SebastianM
31.07.2025 - 06:19 Uhr
18
Top Rezension
8Duft 8Haltbarkeit 6Sillage

Ein bukolisches Bouquet

Dieses Parfüm hat offensichtlich ein Konzept, das viele Menschen erreicht. Der Duft wird mit existenziellen Erfahrungen wie Angst, Schmerz und Heilung verbunden. Mir geht das anders, ich versuche es einmal nüchterner mit einer kurzen, möglichst objektiven Einordnung.

Der Auftakt von Sanctuary ist grün, mit sanften, gedämpften Zitrusnoten und Anklängen an Lavendel und Kräuter. Dann kommt ein St.-Clair-typisches Blumenbouquet, auf jeden Fall mit Iris, auch Narzisse, vielleicht Rose - wie in einem ganz klassischen Damenparfüm. Ein wenig pudrig ist es, aber nicht staubig, und auch ein wenig herb: kein zuckriges Bouquet, sondern eher wie ein Vintage-Cologne auf Naturbasis.

Im Laufe der Zeit wird der Duft immer heuiger und wärmer. Leise Animalik taucht hier und da auf und gibt ihm ein bisschen angenehme, körperliche Substanz. Ich rieche vor allem Wachs und Honig, weiches Leder, trockenes Heu und einen Hauch von Harz. Ein dezenter Anklang von Tabak oder getrockneten Wiesenblumen kann dabei sein, aber das betrachte ich als Teil des Heus. Im ersten Viertel des Verlaufs macht sich außerdem eine gewisse Fruchtigkeit bemerkbar. Aber es sind keine klassischen Pfirsich- oder Pflaumentöne, sondern ein natürlich gärender, warm-fruchtiger Effekt. Auch das kennt man von anderen Parfüms, die diese Art von Heu-Honig-Kombination verwenden.

Zusammengefasst: Sanctuary ist ein herb-blumiges, heuig-warmes, honigsüßes, ein wenig altmodisches und dezent ländliches Parfüm. Es ist reichhaltig, aber nicht schwer. Der Duft ist leise und strahlt nur wenig ab, wirkt intim und zurückhaltend. Alles ist dicht verwoben und sehr schön.

Um Sanctuary in der Duftlandschaft zu positionieren, helfen vielleicht Bezüge zu anderen Parfüms. Mir sind eingefallen:
- Slowdive (Hiram Green) wegen des Frucht-Honig-Akkords, der an Trockenobst erinnert.
- Sables (Annick Goutal), auch wegen der Ahornsirup-Aprikosen-Note, aber vor allem wegen des trockenen Heus und Bienenwachses und der Rustikalität.
- Jicky (Guerlain) wegen der Kombination von Lavendel, Kräutern und einem warmem, leicht animalischem Unterbau. (Sanctuary fehlt die Vanillesüße und die glatte Politur von Jicky, sozusagen ein Jicky auf dem Bauernhof.)
- Dryad (Papillon) wegen des herben, grünen Narzissen-Akkordes. Aber auch St. Clair's eigenes Song of Aubrac kann hier Pate gestanden haben.
- Cuir de Russie (Chanel) wegen der Kombination aus Leder und floraler Note. Das Leder in Cuir de Russie ist allerdings weniger zart als in Sanctuary, und Sanctuary hat auch keine Aldehyde.

Die Summe Sables + Jicky + Dryad + eine Spur (aldehydfreiem) Cuir de Russie + ein Schuss extra Honig klingt viel chaotischer als Sanctuary wirklich ist. Trotzdem kann sie einem schon eine ganz gute Vorstellung von dessen Charakter geben. Ich mag Sanctuary sehr! Das sollte niemanden überraschen, denn ich bin als Fan von Diane natürlich voreingenommen.
21 Antworten
StulleStulle vor 4 Monaten
Toll beschrieben! Die Marke sagt mir bislang sehr zu @SebastianM
GandixGandix vor 5 Monaten
1
Auch ganz nüchtern betrachtet gefällt er. ☺️
Schön, wie du ihn aufgeschlüsselt hast, aber auch betonst, dass nur einzelne Facetten bei den Vergleichen gemeint sind.
SebastianMSebastianM vor 5 Monaten
Danke sehr, dass ich dieses Parfüm mit Deiner Hilfe Kennenlernen konnte! Wenn es doch nicht so umständlich geworden wäre mit dem transatlantischen Parfümhandel!
SeejungfrauSeejungfrau vor 5 Monaten
Vielen Dank für deine hilfreichen Erläuterungen zu Sanctuary.
SeejungfrauSeejungfrau vor 5 Monaten
1
Mehr als Dianes Geschichte interessiert mich eine fundierte Analyse.
Seh es ähnlich : ich will keine bedrückende Story tragen.
SebastianMSebastianM vor 5 Monaten
1
@Seejungfrau Das finde ich gerade spannend, so einen Blindtest ohne Beeinflussung durch eine Duftnotenliste! Ich vermute, das Fehlen einer solchen Liste soll die Aufmerksamkeit stärker auf die Geschichte legen, die St. Clair erzählen will. Aber das ist dann doch nur wieder eine andere Art von Beeinflussung. Im Gegensatz zu einer Liste würde mich aber die Erinnerung an eine Geschichte, die mir nicht gefällt, beim Tragen eher stören, insofern tut man sich mit diesem Marketingansatz bei mir eigentlich keinen Gefallen. Bei anderen vielleicht gerade. Glücklicherweise weiß ich, dass es von St. Clair nur gute Parfüms gibt, also beachte ich das ganze Drumherum nicht, und teste alles, was ich von ihr bekommen kann.
SeejungfrauSeejungfrau vor 5 Monaten
1
Dine analytisch/nüchterne Herangehensweise ist mir wertvoll.Vor allem weil St.Clair keine Duftnoten freigelegt hat.
MarieposaMarieposa vor 5 Monaten
Immer wenn ich Honig lese, zucke ich ein wenig zusammen. Die Neugier auf den Duft ist und bleibt jedoch groß. St. Clair hat großartige Düfte.
SebastianMSebastianM vor 5 Monaten
Ich hätte auch Epona als Bezugspunkt nennen können, allerdings ohne rauchgeisternde Veilchen und Pferdemief, wobei sich der Honig in Sanctuary lange nicht so in die Länge zieht, was ein Plus für Dich sein dürfte. Die gärige Note ist vermutlich eher nicht so Dein Geschmack.
AugustoAugusto vor 5 Monaten
Zum Diane-Fan werde ich auch so langsam. Deine Beschreibung des neuen Blumenboukets - für die ich ohne hin eine kleine Schwäche habe - tut ihr Übriges. Und die Einordnung.
FloydFloyd vor 5 Monaten
Schließe mit ElAttarine an. Nüchterne Aufschlüsselungen in Verbindung mit assoziativen Reisen sind für mich die optimale Vermittlung. Insofern ist Deine Rezension ein sehr hilfreicher Teil.
ElAttarineElAttarine vor 5 Monaten
Danke für die hilfreiche Aufschlüsselung Deiner Wahrnehmung! Dryad und Jicky haben für mich aber doch einen sehr anderen Charakter.
SebastianMSebastianM vor 5 Monaten
1
Ja, die genannten Parfüms haben alle einen sehr anderen Charakter als Sanctuary! Mir fällt auch keines ein, das im Ganzen genommen so ähnlich duften würde. Deswegen habe ich ja so deutlich jeweils nur einen einzelnen Aspekt benannt, der sich als Element auch in Sanctuary findet.
IntersportIntersport vor 5 Monaten
Allein schon von den Referenzen die Du erwähnst sollte mir das gut gefallen - merci fuer die gute Einordnung!
AndinAndin vor 5 Monaten
Das ist wirklich hilfreich aufgeschlüsselt, sowohl dein Dufteindruck, als auch die Referenzen, an die du gedacht hast. Ich denke, der könnte mir auch liegen, mit klassischen Blütenbouquets kann man mich erfreuen. Und ja, auch die Parfumeurin dahinter erzeugt Vorschussneugier.
YataganYatagan vor 5 Monaten
Mir ist deine sachliche Herangehensweise sehr sympathisch! Damit kann ich wirklich etwas anfangen: Ich kann mir (1.) den Duft vorstellen und (2,) finde die Bezüge zu anderen Düften als Flankierung hilfreich. 🙏
UntermWertUntermWert vor 5 Monaten
Eine sehr schöne Beschreibung, die neugierig macht - wobei Heu-Düfte mir leider auch oft nicht liegen. Ich kenne noch nicht viele Düfte von Diane, aber die, die mir schon begegnet sind, gaben mir sehr gefallen. Danke für die Dufteindrücke, so kann ich mir diesen schon ein bisschen vorstellen.
PollitaPollita vor 5 Monaten
Heudüfte finde ich immer spannend. Wie dieser hier im Vergleich zu Caron Farnesiana abschneidet, würde mich ja interessieren.
PollitaPollita vor 5 Monaten
Perfekt, danke. Mir gefällt Farnesiana nämlich sehr, aber ich bin auch ein Süßmäulchen. Blumig mag ich aber auch.
SebastianMSebastianM vor 5 Monaten
Und ich hätte vielleicht nicht so lange das Heu besprechen sollen. Sanctuary ist primär ein blumiger Duft.
SebastianMSebastianM vor 5 Monaten
Farnesiana EdP (die moderne Version) finde ich sehr mimosig, durchdringend, anfangs zwar zauberhaft, aber nicht sehr raffiniert und ziemlich stickig. Es gibt eine plumpe, pappsüße Vanille-Marzipan-Basis. Darin fehlen die dunklen oder trockenen Facetten (z. B. von Heu oder Holz), dadurch wird es mir bald lästig.