Manchmal, sehr selten, aber manchmal passt einfach alles.
In einer Welt, in der mittlerweile das Recht des Lauteren gilt, in der gefühlt alles nur noch grell, schrill und maßlos überzogen ist, da hocke ich und genieße die stillen Momente. Selten sind sie geworden, aber es gibt sie noch. Die regelmäßige Nutzung von Duftwässern gehört für mich dazu. Als Abschluss des Reinigungsrituals und als Komplettierung der Garderobe. Es ist mir eine große Freude, mit Auge und Zeigefinger zwischen den Flakons umher zu wandern, bis das zu Wetter, Stimmung und Outfit passende Exemplar gefunden ist. Eine noch größere Freude ist es, wenn bereits der Anblick des Flakons, die Haptik des schweren Glases und das Entfernen des idealerweise wertigen und sauber rastenden Deckels das Ritual flankiert.
Mit dem
Cologne Nocturne aus dem Hause Le Galion habe ich so ein Rundum-sorglos-Paket gefunden. Der schwere Flakon mit seinen vertikalen, konkaven Rillen, der magnetische, schlicht schwarze Metalldeckel und das stark reduzierte Etikett lassen schon erahnen, dass man es eher mit einem edlen und ruhigen Vertreter seiner Gattung zu tun hat (das aktuelle Foto in der Datenbank ist leider veraltet, das beim
Essence Noble (2023) zum Beispiel passt). Der will nicht schreien, der kämpft nicht mit den Ellenbogen um einen Platz in vorderster Reihe. Nimmt man ihn in die Hand, gratuliert er dir höflich und vornehm zu deinem hervorragenden Geschmack. Wie ein guter Herrenschneider umgarnt er dich als Dienstleister, weiß aber auch genau was er kann, und warum du ausgerechnet bei ihm auf dem Ankleidepodest stehst, um deine Maße nehmen zu lassen.
Trifft diese Beschreibung auf alle Flakons der aktuellen Kollektion von Le Galion zu, verzweigen sich nun die Wege in Abhängigkeit der Duftauswahl, und hier soll es ja (endlich) um den Cologne Nocturne gehen:
Der Name ist wunderbar gewählt und könnte den Gesamteindruck, den der Duft hinterlässt, kaum besser zusammenfassen. Er startet mit unsüßer Zitrik und einer gut wahrnehmbaren, kräftigen Lavendelnote, die einen augenblicklich in einen wohlduftenden Schutzschirm hüllt, von dem Lärm und Stress mühelos abprallen. Diese Aufgabe erfüllt er mit viel Eleganz und ohne Geschrei. Der Lavendel begleitet einen durch die gesamte Duftpyramide, mal mehr, dann wieder etwas weniger, aber immer mit zwei Fingern auf der Handgelenk Innenfläche, um sicherzustellen, dass der Puls niemals über 80 steigt.
Bald schon gesellen sich fein abgestimmte grüne Gewürze und leise Holznoten dazu, ohne dass ich jedoch einen dieser Protagonisten separat herausriechen könnte. Mit den Duftnoten vor Augen will mich mein Gehirn Patchouli und auch den in seiner Art markanten Muskatellersalbei erkennen lassen, aber ohne diese Krücke wage ich zu bezweifeln, dass ich diese Noten heraus seziert hätte. Frisch, holzig, würzig wäre wohl die Essenz der Duftbeschreibung.
Was alle Orchestranten dieses Stückes in der Summe des Zusammenspiels gemein haben, ist die Natürlichkeit, die dieser Duft abstrahlt. Der verklärte Eindruck ursprünglicher, weit in der Vergangenheit liegender Parfümeriekunst macht sich fast schon zwangsläufig breit.
So holt es dich sanft herunter, das Cologne der Nacht. Nimmt dich beschützend in den Arm und lässt dich den Irrsinn dieser Welt für den Moment des Einatmens vergessen.
Ich weiß nicht, wofür der Begriff der Haute Parfumerie letztendlich steht, aber ich für meinen Teil würde diesen Duft in seiner Gesamtheit bei eben jener Haute Parfumerie einordnen.