MatveyMatveys Parfumkommentare

19.04.2018 01:15 Uhr
16 Auszeichnungen
L'Heure Bleue ist für mich ein persönlicher, ja fast ein intimer Duft mit einer besonderen Wirkung. Kommentare voller persönlicher Assoziationen sind ja so eine Sache. Sie tragen nicht unbedingt zur Aufklärung bei, wie denn ein Duft nun exakt riecht. L'Heure Bleue ist kein monothematischer Duft, und die Aufzählung von Duftnoten würde meinem Eindruck nicht gerecht. Ich kann nur Weniges gegenständlich benennen: Ja, Nelke ist eine Assoziation, die ich mit dem Geruch habe. Und die Tage habe ich auf der Arbeit mit Beta-Ionon hantiert und finde mich hier sachte daran erinnert. Es würde ja sogar zur Zeit der Duftentstehung passen, in der mit synthetischen Duftstoffen sehr kreativ gearbeitet wurde. Aber das mag auch Illusion sein, weil das für mich so schlüssig klingt. Spannend ist vielleicht noch, dass ich weder den Duft von Nelke noch von Beta-Ionon allein sehr angenehm finde. Meine erste Reaktion auf den Duft ist jedoch sofortiges Wohlbefinden - gefolgt von einem Gefühl der Widerspenstigkeit. Und das will ich versuchen zu erklären.

Es beginnt mit einer diffusen Erinnerung, die mitverantwortlich für das ruhige, klare Gefühl ist, das ich beim Riechen von L'Heure Bleue empfinde. Es hat zu Beginn etwas cremiges. Ich rede nicht von Sahne und Vanillesüße, sondern von richtiger Creme, vielleicht für die Hände, vielleicht sogar Nivea. Wenn ich so darüber nachdenke, ist Nivea fast der beste Vergleich, den ich finden könnte, aber wahrscheinlich dann wieder falsch. Ich fühle mich von dem Duft in mein kindliches Ich zurückversetzt, das von seiner Mutter beruhigend mit einer wohlriechenden Salbe eingecremt wird. Keine Melancholie, nichts Verruchtes, und weit entfernt von jeder Dämmerung - es ist ein Duft der Geborgenheit. Ein Aufatmen.

Das geborgene Gefühl wird mit der Zeit jedoch durchbrochen von einer widerspenstigen Note. Es scheint mir, als würde das Erwachsensein plötzlich gegen die kindliche Fantasie pochen. Lass diese Note Nelke oder was auch immer sein: es kommt etwas Reifes hinzu. Hah!: Es "entwickelt" sich. Die mollige Wärme kühlt ab, ergänzt um schroffe Ecken. Nein, es ist nichts Stechendes, nichts Beißendes. Meine Freunde und Familie nennen das, was da hinzukommt, einfach nur altbacken. Im Kontext meiner Duftbeschreibung fügt sich dieses Wort zwar erstaunlich nahtlos ein, aber für meine Wahrnehmung wäre es zu negativ. Was ich empfinde, ist ein heller, etwas distanzierter Ton mit abgeschliffener Schärfe. Es ist schön, lässt mich aber stirnrunzelnd zurück. Und ein bisschen fühlt es sich an wie der Wechsel von der feinen Creme zu einem Stück Kernseife.

Nach mehreren Stunden findet der Duft wieder eine ruhige Rundheit und strahlt mehr und mehr Wärme aus. Aber aus meiner Duftwahrnehmung ergibt sich, dass ich L'Heure Bleue zwar gerne, aber selten trage. Es ist ein Duft für indifferente Stimmungen, wenn ich meine eigenen Gefühle so schwer beschreiben kann wie den Duft selbst. Definitiv kein Parfum, das ich für sehr soziale Gelegenheiten auflege. Die meisten Menschen finden es sowieso gewöhnungsbedürftig an mir, vielleicht aber gerade wegen der Stimmung, die ich damit verbinde. An kühlen, trockenen und hellen Tagen kommt es am besten zur Geltung, womöglich im Herbst, und ich nehme immer nur einen einzigen Spritzer. Davon habe ich noch gar nicht gesprochen: an Kraft und Durchhaltevermögen mangelt es selbst dem EdT nicht. Hoch dosiert und auf Dauer wäre es gar penentrant. So kann ich es nicht immer riechen. Hin und wieder brauche ich es aber geradezu, und manchmal kann ich mich besser mit einem Duft ausdrücken, als mit tausend Worten.

Abschließend noch ein schönes Erlebnis, das ich mit L'Heure Bleue auch verbinde:
Als ich den Duft vor gut anderthalb Jahren erwarb, sprach mich in der Parfumerie prompt ein Mann begeistert an: "Ein junger Mann, der für sich selbst L'Heure Bleue kauft?!" - Was folgte, war die beste Tour durch eine Parfumerie, die ich je erlebt habe. Es stellte sich nämlich heraus, dass der besagte Mann selber Inhaber einer anderen Parfumerie und an diesem Tag nur zu Gast war. Und er erlebte offenbar selten, dass dieser Duft, den er persönlich vergötterte, von Männern getragen wird. Und dann auch noch von jungen. Daraus hat er (richtigerweise!) geschlossen, dass ich ein Parfumnarr bin, und hat mir seine ganz persönlichen Lieblinge inklusive dahinterliegender Geschichte gezeigt.


15.09.2016 18:19 Uhr
8 Auszeichnungen
Ich weiß nicht, wieso Namen wie "Uomo", "Homme", "for men" und Konsorten so beliebt bei der Vermarktung von Parfum sind. Ein Duft dieses Namens sollte meiner Meinung nach zeitlosen Stil ausstrahlen und durch eine gewisse Universalität geprägt sein, damit der Duft auch das widerspiegelt, was der Name "Mann" suggeriert: ein Herrenduft für den Tag ohne narrativen Appeal und vielleicht sogar ohne herausragendes Thema. Referenzprodukt dieser Sparte wäre für mich ein "L'homme" von YSL, das als Generalist ohne Kanten daherschreitet.

Diese Auffassung mag nicht jeder teilen, aber für mich macht sie solche Düfte von vornherein wenig interessant. Ich habe einen schon dutzende Male da gewesenen Duft im Kopf, der nicht einmal bei der Namensgebung etwas wagt. Dabei lädt "Uomo" durchaus zu aufregenderen Titeln ein, blickt man nur auf die mitgelieferten Duftnoten: Tiramisu! Wie wäre es mit "Dessert man", "Crème fraiche pour Homme" oder "Café olé"?

Uomo startet sehr angenehm und konnte in einem Testdurchlauf meine Gunst im Vergleich zu vier anderen Testdüften gewinnen. Der Auftakt gestaltet sich würzig und für eine Minute auch frisch, ehe der zitrische Einschlag verpufft und den dominanten Noten Platz macht. Aufgrund des gelisteten Kardamoms habe ich einen Vergleich mit La Nuit de L'homme von YSL angestellt und finde hier zu Beginn durchaus Parallelen. Der anfängliche Uomo gibt sich kratziger und mit dem frischen Einstieg herber als das rund-weiche La Nuit und weckt mein Interesse.

Relativ bald wird das Gastspiel der Einstiegsnoten regelrecht durch einen klebrigen, zähsüßen Strom von Gourmandnoten auseinandergerissen. In den Vordergrund tritt gezuckerter Kaffee, der in meiner Nase leider synthetisch-unrund wirkt. Der Beschreibung "Tiramisu" stehe ich übrigens argwöhnisch gegenüber. Diesen Kaffeekinderpunsch als Tiramisu zu bezeichnen, halte ich für eine nette Marketingidee ohne jegliche Substanz (wenn man sie denn wenigstens für den Namen des Duftes verwendet hätte..!). Die würzigen Startkomponenten halten sich der Zuckerbrühe zum Trotz eine gute halbe Stunde an die Seite gedrängt und können dem Kaffee noch Paroli bieten, die Dominanz des Gorumandcharakters dadurch etwas begrenzen und den Duft sympathisch unterfüttern. Dann wechselt der Duftcharakter insgesamt in einen relativ stabilen Hauptteil, der ohne größere Veränderungen ausläuft.

Nach spätestens dreißig Minuten betritt die Bühne: Tonkabohne, en masse. Sie kennt kein Pardon und poltert nach und nach die anderen Eindrücke beiseite, bis sie sich zum Schluss mit einem Rest Kaffee die Spielfläche teilt. Gute zwei Stunden noch benetzt ein Tropfen Orangenlikör das Ergebnis, eine süße Erinnerung an Zitrusfrische beisteuernd. Zum Schluss hin obsiegt die Tonkabohne und hüllt sich in ein warmes Bett aus zarter Würze und vielleicht einen Hauch Vanille.

Die Performance lässt nichts zu wünschen übrig, gute 7-8 Stunden sind locker drin, die ersten zwei Stunden entfaltet Uomo auch einen wuchtigen Dunstschleier um den Träger herum. Wuchtig deshalb, weil die süße Kaffeenote und die würzige Tonkabohne durchweg herausstechen und mit der Zeit ganz schön penetrant werden. Als süßer Duft ist Uomo allerdings ohnehin kein Kaufkandidat für mich und ich empfinde ähnliche Düfte grundsätzlich als stark.

Im Endergebnis präsentiert sich einmal mehr ein kräftig-süßer Duft mit ein paar Tonkabohnen zu viel, der damit dem Zeitgeist folgt und wohl eher auf eine junge Kundschaft ausgelegt ist. Darauf verweist auch der schwere Flakon mit seinen klobigen Gummiflanken, die kein Understatement erwarten lassen. Die Zeit wird zeigen, ob sich "Uomo" gegen die reichlich vorhandene Konkurrenz durchsetzen kann. Zugutehalten muss ich dem Duft seinen schönen Einstieg und die für einen trendig-gourmandigen Duft lobenswerte Komplexität vor allem in den ersten beiden Stunden. Der Kaffee hätte besser gelingen können. Ohne das Rad neu zu erfinden, ist ein recht gefälliger Süßling nach bewährter Rezeptur gelungen. Freunde süßer Düfte könnten mit Uomo gut und gerne einen Kandidaten für den Weihnachtswunschzettel finden. Einen interessanteren Namen hätte er allemal verdient.


11.04.2016 16:13 Uhr
12 Auszeichnungen
... um diesen Sternenhimmel irgendwo zu sehen?

Keinen einzigen, solange man die hübsche Bemalung des berühmten MiP-Flakons nicht am realen Himmel sucht. Denn das prächtige Firmament findet sich in keinem Sternenatlas und keinem Panomara, nicht in Deutschland, nicht in Südafrika und schon gar nicht in Paris. Ja bin ich denn der einzige, der sich ein bisschen verarscht fühlt? Der Sternhimmel gehört entgegen aller Erwartungen zu den wenigen Kunstwerken, die noch nicht durch Copyright oder Patentrecht geschützt wurden. Wieso dann einen neuen erfinden? Diese Rezension soll sich also auf die Suche nach dem verlorenen Himmel begeben.

Was wurde der Flakon von Midnight in Paris nicht über den grünen, pardon, über den dunkelblauen Klee gelobt; allein die Flasche sei Grund genug für den günstigen Erwerb. Dazu kommen durchweg positive Bewertungen des Duftes und zu allem Überfluss die Einstellung der Produktion irgendwann in den letzten sechs Jahren - all das reichte aus für meinen allerersten Blindkauf. Doch als Hobbysternegucker mit angestaubtem Dreiviertelwissen musste ich beim Blick auf den Flakon erst einmal staunen. Schlecht für meine Voreinstellung gegenüber den Duft und gut für mein Ego (als Hobbysternegucker) bestätigte eine kurze Recherche den Eindruck, dass der abgebildete Sternenhimmel ein Fake ist. Zunächst vermutete ich eine Fahrlässigkeit der Designer, aber kann das stimmen?

Geradezu virtuos spiegelt das repräsentative Gefäß seinen Inhalt wider. Der Farbverlauf von Orangegelb zu Blau mag an einen Sonnenuntergang erinnern, für mich spielt er aber wie der Rest der Aufmachung mit dem unterstellten Hauptthema des Duftes, einer androgynen Diffusion "männlich" und "weiblich" gelabelter Aspekte. Orange und Blau sind zueinander komplementär, also optisch gegensätzlich, aber einander ergänzend. So präsentiert sich für mich auch der Inhalt, als vereinende Schnittmenge ambriert-süßer und frisch-kratziger Komponenten. Zumindest gilt das für die erste Stunde, in der sich der Duft meiner Nase durchaus interessant und vielschichtig zeigt. Im weiteren Verlauf setzt er sich schnell zur Ruhe und strahlt eine gemütliche und gutgelaunte Vanillesüße mit warmen Lederakzenten aus. Diese Basis entbehrt einer geschlechtlichen Zuordnung, und sogar das kann man in die Flasche überinterpretieren: Rund, aber solide in einem metallischen Rahmen eingefasst und mit filigran ausgearbeiteter Schutzkappe verheimlicht sie nicht, dass sie keinen herben Männlichkeitsaufguss beherbergt. Die Bezeichnung als reiner Herrenduft klingt in meinen Ohren gar wie ein Spott der Marketingabteilung über die Parfumeure.

Zu durchdacht scheint also die Aufmachung, als dass der Phantasiehimmel ein Versehen sein könnte. Inspirierte der Geruch die Designer stattdessen zu einem surrealen Höhenflug, der ihnen ungeahnte Sternskulpturen vor Augen führte? Naja. Midnight in Paris als Künsterkoks? Ich glaube nicht. Auch entfaltet sich der Duft auf meiner Haut nicht als surreales Kunstwerk, das eine derart phantasievolle Gestaltung rechtfertigen würde. Dafür ist MiP zu gefällig, zu angenehm für viele Menschen, zu wenig gewagt. Was nicht negativ gemeint ist!

Bleiben noch zwei Erklärungsversuche. Pragmatisch betrachtet erblickt der geneigte Romantiker im nächtlichen Paris keinen Sternenhimmel, wenn er seine Augen gen Himmelsäquator reckt. Als eine der Orte mit der größten Lichtverschmutzung Europas kann Paris froh sein, dass man nachts noch den Mond und ein paar sehr helle Sterne sieht. Der Name "Midnight in Paris" verbunden mit einem prächtigen Sommersternhimmel inklusive Milchstraße würde also Fakten vortäuschen. Der eingebildete Himmel dagegen ließe sich immerhin noch als geschickte, subversive Gesellschaftskritik auffassen!

Oder vielleicht fürchtete man einfach den Einsatz jahrtausenderalter Sternbilder, die in ihrer Symbolgewalt etlichen Generationen Mythen an die Hand gaben; vielleicht wollte man das Risiko vermeiden, dass Zeus, am Firmament verewigt als gewaltiger Stier, aus seinem Sternbilde tritt und ob der Blasphemie auf dem Flakon mit Blitzen schleudert. Vielleicht hielt man inne in Ehrfurcht vor den Sternen, deren Verklärung als gottlose Kernfusionsreaktoren die katholische Kirche jahrhundertelang mit dem Scheiterhaufen entgegentrat. Zu viel Geschichte und Ewigkeit steckt in diesem Firmament, als dass ein süßliches Modeparfum, ein absolutes Kind seiner Zeit, mit solcherlei Historie für sich werben könnte.

Midnight in Paris ist also weder ein ewiges Parfum, noch hat man damit künstlerisch nach den Sternen gegriffen (Okay, langsam ist es genug…). Eine lohnenswerte Investition stellt es meiner Meinung trotzdem dar. Seine Perfomance lässt sich ohne Weiteres sehen, eine ordentliche Haltbarkeit wird unterlegt mit einer unaufdringlichen Silage - so mag ich süße Düfte! Der dynamische Start löst sich relativ bald in tonkavanilliges Wohlgefallen auf, ohne die Luft mit Zuckersirup zu verkleben oder ein würziges Statement abgeben zu wollen. Das lädt ein zu abendlicher Zweisamkeit auf einer ruhigen Parkbank, somit verfehlt der Duft sein Thema keineswegs. Zweisamkeit bedeutet hier auch, dass sich beide Geschlechter gern in dieselbe wohlige Duftwolke hüllen können.

Noch einmal zurück zum berühmten Flakonb: In meinem Regal konnte er sich mit seinem Phantasiefirmament leider keinen vorderen Platz ergattern, dazu bin ich wohl zu pedantisch. Bleibt die Frage, wieso die Produktion dieses soliden, beliebten Duftes eingestellt wurde. Ich weiß es nicht, aber womöglich stand ja ein keulenschwingender Orion vor der Tür und beschwerte sich, dass er als zweifellos imposantestes Sternbild keinen Platz auf dem Flakon gefunden hat.


23.03.2016 15:39 Uhr
2 Auszeichnungen
Da ich den Original-Gentleman nicht kenne, stelle ich hier keinen Vergleich an. Während das Original aber von der Community eher für Ältere eingeordnet wird, ist Gentlemen Only definitiv auf eine jüngere Zielgruppe ausgerichtet. Dazu im Fazit mehr.

Seit einem Jahr schleiche ich um den Duft herum und habe schon mehrfach den Kauf einer Flasche erwägt. Der Duft startet frisch und mit einem grünen Einschlag, der mir besonders gut gefällt. Die erste halbe Stunde stellt sich allerdings noch etwas unausgewogen dar. Oft wird eine synthetische Note herangezogen, um das zu erklären, und ganz kann ich den Duft von diesem Vorwurf nicht frei machen. Daneben habe ich aber das Gefühl, dass sich die Einbindung der pfeffrig-süßen Würze und der unterliegenden Hölzer zu Beginn als etwas holprig gestaltet, was ebenfalls zu den Irritationen beim Auftakt beitragen mag. Was auch immer dem zugrunde liegt, Gentlemen Only versprüht keine ganz unbeschwerte frühlingshafte Frische. Doch wer erwartet das schon bei einem Duft mit diesem Namen?

Nach spätestens einer Stunde hat sich der Duft gesetzt und legt sich als ein dezenter, aber wahrnehmbarer Schleier um seinen Träger. Die holzige Würze bindet sich allmählich angenehm ein, der anstrengende synthetische Eindruck löst sich langsam auf. Auf meiner Haut ist die Silage völlig ausreichend, aber niemals erdrückend. Während meiner Tests wurde er auch von anderen Menschen ungefragt positiv kommentiert. Noch acht Stunden nach dem Aufsprühen nehme ich den Duft auf meinem Handgelenk wahr, ohne dass ich meine Nase daran plattdrücken müsste. Die Performance lässt für Freizeit und Beruf also wenig zu wünschen übrig, sehr schön!

Lohnt sich also der Kauf von Gentlemen Only oder erwirbt man damit nur einen weiteren frischen Büroduft, derer es bereits hunderte auf dem Markt und etliche in den meisten Sammlungen gibt? Ich jedenfalls habe mich letztendlich wohlwollend gegen einen Kauf entschlossen. Auf der Pro-Seite steht, dass sich der bürotaugliche Duft immer etwas Interessantes bewahrt. Das mag auch dem aromatischen Rauch geschuldet sein, der sich höchst zurückhaltend unter den Hauptakkord legt. Die Hauptrolle spielt jedoch - und das geht aus den meisten Kommentaren hervor - die eigenartige Interpretation der Frische, von der die Parfumeure hier Gebrauch gemacht haben. Man kann dem Duft daraus einen Strick drehen oder ihn besonders loben; ich kann mich da schwer entscheiden. Der frisch-grün-würzig-süßlich-vielleichtsogareinbisschenaquatische Eindruck will mir zum einen gefallen, zum anderen ist mir diese Melange ein Stück weit "too much".

Zugutehalten muss man Gentlemen Only seine Alltagstauglichkeit. Seine Mitmenschen wird man mit dem Duft selten überfordern, lediglich zu Beginn könnte der synthetische Überbau in höherer Konzentration unangenehm wirken. Mit Gentlemen Only hat man einen soliden Arbeitsduft, der sich eine gewisse Einzigartigkeit bewahrt und mit Sicherheit kein Fehlkauf ist, wenn der Geruchsverlauf gefällt. Aufgrund der grünen Frischeakzente und der süßlich angehauchten Würze kann ich mir den Duft perfekt an Männern zwischen 20 und 40 Jahren vorstellen, die einen schönen Alltagsduft ohne Tamtam suchen. Dazu passt der schlichte, aber elegante Flakon.

Nach längerer Zeit habe ich mich gegen den Duft entschieden, weil ich bereits den ein oder anderen Duft besitze, den ich gerne im Alltag verwende. Gentlemen Only ist angenehm und interessant, gibt mir aber nicht das Gefühl, dass er meiner Sammlung etwas wirklich Neues hinzufügt. Ohne Weiteres würde ich diesen Duft aber weiterempfehlen, falls jemand seinen ersten oder zweiten Duft sucht und nicht vor hat, danach noch dutzende weitere Parfüms zu kaufen.


17.03.2016 20:23 Uhr
Das war so.

Ich passierte mit meiner Mutter das Duftregal der örtlichen Drogerie, da traf sie aus heiterem Himmel ein Geistesblitz. "Wie wäre es mit einem Duft für dich?" - Der Schüler schwankt zwischen Irritation und Interesse. "Parfum? Reicht es nicht, wenn ich Deo trage?"

Nun ja, nach einer zehnminütigen Probe Testung hatte ich spontan mein erstes Parfum. Ich glaube, es war sogar das erste, das ich überhaupt in dieser Situation auf einem Teststreifen hatte. Vielleicht erahnte irgendein verschmitzt lächelnder Teil meines Unterbewusstseins schon in weiser Voraussicht, was diese erste bewusste Probe lostreten würde.

"Special Edition" ist sicherlich ein nett gemeinter Werbeeuphemismus. Ich frage mich bei solchen Namen immer: Special Edition wovon? Und warum bringt man einen Duft überhaupt von vornherein limitiert auf den Markt? Überhaupt ist bei einer limitierten Edition natürlich fraglich, ob ein Kommentar dazu Jahre später irgendeinen Sinn hat. Besonderes Stirnrunzeln ruft aber der eigentliche Name hervor: Extreme Power.

Nee, das passt irgendwie nicht. Ich denke bei "Extreme Power" an etwas sehr maskulin-synthetisches, ein Gewichtheber kommt mir in den Sinn, der seine aufgeblähten Muskeln nach dem Duschen noch mit einem zitrischen Rasierwasser einölt. Ich denke an etwas Stechendes wie Davidoff Champion. Aber die Adidas-Interpretation von extremer Kraft gibt sich erstaunlich blumig und süß, mit einem fruchtigen Auftakt und arm an holzigen Gegenspielern. Insgesamt ein sehr lieblicher Duft, der als üppiger Fruchtsirup beginnt und nach 5-6 Stunden in florarer Zurückhaltung endet. Das reichte mir in der Oberstufe erstmal für ein paar Wochen aus, ehe ich mit Sun Men einen ersten "richtigen" Designerduft noch in der gleichen Richtung (allerdings auch von Coty) erwarb.

Was bleibt vom blumigen Anfang?
Die Flasche ist noch fast voll, hatte der Inhalt doch eine Lawine ausgelöst - oder besser gesagt mein neues Hobby, einer Lawine gleich über die Welt der Düfte hereinbrechend. Das Interesse wandte sich schnell anderen Duftkategorien zu. Aber es bleiben die ersten Erfahrungen mit Parfum und auch das erste fragliche Kompliment, mit dem ich in der Schule konfrontiert wurde: "Oh... du trägst ein Parfüm." - Ein paar Erinnerungen hängen also daran.
Ich bin noch viel zu jung, um von "damals" oder "alten Zeiten" zu sprechen, doch freut man sich natürlich schon darauf, solche Floskeln in zehn oder 20 Jahren verwenden zu dürfen. Bis dahin erwische ich mich hin und wieder abends dabei, dass ich nach dem Sport doch mal nach dem versteckten Adidasflakon greife - und heimlich ein wenig Nostalgie genieße.


17.03.2016 14:36 Uhr
10 Auszeichnungen
Ich verbinde drei Erfahrungen mit diesem Duft. Obwohl ich ihn nicht oft trage, bildet er einen Grundstein meiner Lerngeschichte in Bezug auf Parfum. Statt Duftnoten ist hier also meine Geschichte.

Erfahrung Nr. 1: Mein Interesse an Parfum kam erst vor zwei, drei Jahren richtig ins Rollen. Bis vor einem Jahr habe ich mich wider des eigenen Selbstbildes stark von YouTube-Reviews verleiten lassen, die kräftig die Werbetrommel für süßliche, intensive, würzige Düfte rühren. Auch wenn ich es nicht zugegeben hätte, beeinflussten Schlagwörter wie "Top Ten most complimented" oder "Sexyness in a bottle" mein Suchverhalten. So fanden populäre Düfte wie La Nuit de l'homme ihren Weg in meinen kleinen Schrank. Nun mag ich durchaus all die Düfte, die ich letztlich gekauft habe. Aber ich weiß es jetzt besser: Sie sprechen mich nicht wirklich an. Ich rieche gut, ich rieche gut für andere und für mich. Aber meine Duftwolke ist nur eine Melange positiv konnotierter Moleküle. Sie erzählt keine Geschichte, gibt kein Statement, offenbart keinen doppelten Boden.

Es näherte sich mein Geburtstag vor einem Jahr, ich suchte nach einem schönen Duft, nach etwas Neuem. Eau Parfumée au Thé Vert fand ich im Damenregal der lokalen Parfumerie vor und die Verkäuferin wies mich auch freundlich darauf hin, dass das Herrenregal gegenüber sei. Aber ich probierte den Duft einige Male aus und kaufte ihn dann auch. Damit wurde er, wenn man so will, zu meinem ersten Duft gegen den Strom, der nicht auf ein schnelles Einlullen umgebender Menschen aus ist. Eau Parfumée au Thé Vert ist still und unspektulär, für andere fast nicht wahrnehmbar, seriös und doch verspielt in seiner grünen Seifigkeit. Kein Gassenhauer, um raumgreifend zu gefallen. Ein Duft, der seinen Träger etwas zurücknimmt, der ihn meditativ aus der sozialen Bewertungssituation isoliert und die Gedanken von Erwartungsdruck befreit. Ein Duft, der mir etwas sagt, oder besser: still und leise zuflüstert. In seiner Bescheidenheit zeigt er eine klare, selbstbewusste Haltung, die mir zusagt.

Erfahrung Nr. 2: Die beruhigende Wirkung des Duftes geht bereits aus dem vorangegangen Absatz sowie früheren Kommentaren hervor. Ich war davon sehr erstaunt und hätte nicht gedacht, dass ein mehr oder weniger künstlicher Riechstoff die Stimmung so beeinflussen kann. Diesen Effekt darf man ruhig für bare Münze nehmen. Zwei oder drei Mal habe ich sogar vor dem Zubettgehen einen Spritzer Parfumée au Thé Vert auf mein Kopfkissen gesprüht, als wohltuende Einschlafhilfe vor einer schwierigen Klausur oder in stressigen Tagen. Wer braucht schon Baldrian?
Neben der eigentümlichen Ruhe verströmt das Cologne bedingt durch den seifigen Ton eine Aura der Sauberkeit, allerdings nicht die zitrisch-frische Klosteinsauberkeit vieler Duschgels und aquatischen Düfte. "Charaktervoll-wachsam-warmherzig" ist die beste begriffliche Assoziation, die mir dazu einfällt, es mag passendere geben.

Erfahrung Nr. 3: Dieser schöne Duft stellte für mich die Weichen in Richtung Jean Claude Ellena, dessen Düfte ich in der Folge besonders kennen und schätzen lernen durfte. Durch seinen Parfum-Wegweiser habe ich überhaupt erst die Parfumschöpfung als Kunst der Komposition verstanden, die der Malerei und Musik in Nichts nachkommt. Das grüne Bulgari-Kleinod setzte also den Grundstein dafür, dass ich Parfum heute ganz anders sehe als noch vor einem Jahr. Ich lechze nicht mehr nach der Meinung anderer, ebenso wenig wie es mich interessiert, was ein Besucher von einem Gemälde in meiner Wohnung hält. Zumindest für die zurückhaltenden Düfte lässt sich das einfach umsetzen. Komplimente gibt es damit weniger, aber dafür trage ich kein Parfum.

Auf der praktischen Seite steht zuletzt, dass Eau Parfumée au Thé Vert praktisch von jedem, überall und zu jeder Zeit getragen werden kann. Daher fällt meine Wahl vor allem im Hochsommer und bei gemütlichen Fernsehabenden auf den Duft, wenn ich einfach für mich gut riechen möchte. Den namensgebenden Tee finde ich übrigens kaum im Geruch, aber es fällt mir noch schwer, einzelne Noten in Düften auseinanderzuhalten. Ich werde aber in nächster Zeit einige andere Teedüfte zum Vergleich heranziehen.


02.09.2015 14:55 Uhr
15 Auszeichnungen
Ich würde mir einen Magier in der heutigen Zeit etwa wie folgt vorstellen: Ein unauffälliger Mensch inmitten einer Menschenmasse, die sich hektisch bewegt. Ohne Mühe und völlig entspannt schält sich der Magier durch die Menge und keiner nimmt ihn wahr. Dennoch ist er irgendwie präsent und die Menschen lassen ihn - wie durch Zauberhand - stets vorbei, wenn sie ihm begegnen. Nur hin und wieder streift ein Passant den Ärmel dieses Magiers - dann runzelt der- oder diejenige vielleicht kurz die Stirn, hält inne, sucht erstaunt nach Hinweisen im Eindruck einer Erinnerung. Bald geht diese Person aber weiter, längst wieder vergessen im Sog der Masse. Und unser Magier ist längst woanders. Verlassen wir ihn für einen Moment.

Diese in sich selbst ruhende Unauffälligkeit verströmt Eau de Narcisse Bleu für mich. Es ist nicht mal ein markantes Understatement. Der Duft ist gleichsam präsent und unsichtbar. Eine genaue Duftbeschreibung kann ich leider nicht vorlegen - natürlich, die blumige Note ist unverkennbar. Sie verleiht dem Duft ein Selbstbewusstsein ohne jegliche Penetranz. Es ist nicht der Blumenstrauß, den viele Damenparfums einem ins Gesicht pfeffern. Überhaupt verwehrt sich der Duft einer geschlechtlichen Zuordnung. Er ist nicht feminin noch maskulin, und ebensowenig lässt er sich mit einem urban-demonstrativen Adjektiv wie "metrosexuell" umfassen. Nein, Eau de Narcisse bleu ist wieder mal einfach nur da und lächelt leise.

Ich entdeckte ihn vor einiger Zeit in Berlin, als ich mit Freunden im Urlaub war. Keine Parfümerie ist vor mir sicher, und im KaDeWe hätte ich ebenso gut eine Woche verbringen können. Doch um meine Freunde nicht ihrer Geduld zu berauben, hielten sich meine Tests in Grenzen und bis auf das endgültige Ende meiner diplomatischen Beziehungen zur A*men-Reihe ergab der Urlaub keine neuen olfaktorischen Erkenntnisse.

Bis zum letzten Tag, bis auf die letzte halbe Stunde in der Hauptstadt. Im blauen Geschäft am Hauptbahnhof schlenderte ich am Regal entlang, bis der Zug kam. Zugegeben, ich bin durchaus ein Freund des Ellena-Hausstils, deswegen griff ich relativ zielsicher nach den Hermès-Düften. Alle gefielen mir irgendwie, also schnell zwei auf die Arme - Concentrée d'Orange verte und Eau de Narcisse bleu. Letzteres beeindruckte mich erst mal wenig im Vergleich zur sonnengereiften Orange im Concentrée. Im Zug las ich mir dann noch zur Entspannung ein paar Reviews zu beiden durch. Hier begann es allmählich, dass mich eine undefinierbare Stimmung ergriff, wenn ich das Narzissenwasser roch. Ich konnte den Arm in den wenigen Stunden der Haltbarkeit kaum von der Nase trennen. Als ich zu Hause ankam, war der Duft verflogen und ich betrat den heimischen Boden mit dem Gefühl einer Offenbarung ohne Inhalt. Der Blick ins Internet verriet mir einen Preis, der meinen von alltäglichen Nudeln mit Tomatensoße gequälten Studentenmagen zusammenzog - und so vergaß ich das Wässerchen für eine Weile fast.

Heute war in einer Parfümerie, die diesen Duft vorrätig hat. Seitdem trage ich ihn wieder auf dem Arm - oder trug, denn auf meiner gefräßigen Haut hält sich so ein Duft kaum drei Stunden. Ich weiß immer noch nicht, ob ich ihn mir kaufen würde. Es ist kein Duft zum Präsentieren. Er ist so still, rein, nachdenklich, weise, und irgendwie lächelnd. Aber vielleicht macht das seinen Zauber aus. Die wenigen, die das Eau an mir wahrnehmen würden, hätten mit Sicherheit einen anderen Eindruck als mit Bleu de Chanel oder generell markanteren Düften. Wie steht unser Magier eigentlich im Vergleich zu den anderen da?

Nun. Meine zweite Impression ist ein Schlachtfeld. Auf der einen Seite steht ein One Million mit einem verchromten gewaltigen Maschinengewehr und ballert wild um sich. Im Gebüsch liegt Eau Sauvage und zielt ruhig, aber tödlich mit seiner Armbrust. Irgendwo explodiert eine Spicebomb und überzieht alles mit Splittern. Inmitten dieser Turbulenz spaziert in tiefer Muße der erwähnte Magier über die Wiese. Er schaut sich entspannt um - sieht, dass Le Male mit einem ABC-Angriff naht und alle ihre Gasmasken aufsetzen. Doch der Magier lächelt wieder nur. Dann pflückt er eine kleine Blume von der Wiese und geht unbehelligt nach Hause. Die Kontrahenten werden von alldem nicht viel mitbekommen und wahrscheinlich nicht einmal bemerken, dass ein Blümchen fehlt.

Und so ist dieser Duft auch nichts für Narzissten, wenn man mich fragt. Narzissten sehen die Narzissen am Wegesrand nicht. Wer nur auf sich achtet, würde den Duft wahrscheinlich nicht einmal an der eigenen Haut wahrnehmen. Nein, Eau de Narcisse bleu ist irgendwie über alles erhaben. Fassen lässt es sich kaum. Es ist einer der ersten Düfte, die mich emotional ansprechen, obwohl ich schon einige besitze. Daher ist das nun auch mein erster Kommentar. Doch ich bin fasziniert wie Narzissus von seinem eigenen Spiegelbild.