ParfumAholicParfumAholics Parfumkommentare

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19.11.2018 13:07 Uhr
26 Auszeichnungen
Ich kann mich noch gut erinnern, wie sehr mich damals „Gucci pour Homme“ gepackt hat. Diese Mischung aus Papyros, deutlichen, aber ach so verführerischen Weihrauch und absoluten Weichzeichnern in der Basis hat mich stehenden Fußes in seinen Bann gezogen. Gucci pour Homme war und wollte nie subtil sein, sondern auf eine elegante Art und Weise coole Sexyness versprühen, die absolut zum damaligen Gucci Kreativ-Direktor Tom Ford passte. Vom Flakon ganz zu schweigen. Dieser schwere Glasklotz mit dem geriffelten Boden war sicherlich kein Handschmeichler, aber dennoch ungemein sexy, eckig, kantig, männlich-markant und überaus edel.

Was für ein Schock, als der Duft eingestellt worden ist. Noch schockierender, dass ich in Unkenntnis davon doch glatt noch einen Flakon verkauft hatte, weil ich mich irgendwie satt gerochen hatte. Aber hinterher ist man ja (fast) immer schlauer.

So begannen dann die Gucci pour Homme – freien Jahre. Hier und da tauchten Flakons in der Bucht auf – zu Mondpreisen, die ich nicht gewillt war zu zahlen. Irgendwann konnte ich dann doch noch einen 30ml Flakon ergattern, den ich seither hüte wie einen Schatz und nur „für gut“ benutze. Wobei das streng genommen Quatsch ist, denn der Duft wird durch’s Herumstehen ja nicht besser….

Doch da scheint es noch jemanden zu geben, den dieser Duft nicht loslässt: Michel Almairac. Schöpfer des Gucci pour Homme, der zudem noch Bentley for Men Absolute und Papyrus Oud aus der Duft-Wiege gehoben hat. Das nenne ich mal eine echte Passion, wenn ein Parfümeur nicht von (s)einem Duft ablassen möchte.

Auf Bentley for Men Absolute wäre ich ohne Parfumo nie gekommen. Ich habe den Duft auch noch nirgendwo bewusst wahrgenommen. Für mich ein perfekter Nachbau des Originals mit einer traumschönen Basis.

Und nun also Papyrus Oud, der eigentlich das Original Gucci pour Homme hätte werden sollen, hätte Tom Ford keine Änderungen gewünscht. Streng genommen wäre dann also Papyrus Oud das Original Gucci pour Homme :-o

Alle drei Düfte beinhalten Weihrauch und Papyros und erzeugen somit dieses absolute und unverkennbare Gucci pour Homme–Feeling. Die weitere Ausgestaltung verläuft dann etwas anders, aber die Grund-DNA bleibt immer erkennbar.

Papyrus Oud will bei mir aber zu keiner Zeit und Stunde weich oder gar kuschelig werden. Es verbleibt im namensgebenden Rahmen. Nicht harsch oder gar kratzig, ich würde es eher als nüchtern, straight und etwas distanziert beschreiben wollen. Diese sinnliche Wärme des GpH sucht man hier vergebens.

Gucci und Bentley schaffen den Sprung zur Sexyness wahrscheinlich gerade, weil beide eine Brücke zwischen Weihrauch und Papyrus einerseits und Weichzeichnern wie Sandelholz, Tonka und Vanille andererseits schlagen.
Da genau das bei Papyrus Oud nicht (oder nur im geringsten Moschus-Maß) passiert, hebt sich Papyrus Oud deutlich von den anderen beiden Düften ab.

Ich finde alle drei Düfte sehr gelungen und würde auch jeden tragen, meine persönliche Rangfolge lautet jedoch ganz klar:
Platz 1: Gucci pour Homme
Platz 2: Bentley for Men Absolute
Platz 3: Papyrus Oud

Wer das alte Gucci pour Homme mag (und auf der Suche nach einer wertigen Alternative ist), dem seien die beiden Nachbauten auf jeden Fall empfohlen.

Merci Monsieur Almairac!


17.10.2018 11:44 Uhr
32 Auszeichnungen
Wer mich ein wenig kennt, der weiß, dass ich dem Hause Guerlain sehr zugetan bin. Schaffen es die Düfte der Neuzeit auch nicht immer, mich zu begeistern, so sind es gerade die alten Klassiker, die mich mehr und mehr in ihren Bann ziehen.
Zu Anfang meiner Parfumo-Zeit fand ich viele solcher Düfte einfach nur alt(modisch) und nicht gerade reizvoll. Doch das hat sich grundlegend geändert. Zum Glück. Je intensiver ich mich mit Düften beschäftigt habe, desto mehr taten sich – gerade bei den Klassikern – ungeahnte Duftwelten auf. Wahrscheinlich braucht es einfach seine Zeit, bis man da hineinwächst. Der „Parfumo-Bildungsaufrag“ war also ein Erfolg ;-))

Vor einigen Tagen ist mir zufällig die unscheinbare Probe des Jicky Extraits in die Hände gefallen. Das EdT und EdP kenne und schätze ich sehr, insofern war der Test des Extraits nur eine logische Fortführung dieser Reihe.

Das Extrait startet direkt mit der Lavendel-Peitsche, die bei jedem Schwung ein paar zitrische Sprenkler mit sich führt. Diesen Auftakt muss man bzw. ich einfach mal ertragen. Wahrscheinlich ist dieses Opening auch dem Entstehungsjahr geschuldet.

Direkt dabei ist auch das Tier. Zunächst alles andere als ein schnurrendes Kätzchen, eher eine fauchende Großkatze. Aber dennoch wohlerzogen. Sie weiß sich zu benehmen und mit ihrer Kraft umzugehen.

Nach diesem sehr fulminanten Start wird der Duft zusehends ruhiger und sanfter ohne dabei allerdings langweilig oder gar beliebig zu werden.

Zarte Rose und blühender Jasmin werden von der etwas bitteren Iriswurzel gut ergänzt, um ein Abdriften in eine allzu gängige Blümeligkeit zu vermeiden.

Das Tier ist nach wie vor vorhanden und begibt sich langsam in den Schnurr-Modus.

Je weiter der Duftverlauf (dieser Duft verdient den Begriff dann auch wirklich mal völlig zu Recht) in Richtung Basis voran schreitet, desto balsamischer, weicher und runder wird er.
Kein Gedanke mehr an den kratzbürstigen Lavendel (allenfalls noch als eine Ahnung), dafür nun super softe Guerlinade, weiches Leider, feine Gewürze und leicht harzig-bernsteinfarbener Amber. Und unter allem liegt das nun sanft schnurrende Kätzchen.

Jicky – was für Schönheit und was für ein Hochgenuss! Es ist fast unglaublich, dass dieser Duft schon derartig alt ist und trotzdem nicht altmodisch wirkt. Eine zeit- und alterslose Schönheit, die schlichtweg überzeugt. Und dafür keine Kapriolen schlagen muss. Jicky hat eine immense Kraft ohne dabei laut zu sein. Jicky berührt Herz und Seele, ist gleichsam tröstend, fordernd und umhüllend. Jicky ist die pure Verführung ohne anzüglich zu sein. Jicky ist….so Vieles mehr und eigentlich nicht zu beschreiben. Ein Duft, der erlebt werden muss.

Jicky – ein Duft für Frauen UND Männer, die den Spagat zwischen Gestern und Heute erleben möchten.

Danke Guerlain!


08.06.2018 13:55 Uhr
20 Auszeichnungen
Wenn ich ganz ehrlich bin, muss ich gestehen, dass für mich bislang die Formel

Tiziana Terenzi-Düfte + ich = nicht kompatibel

galt.

Nein, das liegt gewiss nicht daran, dass die Düfte schlecht gemacht sind. Ganz im Gegenteil empfinde ich sie stets als sehr hochwertig und in mancherlei Hinsicht auch als unique. Sie haften allesamt sehr lange und sind in der Regel auch mit einer deutlichen Projektion ausgestattet. Eigentlich alles Merkmale, auf die ich gerne anspringe. Ich habe sie nur sehr oft als eigenwillig dominant und mitunter kratzig(bürstig) erlebt, so dass eher selten der Wunsch aufkam, einen TT-Duft in meiner Sammlung haben zu wollen.

Doch durch die neuen Düfte der Luna-Collection und durch „Porpora“ (ständiger innerer Kampf, ob ich ihn haben möchte oder nicht) hat sich meine Sichtweise etwas geändert.

„Sirrah“ (Stern im Sternbild Andromeda) kam in meine persönliche Test – Umlaufbahn:
Sofort nach dem Aufsprühen habe ich den Eindruck, knöcheltief in säuerlich-herben Früchten (Quitte / Passionsfrucht) zu stehen. Eigentlich bin ich kein großer Frucht-Duft-Fan, insbesondere dann nicht, wenn sie klebrig-süß erscheinen. Ich schätze aber die säuerlichen Früchte, weil sie mir besonders vital und lebendig erscheinen und damit oftmals für einen angenehmen Frische-Kick sorgen.

Bereits zu diesem Zeitpunkt bin ich davon angetan, was Paolo und Tiziana Terenzi hier erschaffen haben. Das Prädikat „die beiden können Früchte“ ist Ihnen aus meiner Sicht sicher.

Ganz allmählich und langsam „reifen“ die Früchte nach, gewinnen an Fruchtigkeit und verhaltener Süße.

Sehr feine Safran-Fäden und pritzelnder Pfeffer durchwirken die Früchte und sorgen für einen ganz speziellen Twist. Überhaupt scheinen alle Duftbestandteile sehr agil zu sein, purzeln wild durcheinander und halten sich an keine Ordnung. Aber genau das macht diesen Duft so lebendig.

Rose und Amber werfen ihre Vorzüge in den Ring und sorgen für ein feinblumig-ambriertes Klima. Nicht zu viel und nicht zu wenig, sondern auf den Punkt austariert.

Das muss man können und die Terenzis scheinen es zu können.

Aromen aus hellen Hölzern und fluffig weichem Moschus unterfüttern das muntere Treiben.

Noch immer ist keine wirkliche Ordnung in Sicht, alle Mitwirkenden tanzen durcheinander und schaffen es dennoch, eine Einheitlichkeit und Synchronität herzustellen, die dem Duft extrem gut tut.

Und dann gibt es da noch eine spezielle Note, die den gesamten (sehr langen) Duftverlauf über präsent ist. Zunächst habe ich auf helles Oud getippt. Bei meiner Recherche bin ich dann aber darauf gestoßen, dass es wohl dieses spezielle Sauerstoff-Molekül sein muss, das für diesen besonders hellen und leicht schneidenden Duft-Eindruck verantwortlich zeichnet. Wie das geht? Keine Ahnung. Ist aber auch eins, denn es macht einen ziemlich guten Job.

„Sirrah“ ist für mich weit weg von einem klassischen Frucht-Duft. Ich empfinde ihn für eine längere Zeit als eher herb-frisch-säuerlich. Das ändert sich im Duftverlauf, wenn die anderen Duft-Protagonisten hinzukommen und für verhaltene Süße, Blumigkeit und Würzigkeit sorgen. Richtig süß wird „Sirrah“ für mich nicht, wohl aber milder, feiner und mit einer Wohlfühl-Basis ausgestattet.

Mir persönlich gefällt „Sirrah“ am besten, wenn es etwas wärmer ist und der Duft seine erfrischende Seite voll ausspielen kann. Hierfür spricht auch die Sillage, die zwar deutlich wahrnehmbar, aber nicht übertrieben ist. Aus meinen persönlichen Test-Erfahrungen heraus, würde ich ihn als unisex einstufen, da bei mir das Säuerlich-Fruchtige im Vordergrund steht. Aber das kann natürlich bei jedem anders sein.

Wie bei den Terenzis üblich, handelt es sich auch bei „Sirrah“ um ein Extrait de Parfum, das mit 365€ für 100ml einen ambitionierten Preis hat. Ob die wirklich hochwertigen Ingredienzien und der schmucke Flakon das wert sind, muss jeder für sich entscheiden.

Meine eingangs erwähnte Formel werde ich nun allerdings (gerne) ändern…

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Hier noch ein Zitat von „AusLiebezumDuft“, das ich sehr schön und treffend für die Luna-Collection finde:

„Das Projekt von Tiziana Terenzi beschäftigt sich mit der „Zukunft der Erinnerungen“. Einer Legende zufolge enden Herzensangelegenheiten, alles Unvollständige und Einsame, auf dem Mond. Hier werden Gedanken, Gefühle, Träume und Tränen, verstrichene Gelegenheiten und unvollendete Taten in kostbaren Ampullen aus Glas aufbewahrt. Tiziana Terenzi hat sich von diesen Bildern für ihre Kollektion exquisiter Extraits de Parfum inspirieren lassen. Indem wir sie über den Geruchssinn wahrnehmen, erlangen wir erneut Besitz des Verloren-Geglaubten. Indem wir sie auf der Haut tragen, erleben wir von Neuem ein Gefühl von Glück und wunderbarem Staunen.
Diese Kollektion ist dem „Wiederentdecken“ gewidmet, dem, was wir scheinbar vergessen haben und dem, was wir nicht vergessen konnten. Tiziana Terenzi geht zurück an die Orte mit ihren lauen Sommernächten unter einem strahlenden Mond und glitzernden Sternen. Mit den Augen eines Kindes betrachtet, erscheinen sie voller Magie und Wunder. Die Erinnerung selbst lässt sie noch zauberhafter erscheinen.“


04.05.2018 14:36 Uhr
27 Auszeichnungen
Liebe Calice,
lieber Yves,

vielen Dank für Eure tollen Urlaubs-Impressionen aus dem Orient. Eure wort- und bildgewaltigen Erlebnisse wirkten so real, dass ich das Gefühl hatte, ein Teil Eurer kleinen Reisegruppe zu sein. Auf einem Foto trägst Du einen Kaftan. Sehr ungewohnt, da man Dich ja ansonsten mit High-Fashion und Haute-Couture in Verbindung bringt. Aber es passt zu Deiner Einstellung, dass immer auch die kleinen Details stimmen müssen.

Allein die Beschreibung Eures Hotels (Yves, die beiläufige Erwähnung, dass es ein 5 Sterne Ressort war, wäre nicht nötig gewesen, denn Du wärst nicht Yves, wenn es kein Luxus-Hotel wäre) mit dem herrlichen Duft nach frisch-spritziger, mit ordentlich Pfeffer gespickter Mandarine hat mich schon beeindruckt. Den wohligen Unterschied zwischen der Hitze draußen und der angenehm kühlen Frische innen konnte ich sofort spüren.

Auch die dortigen Märkte müssen ein besonderes Erlebnis gewesen sein. Den Geruch von Gewürzen und Harzen, die in der flirrenden Luft ihr ganz eigenes Aroma entfalteten, hatte ich sofort in der Nase. Erstaunlicherweise sind sie nicht so dominant, wie ich es mir vorgestellt hätte. Nicht brutal würzig-harzig, sondern mehr ein Hauch aus beidem. Sehr belebend und genau richtig dosiert.

Obwohl dies nicht Dein erster Ausflug in den Orient war (ich erinnere nur an die 1970er Jahre, als Du bereits so beeindruckt vom Orient warst, dass Du Opium als Duft lanciert hast), entdeckst Du immer wieder Neues. Calice scheint da wirklich die perfekte Reisebegleitung zu sein, da sie Dein Faible offenbar teilt. Denn wie sonst wäre ihre intensive Zusammenarbeit mit Kilian zu erklären? Natürlich habt Ihr besichtigt, was in der Kürze der Zeit zu besichtigen war. Ich weiß ja, wie inspirierend neue Eindrücke für Dich / Euch sind.

Der alte Sultans-Palast muss es Euch wirklich angetan haben. Dicke Mauern, die im Inneren für fast so etwas wie Eiseskälte sorgen und einen spannenden Kontrast zur Hitze bilden. Bemerkenswert fand ich auch, dass dieser Palast offenbar ohne Pomp auskam, eher nüchtern, bescheiden und fast schon sakral anmutend. Dein Eindruck, dass in dem Gemäuer ein fast klerikaler, kalter Geruch von Weihrauch lag, passt da bestens in’s Bild. Normalerweise schüttelt es mich, da ich diese Art von Weihrauch nicht sonderlich mag, aber in diesem Fall muss es ein besonderer Weihrauch sein. Wer weiß, vielleicht haben die mit Moschus beträufelten Schalen dafür gesorgt, dass der Weihrauch trotz seiner Kälte und Strenge auch etwas Weiches und Harmonisches hat? Aber man muss ja auch nicht jedes Geheimnis lüften. Manchmal liegt der Reiz ja gerade in der Nicht-Entzauberung.

Du hast mich gefragt, wie ich einen Duft beschreiben würde, der das von Euch Erlebte zum Thema hätte. Nun, ich würde sagen, dass er warm und kühl zugleich ist, dabei anmutig und edel, dunkel und hell, hart und weich, präsent und doch zurückhaltend. Aber alles zusammen in einem ausgewogenen und sehr harmonischen Verhältnis. Wie ich ihn nennen würde? Na Kaftan natürlich ;-))

Ich freue mich auf weitere Reiseberichte und -erlebnisse!


30.04.2018 15:49 Uhr
30 Auszeichnungen
Es gibt Duftstoffe, die die reinsten Lockstoffe für mich sind. Iris gehört unbestritten dazu. Besonders schön finde ich, dass sie in Düften sehr facettenreich zum Einsatz kommt, mal außerordentlich kühl („Hiris“ v. Hermès), mal holzig (Bois d’Iris v. van Cleef & Arpels) und dann auch wieder würzig (Iris Nazarena v. Aedes de Venustas). Iris in Verbindung mit Veilchen lassen mich dann vollends im siebten Dufthimmel schweben. Diese Pudrigkeit à la Dior’s Homme oder Terry de Gunzburg’s Ombre Mercure sind für mich echte „Nasen-Catcher“.

Womit ich persönlich weitaus weniger anfangen kann, sind allerdings Tattoos. Erstens bin ich wohl eher nicht der Typ dafür (mir reicht schon vollends die Piekserei beim Zahnarzt oder beim Blutabnehmen) und zweitens habe ich in einigen Urlauben (und / oder an heißen Tagen bei uns) wohl zu viele Tattoos gesehen, die das Prädikat ästhetisch nun wirklich nicht (mehr) verdient haben. Natürlich gibt es auch geglückte Beispiele.

Nun also ein „Iris-Tattoo“ von Parle Moi de Parfum. Hm, komischer Name. Oder ist der Name Programm, weil er das Beste aus beiden Welten verbinden soll? Ich war jedenfalls sehr gespannt. Gerade auch, weil es ja offenbar ein monothematischer Duft sein soll. Würde die Iris (bzw. Irisbutter = Öl der Iriswurzel) „einen ganzen Duft lang durchhalten“ können?

Als der Umschlag aus Frankreich ankam, gab es kein Halten mehr. Sofort habe ich einige Sprühstöße auf meinen Handrücken gegeben. Und da war sie, sofort und unverkennbar in all ihrer Schönheit: die Iris.

Kein sanfter oder gar übersüßer Pudertraum und kein Lippenstift-Akkord, sondern eine tendenziell eher trockene und cremig-feinwürzige Iris. Begleitet wird sie von einem Hauch Amber und Veilchen (oder Lavendel, da bin ich mir nicht sicher).
Diese Iris ist nicht verspielt und frühlingsfrisch, sondern erwachsen mit einer unanstrengenden Ernsthaftigkeit. Eine selbstverständliche Eleganz, die nicht bemüht oder aufgesetzt wirkt, verleiht ihr einen besonderen Charme. Sie erscheint frisch und gehaltvoll, zurückhaltend und präsent zugleich.
Kurzum, diese Iris-Interpretation hat mich im Sturm erobert.

Auch der Test auf „Tragetauglichkeit im Alltag“ verlief nicht anders. Diese Iris ist eine treue Begleiterin, die einfach für Wohlbefinden sorgt. Dabei ist sie, je nach Außen- oder Körpertemperatur, mal mehr und mal weniger präsent, aber immer da. Sie bleibt zwar eher körpernah, ist aber dennoch für das Umfeld wahrnehmbar.

Und nun begreife ich auch, was das mit dem Tattoo im Namen soll. Ein Tattoo geht sprichwörtlich unter die Haut und eben das passiert auch mit diesem Duft. Orris Tattoo legt sich nicht einfach auf die Haut, sondern verschmilzt förmlich mit ihr, um dann nach und nach seine ganz spezielle Duftaura zu entfalten.
Natürlich könnte man jetzt sagen, dass das langweilig sei, denn Orris Tattoo durchlebt keine Entwicklung und kann (und möchte) schon gar nicht mit überraschenden Wendungen aufwarten. Diese Iris ist sich einfach selbst genug und verzichtet auf schmückendes Beiwerk. Und in dieser monothematischen Ruhe liegt für mich gerade der Reiz und das Besondere dieses unaufgeregten und geerdeten Dufts, der aus meiner Sicht absolut unisex, ganzjährig und zu fast allen Gelegenheiten tragbar ist.

Und so wird’s dann doch noch was mit den Tattoos und mir ;-))


25.08.2017 11:55 Uhr
36 Auszeichnungen
Letzten Samstag waren wir zu einer goldenen Hochzeit eingeladen. Das Jubelpaar ist noch relativ jung (beide 70) und absolut modern und aufgeschlossen. Die beiden bemerken immer so schön, dass es keinen Sinn macht, der Vergangenheit hinterher zu trauern, aber dass man die Vergangenheit braucht, um manches aus dem Hier und Jetzt zu verstehen. Die Feier selbst war festlich, aber keinesfalls steif oder förmlich (und somit Lichtjahre von solchen Feiern entfernt, die ich noch aus meiner Kindheit und Jugend kenne).

Dem Event angemessen musste natürlich ein Duft her. Er sollte nicht zu stark, dennoch wahrnehmbar und fein sein, in Maßen festlich, aber eben auf keinen Fall too much. Da traf es sich gut, dass mir kurz zuvor der „Violette“ von Berdoues in’s Haus geschneit kam.

„Violette“ ist ein absolut feinstpudriger und unsüßer Iris-Veilchen-Duft, der gaaaaanz sacht mit etwas Patch gewürzt ist. Bildlich gesprochen ziehen sich goldene Patch-Fäden durch dieses lila Duftgebilde.
Patchouli ist hier alles, nur nicht laut, erdig oder gar muffig. Als sehr sanftwürzig, minimalst süß und fein würde ich es beschreiben.
Iris und Veilchen verbinden sich komplett miteinander und ergeben als Duo eine sanfte und so gut wie unsüße Pudrigkeit, die mich eher an Kreide denn an Blüten denken lässt.

Alles in allem zeichnet „Violette“ ein sehr sanftes, harmonisches, in sich ruhendes, unaufgeregtes, stimmiges, feines und umfangendes Duftbild. Man erlebt mit diesem Duft keine echte Duftentwicklung und schon gar keine Überraschungen, denn alles ist von Anfang bis Ende direkt da.
„Violette“ ist nicht laut, sondern eher körpernah, aber dennoch wahrnehmbar, umgibt die Trägerin / den Träger mit einer feinwürzigen und eleganten Duftaura.
„Violette“ ist nicht auf Effekthascherei aus, sondern überzeugt durch eine selbstverständliche Eleganz und Feinheit, die aber nicht arrogant erscheint.

Und so, wie sich das Jubelpaar auch nach 50 Jahren Ehe immer wieder wie zufällig sanft und leicht berührt, jeder der beiden unwillkürlich die Nähe des anderen sucht, so begleitet mich auch „Violette“ durch diesen Tag. Immer da ohne aufdringlich zu sein, immer nah und doch nicht erdrückend und mit bloßen Gesten und Blicken so viel mehr sagend als mit vielen Worten.

Benoist Lapouza, der schon viele Düfte u.a. für Fendi und Pierre Cardin geschaffen hat, hat hier wirklich einen sehr feinen und sinnlichen Duft kreiert, der zu testen lohnt, wenn man die Farbe Lila sprichwörtlich erfahren, erleben und mit allen Sinnen genießen möchte.


10.05.2017 16:29 Uhr
17 Auszeichnungen
Vor einiger Zeit habe ich unter meinen Guerlain-Abfüllungen eigentlich L’Heure Bleue gesucht und bin dabei zufällig über Habit Rouge Proben gestolpert. So hatte ich nun das EdT, EdP und Extrait in der Hand. An das EdT konnte ich mich noch ganz gut erinnern, hatte es für mich als zu zitrisch und dominant verworfen. EdP? Extrait? Keine Idee, also nachtesten!

Das EdP schnitt da schon deutlich besser ab, erschien es mir doch „gemäßigter“ und runder als das EdT. Aber so richtig wollte der Funke nicht überspringen.

Zum guten Schluss dann eben das Extrait.

Und was soll ich sagen? Alle zuvor nicht gezündeten Funken taten dies nun gemeinschaftlich und umso intensiver!

Zu Beginn der Habit Rouge typische Zitrus-Knall, der hier allerdings (und für mich zum Glück) nur sehr kurz und knackig ausfällt.
Direkt im Anschluss macht sich Leder breit. Zunächst etwas dunkel und fest in der Anmutung. Im weiteren Duftverlauf (und mutmaßlich begünstigt durch die eigene Körperwärme) scheint es jedoch immer weicher und heller zu werden, mit meiner Haut zu verschmelzen.
Angenehm würziges Patchouli und eher dunkel-rauchige Vanille sorgen dafür, dass der Duft nicht zu einem reinen Leder-Duft mutiert.

Von diesem Moment an verändert sich Habit Rouge Extrait bei mir nicht mehr. Auf meiner Haut liegt diese ultra elegante Melange aus feinst gewürztem Leder, das von der Guerlain-Vanille umspielt und getragen wird.

Für einen kurzen Moment dachte ich, dass ich nun DEN Duft der Düfte, DEN Duft, der Cuir Beluga von meinem Signatur-Duft-Thron stoßen würde, gefunden hätte. Perfekt! Perfekt! Perfekt! Schrie es fast schon beängstigend in meinem Kopf.

Doch wie das so ist mit der Perfektion. Hat man sie (vermeintlich) gefunden, kann sie auch eine verstörende Wirkung haben.
Perfektion ist nur sehr schwer zu erreichen und vielleicht auch gar nicht so erstrebenswert. Allzu Perfektes bietet keine Ecken und Kanten, keine Reibungsflächen oder Schwachstellen und kann daher auch schnell überfordernd oder gar langweilig wirken.

Aus mir noch unerklärlichen Gründen meldete mein Bauchgefühl jedenfalls Unbehagen an und da mein Bauchgefühl und ich enge Freunde sind, befolgte ich es und verordnete uns Ausdauer-Tests.

So trug ich immer mal wieder bewusst und ganztägig das Extrait.

Mit jedem Tragen konnte und kann ich mich an dieser einmaligen Eleganz, den auf’s Dichteste miteinander verwobenen Gewürz-Leder-Vanille-Noten, der unglaublichen Tiefe, Wärme und Präsenz – kurzum der Perfektion – des Extraits erfreuen.
Doch dieser Test-Marathon hat mir auch andere Seiten aufgezeigt. Ich hätte es zuvor nicht geglaubt, aber dieser perfekte Duft konnte und kann auch bedrängend und (über-)fordernd sein.
Niemals laut, aber bestimmend-dominant-präsent hat er mir klar gezeigt, wer von uns beiden den Takt vorgibt. Zeitweise kam ich mir etwas verloren in diesem Duft-Gebilde vor, zu übermächtig lag das Extrait (trotz Minimalst-Dosierung) mit all seiner Schönheit über mir.

Bin ich bereit, mich dieser geballten Perfektion unter zu ordnen?

Ich denke nicht. Zumindest nicht immer.

Aber dann und wann, zu ganz besonderen Anlässen jenseits aller täglichen Routinen, wird mich dieser Ausnahme-Duft begleiten dürfen.

Dann und wann, wenn mir der Sinn nach absoluter Perfektion und Schönheit steht und ich erleben möchte, wie sich Perfektion und Schönheit anfühlen.

Dann und wann, wenn ich erleben möchte, wie etwas ist, was ich ganz und gar nicht bin.

Dann und wann, wenn ich es bewusst zulassen möchte, dass mich ein Duft beherrscht.

Aber eben auch nur dann und wann...und mit dem Streben und Suchen nach Perfektion ist nun Schluss!


09.03.2017 15:34 Uhr
24 Auszeichnungen
Es gibt sie wirklich und jeder kennt sie – diese Tage, an denen einfach nichts glatt laufen will und man sich irgendwann fragt, warum man überhaupt aufgestanden ist.

So ein Tag scheint heute für mich zu sein. Heute Morgen musste ich mich etwas beeilen, da ich vor der Arbeit noch zur Blutabnahme zu meinem Arzt musste. Fix noch den Rest Kaffee austrinken und dann musste ich auch los. Doch beim Trinken musste ich dann niesen und mein eigentlich hellblau-weiß gestreiftes Hemd war nun mit braunen Kaffeeflecken versehen. Sehr dekorativ!
Also fix wieder nach oben und ein frisches Hemd angezogen. Beim Arzt war’s (natürlich) rappelvoll, aber ich musste zum Glück nicht lange warten. Nachdem die Nadel wieder aus dem Arm war, war die Sprechstundenhilfe leider mit dem Pflaster nicht schnell genug zur Stelle, mein (frischer) Hemdärmel machte sich selbständig und landete zielsicher auf der blutenden Einstichstelle. Klasse, der Fleck war nicht zu übersehen.
Also vom Arzt einen kurzen Schlenker nach Hause und ab in’s dritte Hemd für diesen Tag. Bereits den ganzen Morgen liefen Hinweise im Radio, dass wegen einer Bombenentschärfung in Düsseldorf mit erheblichen Verkehrsbeeinträchtigungen zu rechnen sei, da zwei Autobahnen gesperrt worden sind. Mir doch egal – ich kenne ja schließlich Schleichwege! Aber wieso kennen all die anderen Autofahrer die jetzt plötzlich auch?? Und so dauerte meine Fahrt in’s Büro anstatt der üblichen 20 Minuten geschlagene zwei Stunden…

Das einzig Tröstliche dieses Tages: Ich habe offenbar heute Morgen zum richtigen Duft gegriffen – nämlich „Forever Amber“ von Libertin Louison - Technique Indiscrète. Ich kann gar nicht mehr genau sagen, weshalb und warum ich über diesen Duft gestolpert bin (OK, der Begriff „Amber“ im Namen dürfte ausschlaggebend gewesen sein), aber er hat sich sehr lange auf meiner Merkliste gehalten. Da ich keine deutschen Bezugsquellen auftun konnte, habe ich mir direkt einige Proben über die Website des Herstellers bestellt, was problemlos (und versandkostenfrei) geklappt hat.

Einige Tage später waren die Proben da und es konnte getestet werden. Vorwegnehmen möchte ich, dass ich alle Düfte als qualitativ hochwertig empfand. Auch wenn mir nicht alle gefallen haben, so war doch kein „No-Go“ dabei.

„Forever Amber“ (von dem lt. Hersteller jährlich nur 200 Flaschen hergestellt werden) hat mich jedenfalls vom ersten Moment an begeistert.
Der Duft eröffnet mit einem Spritzer Bergamotte, dem stehenden Fußes ein Hauch Jasmin und der namensgebende Amber folgen. Der Jasmin sorgt ganz kurz für eine dunkel-muffige Note, die sich aber zum Glück sofort wieder legt.
Fortan dominiert ein wundervoller, gelb-gold-strahlender Amber das Duft-Geschehen. Dieser Amber ist soft, fein und leise. Understatement scheint ihm in die Wiege gelegt worden zu sein, wobei er trotzdem nicht schüchtern oder verhalten wirkt.
So wie sich Sonnenstrahlen durch Nebel kämpfen, so strahlt auch dieser Amber heller und heller. Durch das Zusammenspiel mit feinstwürzigen Weihrauch- und Patchouli-Nuancen (im Falle des Weihrauchs ohne sakrale, im Falle des Patch ohne erdig-muffige Anleihen), sehr verhaltenem Tonka, gold-gelb-trockener Vanille und strahlendem Moschus ergibt sich ein warmes, fast schon heiteres Duft-Bild.

Ab diesem Stadium findet (zumindest bei mir) keinerlei Veränderung oder Duftentwicklung mehr statt. „Forever Amber“ scheint mit meiner Haut verschmolzen zu sein, gibt nach und nach immer wieder sein wunderschönes Duftbild preis.

„Forever Amber“ hat etwas Beruhigendes, Entschleunigendes, Tröstliches und Wärmendes ohne dabei ein reinrassiger „Winter-Wummser“ zu sein. Sein dezentes, edel-bestimmtes und feines Auftreten macht ihn für mich zu einem Ganzjahres-Kandidaten, der mich immer und überall begleiten darf.

Für schlanke 88€ bekommt man hier 50ml Eau de Parfum geboten. Der Flakon ist schlicht und der Sprühkopf funktioniert einwandfrei. Die Verpackung besteht aus einer schlichten schwarzen Box mit Deckel. Alles sehr einfach und ohne jegliches Chichi, was meiner Freude an diesem Schatz keinen Abbruch tut.

Wer also einen eher trockenen, leisen und soft-würzigen, qualitativ hochwertigen Amber-Duft sucht, dem sei ein Test unbedingt empfohlen.

Und so bin ich dann doch noch mit diesem Tag versöhnt.


25.01.2017 12:03 Uhr
30 Auszeichnungen
Wer oder was ist „Sauf“? So meine Frage, als ich vor einiger Zeit etwas bei Essenza Nobile bestellt habe und mehr oder minder zufällig über die für mich neue Marke gestolpert bin. Da sich alle drei Düfte thematisch um Weihrauch drehen (und ich die vielen Facetten des Weihrauchs mittlerweile sehr zu schätzen weiß – auch wenn mir beileibe nicht alle gefallen), habe ich direkt alle drei Proben geordert.

Zur Marke Sauf (Quelle: EssenzaNobile.de):

„Der Kopf hinter Sauf ist der italienische Künstler, Designer und Musiker Filippo Sorcinelli. Neben seiner Tätigkeit als Organist in einer der bekanntesten Kirchen Italiens ist er der persönliche Schneider des Papstes.

Für ihn ist Musik sein Leben, sein Glaubensbekenntnis und sein Rückgrat. Bereits noch jung an Jahren entdeckte er seine Begeisterung für Musik, die Filippo nicht wieder losließ. Bereits mit 13 Jahren war er Organist der Kathedralen von Fans und Rimini. So veröffentlichte Filippo Sorcinelli jüngst das Album „Francophilie“, mit dem er seine Liebe zur französischen Orgelmusik offenbart.

Mit Sauf möchte Filippo nicht nur die Musikalität des Parfums ehren, sondern diese Liebe mit der zur Orgel verknüpfen. So sind seine Parfums eine Hommage an die „Grand Orgue“, die berühmte Orgel in der Kathedrale Notre-Dame de Paris. Die Flakons sind den Registerzügen dieser Orgel nachempfunden.“

Die drei Düfte werden dort wie folgt beschrieben:

Sauf - Contre Bombarde 32
Registerbeschreibung: Die Kontrabombarde 32 besitzt einen außergewöhnlichen schmetternden, durchsetzungsfähigen und festlichen Klang. Darüber hinaus ist sie eine der lautesten Einzelstimmen einer Orgel.

Sauf - Plein Jeu III-V
Registerbeschreibung: In diesem Register sind mehrere Pfeifenreihen zusammengefasst, um einen klassischen Orgelklang zu erzeugen, der an die freie Mehrstimmigkeit der Engel erinnert.

Sauf - Voix Humaine 8
Registerbeschreibung: Ein süßer und dichter Klang verbirgt sich hinter diesem Registersatz. Es ist beinahe so, als könnte man einen Chor menschlicher Stimmen hören.

* Zitat Ende
*

Aha, das klingt zumindest alles sehr interessant. Filippo Sorcinelli (geboren 1972) scheint ein künstlerischer Tausendsassa zu sein. Musik, Bilder, Fotografie, Kunst und Parfum (u.a. Zusammenarbeit mit LAVS und Unum) sind offenbar sein Element. Seine Optik wirkt etwas verwegen und zunächst widersprüchlich zu offenbar so viel Feingeist. Aber bekanntlich zählen ja die Ergebnisse.

So, nun aber zum Duft bzw. zu den Düften. Es ist in der Tat so, dass sich alle drei Düfte um das Thema Weihrauch drehen. In allen drei Düften empfinde ich den Weihrauch als eher kühl und mal mehr, mal weniger sakral. Aufgrund der unterschiedlichen „Weggefährten“ in jedem Duft entwickelt sich der Weihrauch jedoch jeweils anders, zeigt vielfältige und wie ich finde interessante Facetten.

„Voix Humaine“, was übersetzt „menschliche Stimme“ bedeutet, war der letzte der drei Düfte in meiner Testreihe und hat mich fast sofort in seinen Bann gezogen.

Kühler und silbriger Weihrauch ist sofort präsent und wird von einem Hauch Bergamotte und etwas leicht Harzigem umspielt.
Doch dann scheint es, als ginge die Sonne auf: Herrliche Orangenblüten und Styrax strahlen und erwärmen den Weihrauch. Ich habe sofort das Bild von bunten Kirchenglasfenstern durch das Sonnenlicht fällt vor Augen.
Der Duft erscheint nun wärmer und wärmer, feine Leder- und Ambernoten unterstützen ihn dabei. Die verwendete Vanille ist nicht wirklich süß, eher dunklerer und verhalten rauchiger Natur.

Menschliche Stimmen vermag ich jetzt nicht zu „hören“, bestenfalls meine eigene, die Begeisterung kund tut.

Alles in allem ergibt sich ein wunderschönes und interessantes Duftbild. Der Dufteindruck reicht von leicht abweisend kühl bis hin zu warm-ambriert. Dabei wird Voix Humaine zu keiner Zeit wirklich süß oder mutiert zum Super-Kuschler, sondern schafft es, die spannende Balance zwischen den Polen zu halten. Gerade in der Basis wirkt der Duft sehr umfangend, fast schon beschützend und ja, sogar etwas tröstend.

Filippo Sorcinelli ist offenbar nicht nur optisch ein außergewöhnlicher Mann, ihm sind hier meiner Meinung nach auch außergewöhnliche Düfte gelungen, die das Thema Weihrauch modern und unprätentiös interpretieren. Die Harmonie aus der Musik wurde hier auf die Düfte übertragen. Vielleicht ist die Idee, beide Genres miteinander zu verbinden, gar nicht so schlecht.

„Voix Humaine“ ist mein absoluter Favorit des Dreigestirns, da die anderen beiden Düfte nicht die Dufttiefe und –wärme entwickeln. Wer mehr auf die kühleren und androgyneren Varianten steht, dem seien die beiden Düfte empfohlen.

Die Haltbarkeit ist gut (ca. 8 Std. bei mir), die Projektion moderat (durchaus wahrnehmbar, aber nicht erschlagend) und er ist defintiv unisex und zu fast jeder Jahreszeit und Gelegenheit tragbar.

Molte grazie Filippo Sorcinelli!


23.12.2016 14:34 Uhr
33 Auszeichnungen
Nein, gemeint ist hier nicht die trashige Familie Bundy, sondern die hochnoble Familie des hochnoblen Lord George. Und auch, wenn man glaubt, dass es absolut keine Gemeinsamkeiten zwischen amerikanischem Proll und englischem Hochadel gibt, sollte man sich nicht täuschen lassen: Die Aristokraten-Sippe um Lord George bestehend aus Lady Blanche (Gattin von Lord George), Tochter Rose und Schwiegersohn Herzog Nelson hat es nämlich auch faustdick hinter den blaublütigen Ohren. Außen hui, innen pfui sozusagen. Und damit wäre dann bewiesen, dass auch bei von und zu nur mit Wasser gekocht wird.

Interessant fand ich allerdings die Idee, diesen vier unterschiedlichen Charakteren entsprechende Düfte in der „Portrait“ Serie zu widmen. Ich muss gestehen, dass mich bei der Ankündigung der neuen Portrait-Serie von Penhaligon’s vorrangig das tolle Flakon-Design mit den künstlerisch anmutenden Verschlusskappen angesprochen hat. Ansonsten hatte ich mit dem Traditionshaus bislang (von wenigen Ausnahmen wie „Endymion Concentré“, „Opus 1870“ und einigen Düften aus der „Trade Routes Collection“ einmal abgesehen). eher wenige Berührungspunkte.

Und auch bei Lord George sah es anfänglich nicht nach einer Punktlandung aus. Nicht nur, dass die Verkäuferin eher abweisend und desinteressiert war (ich schwöre, ich hatte ehrenhafte Absichten und wollte nur den Duft testen!), nein, nachdem ich endlich einen Sprühstoß auf meiner Hand hatte, stieg mir zunächst eine bitter-herbe Rasierschaum-Note unterlegt von etwas Fuseligem in die Nase. Ich bin generell kein Freund des Geruchs von Rasierschaum (zum Glück bin ich Trocken-Rasierer) und hätte mir diesen auch in der Kopfnote nicht so präsent gewünscht. Die Verkäuferin wollte dann zumindest noch bzw. aus meiner Sicht viel zu schnell wissen, wie mir der Duft denn so gefällt. Also sagte ich „im Moment noch nicht so gut“, was sie mit „der Duft enwtickelt sich auch bei jedem anders“ quittierte. Echt jetzt? (Habe ich gedacht, meine Begleiterin geschnappt und schnellstmöglich den Laden verlassen).

Doch bereits einige Meter weiter stiegen mir dann plötzlich warm-weich-würzige Noten in die Nasen. Wo kamen die her? Ich mochte es kaum glauben, aber sie kamen von der bedufteten Stelle auf meiner Hand. Lord George ließ grüßen.

Von der anfänglichen Rasierschaum-Note lag nur noch ein Hauch in der Luft bzw. hat sich diese perfekt mit moderat süßlicher Tonkabohne, feinem Holz (ich tippe auf ein Zedern-, Sandelholz-Gemisch) und feinen Amber-Noten (bräunlich-golden und dabei würzig-aromatisch-balsamisch ohne schwer zu sein) verbunden. Der Clou ist allerdings diese leichte Brandy-Note (wobei ich nicht sagen kann, ob Brandy nun wirklich so riecht, da ich so gut wie nie Alkohol trinke bzw. im Haus habe), die sich unter und über dieses Gemisch legt. Sehr fein und leise, aber dennoch präsent.

Ich war absolut begeistert und wusste sehr schnell, dass ich ohne diesen Duft nicht nach Hause wollte und konnte. Leider bedeutete das auch, dass wir wieder in dieses Geschäft mit dieser speziellen Verkäuferin mussten. OK, es gibt keinen Prinz ohne Kröte. Also Augen zu und durch, der Duft war und ist es allemal wert. Sie hat ihn mir dann auch tatsächlich verkauft ;-)

Und auch heute, einige Wochen nach dem Kauf, bin ich immer noch absolut begeistert vom guten Lord. Spontankäufe sind sonst nicht so meins, aber in diesem Fall war er goldrichtig. Lord George ist ein eleganter, eher zurückhaltender und subtiler Duft, der allerdings trotzdem Präsenz zeigt und nachhaltig wirkt. Die Mixtur ist sehr schmeichelnd und lädt zum Wohlfühlen ein, vermittelt gleichzeitig Klasse und Understatement. Lord George hat es nicht nötig, laut zu sein oder zu werden, er wirkt durch sich unaufgeregt und edel, hat trotzdem Esprit und wirkt in keinster Weise angestaubt oder aus der Zeit gefallen. Lord George ist sicherlich kein Duft für Teenager oder sehr junge Träger. Ein gewisses Maß an Lebenserfahrung und Alter stehen dem Duft gut zu Gesicht.

Der Flakon ist absolut hochwertig, ebenso der Sprühkopf, der feinste Nebel des Dufts versprüht. Die künstlerisch gestaltete Kappe ist schön anzuschauen und wertig dazu. Die Kartons der Portrait-Düfte wurden von der isländischen Künstlerin Kristjana S. Williams gestaltet. Sie hat dafür Elemente aus viktorianischen Gemälden mit modernen Illustrationen und Farben verbunden. Somit sind nicht nur die Düfte, sondern auch das Packing ein optischer Genuss.

Und ich muss gestehen, dass es Penhaligon’s geschafft hat, mich speziell mit diesem Duft auf’s Positivste zu überraschen. Die drei anderen Düfte der Serie sind auch nicht schlecht, treffen meinen Geschmacksnerv aber nicht in dem Maße wie Lord George.

Wer also einen Gentleman-Duft mit Adels-Feeling möchte, dem sei ein Test ausdrücklich empfohlen ;-)


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