Nervosität.
Merkt aber keiner. Fliege heute alleine. Mache ich noch nicht so lange. Wird aber langsam routinierter. Bei den kleinen Propellermaschinen die ich in letzter Zeit geflogen bin waren ein paar ganz schön bockige Bretter dabei. Die eher mich geflogen sind, statt umgekehrt. Runtergekommen sind sie alle. Mit mir drin. Manchmal holperig. Aber ohne Bruchlandung. Man gewöhnt sich an vieles.
Wozu also die Aufregung?
Habe gehört, dass sich die Maschine, in die ich gleich einsteige, auf voller Flughöhe wie eine „Pour Monsieur“ verhält. Und die liebe ich. Eine meiner ersten Maschinen, in die ich mich setzen durfte. Alte Ingenieursschule. Keins von diesen grell bemalten modischen Plastikdingern mit eingebauter Minibar, in der Red Bull und Zuckerzeug rumliegen. Die Chanel hat eine 1a Höhenlage. Still und ruhig wie ein Bergsee im Frühling. Startet spritzig zitronig und stets bei bestem Wetter durch. Sobald man oben ist: Weitblick, Gleichmass, Chypre-Distanz. Wenn das hier heute auch so wird, kann soviel nicht schief gehen.
Also raus auf´s Rollfeld.
Die Maschine sieht uralt aus. Mist. Eine „Aéroplane“ Detaille. Noch nie gehört. Fliegt doch kein Mensch, so ein Ding. Ein Blick in den Motorraum beruhigt mich. Alte französische Ingenieurskunst. Grundsolide Technik, massive Bauteile. Sieht hochwertig aus. Könnte dennoch ein störrisches Flugverhalten an den Tag legen. Kratzig und holpernd wie eine alte Grammophonaufnahme.
Gleich werde ich´s erfahren.
Also Pilotenbrille auf, Schal festzurren. Kann rau werden da oben.
Ich starte die Maschine.
Die Startbahn entlang rollend, ist da Benzingeruch. Verdammt. Leckt der Treibstofftank? Ich kann mich schnell beruhigen, keine Warnanzeige, alles dicht. Ist bei einer bestimmten Art von Zitrik normal. Sagt Achilles. Die muss es wissen, die fliegt dauernd solche Kisten. Ist erst mal eine bestimmte Verdrahtung der Synapsen gelegt, riecht man dauernd Benzin bei bestimmten Zitrusnoten. Diesel. Kerosin. Öl. Kriegste nicht mehr raus.
Gut so.
Vor mir eine dunkle Wolkenschicht, sieht viel dunkler aus als bei den Sonntagsflügen mit meiner Pour Monsieur. Ich ziehe die Aéroplane hoch. Es geht durch eine dunkle Schicht Petitgrain und Bergamotte. Erwarte jetzt erste Turbulenzen. Aber die Aeroplane gleitet hindurch wie durch Öl. Gut macht sie das.
Die Sicht klärt sich langsam. Es wird zunehmend heller. Vertrautheit stellt sich ein, je weiter ich die Wolkenschicht unter mir lasse. Das, was jetzt kommen könnte, kenne ich.
Krautige Frische auf holzigen Tönen. Bei der Pour Monsieur kommt hier Kardamom in´s Spiel. Aber dann werde ich überrascht.
Je höher die Maschine steigt, desto klarer kommt Minze zum Tragen. Ich erkenne es sofort. Keine Kaugummi- oder Zahnpastaminze. Eher wie getrocknete Gartenminze. Krautiges Basilikum verleiht zusätzlich Auftrieb. Matte, herbe, maskuline Grünheit.
Wird ein traumhaft schöner Flug heute, ich spüre es.
Ich erreiche die endgültige Flughöhe. Und jetzt ist alles so, wie es sein soll. Die Weite des Horizonts, die Lichtfülle, Wolkenformationen, das Land weit unter mir. Eichenmoos, ein Hauch erdverbundene Patchouli-Wärme.
Distanz, Gleichmaß der Dinge. Chypre in Perfektion, von weit oben.
“The views were immensely wide. Everything that you saw made for greatness and freedom, and unequealled nobility.”
Mit flatterndem Schal und festgezurrter Pilotenbrille winke ich Achilles zu und bedanke mich für die Probe im Rahmen eines Nase-, Hirn- und Horizont-weitenden Wanderpakets.
Mit meiner Höhenangst bleibe ich lieber unten und bewundere dich, deinen grandiosen Kommentar und alle, die da oben genießen können! Schissbuxgrüße & Pokal
Ja, hier möchte ich auch dabei sein, so eine schöne Beschreibung!