Precious
Precious’ Blog
vor 12 Jahren - 03.12.2013
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Die Qual der Wahl

Beim Anblick von Kinderzimmern, die übervoll mit Spielsachen zugerödelt sind, nehmen Eltern ja gern mal Ihren geliebten Kleinen etwas weg u. verwahren es für eine gewisse Zeit im Keller. Denn bei einer zu unübersichtlichen Auswahl fühlen sich die Kleinen oftmals völlig überfordert und wissen überhaupt nicht, womit sie nun eigentlich spielen wollen und werden dann quengelig.

Mir geht es ähnlich, wenn ich die Auswahl meiner Düfte betrachte u. morgens vor dem Schrank stehe. Über viele Jahre Sammelleidenschaft, hat sich einfach auch viel angehäuft. Alles Düfte, die ich mag und auch regelmäßig verwenden möchte. Doch die Qual der Wahl macht mich manchmal etwas unschlüssig und nervös, deshalb greife ich aus Gewohnheit zu den meistgeliebten Fläschchen, die sich bewährt haben, die ich total angenehm an mir empfinde und mit denen ich Komplimente einheimse. Mal ehrlich: Schließlich freut sich jeder Parfümierte über einen netten Kommentar zu seinem Parfum.

Je älter ich werde, umso weniger experimentierfreudig erlebe ich mich. Ich möchte mit einem Duft nicht beeindrucken, sondern bestenfalls angenehm für die Menschen um mich herum riechen und mich selber mit ihm wohlfühlen. Er soll mich nicht ablenken oder gar stören, sondern eine harmonische Einheit mit mir bilden, damit er wie selbstverständlich zu mir passt. Ich mag durchaus gefällige Düfte, mit denen sich auch meine Mitmenschen erfahrungsgemäß wohlfühlen. Wähle ich am Morgen mal einen etwas neuen, zu eigenwilligen, kapriziösen Duft, kann es sein, dass er mich im Laufe des Tages anfängt zu stören und mich irritiert. Ja, und je älter ich werde, umso vorsichtiger und dezenter parfümiere ich mich.

Ich bin zu der Erkenntnis gekommen, dass es sehr unangenehm u. auch rücksichtslos ist, wenn Menschen z. B. zu laut reden u. ich empfinde es auch als unangenehm, wenn man seinen Duft zu stark u. extrovertiert trägt. Ich denke, man sollte immer nur so viel Duft auftragen, dass man den Duft des Anderen noch wahrnehmen kann. Riecht man nur sich selber - dann stimmt mit der Dosierung etwas nicht.

Ich dachte nicht immer so, denn als ich jung war, habe ich mir darüber keinen Kopf gemacht und so ging ich auch eine Freundin im Krankenhaus besuchen und sprühte mich vorher kräftig mit meinem geliebten Shalimar ein. Ein übler Fehler. Fast schon ein schlechtes Benehmen, wie ich heute finde. Meine Freundin war frisch operiert! Heute weiß ich, wie man sich nach einer OP fühlt und dass ein noch so schöner Duft in dieser Stärke nicht ins Krankenhaus gehört. Das war absolut unsensibel u. unpassend von mir, obwohl es meine Freundin nicht störte. Aber so benimmt man sich gelegentlich als junger Mensch.

Auch erinnere ich mich an zwei Krankenschwestern, die viel zu stark parfümiert waren: Die eine trug Joop Le Bain, ein Duft, den ich seit diesem Erlebnis nicht mehr riechen mag. Und eine verwendete tatsächlich Hypnotic Poison.

Seltsamerweise hat sich bei Hypnotic Poison kein Widerwille bei mir eingestellt, und ich mag ihn noch sehr als Ausgehduft. So sonderbar ist es mit unserem Duftgedächtnis - irgendwie bleibt es auf geheimnisvolle Weise unberechenbar.

9 Antworten
PreciousPrecious vor 12 Jahren
@ Pluto, Blauemaus & Chypienne: Ihr seid klasse! Vielen lieben Dank für Eure tollen Beiträge. Freue mich. Im Moment fehlt leider die Zeit, auf jeden einzelnen einzugehen, was ich noch nachholen möchte.
ChypienneChypienne vor 12 Jahren
Dein Kommentar könnte von mir sein:-), ich unterschreibe jeden Satz. Auch ich mag es viel lieber dezent und angenehm, habe ich doch selber ein sehr ausgeprägtes Riechempfinden. Allerdings bin ich auch sehr gerne durch die Parfumo - Nieschendüfte - Schulung gegangen, habe dabei sehr viel gelernt und weiß nun auch Düfte zu schätzen, die ich zuvor sträflich missachtet habe. Und mit der Unberechenbarkeit ( und dem Wankelmut ) unseres Duftgedächtnisses hast du ja so recht!
BlauemausBlauemaus vor 12 Jahren
Ich kann Dich gut verstehten: Auch ich mag keine riesige Silage mehr um mich herum zu haben und bevorzuge dezentes, ich fühle mich damit einfach wohler. Und ja, auch ich hatte damit als 20-jährige keine Probleme ;-))) - selbst noch vor 10 Jahren überdosierte ich Angel ungerührt. Heute empfinde ich dieses Verhalten genauso wie Du als rücksichtslos meinen Mitmenschen gegenüber. Ich bin sicher, nicht jeder liebte Angel damals so wie ich. ;-) Umgekehrt möchte auch ich von meinen Mitmenschen nicht mit einer Parfumwolke belästigt werden.
PlutoPluto vor 12 Jahren
Wieder ein interessanter Blog von Dir, ich benutze im Grunde auch immer dieselben Düfte und habe mir vorgenommen, im nächsten Jahr einige kaum benutzte zu verschenken oder in den Souk zu stellen. Als ich noch Aromatics benutzte, war ich eine Zeitland täglich morgens ganz früh zur Bestrahlung in der Uniklinik. Eine Schwester war immer sehr nett, die andere sehr reserviert. Nach Wochen hat die reservierte Schwester mir mitgeteilt, dass sie meinen Duft nicht verträgt. Daraufhin hab ich natürlich in der Zeit keinen Duft benutzt. Ab da hatten wir ein freundliches Verhältnis. Die andere Schwester hat Aromatics vermisst, aber sie hat mir auch erzählt, dass die Kollegin seit einer Krebserkrankung auf Düfte sehr empfindlich reagiert. Ansonsten habe ich das Glück (oder Pech), dass meine Haut Düfte auffrist!
PreciousPrecious vor 12 Jahren
@Peanut, Aura, Anemone, Zora & Pipette: Ich danke Euch herzlich für Eure nachdenklichen, zustimmenden Kommentare. Freut mich sehr.
PipettePipette vor 12 Jahren
Ich kann das gut nachvollziehen. Je aelter man wird, umso mehr moechte man Duefte haben, auf welche man sich ganz verlassen kann. Also jedesmal, wenn neue Proben hereinkommen, wie jetzt die von Oriza L. Legrand, umso mehr muss ich - nach ausdruecklichem Probieren von vielleicht 4 von 7 - Pause machen, und zu meinen normalen Alltagsdueften zurueckkehren. Das Beispiel mit dem Kinderzimmer voll von Spielsachen ist wirklich wahr. Wer Kinder hat, weiss das. Je mehr man ihnen gibt, desto mehr moechten sie. Die Stimulierung hat kein Ende. Und wenn man hoert, dass in anderen Laendern einen Tsunami gibt, fuehlt man sich dankbar, was man hat.
ZoraZora vor 12 Jahren
Geht mir auch so. Nur habe ich das Glück oder auch nicht, das ich eine Duftfresserhaut habe und dadurch eine Überparfümierung fast unmöglich ist:). Aber mit der Wahl geht es mir ähnlich seit ich meinen Lieblingsduft gefunden habe. Da ihn die Menschen als sehr angenehm an mir empfinden erwische ich mich dabei das ich fast ausschliesslich diesen Duft wähle. Kommt noch dazu, das ich die Düfte die es fast nicht mehr oder gar nicht mehr gibt zu schade finde im Alltag zu tragen.
AuraAura vor 12 Jahren
Schön geschrieben. Ich habe auch manchmal Angst, dass ich mich für andere zu stark parfümiere, aber dann ist es mir auch wieder egal ;o) Dass man immer öfter zu den Lieblingen greift und die anderen zu kurz kommen, stelle ich auch fest. Muss glaub den Souk mal befüllen... gute Gedanken, werd ich mir merken.
PeanutPeanut vor 12 Jahren
Ich bin da ganz bei Dir: Parfum-Extravaganz um jeden Preis (und auf Kosten der Umgebung) empfinde ich ebenfalls als egozentrisch. Auch habe ich mich mit den Jahren in eine immer gefälligere Richtung entwickelt. Als Teenager duftete ich nach Casmir, Trésor und Konsorten, heute bevorzuge ich cleane und leichte (besser gesagt: "unparfümige") Düfte. Interessant, dass es bei Dir ähnlich ist.

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