„Gebt alle Hoffnung auf, die ihr hier eintretet“ – die Hölle eines jeden Oud Liebhabers: Kopfnoten-basierte Releases ohne Fundament, fruchtiges Allerlei, Pseudo-Kinam oder Kynam? Dazu maximale Intransparenz.
Man hätte es doch einfach mal wieder wagen können, einen soliden Oud-Duft zu kreieren – wenn auch nur der alten Zeiten willen.
Rückblende …
Oud, der Protagonist, der Charakterdarsteller, der kantig, rau und stoisch die Szenerie prägt. Er sagt mehr durch Mimik als durch Worte, während er grimmig seine Kippe raucht. Nichts von der Plantage – wild gewachsen im dichten Dschungel Malaysias. Eine finstere Seele, sein Blut schwarz wie Teer. Es trägt seinen Zorn, seinen Frust, seinen Schmerz – ein Relikt seines Weges. Die Augen und die Seele eines Tigers, der einsam seine Runden dreht.
Zurück in der Gegenwart …
die Hoffnung auf den Atavismus, den echten Oud-Duft. Die anderen Komponenten nur Nebendarsteller, die den Charakter des Ouds unterstreichen und hervorheben sollen, getragen von Ambra und Moschus.
Und plötzlich springt etwas aus dem Dschungel …
Tigerwood '91 .
Er folgt auf
Tigerwood 1990 und den famosen
Tigerwood Royale .
Der Duft – Schritte einer Evolution
Tigerwood Pure Parfum basierend auf
Tigerwood Royale war eine Urgewalt: ein mineralisches, rauchiges, ledriges und gleichzeitig ätherisches Oud, das einen umhaut. Ergänzt durch schwarze Ambra, Pfeffer und Perubalsam entstand eine oudige, animalische, würzig-altledrige Mischung.
Tigerwood '91 wohnt derselbe Geist inne. Allerdings ist das Oud heller und holziger. Die Kampfernoten sind gedämpft, der mineralische Charakter sanfter. Entsprechend wurden auch die anderen Duftnoten angepasst. Die raue Animalik ist Vergangenheit. Der Moschus geht eine Melange mit vietnamesischem Oud ein, genannt
Ha Tinh LTD , welches schon im gleichnamigen Duft
Tigerwood Ha Tinh enthalten war. Die Tinktur dient als Träger und wird durch graue Ambra unterstützt – so ergibt sich eine cremige, leicht mineralische Basis.
Das vietnamesische Oud hebt das malayische Oud an. Das Ergebnis sind braun gebrannte Röstnoten mit leichten Nuss- und Karamellnoten, die für mehr Wärme sorgen und eine ideale Verschmelzung der harzigen Noten mit Kakao, Kaffee und Tabak ermöglichen. Glücklicherweise sticht – abgesehen vom Oud – nichts besonders heraus. Die übrigen Noten wirken unterstützend im Hintergrund. Im Verlauf wird der Duft eine Spur grüner, bleibt seinem Ursprung jedoch treu.
Für mich ist
Tigerwood 1991 das schönste und gleichzeitig tragbarste Oud der drei. Der Biss und die Spitzen der alten Versionen fehlen zwar etwas, dafür ist die 91er-Version deutlich besser austariert. Das Ergebnis ist ein erstklassiger Oud-Duft, der diesen Namen auch verdient und eine konsequente Weiterentwicklung seiner Vorgänger darstellt.
Tatsächlich ist auch der Flakon einer der besten der Marke. Die Kappe, gefertigt aus Tigerauge – einem goldbraun-gelb gestreiften Quarz-Edelstein –, passt nicht nur namentlich, sondern spiegelt mit ihrer Farbe auch den Charakter des Duftes wider.