Joy (Eau de Parfum) von Jean Patou

Joy Eau de Parfum

Augusto
16.08.2018 - 19:03 Uhr
23
Top Rezension
7.5Duft 8Haltbarkeit 8Sillage 7Flakon

Glamourös-grüne Blumen in bester Gesellschaft, 30er Jahre Stil

Die Tür öffnet sich und es gibt sogleich ein unfassbar großes Blumenbouquet für die Gastgeberin, das Gesicht dessen, der es bringt, verschwindet dahinter ganz, ich erkenne zunächst nicht, ob es die alte Tante der Familie oder etwa die junge Fürstin von Monacco ist. Nun bimmeln die Maiglöckchen und mehr Blumen erbitten Einlass in den grünen Salon. Gibt es eigentlich grüne Blumen? Die Aldehyde machen den Strauß noch voluminöser und sehr spritzig. Perlende Getränke werden gereicht. Feucht glitzernde Kristallgläser, ein Hauch Fruchtsüße aus dem Garten, nicht vom Obstteller. Die erste Viertelstunde verstreicht.

Nach diesem Grünblumen-Entree - Hallo, wie schön, Sie zu sehen (perlendes Lachen)! - kommt ein Hauch blumige Exotik hinzu. Die zulezt eingetretene frische junge Madame aus dem letzten Jahrhundert wird zunehmend zur grandiosen Erscheinung. Eine weitere Dame betritt den Raum, in höchst elegantem Kostüm (Patou, kein Zweifel), ebensolcher Frisur und noch besserer Haltung. Sie grüßt freundlich und auch etwas königlich. Hochsteckfrisur, Haarspray, Körper-Puder, selbstverständlich vornehm-blass, nur ein paar Tupfer pfirsichfarbene Frische hat sie sich ins Gesicht gezaubert.
Das macht sie nun zwar noch schöner aber nicht jünger, sondern eher ehrfurchgebietender, weil es an so ernsthafte große alte Gestalten wie die Dame Mitsouko erinnert.

Der Eindruck vertieft sich und ich nehme Platz, um der allgemeinen Unterhaltung beizuwohnen. Es gesellen sich eine mit edler Seife gewaschene Rose und ein etwas lautstarker Jasmin hinzu. Die Unterhaltung ist rege und lebhaft, nur ich sitze still daneben und überlege, ob ich wohl Kopfweh bekommen werde und mich besser entschuldigen lasse. Ich beschließe zu bleiben, und die Gesellschaft zu genießen. Man muss ja nicht gleich überall mithalten.

Meine Augen und meine Nase wandern zu der großen Kristallvase, die das Blumenmeer kaum zu fassen vermag. Der Strauß ist so opulent, er verschwimmt vor meinen Augen. Einzelne Blüten gibt es hier nicht, er neigt zum Abstrakten.

Zurück zur Blütenkonversation: Ist hier ein Hauch Moschus zu spüren oder rieche ich da ein kräftig dosiertes Waschpulver, das von einem vornehm gestikulierenden weißen Handschuh oder aus einem rauschenden Kleid oder doch vom gestärkten Hemd der Begleitung herüber weht?

Nach ca. zwei Stunden und drei Gläsern Champagner finde ich: All diese gepflegt Eleganz wird mir auf Dauer ein wenig eintönig. Ich sitze vorne auf der Kante einer kostbaren geblümten Ottomane und beginne unpassend mit den Beinen zu baumeln.
Doch etwas lenkt mich ab und erregt mein Interesse: Ein kleiner, etwas verzottelter Moschusochse kommt aus dem Grün herbei und schaut durchs Fenster. Oder steht er hinter Glas in einer Vitrine?
Der Champagner beginnt zu wirken.
Es wird etwas stickig in dem überfüllten Salon.
Ich muss mich hinlegen.
Eine Katze ist durch die angelehnte Tür geschlüpft und rollt sich auf meinem Arm zusammen. Ihr Fell glänzt golden, wenn ich sie streichle.

Ich rieche nun noch immer Seife, aber Seife, die nicht mehr nur sauber ist, die Leute drumherum sind etwas erhitzt, die Gespräche gehen weiter. Es ist ein Quentchen weniger glamourös, die Atmosphäre wird wärmer, es wird später, die Jazzmusik lauter.

Das alles könnte nicht weiter von AugustA entfernt sein; eine Gesellschaft, die ich einmal genossen zu haben aber nicht missen wollte. Vergessene, nie selbst erlebte Zeiten.

Ich nehme meinen Mantel und gehe. Eine Ahnung des Duftes geht mit mir.
11 Antworten
ClarasTanteClarasTante vor 4 Jahren
1
Ich find den auch toll! Eigentlich ja toller als du, denn ich suche seine Gesellschaft öfter ;-) Kommentar trifft ihn auf den Punkt, samt Schmusekatze.
Melisse2Melisse2 vor 5 Jahren
Ich glaube, so unterschiedlich empfinden wir den Duft gar nicht. Außer dass mir der Moschusochse entgangen ist. Aber ich hatte noch einen Vergleichsduft. Mir hatte das EdP auch besser gefallen, als ich die Vintageversion noch nicht kannte.
AugustoAugusto vor 7 Jahren
Diese Katzen riechen ja manchmal etwas streng, aber diese hier war zumindest bei mir wirklich anschmiegsam.
SerenissimaSerenissima vor 7 Jahren
Eine sehr schöne "Veranstaltung" für einen glamourösen Duft, der dieses Parkett immer noch liebt, beschreibst Du hier.
AventurinAventurin vor 7 Jahren
Wieder ein sehr schöner Kommentar, klasse!
HasiHasi vor 7 Jahren
Großartige Umsetzung! *standing ovations* Und noch dazu informativ und amüsant nebenbei! Sehr, sehr gern gelesen!
PlutoPluto vor 7 Jahren
Vor Jahren blind bestellt, ich dachte ich würde ihn mögen. Aber mir war er zu viel. Schöne Duftbeschreibung.
FrauLohseFrauLohse vor 7 Jahren
Irgendwie werde ich jetzt den Gedanken an Alice nicht los. Schön geschrieben.
LimoamaniLimoamani vor 7 Jahren
Der vorletzte Absatz bleibt geheimnisvoll
SeeroseSeerose vor 7 Jahren
Ich gehe jetzt und tupfe ein wenig von Dia Woman Extrait auf, mal riechen, ob es immer noch so aldehydisch wirkt. Jasmin, Katze sind nicht drin. Ehrlich, ein solches Parfüm reicht, auf diesen habe ich, so kommt es mir vor wenn ich das so lese, keine Lust. Aber eine Blumenvase stell ich mal hier ab.
FrauHolleFrauHolle vor 7 Jahren
Ich kann mit dem patou nix anfangen.