Der Tetralogie 4. Teil - Götterdämmerung: „Dünkt er euch niedrig, ihr dient ihm doch, des Niblungen Sohn.“
In einem Kommentar gab es den Vorschlag, Oud Royal könnte den Bond-Schurken gut stehen. Mir wäre er für diese erklärungslos boshaften (Stereo)-Typen zu schade. Der gleichfalls genannte Don Corleone junior passt als ausgearbeiteter Charakter schon besser, aber seiner Eignung steht letztlich im Wege, dass er Gutmensch des eigenen Weltbilds ist. Nein, ein wirklich passender Bösewicht braucht nachgerade mythologisches Format. Andererseits muss er greifbarer, interpretierbarer sein als eine Figur wie Tolkiens Sauron oder Sagengestalten vergleichbarer Schattenhaftigkeit. Der überzeugendste Miesling ist schließlich der, von dem deutlich wird, warum er einer ist.
Mein Vorschlag für die neue Oud-Royal-Kampagnen-Figur ist Hagen, der fiese Protagonist aus Wagners Götterdämmerung. Gezeugt vom Nibelungen Alberich mit Grimhild, Fürstin der Gibichungen, die sich ihm prostituierte. Hagen soll das Werkzeug sein, um endlich den alles beherrschenden Ring zurückzugewinnen, der dem Vater drei Opern zuvor abgenommen worden war und lange im Drachenhort lag. Alberichs planvolle Bosheit, ein grausig ins Gegenteil verkehrter kantischer Wille, vollendet sich in Hagens Hass, welcher ihn freilich nicht hindert, gewieft zu handeln. Der freudlose Mann stürzt aus Gier nach dem Ring alles um sich herum rücksichtslos ins Unglück. Nun könnte man anmerken, dass Letzteres auf erfolgreiche Investmentbanker in ähnlicher Weise zutrifft, aber Hagen hat wohl doch noch ein anderes Format.
Die Götterdämmerung ist das vermutlich finsterste Werk der Musik-Geschichte. Die Götter sitzen stoisch in ihrer Festung. Sie haben als Hüter der Ordnung versagt und erwarten ihr Ende. Trotzdem wird es kurz nach Beginn zunächst heiter: Siegfried und seine am Vortag inmitten eines Feuerrings erweckte Sozusagen-Prinzessin Brünnhilde verabschieden sich fröhlich voneinander, denn der Held will (und darf!) zu neuen Taten losziehen. Da physische Defizite als Grund für eine Flucht nach bloß einer Liebesnacht sicher auszuschließen sind, bleibt nur die Feststellung, dass Siegfried eben nicht Siegfried wäre, wenn er ab jetzt täglich mit Stullen-Dose und Sport-Bild in der Aktentasche zur Arbeit ginge und abends zum liebenden Haus-Weib zurückkehrte. Den vom erschlagenen Drachen erbeuteten Ring lässt er als Geschenk zurück. Beide ahnen nichts von dessen unheilvoller Macht.
Einlullend ebenso der Beginn von Oud Royal. Wie ein Früchtebrot auf Pumpernickel-Basis (Safran!), dunkel-kräftig und zugleich fruchtig-saftig. Gewiss rührt Letzteres von der Rose her, es gibt einige entsprechende Sorten. Aus meinem Garten fällt mir „Chartreuse de Parme“ des französischen Züchters Delbard ein. Ihr kraftvoller Geruch wäre – erst deutlicher, später sanfter – denkbarer Teil von OR bereits kurz nach dem Start. Rund zwei Stunden begleitet uns die Rose. Beinahe harmlos wirkt der Duft dadurch zunächst. Aber es wird zunehmend finster. Nicht plakativ-schwarz wie etwa Encre Noire, sondern schleichender und mit mehr Substanz. Die kolossale Wucht speist sich nicht aus einem isolierbaren Effekt und wird damit nur noch bedrohlicher.
Während Siegfried auf dem Rhein heranrudert, startet der bestens informierte Hagen eine Intrige. Er schlägt seinen ahnungslosen Halbgeschwistern Gunther und Gutrune vor, dass Brünnhilde doch die ideale Frau für Gunther als Herrn der Gibichungen wäre und Siegfried ein vorzüglicher Gatte für die Schwester. Von einem Zaubertrank gutrune-betört und vergessens-umnachtet, würde der Held anstelle des dafür mangels Heldenmutes ungeeigneten Gunther das Feuer durchschreiten und die Frau beschaffen. Für die passende Tarnung wird praktischerweise der gestaltwandelnde Tarnhelm sorgen, den Siegfried ebenfalls dem Drachenhort entnommen hat. Allein Hagen weiß, dass die geplante Doppelhochzeit in einem Eklat enden muss, sobald Brünnhilde auf Siegfried trifft. Egal, Hauptsache, der Ring kommt heran.
Das orchestrale Zwischenspiel zum zweiten Aufzug stellt sogar in der „Götterdämmerung“ einen Tiefpunkt an Düsternis dar, wenn in den tiefen Blechbläsern – Wagner hatte persönlich die Bass-Tuben eingeführt - das Götterdämmerungsmotiv dröhnt. Und beim folgenden Gespräch des schlafenden Hagen mit seinem ihm (leibhaftig oder im Traum?) erschienenen Vater bildet sich echt kein positives Karma. Gegen die beiden wirkt Lord Voldemort wie ein läppischer Epigone. Hagen entgleitet Alberich allerdings; er ist kein williges Werkzeug, sondern entwickelt eigene dämonische Kraft. Es ist keineswegs klar, dass er den Ring tatsächlich abliefern würde. Einen Eid verweigert der Sohn, einzig sich selbst sieht er sich verpflichtet.
Gegen die Dunkelheit von Oud Royal strahlt etwa Epic Man geradezu vor Heiterkeit. Im Mittelteil, ungefähr in der dritten, vierten Stunde, erinnert mich OR in der Tat daran, sogar einschließlich des Ledrigen. Sofern das nicht wirklich Leder sein soll, sorgt wahrscheinlich ein säuerlicher Rosen-Rest für meinen Eindruck. OR hat jedoch nicht die derbe Robustheit von Epic Man - Hagen ist halt, wenngleich nur zur Hälfte und so sehr er sie eben deshalb hasst, Mitglied der fein-dekadenten Gibichungen-Sippschaft.
Ab der vierten Stunde ist Weihrauch unüberriechbar. Amber ist ja ohnehin ein dehnbarer Begriff - dies ist nun der dunkelste Amber, den ich kenne. Wiederum nicht wie mit dem Hammer verdunkelt, sondern edel abgestimmt. Harzig von schwärzester Art zwar, dabei so exakt dosiert, dass es ohne streng-beißende Schärfe auskommt.
Alles läuft glatt – für Hagen: Siegfried erobert in Gunthers Gestalt seine eigene Frau und nimmt ihr den Ring ab. Als Brünnhilde dann Siegfried an Gutrunes Seite mit dem Ring an der Hand sieht, wird ihr der Betrug natürlich klar. Gunther ist blamiert, zumal Brünnhilde von der gemeinsamen Nacht mit Siegfried erzählt. Der schwört bei seinem Leben, er sei loyal gewesen. Brünnhilde ihrerseits beeidet das Gegenteil. Die beiden sprechen von unterschiedlichen Nächten - die erste hat Siegfried trank-betört vergessen. Hagen, Gunther und Brünnhilde verbünden sich, Siegfried zu töten.
Am kommenden Tag erzählt der Held von seinen Taten und bekommt von Hagen zweierlei: Erstens an der richtigen Stelle erneut einen Trank gereicht, der die Wirkung des ersten aufhebt. Zweitens, sobald er – sich wieder erinnernd - von seiner leidenschaftlichen Erweckung Brünnhildes erzählt, zusätzlich als vorgeblicher Eidbrecher einen Speer zwischen die Schultern. Doch die nachfolgende Musik, Siegfrieds Trauermarsch, ist seltsam prachtvoll. Das Siegfried-Motiv dröhnt monumental wie nie zuvor und zeigt den Sieg des Prinzips, den Triumph des freien Menschen an, ging er auch als Individuum dahin.
Nach sechs, sieben Stunden wird der Duft milder, sanfter. Der Amber-Kern ist keineswegs süßlich, aber vergleichsweise luftig und leicht geworden. Ein versöhnliches Ende naht heran.
Von den Rheintöchtern, den ursprünglichen Hüterinnen des von Alberich gestohlenen Rheingoldes, aus dem der Ring geschmiedet wurde, hat Brünnhilde inzwischen alles erfahren. Sie setzt unter Opferung ihrer selbst das Notwendige in die Tat um: Sie nimmt den Ring an sich und reitet in Siegfrieds gigantischen Scheiterhaufen hinein. Die alte Welt bricht zusammen, Walhall mit den Göttern endet in einer Feuersbrunst. Der Rhein tritt über die Ufer, die Rheintöchter erlangen den Ring. Das Gold wird so vom Fluch befreit, die Welt ist erlöst.
Meine Vorredner haben eigentlich schon alles gesagt! Ein atemberaubender Kommentar - und ich muss gestehen, dass ich jetzt als Nicht-Wagner- und Nicht-Armani-Fan wahrscheinlich sowohl zu dem einen als auch dem anderen meine Meinung ändern muss!
Man stelle sich die Story als Soap vor! Lindenstraße, war da nicht was mit einem Lindenblatt? - Äh, warum einfach, wenn's kompliziert geht. Den ganzen nordische Pantheon in den Hades. Nieder mit Siegried, es lebe Tamino, der beim Drachen umfällt...
Jetzt weiß ich nicht, was ich zuerst machen soll: Oper besuchen oder Oud Royal testen :-). Klasse Abschluß. Ach ja: Herzlichen Glückwunsch zum 100. Kommentar. Freu' mich schon auf die nächsten Hundert :-).
Wogen des Wahnsinnsduftes wabern würdig, weihräuchernde Wolken wehen westwärts usf. Jetzt aber ab nach Bayreuth bevor wir hier durchknallen. Guter Duft für den Schluss der Tetralogie. Konequent, Herr Kollege.
Für den Duft habe ich neulich "lecker" notiert, dies gilt natürlich auch für Hagen: Mann mit Weitblick, Humor und Sinn für's Absurde. Leider wird es Etzel schon richten ... Grüße aus Transsilvania nahe Etzelburg
Danka dafuer :-)