L'Heure Bleue 1912 Eau de Toilette

L'Heure Bleue (Eau de Toilette) von Guerlain
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8.6 / 10 244 Bewertungen
Ein beliebtes Parfum von Guerlain für Damen, erschienen im Jahr 1912. Der Duft ist blumig-pudrig. Es wird von LVMH vermarktet. Der Name bedeutet „die blaue Stunde”.
Aussprache
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Duftrichtung

Blumig
Pudrig
Würzig
Süß
Cremig

Duftpyramide

Kopfnote Kopfnote
AnisAnis BergamotteBergamotte
Herznote Herznote
GartennelkeGartennelke NeroliNeroli
Basisnote Basisnote
IrisIris VanilleVanille BenzoeBenzoe TonkabohneTonkabohne VeilchenVeilchen

Parfümeur

Bewertungen
Duft
8.6244 Bewertungen
Haltbarkeit
8.0220 Bewertungen
Sillage
7.4214 Bewertungen
Flakon
8.7210 Bewertungen
Preis-Leistungs-Verhältnis
8.065 Bewertungen
Eingetragen von Nibelung, letzte Aktualisierung am 21.05.2024.
Variante der Duftkonzentration
Hierbei handelt es sich um eine Variante des Parfums L'Heure Bleue (Extrait) von Guerlain, welche sich in der Duftkonzentration unterscheidet.

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Feb.14,1912

Rezensionen

19 ausführliche Duftbeschreibungen
9
Haltbarkeit
9
Duft
Friesin

55 Rezensionen
Friesin
Friesin
Top Rezension 59  
WENN DER TAG GEHT

So Kinder, lasst mich kurz den Hoodie an den Haken hängen, dann will ich euch im Ohrensessel 'nen Schwank von früher erzählen...
Also DAMALS, so vor ungefähr 2 Jahren, da sah das hier auf Parfumo noch 'n büschn anders aus. Auf der 'Titelseite' gab es noch nicht so tolle, brandaktuelle Hinweise auf neue Produkte (die Mods haben mich freundlich aufgeklärt, dass das keine Werbung ist- jetzt weiß ich Bescheid). Ne, da standen früher Artikel von diversen Parfumos, ein Potpourri der guten Laune. Da gab es zum Beispiel kunsthistorische, soziologische, stadtführerische, verführerische und lustige Zeilen zum Thema Duft.
Rezensionen hießen irgendwie anders (zu alt mich zu erinnern...) und waren manchmal gereimt, vollgepackt mit Wissen, emotional, messerscharf formuliert, gut recherchiert, völlig balla- und manchmal auch ein bisschen versaut. Es lohnt sich also, hier auf Parfumo ein bisschen zu blättern.
Statt eines sinnbildlichen 'Daumen hoch' oder 'Daumen runter', gab es handfeste Diskussionen unter dem Geschriebenen,
und vor meiner Zeit (jaha!) wurden Kämpfe ausgetragen, die nicht selten mit Partyverweisen endeten. Nichts für schwache Nerven, da lob ich mir die anonyme Beurteilung durch Pfeilchen, die dieser Tage (viel zeitgemäßer) möglich ist.
Als Corona kam und wir alle zu Hause hockten, glühten Nasen und Tastaturen gleichermaßen. Schweizer Hallodris, berliner Intellos, Hasen, Bauburmis, gelbe Kringel, Mariellas, Philosophen, Nasen mit Knopf, Waschsalonmiezen, Luder und so viele mehr, schrieben sich die Finger wund, kein Tag ohne Parfumo.
Ein wenig sentimental schau' ich auf das Gewesene. Die Zeiten sind vorbei, das parasoziale Abgehänge hat ein Ende- macht nix, schön war's!
Tolle Menschen hab ich kennengelernt und wunderbare Düfte.

Ein solcher Duft ist für mich 'L'Heure Bleue' den ich erst in den letzten Wochen kennenlernen durfte.
Ich bekam einen Vintage-Flakon geschenkt.
'Sentimental' sei dieser Duft schrieb Parfumo Louvre (lang ist's her) und das trifft es sehr genau. Denn so wie ich zurückblicke, sentimental, doch nicht betrübt oder gar weinerlich, so kommt mir auch dieser Guerlain vor.
Jacques Guerlain fängt den endenden Tag, die blaue Stunde, perfekt ein. Eine wunderbare Zeit endet, ein herrlicher Sommertag in Paris- der Duft der Blumen hängt noch in der Luft.
Heliotrop-Süße, Veilchen und iriswurzelige Pudrigkeit nach frischem, bergamottigem Auftakt.
Mit Hilfe synthetischer Riechstoffe gelang ihm hier, zwei Jahre vor der Dunkelheit des ersten Weltkrieges, ein Bild durch einen Duft zu malen, das ich auch heute noch nachempfinden und verstehen kann.
Gelassenheit und Souveränität verbinde ich mit
L'Heure Bleue, nostalgisch aber nicht veraltet...trotz aller Pudrigkeit.
Würzvanille liegt wohlig wärmend in der Luft, wenn der Duft sich langsam verabschiedet.
Froh bin ich, dieses Zeitzeugnis in Form von Parfumkunst zu haben, und froh bin ich auch, meine blaue Parfumostunde genossen zu haben...

Beste Grüße, an alle die dabei waren!
Achso, Frau Holle hat 'nen Waschsalonblog, übrigens ;-)
65 Antworten
10
Flakon
8
Sillage
9
Haltbarkeit
9.5
Duft
Chanelle

748 Rezensionen
Chanelle
Chanelle
Top Rezension 40  
Unsterblich
L' heure bleue ist eines der unbestrittenen Meisterwerke aus dem Hause Guerlain. Als junge Frau habe ich ihn von fern bewundert, fand ihn kalt-sinnlich, aber viel zu ladylike für young, wild and single me. Immer wieder begegnete ich ihm über die Jahre, ich las über ihn, roch ihn an anderen und testete ihn dann und wann. Irgendwann (nun auch schon über 20 Jahre her) kaufte ich eine Flasche und verwendete sie fast nie, weil er für den Job oder Einkauf zu verwegen war, zum Feiern zu edel und für Intimeres zu stark. So empfand ich mein 1. Eau de toilette L' heure bleue, und die Flasche wurde nie leer.
Dann roch ich das Extrait, was mir neue Erkenntnisse bezüglich LHB brachte: Es geht noch pudriger, gleichzeitig auch süßer, ins Nussige gehend und vor allem auch erotischer! Was für eine Duftpracht! Aber wie bei dem unglaublichen Liu Extrait - wann tragen? Beide Düfte verlangen geradezu nach angemessener Situation, Umgebung und Gesellschaft. Ansonsten würde ich mich fühlen, als hätte ich ein Sakrileg begangen, denn - ich übertreibe nicht! - beide haben etwas fast Heiliges inne.
(Nun wieder zurück auf den Teppich, Mädel...)
Schon zu Parfumo-Zeiten erstand ich ein vintage EdT von LHB. Dieses schlug die Brücke zwischen heilig und tragbar. Es war pudrig und wunderbar und man merkte ihm die gehörige Neroli-Dosis an, die ich brauchte, um den Duft tagsüber auflegen zu wollen. Ich wollte ihn nie wieder missen. Wieder verwendete ich ihn sparsam, aber diesmal nicht aus Mangel an Gelegenheit, sondern aus Angst, LHB nie wieder in dieser für mich perfekten Form anzutreffen. Ein Ratschlag aus einer anderen Parfum-Gruppe kam mir zu Hilfe: Aging!
Ich probierte es. Im Frühjahr 2017 erstand ich einen mit LHB EdT frisch gefüllten Bienenflacon. Ich unterzog den Duft einem Schnelltest und befand ihn als zu schwach, seelenlos und nichtssagend. Die Flasche wurde wieder eingepackt und es ging ab, in den Keller.
Gestern durfte sie wieder hochkommen. Ich füllte mir einen Taschenflacon davon ab und besprühte mich großzügig. Schon war ich, wo ich sein wollte. Umgeben von einem Meer von schweren Blütendüften, einem gerüttelt Maß an Neroli und einer zarten, aber nicht keuschen Pudrigkeit. Der Duft hatte gewonnen, in zweierlei Hinsicht. Er hat tatsächlich eine Reife erlangt, mit der er nun dem entspricht, was ich mir in etwa von ihm gewünscht hatte. Außerdem hat er mein Herz gewonnen. Nun können wir zusammen weiter altern, aber ich fühle mich dabei unsterblich.
11 Antworten
8
Preis
9
Flakon
8
Sillage
9
Haltbarkeit
9.5
Duft
MonsieurTest

39 Rezensionen
MonsieurTest
MonsieurTest
Top Rezension 50  
TERZINEN über VEILCH VANI NELKIGKEIT. Die unvergängliche, mel ANIS cholischste Schönheit seit es Guerlinade gibt
Meilenstein, Meisterwerk, Monument: Jacques Guerlains 'Blaue Stunde' bezaubert noch heute.
Wie fass ich Dich, Du dunkelpudrig feinst abgestimmtes Duftjuwel?
Direkt geht das wohl nicht; einen Umweg braucht es.
Mit Goethes Tasso soufflieren wir:
Und wenn der Teste bei so nem Duft verstummt,
Gab mir ein Hofmannsthal zu sagen, was ich fühle.
Will sagen: Mit diesem wunderschönen, dunklen, sentimentalen, sinnlichen, tiefen, blumig pudrig schattierten doch keineswegs pfauenhaften Duft verbinde ich ein paar Erinnerungen. Den oft beschriebenen Jahrhundertduft von Jacques Guerlain hier analytisch aufzudröseln und seine mild melancholischen, dabei absolut kunstvoll gefassten Duftstimmungen mit unauffindbaren eigenen Zeilen zu kommentieren, das verschlägt mir die Worte. WIE soll man solch runde, tiefe, matte Duftschönheit in Prosa nachbuchstabieren? Wie schreibt man solche traumhaft dunkle Vanille, die in der Nase klingt wie Vanalle oder Vanulle? Wie?
Was ich schon lange mit mir rumtrage, soll nun with a little help from Hugo von Hofmannsthal, am Gängelband seiner 'Terzinen über Vergänglichkeit', mitgesummt, nachgehaucht und aufgeschrieben werden.
Die Stimmung, die Hofmannsthal gut 15 Jahre vor Guerlains Duftkomposition evozierte, trifft den Duft wohl ganz gut. Es bedurfte nur ein paar kleiner Umdichtungen / Reformulierungen für diese Annäherung an die Blaue Stunde, die bei Guerlain aus dem Jugendstil-Flakon und bei Hofmannsthal aus seinen Fin de Siècle Zeilen stimmungsvoll, sentimental, anrührend aufsteigt. Also, los mit den Terzinen über Blaustundigkeit, Terzinen über Anis-Nelkigkeit, Terzinen über Vanill-Iriskeit

I
Noch spür ich ihren Atem auf den Wangen:
Wie kann es sein, dass diese hellen Stunden
Fort sind, für immer fort, und ganz vergangen?

Dies ist ein Duft, den keiner voll aussinnt
Und viel zu wundervoll, als daß man klage:
Daß alles gleitet und vorüberrinnt.

Und daß Paris, Anis, durch nichts gehemmt
Vorüberglitt mit sanfter Bergamotte
Und Neroli, fast stumm, heimlich, dezent.
Dann: daß DAS auch vor hundert Jahren war,
Ich mein zu ahnen, wie dies Stimmungsbild
Mit mir verwandt ist wie mein eignes Haar,

So eins mit mir als wie ihr eignes Haar.
II
Die Stunden! wo wir auf das helle Blauen
Des Duftes achten und den Tod verstehen
So leicht und feierlich, ganz ohne Pfauen
Wie kleine Veilchen, die sehr blaß aussehn,
Mit hübschen Blüten und die nimmer frieren
An einem Abend stumm vor sich hinstehn
Und duften, daß die NELKEN jetzt aus ihren
Schlaftrunknen Kelchen nun doch überfließen
In Bäum' und Gras, und sich matt lächelnd zieren

Wie eine Selige, die ihrn Duft versprüht.
III
Das ist aus solchem Zeug, wie das zu Träumen,
Und Träume schlagen so die Augen auf
Wie Jacques Guerlain einst am Kriegsvorabend,

Auf Guerlainade den blaßgoldnen Lauf
Von Iris, Tonka und Vanille-Benzoe.
… Nicht anders lagern solche Träume auf

Sind da und leben wie ein Duft, der sacht,
Nicht minder groß im Auf- und Niederschweben
Als Vollmond, aus Baumkronen aufgewacht.

Das Unterste steht offen ihrem Weben,
Wie Geisterlüfte in versperrtem Raum
Sind sie in uns und haben immer Leben.

Und drei sind Eins: ein Kopf, ein Herz, ein Fond.
IV
Zuweilen kommen niegeliebte Noten
Im Traum als dunkle Düfte uns entgegen
Und sind unsäglich rührend einzuotmen
Als wären sie mit uns auf fernen Wegen
Einmal an einem Abend lang gegangen,
Indes die Wipfel atmend sich bewegen

Und Duft herunterfällt und Nacht und Bangen,
Und längs des Weges, unsres Wegs, des dunkeln,
Im Abendschein die stummen Weiher prangen

Und, Spiegel unsrer Sehnsucht, traumhaft funkeln,
Und allen leisen Düften, allem Schweben
Der Abendluft und erstem Sternefunkeln

Die Seelen schwesterlich und tief erbeben
Und traurig sind und voll Triumphgepränge
Vor tiefer Ahnung, die das große Leben

Begreift und seine Herrlichkeit und Strenge.
40 Antworten
8
Flakon
7
Sillage
8
Haltbarkeit
8
Duft
Aventurin

7 Rezensionen
Aventurin
Aventurin
Top Rezension 41  
Die Schönen und Verdammten
Einige Bücher lese ich in unregelmäßigen Abständen immer wieder, dazu gehört der wunderbare autobiographische Roman „Die Schönen und Verdammten“ von Francis Scott Fitzgerald.

Im Mittelpunkt dieser bewegenden Geschichte stehen Gloria Gilbert und Anthony Patch. Zwei schillernde Figuren, eigenwillig und begabt, Wanderer zwischen Leid und Lust, Leere und Lebensdurst, Abstürzen und Hoffnung. Sie lieben den stürmischen Herzschlag der Metropole und die prächtigbunte Palette der Schönheit, versinken im Traum von Reichtum und Freiheit und den wilden, nicht enden wollenden Nächten der glamourösen Zwanzigerjahre. Sie sind das strahlende Sternenpaar jeder Party, sie leben und feiern dekadent und freizügig.
Da beide dem gewöhnlichen Alltag und einer konventionellen Beschäftigung wenig abgewinnen können und überhaupt kaum Freude am Arbeiten, dafür umso mehr am Konsumieren haben, stagniert der Fluss des großen Geldes, stattdessen fließen reichlich Tränen und reichlich Alkohol.

L’Heure Bleue ist ein Duft, der zu dieser extravaganten Welt passt - nicht, weil er das lärmende Flackern ungezähmter Tanzschritte auf schwarzglänzendem Parkett einfängt, sondern weil in ihm der ganze Rausch von Eskapismus und Realität, Licht und Schatten wirbelt.
Er enthüllt veilchenblaue Traumlandschaften, untermalt herbe Tragik,
leuchtet blasskupfrig und weißgold, ist bitter und trocken, blumig und pudrig, komplex und zärtlich-geheimnisvoll verwoben.
Er ist ein besonderer, ein einprägsamer Duft, dessen opulente Nelkennostalgie sicher nicht jedem behagt, er ist kein Duft für nüchterne Askese, er ist einer, den man geduldig ergründen muss, um seinen Zauber zu erfassen.
Er läutet das Ende eines Tages und den Anfang des nächsten ein, sommerwarme Nachtmagie und herbstliche Morgenmelancholie, wenn die Stunden der Reue und die des Nachdenkens anbrechen, wenn die Gläser geleert und die Füße wundgetanzt sind.
Wenn die blasse Sonne durch graue Wolkenstreifen gebrochenen Glanz und versehrte Herzen entschleiert, aber die Dämmerung zurück in die blaue Weite führt, Hand in Hand, jeden Tag aufs Neue, erhellt von Kronleuchtern, Kerzenschein und hungrig lauernden Seelen.
Ein Duft so speziell und faszinierend wie Gloria und Anthony und ihr ganzer farbig-abgründiger Kosmos.

Und wenn Gloria Guerlains Schicksal lenkte, gäbe es diesen großen Klassiker vielleicht nicht mehr, denn als Anthony sie fragt „Willst du das Alte denn nicht bewahren?“, antwortet sie „Das kann man eben nicht, Anthony! Alles Schöne wächst nur bis zu einer gewissen Höhe, dann fängt es an zu kümmern, vergeht und dünstet im Vergehen Erinnerungen aus. Und so wie jeder geschichtliche Zeitabschnitt in unseren Köpfen vergeht, sollten auch die zu diesem gehörenden Zeitabschnitt gehörenden Sachen vergehen; auf diese Weise werden sie noch eine Weile in den wenigen Herzen bewahrt, die dafür empfänglich sind – in meinem beispielsweise.“

L’Heure Bleue vergeht nicht, er bewahrt seine Schönheit und wächst weiter, wie alles Gute und Kostbare, das zum Bleiben und Wachsen bestimmt ist und manche Herzen in allen Zeiten erreichen wird.
21 Antworten
10
Flakon
6
Sillage
8
Haltbarkeit
9.5
Duft
Fabistinkt

29 Rezensionen
Fabistinkt
Fabistinkt
Top Rezension 35  
Ein Traum aus Puder und Guerlinade
Mein letzter Kommentar zu einem Parfüm ist lange her. Der theoretische Teil der Bachelorarbeit war von Herbst letzten Jahres bis zum 14. Januar wichtiger als Duftbeschreibungen, wenn auch letztere um ein Vielfaches mehr Freude machen. Das kurze Zeitfenster bis zum praktischen Teil, das nicht mehr lange dauern wird, habe ich bislang lieber für Blogbeiträge zum Design von Flakons genutzt. Der erste Parfümkommentar dieses Jahres soll deshalb nicht irgendeinem Wässerchen gelten, sondern einem der ganz großen Klassiker, der blauen Stunde von Guerlain.

L’heure bleue kenne ich schon relativ lange, allerdings war unsere Bekanntschaft nur von sehr oberflächlicher Natur. Ein kurzes Kennenlernen auf einem Papierstreifen, bei Nägele & Strubell schnell auf die Hand gesprüht, tiefer ging unsere Beziehung bislang nicht. Deshalb habe ich auch bis vor kurzem nur ihre ersten Eindrücke gekannt und es versäumt, ihre tatsächliche Schönheit zu entdecken, die sich erst nach einigen Minuten entfaltet.

In der ersten Phase leuchten kurz Aldehyde und Hesperiden auf. Aldehyde sind wie so oft nicht in der Pyramide gelistet, doch sie sind definitiv vorhanden und lassen für wenige Momente einen angenehmen, altmodischen Rauch aufsteigen. Parallel mit den Aldehyden flirren ein paar sonnige Spritzer von Bergamotte durch die Luft.
Beides ist jedoch von kurzer Dauer und ein sehr prominenter Eindruck folgt auf das Intro: Gartennelke und Iris, sehr pudrig und sehr erdig, erblühen auf der Haut. Diese beiden dominieren den Duft in der Anfangsphase und sind bis in die Basis hinein noch wahrnehmbar. Wer L’heure bleue noch nicht testen konnte, kann hier Vanderbilt von Gloria Vanderbilt als Referenz zu Rate ziehen. Nach typischem 70er-Jahre-Grün taucht bei ihr ein ganz ähnlicher pudrig-erdiger Ton auf, der vielen ebenfalls aus Nuit de Noël oder Tabac Blond von Caron und Soir de Paris von Bourjois bekannt sein dürfte.

Und hier endete für gewöhnlich meine L’heure bleue-Erfahrung. Erst mit dem nagelneuen Souk-Flakon einer sehr netten Schwarzwälderin habe ich diesen Duft jetzt komplett kennengelernt und mich schockverliebt. Denn: Der schönste Teil folgt erst. Nach und nach durchdringt pure Guerlinade die erdigen Puderwolken. Wie ein warmes Licht im Nebel, dessen Schein langsam größer wird, leuchtet bernsteinfarben die Benzoe auf, harzig, heimelig und stark an Weihrauch erinnernd (oder ist Benzoe am Ende Weihrauch?). Eng verwoben mit der Benzoe ist dichte, unendlich warme Vanille. Diese lässt an Shalimar denken, das über zehn Jahre später entwickelt wurde, ebenfalls von Jacques Guerlain. In dieser Phase ist die Blaue Stunde für mich am Schönsten, wenn floral-gelbe Pudernoten und bernsteinfarbene Vanille-Benzoe Hand in Hand gehen und einen unfassbar liebenswerten Duft entstehen lassen. Ab und zu blitzt im warm-pudrigen Schein eine hellgrün-blumige Note auf, bei der es sich wahrscheinlich um das aufgeführte Veilchen handelt. So stark, wie es andere der Pyramide nach wahrnehmen, empfinde ich es aber bei weitem nicht. Nelke/Iris und Ambra regieren hier eindeutig, das Veilchen ist nur eine Randerscheinung.
Zum Ende werden die floralen Pudernoten weniger und die mittlerweile bräunlich-orange leuchtende, warme Ambra übernimmt komplett das Zepter.

Was ungefähr ab Einsetzen von Vanille und Benzoe geschieht, macht mich aus zwei Gründen sehr glücklich: Erstens riecht es phantastisch, zweitens habe ich endlich einen Ersatz für einen geliebten und leider eingestellten Duft gefunden. Das pure Parfum von Tosca (4711/Mäurer & Wirtz) ist einer meiner ganz großen Lieblinge und ich könnte täglich darin baden. Leider wird es schon lange nicht mehr produziert und die noch erhältlichen Versionen (EdP, EdT und EdC) versprühen nicht denselben Zauber. Zwar besitze ich mittlerweile vier kleine Flakons der puren Tosca, doch irgendwann werden auch diese aufgebraucht sein und ich brauche dringend Ersatz durch etwas, was es weiterhin zu kaufen gibt. Und hier kommt Guerlains L’heure bleue ins Spiel. Zwar sind die Unterschiede da und nicht klein, doch das Gefühl, das beide vermitteln, ist ähnlich. Tosca besitzt bedeutend mehr rauchige, dunkle Aldehyde als die Blaue Stunde, welche dafür viel erdig-pudriger und gelb duftet. Sobald sich aber Puder bzw. Aldehyde legen und das leuchtende Bernsteinherz zum Vorschein kommt, sind sich beide sehr ähnlich und verströmen die gleiche Art von Magie. Im Vergleich muss ich allerdings sagen, dass L’heure bleue etwas weniger Dichte besitzt als Tosca. Mein ältester Flakon davon stammt aus den 50er Jahren. In dieser Version hat das Parfüm eine derartige Tiefe, dass man darin versinken und nicht mehr auftauchen könnte. Allerdings ist das möglicherweise den unterschiedlichen Konzentrationen geschuldet und das Extrait der L’heure bleue ist vielleicht genauso dicht und tief wie das Tosca Parfum. Um den kompletten Vintage-Tosca-Effekt zu bekommen, habe ich mir jetzt das Tosca-Duschgel besorgt und sprühe mir nach dem Abtrocknen großzügig die Blaue Stunde auf. Traum…

Aber genug jetzt der Vergleiche. Die Sillage ist relativ hautnah, bei Bewegung und Wärme macht sie sich allerdings gut bemerkbar, die Haltbarkeit ist gut. Ein winziger Kritikpunkt ist für mich, dass sie gerne noch ein kleines bisschen dichter sein könnte. Manchmal fühlt es sich an, als wären die Bestandteile nicht ganz vermischt, sondern würden wie kleine Blöcke nebeneinander stehen. Von Experten wie Dariush Alavi habe ich mittlerweile gelesen, dass die aktuelle Version von Thierry Wasser eine bedeutende Verbesserung zu den vorangehenden Versionen darstellen soll. Wie auch Mitsouko hat L'heure bleue wohl eine Art Verjüngung durchlaufen und lässt ihre Bestandteile neu erstrahlen.

Flakon: L’heure bleue duftet nicht nur umwerfend, sie kommt auch in einer phantastischen Verpackung daher. Ihr Flakon ist ein typischer Vertreter des Jugendstils und transportiert den Charme dieser Ära gekonnt in unsere Zeit. Wohl aus Kostengründen wurde Mitsouko nach dem ersten Weltkrieg in denselben Flakons abgefüllt und im neuen Jahrtausend fanden La Petite Robe Noire und Vol de Nuit Evasion ihr Zuhause darin. Ziemlich bald werde ich diesem Art-Nouveau-Flakon wahrscheinlich einen extra Blogbeitrag widmen.

L’heure bleue ist für mich äußerlich wie innerlich nahezu perfekt gelungen und ein absolutes Gesamtkunstwerk. Bin ich froh, dass sie endlich in mein Leben eingezogen ist und wir uns anständig kennen gelernt haben! Sie ist mit Sicherheit jetzt schon eine meiner liebsten (und ältesten) „Neuentdeckungen“ dieses Jahres und wird höchstwahrscheinlich einen dauerhaften Pfeiler meiner Sammlung darstellen.
16 Antworten
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FrauKirscheFrauKirsche vor 2 Jahren
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