der größeren Postdienstleister an unserer Türe, in der Hand ein riesiges Paket mit den Abmessungen 60 x 40 cm. Ich erwähne die Größe so nachdrücklich, weil sie im Rahmen der o.g. Diskussion von entscheidender Bedeutung ist.

So sah das Paket zunächst aus. Die Folie ist schwer, massiv, sicherlich nicht recycelbar und scharfkantig:




Nach dem Entfernen der Folie lag dort ein Paket mit der Außenkantenlänge von ca. 35 x 20 cm:

Nach dem Öffnen sah es im Inneren folgendermaßen aus. Die riesige Verpackungsschleife habe ich auf dem Foto bereits gelöst und daneben gelegt. Übrigens alles an sich sehr liebevoll und fein gestaltet:

Im Inneren des wunderhübschen (beschichteten und vermutlich nicht recyclingfähigen) orangen Kästchens sah es folgendermaßen aus:

Nun war mir natürlich längst bewusst, dass das Paket von einer meiner Lieblingsmarken stammte, und mir dämmerte, was der Inhalt sein könnte. Den seht ihr auf dem folgenden Foto:

Es handelte sich um.... lediglich vier Pröbchen (Eau de Cologne, Yuzu EdP, Rasiercreme, After Shave) einer wirklich rundum tollen Marke, aber...

...bestellen wollte ich eigentlich nur dies hier: eine Probe des neuen Yuzu EdP.

Das hätte man einfach in einen Briefumschlag stecken und für einen Minimalbeitrag verschicken können.

Warum wird hier ein solcher Verpackungsaufwand betrieben, der meinen ökologischen Fußabdruck gleich mal für eine Woche ruiniert? Und das, nachdem ich im Urlaub zu Fuß und mit der Bahn unterwegs war. ;)

Vielleicht hätte ich einfach mal ein wenig nachdenken sollen, bevor ich mir eine kostenlose Probe des neuesten Duftes bestelle. Auch wenn die Marke damit wirbt. Mit ein wenig Geduld hätte ich den Duft auch in spätestens einem Monat bei meiner Lieblingsparfümerie in M. testen können.

Ich habe trotzdem gleich mal die Versandabteilung der Marke angeschrieben und gefragt, ob man das künftig nicht viel schlanker verschicken könnte. Auf die Antwort bin ich gespannt. Vielleicht poste ich sie hier im Blog. Die Leute dort sind sympathisch und ich habe bisher immer gute Erfahrungen gemacht. Ich hoffe also auf eine konstruktive Antwort.

Für heute...

Euer Yatagan

72 Antworten
Vor 6 Monaten
67 Auszeichnungen

In einem größeren Vorort meiner Heimatstadt, in dem ich wohne, gibt es eine kleine inhabergeführte Parfümerie. Liebevoll vollgestopft ist sie. Nicht mit dem üblichen Mainstreamkram, mit dem die letzten Parfümerien und traditionellen Drogerien in Kleinstädten und Vororten ums Überleben kämpfen müssen, sondern voller Schätze, fast wie diese herrlich verwinkelten kleinen Dufthöhlen in Italien, die langsam aber sicher zu ahnen beginnen, welche Preziosen in ihren Regalen vor sich hin stauben und diese neuerdings teuer über E-Bay vermarkten.

Diese kleine, von einem älteren, umsichtig beratenden Ehepaar geführte Parfümerie bei mir um die Ecke gibt es noch, - aber nur noch bis zum Karsamstag. Ostern ist Schluss und seit einigen Wochen musste alles raus, was irgendwie verkauft werden konnte. Zunächst gab es Rabatte, dann wurde jeder Duft für die Hälfte des Preises angeboten und zu guter Letzt die Reste vermarktet. Ich selbst habe dort in der Vergangenheit immer wieder gerne eingekauft und diese letzten Tage genutzt, um meine Guerlain-Sammlung aufzustocken. Vieles, das ich bisher nur als Abfüllung besaß, ist jetzt zu günstigen Preisen Teil meiner Sammlung geworden. Ambivalente Gefühle stellen sich ein. Hätte man öfter dort vor Ort zum regulären Preis gekauft: Möglicherweise gäbe es den kleinen Laden auch nach Ostern noch. Vielleicht ist es aber auch einfach das veränderte Kaufverhalten vieler Konsumenten und das Alter der beiden. So war es zu lesen.

Spannend war in den letzten Tagen, in denen sich die Regale immer weiter leerten und ich viele Male dort stöberte, was sich da in zweiter und dritter Reihe und manchmal noch dahinter in den Regalen verbarg, was in den letzten Jahren gar nicht mehr zum Vorschein kam, weil es auf dem hintersten Platz verdeckt und versteckt stand: englische Rasierseife von Taylor of Old Bond Street, nicht mehr erhältliche Formulierungen von Serge Lutens, Z 14 von Halston, samt Schachtel gut erhalten, Knize Ten, ein einsamer Flakon, ältere Hermès-Düfte, die bereits erwähnten Guerlains, teils in älteren Flakons und Formeln: Chamade, Eau de Guerlain, Eau de Cologne du Coq, Samsara, L'Heure Bleu, Mitsouko, Jicky, Heritage (alt), Eau de Fleurs de Cédrat, Vetiver, Après L'Ondée. Nur Jardins de Bagatelle hat mir gefehlt. Der steht nun noch einsam auf meiner Wunschliste.

Die letzte inhabergeführte Parfümerie in meiner Heimatstadt wird nun schließen, so gut das Angebot nach wie vor sein mag: Es ist ein großer Verlust!

Vielen Dank, Familie Bauer!

46 Antworten
Vor 10 Monaten
95 Auszeichnungen

Auch im Jahr 2018 habe ich wieder ungewöhnlich viele Düfte getestet, viele auch aus dem aktuellen Jahrgang. Insofern traue ich mir zu, einen Weg durch den Dschungel der über 4000 Neuerscheinungen zu suchen, auch wenn wohl kaum irgendjemand in der Lage ist, sich wirklich über diese Menge von neuen Düften Überblick zu verschaffen. Also bleiben wir am Boden, packen die Machete aus und marschieren los.

Interessant ist zunächst, dass die Zahl der Neuerscheinungen nach einem Höhepunkt im Jahr 2016 wieder etwas rückläufig ist. Vielleicht haben gerade die großen, am Markt besonders stark präsenten Designer- und Drogeriemarken erkannt, dass eine allzu große Flut von neuen Angeboten kontraproduktiv wirken kann. Gleichzeitig scheint mir jedoch im Nischenmarkt die Zahl neuer Düfte sprunghaft angestiegen zu sein. Da lässt sich die Kuh (resp. die Kühe, also wir) besonders gut melken. Offenbar springen wir nach wie vor auf alles, was nach Nische, exklusiven und limitierten Editionen riecht. Mir scheint hier besondere Vorsicht geboten. Niemals häufiger als in diesem Jahr habe ich exorbitant teure Düfte sog. Nischenlabels gerochen, die schlicht und ergreifend Mainstreamware mit hohem Anteil an Ambroxan, Cashmeran, Calone, Frucht-Estern und ISO-E-Super waren. Dafür muss man EIGENTLICH nicht mehr als Drogeriepreise ausgeben. Der Prodkutionswert mancher dieser Luxusdüfte wird wohl eher im Bereich von Deos liegen.

Im Bereich des Mainstreammarktes fiel mir auf, dass einerseits gerade hier die Menge der ambroxan- und caloneschwangeren Herrendüfte (Stichwort: Duschgelgeruch) weiter zugenommen hat (und auch die kosten in der Produktion so gut wie nichts, wir aber zahlen 50,00 bis 100,00 Euro dafür), andererseits aber auch solide neue Düfte auf den Markt kamen, dies aber eher im Damensegment.

Ich weiß natürlich, dass ich meinen ganz eigenen Geschmack habe, dass niemand dem folgen muss, aber vielleicht macht es dem einen oder der anderen Freude, mal nachzuvollziehen, was aus meiner Sicht einen Test wert wäre.

Dabei fällt auf, dass hier kaum hochexklusive Nischenmarken vorkommen. Die haben mich 2018 überwiegend enttäuscht. Ebenfalls kaum vertreten ist der Mainstreammarkt, was wenig überraschen mag. Die meisten Düfte sind übrigens Unisex-Düfte (auch ein Trend), da die meisten kleineren Marken eher in diese Richtung tendieren.

Auch in diesem Jahr gelang es Annette Neuffer gleich mehrere Düfte zu lancieren, die wirklich überragend gut gelungen sind. Für mich ist Annette Neuffer somit die Marke des Jahres 2018, zumal die Düfte ins Segment der verdienstvollen Naturdüfte gehören. Testet Narcissus Orientalis , Make Someone Happy und Autumn Nocturne.

Die Neuentdeckung des Jahres war für mich übrigens die Marke The Zoo, die ich nach der Lektüre von Luca Turins neuem Guide testete. Allerdings sind die meisten Düfte bereits in den Vorjahren erschienen, so dass ich hier nur die Neuerscheinung Carre Blanc nennen kann.

Eine weitere Marke, die ich für einen Test dringend empfehle, ist die schwedische Manufaktur NOT Perfume (ein Tipp von Can777). Die Proben kann man recht preiswert auf der Homepage ordern (die Düfte sind leider teuer) und ich nenne hier meine beiden Lieblinge Ashka und Svaha. Recht nah an Naturduftmarken in Image und Ausprägung.

Für Freunde der Naturdüfte sei noch die gleichermaßen bekannte wie verdienstvolle Marke LUSH genannt, die mich dieses Jahr mit "Grass (Perfume)" beglückte. Leider nur auf der Homepage, nicht in den Ladengeschäften erhältlich. Für mich der beste grüne Duft des Jahres 2018 (Dank an Siebter für die Möglichkeit zu testen).

Bleiben wir bei den Marken: Aus dem Luxussegment ist für mich hier vor allem Tom Fords hochpreisige Reihe zu nennen, der 2018 den Mut hatte, zwei Fougère-Düfte auf den Markt zu bringen. Diese durch Cumarin charakteristisch geprägte Duftrichtung war in den 70ern und 80ern sehr populär, wurde dann in den 90ern verwässert und kam in Verruf, ist jetzt aber reif für ein Comeback: Fougère d'Argent und Fougère Platine sind stark!

Wer gelegentlich Kommentare von mir liest und schon mal auf meiner Seite war, der weiß, dass ich Lavendeldüfte sehr schätze. Der beste im Jahr 2018 war ganz eindeutig Pour Un Homme de Caron L'Eau.

Die schönsten Düfte für den Sommer waren für mich Blu Mediterraneo - Chinotto di Liguria von Acqua di Parma und die drei Sommerdüfte von Perris Monte Carlo: Mandarino di Sicilia, Bergamotto di Calabria und allen voran Cedro di Diamante.

Nun folgt vor dem krönenden Abschluss eine unsortierte Liste von Düften aus dem Jahr 2018, die ich zum Test empfehle, auch wenn ich davon keinen kaufen würde. Tragen aber schon - und das gerne: Cap Néroli, "White Moss & Snowdrop", Hermessence Myrrhe Églantine, Hermessence Agar Ébène, Eau de Citron Noir, Terre d'Hermès Eau Intense Vétiver, Klubwasser (2018), Eau de Givenchy (2018), Bois d'Hadrien, Casamorati - Corallo, Eau du Levant, Black Tulip, Witchmusk, Islay, Hyde, Belgravia Chypre, Mandarina Corsica, Paris - Deauville, Erawan, Fleur de Lalita, Noun, La Lanterne Rouge.

Was aber sind die fünf besten Düfte des Jahres 2018 aus meiner Sicht, die man getestet haben sollte? Ich finde, es sind die folgenden, und an dieser Auswahl erkennt man schon, wie subjektiv eine solche Liste immer sein muss:

1. Moustache Original 1949: eine großartige Neuinterpretation des Kultklassikers Moustache von Rochas (siehe meinen Kommentar).

2. The Lover's Tale: eine freie Neuinterpretation von Guerlains Mitsouko, amalgamiert mit diversen anderen Vintage-Düften der Jahre 1889 bis 1940 (s. meinen Kommentar).

3. Narcissus Orientalis: für mich in diesem Jahr der beste Duft von Annette Neuffer und oben unter Marken bereits genannt. Eine hinreißende Komposition für Freund*innen von Narzissen.

4. Blu Mediterraneo - Chinotto di Liguria: bereits oben unter den Sommerdüften genannt und - trotz seines Status' als Semi-Mainstream-Duft - für mich der beste Sommerduft des Jahres 2018 (s. meinen Kommentar).

5. Pour Un Homme de Caron L'Eau: der beste Lavendel des Jahres und oben deshalb bereits genannt (s. meinen Kommentar).

5. Une Nuit à Montauk - Bohemian Soul: gleichauf mit Carons Duft (s. meinen Kommentar).

Daraus ergibt sich übrigens auch meine diesjährige Empfehlung für Silvester, die ich immer ausspreche:

für den Herrn Moustache Original 1949 und für die Dame The Lover's Tale.

Ein gutes neues Jahr wünscht euch Yatagan!

60 Antworten

Selbstverständlich ist bei dieser Überschrift Ironie in doppelter Wendung vorauszusetzen. Und doch: Luca Turins und Tania Sanchez' "Kommentare" (ich bleibe mal im Terminus unserer Website) sind unterhaltsam, frech, oft treffend, humorvoll, gelegentlich auch sarkastisch, spitz, vielleicht verletzend. ich möchte nicht zu den von Turin bloßgestellten Großmeistern der Zunft gehören, man denke etwa an den selbsternannten König der Düfte, dessen Kreationen ich oft viel abgewinnen kann, der aber in der neuesten Ausgabe zumeist miserabel wegkommt. Auch der Schöpfer von Black Afghano erhält bei allen neueren Kreationen die Höchststrafe.

Immerhin gibt es im neuesten Werk einige signifikante Unterschiede zum älteren Band. In Band 1 standen Klassiker im Mittelpunkt, deren Reformulierung diskutiert wurde und die dann in den Kontext der Gesamt-Duftlandschaft und in den Kontext ihrer eigenen Geschichte eingeordnet wurden. Mitsouko ist so ein Beispiel. Neuere Düfte (z.B. Nicolai New York) wurden an diesen (hier: Guerlain) gemessen oder zu ihnen in Beziehung gesetzt. Turin verrät auch in seinem neuesten Band, dass er bevorzugt Caron pour un Homme und Mitsouko trage. Eine gute Wahl, wie ich meine. Klassikern gilt also offenbar häufig seine besondere Liebe. insgesamt erschienen mir seine Bewertungen bisher allermeist nachvollziehbar, natürlich nicht im Detail und bei jedem Duft, aber doch im Großen und Ganzen. Der Vorwurf, er teste die Düfte nicht auf der Haut, sondern überwiegend auf Duftstreifen, ist im Kontext eines synoptischen Vergleichs nicht nachvollziehbar. Düfte auf der Haut zu testen führt stets von Vornherein zu einem subjektiven Eindruck. Wer einen wenigstens ansatzweise intersubjektiven Kern herausarbeiten möchte (ich formuliere bewusst vorsichtig), der ist wohl gezwungen, auf neutraler Unterlage zu testen. Und dies ist die Haut eines Individuums natürlich nicht. Ich teste ja Düfte auch nicht auf der Haut meiner Katze oder dem Fell des Nachbarhundes. Ein Hauttest kann dennoch sinnvoll sein: wenn ich einen Duft für MICH suche. Darum ging es Turin und Sanchez aber sicher nicht. Sie waren und sind unausgesprochen auf der Suche nach dem großen Vergleichsmaßstab, der als Folie hinter einem solchen Riesenprojekt steht. Alles in allem führte das natürlich nicht zwingend zu weniger subjektiven Urteilen, aber es war doch beeindruckend, was die beiden Experten und Autoren seinerzeit mit dem Mammutwerk, "Perfumes. the A-Z guide" vorgelegt hatten. Man mag Sanchez und Turin nicht in allem folgen, aber es war sicherlich öfters anregend, sich mit ihren Perspektiven auseinanderzusetzen. Auch durch Reibung im Diskurs entsteht eine tragfähige Position.

Das neue Werk, "Perfumes: The Guide 2018", ist da nicht so leicht zu durchdringen. Was geblieben ist, sind die launigen Kommentare, mit spitzer Feder verfasst, die Fülle an Material, diesmal bei einem anderen Verlag aus dem Baltikum verlegt. Auch in diesem Falle ist natürlich (!) nicht alles nachvollziehbar. Auffällig ist aber hier vor allem, dass Klassiker weitgehend fehlen (sieht man einmal von einer längeren Rezension zu Green Water ab), dafür die Nische bis in ihre Verästelungen abgebildet wurde / werden sollte. Das Vorhaben, hier Vollständigkeit erreichen zu wollen, ist natürlich von vornherein zum Scheitern verurteilt. Betrachtet man etwa die weit mehr als 100.000 Parfums, die inzwischen auf Parfumo gelistet sind, dann wird schnell klar, wie groß der Anteil der sogenannten Nische an dieser Fülle ist. Insofern ist allein die Auswahl von Nischendüften, die sich auf ein Buch mit einigen hundert Seiten beschränken muss, eine sehr subjektive. Erfreulicherweise finden sich etwa Düfte von Annette Neuffer, Kerosene oder Schwarzlose, andererseits fehlen etliche Marken, die sich um hochwertige Ware im mittleren Preissegment bemühen. Mainstreamdüfte wurden offenbar beispielhaft ausgewählt. Nach welchen Kriterien dies geschah, kann nur gemutmaßt werden. Ein Schelm, wer dabei an die Lobbymacht der Branche denkt.

Die Auswahl, die sich nun letztlich im neuesten Band findet, ist eigenwillig. Ähnliches gilt auch für die Auswahl innerhalb des jeweiligen Markenspektrums. Während Düfte besprochen werden, die man nicht erwarten konnte (limitierte Editionen), werden andere übergangen, die zum klassischen Portfolio einer Marke gehören. Das allerdings sind zugegebenermaßen Einwände, die sich leicht mit den persönlichen Neigungen der Autoren begründen und damit entkräften lassen. Schließlich bleibt es jedem Kritiker überlassen, zu welchem Werk er sich äußern möchte.

Wenigstens ebenso schwer nachvollziehbar erscheinen mir diesmal jedoch die Bewertungsmaßstäbe. War in Band 1 ein roter Faden erkennbar, der sich an Klassikern orientierte (z.B. div. Guerlains), originelle Ideen honorierte (z.B. Breath of God), singuläre Düfte lobte (z.B. Timbuktu) und eigenwillige Konzepte der Masse vorzog (nicht immer, aber doch häufig), ist ein solches grundlegendes Konzept im neuen Band für mich bisher kaum zu finden. Lob für Animalisches steht neben Schelte für Tierisches. Blass Zitrisches wird gelobt, während andere Hesperidien-Düfte mit einem oder zwei Sternen abgefunden werden. Folgt man Turins Argumentation in der Einleitung, seien die o.g. Maßstäbe (beauty, ideas, novelty, skill) weiterhin die leitenden Ideen. Mag sein. Dass Klassiker keine besondere Rolle mehr spielen konnten (deren Einordnung sollte ja der erste Band leisten), ist nachvollziehbar. In Band 2 geht es um die Abbildung der neuesten Entwicklungen: Mainstream vs. Nische, den Siegeszug des Oud, die Bedeutung von Aromachemie, Diversifizierung, Sinn und Unsinn von Sillage, neue Kreative, Globalisierung der Parfümindustrie. All das ergibt einen spannenden historischen Abriss, hilft aber noch nicht beim Verständnis der Bewertungsmaßstäbe.

Hier schließt sich die eigentliche Intention dieses Blogs an. Es ging mir nicht allein um die Rezension eines Werkes, über das hier garantiert wieder viele disktutieren werden (Begeisterung wird neben Ablehnung stehen), sondern auch um die Frage, ob sich andere bereits mit diesem Werk auseinandergesetzt (s. auch Forum) und einen roten Faden erkannt haben: wenn es denn einen gibt. Gäbe es keinen, fehlte mir ein Maßstab für die Beurteilung insgesamt. Und dann wäre die Kritik resp. das Lob beider Autoren kaum mehr wert als die Meinung des ahnungslosen Käufers im Kaufhaus, über den sich viele von uns erhaben fühlen. Das aber könnte ich kaum akzeptieren.

Update (September 2018): Ich folge der Argumentation von DasguteLeben (Danke!) und beginne nach diversen Tests mehr und mehr die Maßstäbe zu verstehen. Im Zentrum stehen Autodidakten (Bogue, Tauer, Annette Neuffer, Zoologist, als Profi-Outlaws: The Zoo, Parfum d'Empire) mit neuen, originellen Ideen, jenseits des Mainstream, jenseits der saturierten, oft viel zu teuren Nischenmarken (Roja, Xerjoff, Orto Parisi), jenseits der etablierten Nische, die mehr und mehr Originalität durch Output ersetzt (L'Artisan, Serge Lutens, Kurkdjian, man könnte ergänzen Marly, Widian, SoOud u.v.m.). Folgt man dieser Spur, sind die 4- und 5-Sterne-Bewertungen oft sehr gut nachvollziehbar. Nicht selten geht einem bei Lektüre und gleichzeitigem Test ein Licht auf. Danke LT und TS: Ihr habt doch (sehr oft) recht!

42 Antworten
Vor 16 Monaten
75 Auszeichnungen

Die Blaue Blume gehört zum Zeitalter der Romantik wie die Lyrik und die Lieder Brentanos und Arnims, das tragische Leben der Günderrode, Heinrich von Ofterdingen (Novalis) und das Leben eines Taugenichts (Eichendorff). Sie ist das zentrale literarische Symbol dieser Epoche und zeigt die grundlegende Haltung des Romantikers: das Streben nach Transzendenz, Offenheit für das Metaphysische. Natur, Mensch und Geist in Einheit verbunden - und führt zur Erkenntnis des Selbst.

Insofern ist die blaue Blume als Symbol so rätselhaft wie das, was sie symbolisiert. In aller Regel wird als Blaue Blume der Romantik gerade deshalb keine wirkliche Blume verstanden, gelegentlich jedoch die Kornblume und, wie meine Recherche zeigt, auch die Wegwarte genannt. Ich selbst denke bei der Blauen Blume der Romantiker zunächst jedoch vor allem an Lavendelblüten, wogende Felder, in deren Mitte das Einssein des Menschen mit der Natur denkbar und fühlbar werden könnte. Hinzu kommt der besondere Duft, der immer wieder aufs Neue fasziniert und dem man eine beruhigende Wirkung nachsagt. Ich kann das bestätigen. In unserem Garten blüht Lavendel und gelegentlich nehme ich mir einfach ein Töpfchen mit, um es auf den Terrassentisch zu stellen und so den Duft ständig präsent zu haben. Empfehlen kann ich auch Lavendelpflegeprodukte, denn ich habe eine sehr empfindliche Haut, aber Seife oder Flüssigseife mit Lavendelessenz (vor allem aus dem Bioladen) vertrage ich besonders gut und trage dadurch auch nach dem Händewaschen den wunderbaren Duft einige Minuten mit mir herum. Schön sind auch Lavendelwässer aus der Aromatherapie, bei denen es durchaus auch Unterschiede gibt, die es zu erkunden lohnt.

Düfte, bei denen Lavendel im Vordergrund steht, sind inzwischen gar nicht mehr so häufig anzutreffen wie früher. In meiner Kindheit fand sich in vielen Haushalten noch ein Fläschchen mit Lavendelwasser in Bädern, zur Auffrischung der Wäsche oder der Kleidung. So etwas dürfte inzwischen nur noch in Frankreich oder vielleicht in England üblich und verbreitet sein. Dort gibt es nach wie vor auch einige kleine Manufakturen, die Lavendeldüfte herstellen, oft in Reinform, gelegentlich aber auch als Mischungen mit einer warmen Basis (Vanille, Amber) oder mit Kräutern (Rosmarin etc.). Alle diese Varianten haben ihren eigenen Reiz und gemein ist ihnen, dass der Lavendel auch in Kombination mit anderen Inhaltsstoffen dominiert und dem Duft seinen Stempel aufdrückt. So muss für mich die Blaue Blume der Romantik sein.

Wer wie ich immer wieder einmal auf der Suche nach einem schönen Lavendelduft ist, dem könnte die folgende Liste helfen, die ich auf meiner Seite als Sammlung eingestellt habe.

https://www.parfumo.de/Benutzer/Yatagan/Sammlung/C...

Dort finden sich ausschließlich Düfte, bei denen Lavendel dominiert (sicherlich wird man sich im einen oder anderen Falle darüber streiten könne), die (wenigstens noch gebraucht) gekauft werden können, im Idealfall noch produziert werden und die dann im Parfumhandel, meist jedoch wohl nur auf der Homepage des Herstellers verfügbar sein sollten. Gerne kann die Sammlung durch Vorschläge ergänzt und erweitert, in begründeten Fällen auch reduziert werden. Die allermeisten der Düfte habe ich selbst getestet, von etlichen habe ich einen Flakon oder wenigstens eine Abfüllung vorrätig, so dass ich recht gut beurteilen konnte, ob die Düfte zur Sammlung passen. In einigen Fällen habe ich mich auf die Angaben hier auf Parfumo verlassen. Sicherlich habe ich dabei das eine oder andere übersehen und freue mich deshalb auf Hinweise.

Lavendel ist für mich einer der eigenwilligsten Duftstoffe in Parfums: immer an der Grenze zur Aromatherapie, wie ein uralter Wegweiser in das Land des Duftes und damit ein gutes reales Abbild des romantischen Sinnbildes von der Blauen Blume.


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