Unwahrscheinlich schöner Klassiker
Ich erwerbe meine Düfte eigentlich einigermaßen überlegt. Was natürlich oft auch an den Preisen liegt. Aber nicht nur. Ist jetzt nicht so, dass unzählige Cheapies meine Regale füllen.
Aber dieser Duft war ein Blitzkauf! Ich hatte schon hier und da von ihm gehört, immer nur gutes, aber da waren diese Aldehyde ... Irgendwann hatte ich ihn auch mal bei Douglas unter der Nase und nahm nur wahr: Ja, Aldehyde (wenn auch nicht ganz so schlimm, wie vermutet) und ja, irgendwie unmodern. Wenn vielleicht auch nicht schlecht, aber eben ... unmodern. Man könnte auch sagen Retro. Vintage. Oder: ein Klassiker.
Dann vergaß ich ihn erst mal wieder. Wie er dann - einige Monate später - wieder in mein Bewusstsein trat, weiß ich nicht mehr genau. Aber dann stand er da so fein und erschwinglich vor mir im Regal. Dieser simple, cleane Flakon. Ich erinnerte mich, dass sein Ruf bis nach San Francisco vorgedrungen war, wo die Menschen zwar nicht wussten, wie sie diesen German Designer aussprechen sollten (Tschuuuup?), aber wo sie den Duft genauso liebten, wie viele hierzulande. Kaum eine YouTuberin, die ihn nicht mindestens einmal erwähnt hat.
Ich sprühte ihn also direkt auf die Haut. Und die Aldehyde störten mich plötzlich gar nicht mehr. Er war nur einfach sehr fein, dezent, zart und hell, leicht süß und pudrig und transparent und erinnerte mich sofort an den Duft meiner Haut, wenn ich früher frisch aus der Wanne gestiegen war. Wie luxuriöser Badeschaum der 80er, ohne dabei seifig zu sein. Eher cremig, vanillig, mandelig, herrlich. Und pudrige Düfte sind eigentlich sonst gar nicht so mein Ding. Und Vintage-Düfte oft auch nicht. Aber der hier ist wunderschön!
Ich kaufte ihn quasi sofort und direkt im Laden, noch nicht mal ne Nacht drüber schlafen oder vielleicht ein günstigeres Online-Angebot recherchieren wollte ich. Ich hab schon gern eine "wohl kuratierte" Sammlung, über die ich zufrieden meinen Blick schweifen lassen kann und wo ich weiß, dass ich jeden einzelnen Duft liebe und auch wirklich trage. Insofern greife ich meist nicht so schnell zu. Aber Le Bain landete quasi direkt in der Einkaufstasche. Ich denke, er ist perfekt geeignet zum gemütlichen Rumhängen und Kuscheln im Herbst und Winter, vielleicht auch zum schlafen gehen. Aber er hat auch was elegantes, stilvolles und zeitlos schönes und könnte auch jeden Tag oder im Büro getragen werden. Manche Leute sagen, er rieche teuer. Und ja, für mich hat er auch so was edles, dezentes, zurückgenommenes, ohne dass er irgendwie altbacken wirkt.
Einfach ein Klassiker!
Die neonpinke Netzstrumpfhose
Eigentlich hatte ich Lust auf Vanille. Süß jedenfalls. Gern deutlich süß. Wird ja Herbst und kalt und düster. Da braucht man ein bisschen Trost. Ich testete verschiedene Düfte von Jean Paul Gaultier, die zwei La Belles (auch sehr schön), aber ausgerechnet der einzige Duft ohne Vanille machte das Rennen: der So Scandal!
Klar, irgendwie ist der Duft ne gängige Designer-Tuberose und jetzt nix, was man noch nie gerochen hat. Aber dabei echt schön, keine übersüffigen Kopfnoten, nicht zu klebrig, keine müllige Fruchtigkeit im Drydown. Einfach nur ein sahniges Himbeerbonbon, das Freude macht, weil es so frech und kompromisslos süß ist. Ich muss jedes Mal grinsen, wenn ich ihn aufsprühe. Ich hatte kurz gezögert, ihn zu kaufen, da ich keine 20 mehr bin und nicht sicher war, ob denn so was zu mir passt. Ist so ein süßes Früchtchen nicht etwas übertrieben schreiend unelegant?
Es erinnerte mich an eine unmöglich neonpinke Netzstrumpfhose, die ich vor Jahren bei H&M in London sah. Intuitiv griff ich zu ihr, aber das spaßresistente Über-Ich wollte piefig dagegenhalten: „die passt doch zu gar nichts, was du sonst hast! Du bist über 30. Was willst du denn damit?“ Doch ich kaufte sie. Und trug sie dann oft und wahnsinnig gern. Sie machte einfach Spaß und meine Beine zu einem Hingucker.
Und so ist So Scandal! auch. Der Duft macht einfach Spaß und befreit mich von irgendwelchen langweilig braven Über-Ich-Urteilen, was ich wohl passenderweise tragen kann und darf. Folg einfach der Intuition deiner Nase und trag, was dir Spaß macht!
Er ist gut wahrnehmbar, hält auch locker den halben Tag und wird nie zudringlich. Die Milchnote nehme ich unterschwellig als kühl cremig wahr. Und ganz ohne Eleganz ist er auch nicht, manchmal erinnert er mich ein gaanz klein wenig an den Rouge Malachit … also die erschwingliche mädchenhaftere H&M-Version davon, sozusagen.
Und der Flakon! Frech, einzigartig und irgendwie auch witzig, wie ein irrer Kopfsprung in ein Parfümfass hinein. Was für mich auch diese leicht irrwitzige Parfümleidenschaft repräsentiert, die mich seit ein paar Monaten befallen hat. Es macht so viel Spaß und ist so unvernünftig, vielleicht auch ein kleiner Skandal für den „inneren Finanzbuchhalter“ in mir, und ich kann es nicht mehr lassen. Was soll ich sagen? So Scandal!
Du widerstehst jeder Einordnung - ich widerstehe dir nicht
Eine seltsame, schwer zu definierende Liebe hat mich befallen. Es war keine Liebe auf den ersten Riecher. Vielleicht war ich bei der ersten Begegnung zu müde und abgekämpft von der Woche, es war spät. Ich spürte sehr wohl die Qualität und wusste vermutlich, dass ich noch mal zu diesem Duft zurückkehren würde, aber im ersten Moment umgehauen hatte er mich nicht.
Aber am nächsten Abend schon sprühte ich ihn das erste mal auf die Haut. Und merkte, wie ich sanft - ganz sanft - gefesselt wurde. Was war es? Ich konnte nichts bestimmtes ausmachen, so kunstvoll verwoben schwebt der Duft um einen herum. Roland Barthes schreibt in seinem Buch „Fragmente einer Sprache der Liebe“ von Atopos: das Geliebte, was nicht einzuordnen ist. „Ich kann den, den ich liebe, nicht einordnen, weil er der Einzigartige ist, der sich wundersamerweise herbeigelassen hat, auf die Besonderheit meines Verlangens zu reagieren.“ Kein Stereotyp passt auf seine Originalität. So erscheint mir auch der Floral, Amber, Sensual Musk.
Ein Kunstwerk, ein erwachsener Duft, der Widersprüche vereint. Er ist weich aber nicht süß, nicht süß aber auch nicht herb, fein und subtil und trotzdem deutlich präsent. Weder besonders feminin noch maskulin. Er wirkt fein holzig, ohne Hölzer, riecht wie eine Idee von Wildleder ohne Wildleder in den Duftnoten zu haben. „Sensual“ im Titel könnte nicht besser gewählt sein. Dieser Duft ist unfassbar sinnlich. Als trägt man etwas anschmiegsames, wohlig weiches wunderschönes. Als würde die Haut aktiviert, weil jemand sanft drüberstreicht. Ein Duft voller Hingabe, der einen weich macht, so dass man jeglichen Widerstand aufgeben möchte.
Er bleibt stabil im Duftverlauf und hält sehr lang. Andere Leute nehmen ihn wahr, ich hab sogar schon Komplimente für ihn bekommen. Zum Ende hin entfaltet die Vanille eine angenehme Süße. Für mich ein wunderbarer Duft für Herbst und Winter, aber sicherlich auch im Frühjahr schön.
Es ist eine Liebe, die mich dann doch überraschend schnell eingenommen hat, denn nur wenige Tage nach dem ersten Erschnuppern bestellte ich kurzerhand den Flakon. Kein vernünftiger Umweg über Abfüllungen, wie sonst. Ich war zu sehr verzaubert. Für mich widersteht dieser Duft jeglicher Klassifikation. Er ist atopos . Man muss ihn einfach erleben.
Grandios … oder doch nicht?
Ein beiläufig getesteter Zufallsfund im Douglas. Zuerst auf Papier. Wow! Was ein toller Duft! Will das Streifchen gar nicht mehr von der Nase wegnehmen. Aber Papier und Haut sind halt nicht dasselbe. Bei wie vielen Düften fand ich jetzt schon den ersten Eindruck in der Luft und auf Papier grandios, nur um wenig später auf meiner Haut vergebens nach Grandiosität zu suchen? Also sprühte ich mir den Nomade aufs Handgelenk und ging. Er war immer noch toll. Ich fuhr mit dem Fahrrad heim. Immer noch toll. Doch dann wurde er stumpf und erinnerte mich an Duschgel. Ich las in den Basisnoten nach. Eichenmoos. War es das? War er ganz leicht muffig? Jedenfalls hatte er an eleganter Strahlkraft verloren, war aber noch da. So wie die vielleicht nicht hundertprozentig willkommene Erinnerung, dass man heute Morgen ja mit dem etwas billig-süßen Duschgel geduscht hat, das man eigentlich nicht mehr benutzen wollte. Ich denke, der Chloe Nomade ist insgesamt kein schlechter Duft. Solide irgendwie. Nicht megabesonders, aber ok. Der Flakon ist hübsch, der Name auch ganz gut. Aber insgesamt und so richtig begeistert er mich dann doch nicht.
Die Verführung eines Theatersaals
Coco Noir traf mich zufällig und unerwartet in der schnöden Parfümabteilung von Karstadt. Die frisch-herben, aber nicht alltäglichen Kopfnoten, ließen mich unmittelbar innehalten. „Was ist das??“ dachte ich und war sofort gefangengenommen. Gefesselt. Blieb stehen, war gebannt von dem Papierstreifchen, auf das ich ihn gesprüht hatte. Ich stand zu dem Zeitpunkt noch sehr am Anfang und hatte zugegebenermaßen noch nicht viele Düfte oder Parfüms bewusst erschnuppert. (Mittlerweile sind es über 60 in kurzer Zeit, Designer und Nischendüfte - und Coco Noir thront immer noch über allen!) Ich war völlig hin und weg, sprühte es mir kurzerhand auf die Armbeuge und lief nachhause. Dort angekommen musste ich immer und immer wieder an meinem Arm riechen. Ich war fasziniert von diesem Duft, wusste aber noch nicht so recht, ob ich ihn liebte oder ob ich mir vorstellen konnte, ihn zu tragen. Er nimmt einen mit auf eine Reise, wird im Verlauf wärmer, bleibt aber immer apart, vielleicht ein bisschen pudrig, und sehr elegant. Manche mögen ihn vielleicht madamig finden. Ja, sowas trägt kein junges Mädchen, sowas trägt eine Frau. Aber eine Wahnsinnsfrau, eine selbstbewusste Frau, eine Erscheinung, eine gefeierte Theaterschauspielerin oder eine Filmlegende! Dieser Duft riecht nach Theater für mich, wie die Verführung eines alten schönen Theatersaals mit rotsamtenen Sitzplätzen und wundervollen schweren Vorhängen. Er riecht nach Kühnheit, rotem Lippenstift und künstlerischem Ausdruck. Am Ende wird er durch den Hauch von Weihrauch fast etwas mysteriös. Er ist nicht schüchtern, er weiß, was er kann, aber er ist dabei nicht aufdringlich. Ein selbstsicheres Statement.