IgraineIgraines Parfumrezensionen

1 - 5 von 45
Igraine vor 9 Jahren
9
Duft
7.5
Haltbarkeit
5
Sillage
7.5
Flakon

Unkantiges Retro-Chypre
Ich habe Aperçu vor Jahren mal besessen und wieder vergessen, doch als er mir kürzlich beim Lesen eines Blogs zufällig begegnete, kam sofort eine angenehme Erinnerung zum Vorschein und ließ mich suchen, ob dieses aromatische, freundliche Chypre-Kleinod noch irgendwo erhältlich ist. Es scheint allgemein, wie bei mir, ziemlich der Vergessenheit anheim gefallen zu sein und nicht mehr produziert zu werden, doch Restbestände kann man noch hier und da kaufen.

Angeblich basierend auf einer alten, wiedergefundenen Formel des Hauses Houbigant von 1925, läßt sich der Retro-Charakter nicht leugnen. Aperçu erscheint wie eine Kreuzung zwischen tiefen, aromatischen Chypres wie "Aromatics Elixir" und würzig-fruchtigen Vertretern der Gattung, wie "Mitsouko". Jedoch ist es weit weniger sperrig als beide: Die präsente typische Eichenmoosnote hat schmeichelnde fruchtige Beiklänge ähnlich Mitsouko, aber ohne deren (für mich) etwas gärige, hefeartige und gewöhnungsbedürftige Note. Leise würzige Anklänge von Zimt und Nelken wärmen die erdig-grüne Strenge des Moosbettes auf. Jasmin, Neroli, Tuberose und Ylang-Ylang lassen Schwülstiges befürchten, doch das florale Herz ist eher dezent, rund und versunken in Moos und erdigen Noten.

Die Haltbarkeit ist gut, die Sillage selbst bei etlichen Sprühern angenehm und haut keine ahnungslosen Mitmenschen aus den Latschen. Wer wie ich "Aromatics Elixir" im Berufsleben vermeidet, um niemanden versehentlich zu verschrecken oder zu komatisieren, hat hiermit eventuell eine bürotaugliche Variante. Überhaupt - wem kühle grüne Chypre wie "Ivoire de Balmain" und "Cristalle" sowie kantige wie "Mitsouko" und "Aromatics Elixir" zu anstrengend oder zu unnahbar sind im Alltag, könnte in Aperçu eine tragbarere Alternative finden - dieses Chypre kuschelt beinahe.
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Igraine vor 10 Jahren
8
Duft
7.5
Haltbarkeit
7.5
Sillage

Frühling aus der Flasche ...
.. ist L'Amandiere bei mir, kein Heuschober :) Der Duft startet mit einer narkotischen Wucht Frühlingsblumen, und von diesen Blüten kommt für mich auch der leicht "grüne" Aspekt: Narzissengeruch, der ein wenig an frisches Heu erinnert, und frischgrüne Hyazinthen. Beides sonst in nahezu allen Düften schreckliche Kopfschmerzkandidaten, bei deren Wahrnehmung ich augenblicklich die Flasche Isopropanol und Wattepads zum schnellstmöglichen Entfernen bereitstelle. Bei Heeley (den ich ohnehin wegen seiner angenehm natürlich wirkenden Düfte schätze) erscheinen die in Parfums für mich sonst so anstrengenden und penetranten kleinen Blüten eher wie diese mit Hyazinthen-, Narzissen- und Tulpenzwiebeln bepflanzten Schalen, mit denen man sich zum Ende des Winters ein Stück Frühling ins Haus holt und sehnsüchtig darauf wartet, dass die Dinger endlich aufblühen.
Der komaverdächtige süßblumige Auftakt setzt sich nach wenigen Minuten dann auch zu dem dezenteren, angenehmen Blütenduft, den diese Blumenschalen im Zimmer verströmen. Ein wenig Veilchenblüte gesellt sich auch für meine Nase dazu, ebenso eine marzipanige, aber ganz ungourmandige Unternote, die dann wohl die "grüne Mandel" sein muß. An mir verändert sich der Duft auch nicht weiter großartig. Es bleibt mehr blumig als grün. Jasmin - ja, bißchen. Rose - hmm, vielleicht. Dominierend bleiben die Frühblüherzwiebelblüten, nach dem betäubenden Auftakt aber wesentlich zurückhaltender und mit erträglicher Sillage. Insgesamt einigermaßen simpel, aber schön ...

Dieser Duft ist für mich pure Sehnsucht nach Frühling, Wärme, Sonne und Blumen, die sich zögernd aus der Erde kämpfen. Zu einer anderen Jahreszeit als gegen Ende des Winters und im zeitigen Frühjahr würde ich ihn wahrscheinlich gar nicht tragen wollen.
Ich will Frühling! Jetzt sofort!! *bibber*
4 Antworten

Igraine vor 10 Jahren
9
Duft
7.5
Haltbarkeit
5
Sillage

Jasminchypre
Bisher konnte ich mit den Düften von PdN gar nicht warm werden. Die Qualität und das Können der Parfumeurin hätte ich nie bestritten, aber zu mehr als "Joa, nett, aber nichts für mich" hat es nie gereicht. Um so spannender, wenn man bei einer ignorierten Marke plötzlich doch eine große Liebe findet. Und zum wiederholten Male feststellt, dass sich das Testen abseits der ausgelatschten persönlichen Pfade lohnt.

"Number One" ist der erste Jasminduft, den ich als sehr natürlich empfinde. Ich mag Jasmin sehr gern, besitze aber keinen einzigen jasminlastigen Duft, weil mir bis jetzt alles nach zu künstlichem, kastriertem Jasmin roch. Der Jasmin in "Number One" ist für mich überhaupt nicht schwülstig oder aufdringlich, wohl aber ein bißchen indolisch, wie sich das gehört. Neroli und eine dezente kühle Tuberose blitzen wechselweise immer mal durch, und nach kurzer Zeit macht sich unter den Blüten eine wunderbar chyprige, grüne Eichenmoosbasis mit etwas Sandelholz breit.
Ich kann mich nur Maharanih's Kommentar anschließen: Ein wunderschöner eleganter und - für meine Nase - eher dezenter Duft, der sofort perfekt mit der Trägerin verschmilzt. Absolut harmonisch und sehr feminin. Meine erfolgslose Suche nach einem natürlichen, "grünen" Jasminduft hat nun an dieser Stelle ein unerwartetes Ende gefunden: Will-Haben-Liste, unbedingt.
4 Antworten

Igraine vor 10 Jahren
4
Duft
2.5
Haltbarkeit

Aufgelöste Kinderzahnpasta
Nachdem ich die ausnahmslos positiven Kommentare zu diesem Duft gelesen habe, fühle ich mich ein wenig genötigt, die miese Bewertung, die ich gerade kommentarlos abgeben wollte, zu begründen:
So in etwa wie dieser Duft nach dem Auftragen roch mein Badezimmer früher nach den ersten Zähneputz-Versuchen meines Kindes: nach weiträumig verkleckerter und verschmierter Zahncreme mit Fruchtgeschmack. Erfreulicherweise ist es wenigstens kein penetrantes künstliches Erdbeeraroma wie in der Zahncreme, sondern nur eine etwas synthetisch anmutende Zitrusnote. Es riecht irgendwie auch nicht mal wirklich nach Minze - die mag ich eigentlich recht gern in Düften, wenn sie dezent ist und eben nicht nach aufgelöster Zahnpasta riecht - sondern einfach nur nach Menthol. Das aber derartig heftig, dass es mir kurz nach dem Aufsprühen fast die Tränen in die Augen trieb. Ok, es kühlt tatsächlich auf der Haut, was Menthol so an sich hat und bei 30 Grad im Schatten sicher recht angenehm ist. Ob man für diesen Effekt unbedingt ein ziemlich hochpreisiges Parfum benötigt, lasse ich mal dahingestellt.
Nachdem sich die Nasenschleimhäute erholt haben, sind die Zitrusfrüchte weitgehend verschwunden und werden von der altbekannten melonig-aquatischen Frischenote und einer merkwürdig unzitrischen säuerlichen Note - vermutlich der Rhabarber - abgelöst. Dabei bleibt es dann auch im wesentlichen, duftet ohne weitere Überraschungen süßlich-säuerlich-fruchtig-frisch vor sich hin und ist in recht kurzer Zeit bis auf einen sauren Hauch weg. Was ich auch beim 3. Testversuch eigentlich nicht besonders bedauerlich fand.

Natürlich riecht an diesem Parfum für mich rein gar nichts. Im Gegenteil, ich empfinde die ganze Kreation als so chemisch und künstlich, dass sie für mich zwar erträglich, aber nicht wirklich als Parfum tragbar ist. Ich hätte damit wahrscheinlich das Gefühl, immer mal wieder nachsehen zu müssen, ob mir irgendwo ein angekauter Wrigley's oder ein Rest Zahncreme am Shirt klebt.
2 Antworten

Igraine vor 10 Jahren
8
Duft
7.5
Haltbarkeit

Cremige Kräuter-Zitronensoße an Rosmarinkartoffeln auf Rosenblättern (Rezept für Lolita)
Liebe Lolita,
da Du mich heute morgen in unserem Koch- und Häkelkränzchen so eindringlich drum gebeten hast, geb ich Dir ausnahmsweise das streng geheime Rezept meiner englischen Großtante für eine wunderbar cremige Gartenkräuter-Zitronensoße weiter:

Eine Handvoll frisch gepflückte Salbeiblätter hacken. Einige Zweige frischen Rosmarin und Lavendel dazugeben. Den Saft von 5 knackigen, grüngelben Biozitronen unterrühren. Reichlich mit Galbanum und Myrrhe aromatisieren. Eine Packung gut aufgeschlagene Coldcreme mit Irisduft sowie etwas Rosenwasser vorsichtig unterheben.
Mit den Kartoffeln auf einem leichten Bett auf Eichenmoos und Hölzern servieren und mit einigen taufrischen Rosenblüten dekorieren.

Bis zum nächsten Kränzchen-Samstag,
beste Grüße,
Igraine :-)

Laut einem Interview mit Lyn Harris auf ihrer Webseite soll dieser Duft die Stimmung eines englischen Gartens nach dem morgendlichen Regen mit taufeuchtem Gras, Kräutern und Blüten einfangen. Nachdem der Guerlain'sche Garten nach dem Regenschauer für mich eine recht heftig pudrige Heliotropin-Veilchenpastillen-Bombe und damit ziemlich weit entfernt von meiner persönlichen Vorstellung eines frisch beregneten Gartens war, trifft "Fleurs de Bois" meinen Geschmack und die Idee weitaus besser: samtige grüne Küchenkräuter, die beim Trocknen ihre ätherischen Aromen freisetzen, authentische Zitrusnoten, der tiefe Geruch feuchter Erde, etwas Moos und harziger nasser Bäume im Hintergrund, Beete voller Duftrosen, auf deren Blüten noch die letzten Tropfen funkeln ...
Auf meiner Haut dominiert anfangs lange die Zitrusnote, auf dem Teststreifen eher die scharf-würzigen grünen Kräuter. Das cremig-florale, sehr teerosige Herz macht den Duft für mich eher feminin als unisex, aber sicher nicht untragbar für Herren. Die Gartenrosen bleiben auch bis in die cremig-holzige Basis präsent - sandelrosenholzig mit nur einem Hauch Eichenmoos. Der Duft ist erstaunlich langlebig, immer wahrnehmbar, aber immer dezent und nie aufdringlich.
"Fleurs de Bois" ist für mein Empfinden recht elegantes Understatement, ein wenig british kühl und distanziert, und wirkt von Anfang bis Ende höchst angenehm natürlich. Folgerichtig wird er auch sofort auf meiner Wunschliste für den nächsten Frühling/Sommer landen. Danke für das schöne Dufterlebnis, DrHouse!

Da die 3 Duftnoten oben etwas dürftig sind, füge ich mal noch die in einer Ankündigung genannten an, die meiner Meinung nach ganz passend klingen (Quelle: Perfume Shrine):
galbanum, green grass, Sicilian lemon, green mandarin, rose, rosemary, jasmine, iris, oakmoss, patchouli, sandalwood, vetiver, birch
3 Antworten

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