Login

Nordwurst

Nordwurst

Rezensionen
1 - 5 von 8
Der Pulsentschleuniger
Manchmal, sehr selten, aber manchmal passt einfach alles.

In einer Welt, in der mittlerweile das Recht des Lauteren gilt, in der gefühlt alles nur noch grell, schrill und maßlos überzogen ist, da hocke ich und genieße die stillen Momente. Selten sind sie geworden, aber es gibt sie noch. Die regelmäßige Nutzung von Duftwässern gehört für mich dazu. Als Abschluss des Reinigungsrituals und als Komplettierung der Garderobe. Es ist mir eine große Freude, mit Auge und Zeigefinger zwischen den Flakons umher zu wandern, bis das zu Wetter, Stimmung und Outfit passende Exemplar gefunden ist. Eine noch größere Freude ist es, wenn bereits der Anblick des Flakons, die Haptik des schweren Glases und das Entfernen des idealerweise wertigen und sauber rastenden Deckels das Ritual flankiert.

Mit dem Cologne Nocturne aus dem Hause Le Galion habe ich so ein Rundum-sorglos-Paket gefunden. Der schwere Flakon mit seinen vertikalen, konkaven Rillen, der magnetische, schlicht schwarze Metalldeckel und das stark reduzierte Etikett lassen schon erahnen, dass man es eher mit einem edlen und ruhigen Vertreter seiner Gattung zu tun hat (das aktuelle Foto in der Datenbank ist leider veraltet, das beim Essence Noble (2023) zum Beispiel passt). Der will nicht schreien, der kämpft nicht mit den Ellenbogen um einen Platz in vorderster Reihe. Nimmt man ihn in die Hand, gratuliert er dir höflich und vornehm zu deinem hervorragenden Geschmack. Wie ein guter Herrenschneider umgarnt er dich als Dienstleister, weiß aber auch genau was er kann, und warum du ausgerechnet bei ihm auf dem Ankleidepodest stehst, um deine Maße nehmen zu lassen.

Trifft diese Beschreibung auf alle Flakons der aktuellen Kollektion von Le Galion zu, verzweigen sich nun die Wege in Abhängigkeit der Duftauswahl, und hier soll es ja (endlich) um den Cologne Nocturne gehen:
Der Name ist wunderbar gewählt und könnte den Gesamteindruck, den der Duft hinterlässt, kaum besser zusammenfassen. Er startet mit unsüßer Zitrik und einer gut wahrnehmbaren, kräftigen Lavendelnote, die einen augenblicklich in einen wohlduftenden Schutzschirm hüllt, von dem Lärm und Stress mühelos abprallen. Diese Aufgabe erfüllt er mit viel Eleganz und ohne Geschrei. Der Lavendel begleitet einen durch die gesamte Duftpyramide, mal mehr, dann wieder etwas weniger, aber immer mit zwei Fingern auf der Handgelenk Innenfläche, um sicherzustellen, dass der Puls niemals über 80 steigt.
Bald schon gesellen sich fein abgestimmte grüne Gewürze und leise Holznoten dazu, ohne dass ich jedoch einen dieser Protagonisten separat herausriechen könnte. Mit den Duftnoten vor Augen will mich mein Gehirn Patchouli und auch den in seiner Art markanten Muskatellersalbei erkennen lassen, aber ohne diese Krücke wage ich zu bezweifeln, dass ich diese Noten heraus seziert hätte. Frisch, holzig, würzig wäre wohl die Essenz der Duftbeschreibung.
Was alle Orchestranten dieses Stückes in der Summe des Zusammenspiels gemein haben, ist die Natürlichkeit, die dieser Duft abstrahlt. Der verklärte Eindruck ursprünglicher, weit in der Vergangenheit liegender Parfümeriekunst macht sich fast schon zwangsläufig breit.
So holt es dich sanft herunter, das Cologne der Nacht. Nimmt dich beschützend in den Arm und lässt dich den Irrsinn dieser Welt für den Moment des Einatmens vergessen.
Ich weiß nicht, wofür der Begriff der Haute Parfumerie letztendlich steht, aber ich für meinen Teil würde diesen Duft in seiner Gesamtheit bei eben jener Haute Parfumerie einordnen.


4 Antworten
Alte Männer spielen Ball
Bowling green. So nennt sich das Spielfeld, auf dem Bowls, ein Ball- bzw. Kugelspiel ähnlich des Boccia oder auch Boule, gespielt wird. Beim Bowls handelt es sich um die britische Variante, bei dem der Spielball nicht rund, sondern etwas abgeflacht ist. Das Prinzip ist jedoch bei allen Varianten dasselbe: Dicke Kugel muss möglichst nah an kleine Kugel.
Spannender wird es nicht.
Viel interessanter ist jedoch die Frage, wie ich jetzt den Bogen zu dem gleichnamigen Cologne spannen soll, ohne holprig konstruierte Parallelen zu bemühen. Der Duft riecht weder nach frisch gemähtem Rasen, noch nach alten Männern mit einem BMI, den jeder Allgemeinmediziner als definitiv ungesund bezeichnen würde. Das "alt" könnte ich zumindest separieren, denn der Duft kann guten Gewissens als oldschool bezeichnet werden, ohne ihn damit Unrecht zu tun. Das muss man aber mögen. Denn während der Begriff bei manchen eine unmittelbaren Fluchtreflex auslöst, werden andere hellhörig. Bowling Green Cologne traut sich die Kräuter und Hölzer in einer unverhohlenen Intensität zu kredenzen, wie es heutzutage wohl nur noch in den ganz engen Winkeln der sogenannten Nische zu finden ist. Knarzig, unsüß und wundervoll. Und doch schlägt einen der Duft nicht zu Boden (und tritt noch nach), wie es zuweil andere Vertreter jener Generation zu pflegen taten. Powerhouse light sozusagen.
Der Auftakt ist ein Zitrus-Wacholder-Gemisch. Keine Sommerzitrik, sondern vom Start weg herb grün verblendet. Kardamom und Zimt sind lt. meinem Hirn im Verlauf durchaus zu vernehmen, und auch eine grün getünchte, warme Holzigkeit mischt im späteren Verlauf mit (Leider kann ich Düfte nur sehr unzureichend sezieren). Später bedeutet hier übrigens viel später, denn auch wenn der Duft als Cologne tituliert ist, begleitet es einen durch ein kompletten Tag, wenn auch abends nur noch hautnah, aber doch ohne viel Fantasie zu orten.
Viel Text, wenig Duftbeschreibung. Stelle ich auch gerade fest. Hm.
Ein Fazit könnte ich noch bringen:
Bowls ist ein durch und durch langweiliger Sport, der Duft ist es nicht. Würzig, holzig, grün und durch und durch gelungen.
Der Duft ist leider schon lange eingestellt, das Spiel nicht. Umgekehrt sollte es sein, die Welt ist ungerecht.

4 Antworten
Wundervoll.
Waldspaziergang am frühen Morgen, Stress und Trubel schlafen noch. Es ist Herbst, Sonnenstrahlen bahnen sich vereinzelt tief stehend ihren Weg durch das Gehölz und duellieren sich mit den Nebelschwaden. Abseits der Wege sinkt jeder Schritt tief in den feucht moosigen Boden. Das Unterholz knackt weit hörbar. Schwere Forstmaschinen haben mit ihren Reifen den Untergrund neu sortiert. Die dicken Stämme des frisch geschlagene Nadelholzes warten säuberlich gestapelt auf ihre Abholung, die nicht verwertbaren Äste liegen ungewollt und unbeachtet auf dem Boden. Man muss aufpassen nicht einzufädeln, große, behutsame Schritte machen.
Langsam gehen, bewusst und tief atmen, keine Uhr tickt. Das, was man jetzt hören kann ist die Stille.
Schön.
7 Antworten
"Einen Ingwer-Latte bitte!"
Und das soll schmecken? Merkwürdige Mischung, dachte ich mir. Aber gut, Ananas auf Pizza schmeckt ja auch.
(Hat er nicht gesagt...!)
Außerdem ist das Cafè Xerjoff ja für seine zum Teil ausgefallenen Spezialitäten bekannt.
Sieht auf jeden Fall schonmal interessant aus, wie er so serviert wird: die einzelnen Schichten der Ingredenzien haben sich nicht vollständig vermischt. Ist auch kein Löffel dabei, man soll sich wohl durch die einzelnen Schichten schlürfen.
Ich schaue mich unsicher um. Die anderen Besucher laben sich teils an opulenten Cocktails mit allerlei reifen Früchten behangen, andere haben eiskalte Drinks mit Minzzweigen und Zitronenscheiben vor sich stehen.
Das Getränk meiner Wahl wirkt da eher unauffällig, aber ich sollte vielleicht erst einmal probieren, bevor ich urteile.
Ich nippe vorsichtig an der dünnen oberen Schicht und schmecke augenblicklich eine erfrischende, herbe Mischung aus Zitrusfrüchten und einem Hauch Ingwer.
Hui! Ich schmatze ein paar mal um die Zutaten auf meiner Zunge zu sezieren. Weit und breit kein Zucker, keinerlei Süße. Echt lecker.
Der nächste Schluck führt mich zu dem eigentlichen Hauptteil meiner Bestellung- eine überraschend gut harmonierende Mischung aus Ingwer und schwarzem Kaffee, dazu die Zitrusfrüchte in schwacher Konzentration und - zumindest steht es so auf der Karte- Tabakblüte. Hätte ich mir nicht bestellt, wenn ich die Zutaten selber hätte mischen können, aber es funktioniert hervorragend (siehe die Ananas auf der Pizza...) Der köstliche und deutlich wahrnehmbare Kaffee macht das Getränk nicht nur im Hochsommer zum Genuss. Frühling, Herbst, Büro, Abend - den könnte ich mir jederzeit bestellen.
Unten kommt dann die Crema. Hä? Unten?
Keine Ahnung wie die das gemacht haben, aber je weiter ich genussvoll schlürfe, umso mehr wird das Gebräu von sanft cremigen Moschus und Amber abgerundet. Nice and smooth.
Ich lehne mich zufrieden zurück und genieße meinen Trank, verschlucke mich dann aber heftig, als mir die Rechnung serviert wird. Das ist fast schon frech für so ein kleines (aber immerhin sehr hübsches) Gläschen.
Aber gut, man gönnt sich so eine Leckerei ja auch nicht jeden Tag.
Morgen gibt es dann eben wieder nur Tk-Pizza, ihr wisst schon welche Sorte.

1 Antwort
Triell der Aquaten
Regen zieht auf. Der Wind zerrt an meiner Jacke, die Luft riecht nach Salz und Algen. Wellen zerspringen an den Buhnen, nur um erneut nimmermüde Anlauf zu nehmen. Am Horizont zieht Regen auf. Eine Möve kackt mir kreischend auf die Schulter.
Das Meer.
Ich stehe gerne auf den Deichen und lasse meine Gedanken vom Wind wegtragen, je schroffer das Wetter, desto lieber ist es mir. Wind reinigt die Seele, hat mir eine sehr weise Frau einmal gesagt. Da ist was dran. Vielleicht bin ich da ja ein bisschen komisch, aber die Schönheit der Küsten erschließt sich mir nicht bei Sonnenschein und sommerlichen Temperaturen. Aber wenn es stürmt, und mir die Natur warnend aufzeigt, zu was sie fähig sein kann, dann inhaliere ich alles um mich herum mit allen Sinnen.
Dieses Gefühl, diese Summe der Eindrücke, die in solchen Momenten auf mich einwirken - das wollte ich als Parfüm. Ein Duft der fähig ist, mich jederzeit wieder auf den Deich zu beamen. Der mich daran erinnert, dass die für ein Krabbenbrötchen mittlerweile söven Euro föfftig haben wollen. Geht's noch?
Doch kommen wir nun endlich zu meiner Überschrift, denn nach längerer Recherche haben es letztendlich 3 Düfte in die engere Auswahl geschafft:
Acqua di Sale
Megamare und
Black Sea
Gut, die Tatsache, dass dies eine Rezension des Black Sea ist spoilert jetzt ein bisschen das Ergebnis, aber ich möchte doch zumindest die Gründe dafür erörtern:
Grundsätzlich transportieren alle drei das Thema wirklich gut und authentisch, wie ich finde. Aber der Black Sea ist der harmonischste von den dreien. Megamare schreit jeden an, der auch nur in seine Nähe kommt. Und er hört nicht auf zu schreien. Man muss sich die Haut abschälen und die getragene Kleidung verbrennen, wenn man nicht mehr angeschrien werden möchte. Das ist einfach zu viel.
Der Acqua di Sale ist anfangs Top, doch im Laufe der Zeit verdrängt eine Note, ich denke das ist die Myrte, alle anderen Nuancen weitestgehend und bleibt dann, mit ebenfalls überdurchschnittlicher Haltbarkeit, bockig im Weg sitzen und lässt keinen mehr durch.
Und der Black Sea? Der geht das Thema viel sanfter und ausgeglichener an. Die Bergamotte in der Kopfnote haucht etwas frische ein, Orangenblüte und Ylang-Ylang nehmen die Schärfe, ohne dass der maritime Pfad verlassen wird, und schließlich rundet der weiße Moschus die erdige und moosige Basis sanft ab.
Meisterhaft. Das Zusammenspiel der Komponenten ist hier wirklich gut gelungen.
Ich nehme eine tiefe Nase voll, schließe meine Augen und stehe wieder auf dem Deich. In der Ferne tutet ein Frachtschiff und die Möve hat mir mein Krabbenbrötchen geklaut. Na toll.




2 Antworten
1 - 5 von 8