Precious
Precious’ Blog
vor 10 Jahren - 07.02.2015
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Düfte sind unberechenbar

Wenn ich bei Parfumo die vielen unterschiedlichen Kommentare zu Parfums lese, wird mir manchmal wehmütig um mein Herz.

So viele Parfumas verbinden mit Düften aus ihrer Vergangenheit schöne Erinnerungen. Sie scheinen nur daran riechen zu müssen und schon katapultiert sie der Duft in eine andere Zeit, fast wie ein Zauber. Ob es die unbeschwerten Jahre der frühen Jugend sind, die fröhliche, hübsche Tante, die den Duft XY immer trug, die erste Liebe, die so unschuldig und hinreißend war, oder die Erinnerung an den romantischen Garten der Großeltern, in dem es hochgewachsene, dichte Fliederbüsche gab und betörende Rosen in allen herrlichen Farben. Mir geht das nicht so.

Ein mich berührendes, schönes Parfum löst selten ein heftige Erinnerung in mir aus, es macht mich einfach nur glücklich und vielleicht versucht mein Kopf ein bisschen herauszufinden, wie ich den Duft wahrnehme. Ist er kühl und zurückhaltend, warm und verlockend, hell und freundlich oder gar dunkel und abgründig? Möchte ich ihm eine Farbe zuordnen oder zwängt sich eine Farbe geradezu auf? Beeinflusst mich die Verpackung in der Wahrnehmung des Parfums oder mache ich mir mein eigenes Bild?

Ich trage die Farbe Rot nicht als Kleidung und in meinem Zuhause wird man Rot suchen müssen, aber ich habe festgestellt, dass ich eine Menge Düfte besitze, die eine rote Verpackung haben oder einen roten Flakon. Venice, Madness, Burberry Brit Red, Hypnotic Poison, Chloé Narcisse und mein geliebtes Gem. Was geht in Parfumeuren vor sich, wenn sie die einst rote Verpackung von "Gem" plötzlich durch ein dezentes Beige ersetzen? Wie passt das zusammen? Verspricht man sich eine andere Kundschaft oder ein anderes Image für den Duft?

Meine Mutter verwendete selten Parfum, aber sie liebte Wohlgerüche. Schöne Seifen hatten es ihr angetan und sie verteilte sie überall im Schrank zwischen der Wäsche. Sie liebte auch Uralt Lavendel von Lohse, das es in einer dunkelgrünen, flachen Glasflasche zu kaufen gab. Sie beduftete gern unsere Wohnung damit und der kräftige, herbe, aromatische Lavendelduft zauberte ihr stets ein freudiges Lächeln ins Gesicht. Neulich kaufte ich ihr diesen Duft noch einmal, aber er ist ein Schlag ins Gesicht. Alles, was diesen Duft so einzigartig machte, ist nicht mehr vorhanden. Eine wässrige, nichtssagende Enttäuschung; ich hätte es mir denken können. Meine Mutter ist mit Parfums bis heute wählerisch, da sie eine sehr empfindliche Nase besitzt und bestimmte Nuancen ihr schnell Übelkeit bereiten. Sie hat längst nicht meine Dufttoleranz und ließe sich niemals auf einen Duft ein, der ihr nicht spontan zusagen würde. Ich erinnere mich noch genau, als sie sich in Chanel N°19 verliebte und mein Vater es ihr bald daraufhin schenkte.

Manchmal bekamen wir von einer Tante frische Rosen aus dem Garten. Wir freuten uns sehr und schnupperten immer wieder an ihnen und stellten fest, dass jede Sorte einen anderen Wohlgeruch verströmte. Wenn ich im Sommer an erblüten Rosen schnuppere, dann überfällt mich jedoch nicht diese Erinnerung. Auch erzählen mir Düfte nichts von rauschenden Wildbächen, blauem Himmel und feuchtem Moos. Vielleicht fehlt mir die Fantasie oder ich bin Düften gegenüber etwas sachlicher eingestellt, obwohl ich mich so für sie begeistern kann. Natürlich verbinde ich manche Erinnerungen mit bestimmten Lieblingsdüften, aber diese Erinnerungen sind nur für mich von Bedeutung.

Einmal fuhr ich mit dem Fahrrad durch unsere Stadt, die Luft war mild und rein und ich etwas in Gedanken, als mir plötzlich und völlig unerwartet Tränen in die Augen schossen und mich in Sekundenschnelle große Traurigkeit überfiel. Ich kann es kaum beschreiben, weil das Gefühl so übermächtig war. Eben noch zufrieden und in guter Stimmung, war ich plötzlich todtraurig geworden. Ich konnte mir das zunächst nicht erklären, was geschehen war. Dann wurde es mir schlagartig bewusst: Ein Mann hatte sich gerade eine Zigarette angezündet und ich war durch ihren Rauch gefahren. Wie oft riecht man solch einen Zigarettenrauch und er löst nichts aus, aber an diesem besagten Tag, schlug die Erinnerung mit voller Wucht zu. Der Zigarettenduft hatte mich an meinen verstorbenen Vater erinnert und mich schmerzlichst spüren lassen, wie sehr ich ihn vermisse.

6 Antworten
VollbartVollbart vor 10 Jahren
Gerüche sind halt unberechenbar :-).
BlauemausBlauemaus vor 10 Jahren
Mein Vater und ich haben die Filmmusik zu "Once upon a Time in America" geliebt. Seut mein Vater tot ist, habe ich es nie mehr geschafft, sie mir anzuhören. Ich kann Dein Erlebnis mit dem Zigarettenrauch also gut nachvollziehen. Düfte lösen auch in mir Erinnerungen aus, nicht nur Parfums. Der Gerucheiniger alter Bücher meiner Kindheit z.B. habe ich sofort wiedererkannt und mich darüber gefreut.
PlutoPluto vor 10 Jahren
Manche Düfte, längst nicht alle, wecken Erinnerungen, schmerzliche oder schöne. Bei einigen weiß ich, dass sie vor vielen Jahren von Menschen getragen wurden, die ich schätzte, trotzdem kommt keine Erinnerung hoch. Und manchmal macht ein Duft plötzlich traurig oder glücklich, ohne dass man weiß, warum. Den grünen Lavendelflakon seh ich gerade vor mir, auch die Seife in den Schubladen. Meine Tante, meine Oma? Ich bin nicht sicher.
MarWicMarWic vor 10 Jahren
Es ist immer wieder ergreifend,wenn das olofaktische Gedächtnis uns unvorbereitet überrumpelt....Quasi aus dem "Nichts" haben wir die stärksten Empfindungen von Wut,Trauer,Liebe,Abscheu--Tränen und Kloss im Hals inklusive....Du hast auch recht,es sind meistens nicht Parfums,die das auslösen,sondern ganz banale Alltagsdüfte,die uns unversehends aus den Puschen hauen....Ein schöner Blog-Beitrag !
YallaYalla vor 10 Jahren
Eltern sind etwas Besonderes und Trauer ist so furchtbar langlebig.

Ich habe Zwiebackbrei als Auslöser zu bieten.
Esther19Esther19 vor 10 Jahren
Das hast du sehr schön beschrieben. Ich habe auch solche Dufterinnerungen, die kaum etwas mit Parfum zu tun haben: Der Saubergeruch bei meinen Großeltern, gestärkte Wäsche, Opas Zigaretten , Duft nach Kartoffelsuppe mit Pilzen und Majoran, nach Gebackenem, selbstgekochtem Pflaumenmus, Gartengerüche: Bohnen, lila Astern, einer bestimmten Apfelsorte - damals rochen Äpfel noch! Wenn ich an meine Großeltern denke, die wohl nie Parfum benutzt haben, meine Oma nur Seife und Niveacreme - dann fallen mir eben diese Gerüche ein, und das Gefühl der Geborgenheit. Ausflüge mit meinen Eltern: Wald, Pilze, Picknickgerüche, der Gummigeruch des Schwimmrings. Ebenso sind unangenehme Gerüche gespeichert: der Mief in den Umkleidekabinen der Sporthalle, der Geruch eines Impfstoffs in der Schule, der Kellergeruch bei meinen Eltern. Es ist merkwürdig, dass das sozusagen noch als Nasenarchiv abrufbar ist!

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