SalanderSalanders Parfumkommentare

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09.06.2019 20:21 Uhr
33 Auszeichnungen
1957

1957 - Chanel

9.0
Als Karl Lagerfeld „der Große“ in die Einfahrt des Kosmetik-Hauptquartiers abbog, hatte er schon die fixe Idee im Kopf. Die Renovierung der New Yorker Boutique in der 57. Straße stand vor der Finalisierung, die Wiedereröffnung rückte immer näher. Zudem hat er gerade seine Métiers-d’art-Kollektion ins Metropolitan Museum verlegt. Diese Ereignisse sollte man doch neben der aktuellen Modekollektion auch mit einem neuen Parfüm feiern. Der Duft könnte 1957 heißen. Damals bekam doch Coco den Mode Oscar, den „Neiman Marcus Award for Distinguished Service in the Field of Fashion“ in Amerika verliehen. Es war das Jahr ihres Comebacks nach dem Krieg und in Übersee war sie danach noch lange Zeit sehr erfolgreich. Das wäre doch eine schöne Huldigung an Gabriele Chanel und an die Amerikaner. Oliver (Polge) wird sicher einverstanden sein. Und ihm fällt bestimmt auch etwas Großartiges ein, wie er seine Vorstellung mit einem Duft verbinden würde.

So oder so ähnlich wurde das 17. Parfüm der Serie „Les Exclusives“ von Chanel geboren.

Und jetzt, bevor ich an dieser Stelle mit der Parfümbeschreibung fortfahre, möchte ich gerne einen kurzen Umweg nehmen.

Im vergangenen Jahr wurde mit Parfüm weltweit ca. 40 Milliarden Dollar umgesetzt. Marken, Manufakturen, Maisons und Hersteller soweit das Auge reicht. Der Versuch, alle Neuerscheinungen zeitnah zu testen lässt erahnen, wie sinnlos sich Sisyphos bemüht haben musste, seine Aufgabe zu erfüllen.

Irgendwann, als ich das Nachrichtenmagazin "Der Spiegel" in die Hand nahm, ging mir ein Lichtlein auf. Früher oder später werden die gleichen Themen in allen Zeitungen besprochen, lediglich mit einem anderen Schwerpunkt und meist nach der eigenen politischen Überzeugung differenziert dargestellt. Das was für diverse Magazine und Fachblätter gilt, bestimmt auch die Duftlandschaft. Trends werden auf dem ganzen Markt nach und nach von verschiedenen Herstellern aufgegriffen und unterschiedlich interpretiert. Heute laufe ich nicht mehr jeder Marke hinterher. Etat Libre d'Orange kann mir schon lange gestohlen bleiben. Wenn jemand Spaß daran hat, seine olfaktorischen Geisterbahnrunden zu fahren und gleichzeitig seine Synapsen zu teeren, kann er das gerne tun. Ich warte solange draußen.

Dagegen mag ich die meisten Kreationen von Guerlain und Chanel sehr. Meine Erwartungen werden von den beiden Traditionshäusern überproportional häufig erfüllt. Unter der Leitung von Thierry Wasser oder Olivier Polge ersinnt man keine "toxischen" Verbindungen, sondern Gedichte aus Molekülen, eine Duftaura, die die Trägerin umschmeichelt. Für mich sind die schönsten olfaktorischen Begegnungen weiblich, cremig, pudrig, floral und rein. 1957 ist in meinen Augen ein Volltreffer.

In der ersten Linie findet man hier einen Moschusduft, der in feiner Manier das tut, was er am besten kann, nach Sauberkeit, Reinlichkeit und Sinnlichkeit duften. Oliver Polge selber beschreibt 1957 wie folgt: „Seine Essenz, seine Basis ist weißer Moschus aus acht Varianten, kommt erst auf der Haut zu voller Blüte“.

Ich möchte ehrlich sein, bei einem Blindtest hätte ich eindeutig auch nur festhalten können, dass es sich hier um einen ätherischen femininen Moschusduft handelt. Daneben ist mir lediglich die Ähnlichkeit mit zwei anderen festen Größen aufgefallen. Die Duftrichtung, die Cacharel mit Noa erfolgreich gemacht und White Suede mit Leder veredelt hat, variiert der Parfümeur mit sanften Tönen von Jacques Polges Beige.

Oliver Polge hat mit 1957 einen wunderbaren Understatement-Duft in der Tradition seines Vaters und nach Coco Chanels Leitsatz geschaffen: "Ich möchte ein Parfum für Frauen, das wie eine Frau riecht!" Hand aufs Herz, wollen wir das nicht alle?

(Quelle: WELT - „Nicht Paris, sondern Amerika feierte Coco Chanel damals“)


29.04.2018 15:47 Uhr
24 Auszeichnungen
Es war einmal ein kleines Mädchen namens Heidemarie Jiline Sander, das an einem kalten Novembertag in 1943 in Hedwigenkoog an der Nordsee das Licht der Welt erblickte. Niemand ahnte, dass dieses niedliche zarte blonde Geschöpf irgendwann die Modewelt auf den Kopf stellen würde.

Schon als Kleinkind hatte sie eine große Affinität zu Hosen, wohlgemerkt in einer Zeit, in der Mädchen "obligatorisch" Kleidchen trugen. Ästhetik spielte in ihrem Leben eine immer größer werdende Rolle. Nach ihren beruflichen Anfängen bei verschiedenen Modezeitschriften fiel jemandem auf, dass sie bei Fotoshootings den Herstellern erklärte, wie sie sich die Kleidung vorstellte, damit sie diese für Magazine besser fotografieren lassen kann. Daraufhin hat die Faserfirma Trevira gefragt, ob sie Lust hätte, eine Kollektion zu entwerfen. Dies war der Beginn ihrer Karriere als Modedesignerin. Sie machte sich bald selbständig und eröffnete in 1968 ihre inzwischen legendäre Modeboutique in der Hamburger Milchstraße. Sie war äußerst kreativ, genau, veränderte Strukturen, experimentierte mit Hightech-Stoffen, die nicht knitterten, nicht kratzten, leichter waren. In 1975 gab es dann die erste Jil-Sander-Schau in Paris. Die coolen Teile definierten eine neue "clean chic"-Linine, irritierten das Publikum, wurden aber gleichzeitig von vielen bejubelt. Innovation setzt sich gewöhnlich nicht über Nacht durch. Die architektonische Ästhetik von Jil Sander war einfach viele Jahre ihrer Zeit voraus.1976 schaffte sie dann mit dem sogenannten Zwiebel-Look, der aus vielen miteinander kombinierbaren Einzelteilen und aus hochwertigen Materialien bestand, den internationalen Durchbruch.

Drei Jahre später erweiterte Jil Sander mit Lancaster ihre Produktpalette um die Duft- und Pflegeserie Jil Sander Woman Pure. Es folgten einige Düfte, die Parfümgeschichte schrieben und viele Liebhaberinnen fanden, so wie Sun, No. 4 aber auch Bad & Beauty.

Bad & Beauty war eigentlich eine Serie, die unter anderem Cream Bath, Shower Balm, Beauty Soap und Body Milk beinhaltete. Nichts davon habe ich damals gekauft oder getestet. Ich war viel zu jung, fühlte mich weder von ihrem zarten blonden Konterfei in der Werbung angesprochen, noch gehörte ich zu Ihrer Zielgruppe von wohlhabenden Frauen, souverän und mitten im Leben, häufig geschäftlich unterwegs. Ich lernte aber irgendwann Sun kennen und lieben, Scent 79, Sensations, Jil und Style. Die Welt von Jil Sander erschien mir interessant und ich kaufte mir im vergangenen Jahr blind einen Vintage-Flakon Bath & Beauty Eau de Toilette.

Ein Bild sagt mehr als tausend Worte, ein Duft ebenso. All die Beschreibungen, die Duftnoten haben mir nur wage vermittelt, was mich erwarten würde. Denn diese Duft ist für mich eine Studie zu No. 4, der Jahre später lanciert wurde, bzw. eine deutlich leichtere, verspieltere Variante. Die beiden "Schwestern" sind keine Zwillinge aber wo - obwohl absolut Präsent - ein Bad & Beauty aufschäumende Reinheit und Badespaß ins Spiel bringt, ist No. 4 eine selbstbewusste Frau im Hosenanzug. Im Auftakt lässt Jil Sander die Aldehyde tanzen, wodurch Bath & Beauty im ersten Moment androgyn erscheint. Ich kann danach Ingwer (nicht gelistet) erkennen, Koriander, moderaten Honig, einige herbe und angenehme Blüten die von Ylang-Ylang "versüßt", von Iris gezähmt werden. Ein klassischer Sauberduft ist B&B nicht, trotzdem umhüllt mich ein frisch gebadet Gefühl, das Stunden bleibt.

Dezent definiere ich gewöhnlich ganz andere Düfte, trotzdem hat Bath & Beauty etwas Zurückhaltendes. Ich nehme häufig einige Sprühstöße, wenn ich mich einfach nur für mich parfümieren möchte. Er ist stark, nicht im Sinne der Sillage, vielmehr hat der Duft eine gewisse Haltung. Feminin muss schließlich nicht immer sexy sein. Ausstrahlung, Charakter und Erscheinungsbild machen viel mehr von unserer Weiblichkeit aus. Eine selbstbewusste, unabhängige, moderne Frau kann, bzw. konnte Bad & Beauty perfekt in Szene setzen. Und umgekehrt. Dies wird auch der Grund sein, weshalb viele der Kundinnen von Jil Sander diese Aura heute noch herbeisehnen.

Aber wie sagte es Konfuzius 500 Jahre vor Christus in einem ganz anderen Zusammenhang schon sehr treffend: "Leuchtende Tage. Nicht weinen, dass sie vorüber. Lächeln, dass sie gewesen".

(Quellenangaben: Welt – Iconist: „Mode hat nicht denselben Stellenwert wie früher“// Wikipedia - Jil Sander // BR Fernsehen – „Mein Leben" // Ausstellung „Präsens“ - Frankfurt)


24.03.2018 21:20 Uhr
19 Auszeichnungen
New York, die Stadt, die niemals schläft. Eine Metropole mit tausend Facetten, unzähligen Kulturen, einer Vielzahl weltberühmter Sehenswürdigkeiten. Armanis Huldigung an „Big Apple“ mit fast 20 Millionen Einwohnern ist ein Privé-Duft in einem schlichten weißen Flakon mit einem lilafarbenen Schild verziert, wie eine Marmor-Gedenktafel. Klingt nach einem Monument, vielleicht nach einer symbolischen Freiheitsstatue. Und ich könnte noch einiges in Optik und Habtik hineininterpretieren, wäre nicht jedes Privé-Flakon nach dem gleichen Schema designt.

Armanis Marketingabteilung ist mit allen (Weih)-Wassern gewaschen. Vielleicht ist der Auftakt von "Armani Privé - New York" deshalb sakral? Die Herrschaften führen uns ganz schön an der Nase herum. Das Team macht uns Konsumenten mit einem utopischen Preis glaubhaft, dass wir den luxuriösesten und begehrenswertesten Flakon in den Händen halten. Mit Limitierungen und künstlicher Verknappung gaukeln sie uns vor, dass die olfaktorische Gelegenheit nie wieder kommen wird, sollten wir nicht sofort zugreifen und die sowohl exklusive wie auch restriktive Auflage kaufen. Wir wissen es und trotzdem tappen wir immer wieder in die gleiche wohl-duftende Falle. Wir Menschen sind einfach so gestrickt, begehren das am meisten, was schwer zu bekommen ist.

Die Abfüllung von New York war ein Frustkauf. Ich liebe Iris und wollte unbedingt das hochgelobte Armani-Duftwasser "Nuances" testen. "Charm" hätte mich auch zufrieden gestellt. Wochenlang habe ich gelauert, stündlich in den Souk geschaut. Meine Neugierde wuchs und wuchs, mein Jagdtrieb wurde immer stärker. Es war aber nichts zu machen, niemand bot die Unikate an. Irgendwann entdeckte ich eine andere Schönheit aus der Privé-Serie, wurde kurzerhand abgelenkt, las die Bewertungen, klickte und kaufte. Nur eine kleine Abfüllung zum Testen, sonst würde ich vermutlich ein weiteres Weltwunder verpassen. : )

Gestern war ich dann soweit, der Test stand an. New York durfte mit mir nach Köln reisen. Wir fuhren gemeinsam ins Büro und ich war zuversichtlich, ein Armani beherrscht die Etikette und wird sich auch unter ehrenwerten Kaufleuten gut benehmen. Das tat er auch, nur gelegentlich lenkte er mich von der Arbeit ab, denn meine Phantasie lief auf Hochtouren. Ungefähr acht bis zehn Stunden verbrachte ich in zwei Paralleluniversen.

Mein Tag begann zur selben Zeit in den heiligen Hallen meines Arbeitgebers und in St. Patrick’s Cathedral, in der größten neugotischen Stil erbauten Kathedrale in den Vereinigten Staaten. Leider klemmte die Kirchentür und ich saß drei bis vier Stunden lang in diesem wunderschönen Bauwerk fest. Anfangs dominiert nämlich Weihrauch das olfaktorische Gesamtbild, die sakrale Präsenz ist allerdings sehr fein mit einem Sauberduft verwoben. Ehrlich gesagt erinnert mich die helle Ausstrahlung des Parfüms anfangs an Boadiceas "Exotic", nur ohne Lavendel.

Gegen Mittag durfte ich dann Richtung 5th Avenue weiterschlendern. Statt einer Armain-Boutique anzusteuern ging ich zielstrebig auf einen Tom Ford Store zu. Denn der Duft ist in der mittleren Phase "White Suede" ähnlich. Anteile von Leder sucht man vergeblich, stattdessen mischt eine leichte Cremigkeit mit. Langsam wird diese Note immer stärker. Fans von „Lilac Love“ oder „Cruel Gardénia“ kommen hier sicher auf Ihre Kosten. An dieser Stelle wurde mir die Reise fast zu anstrengend. Aber nur fast, weil der Duft auch einen kuscheligen, leicht pudrigen Twist bekommt. Wahrscheinlich lenkt hier Chasmeran ein, der holzig-moschusartige Duftnoten hat. Ein komplexes Zusammenspiel entsteht, geprägt von würzigen, fruchtigen, balsamischen und vanilleartigen Irgendizien.

Und somit endet meine Tour am Times Square, am Herzstück Manhattans. Hier pulsiert das Leben, die LED-Werbeflächen glühen, ein Taxi folgt dem nächsten, man kann sich aber auch in der Fußgängerzone entspannt hinsetzen und mit „People Watching“ die Zeit vertreiben. Der Duft fühlt sich so an, wie das bunte Treiben im Zentrum, spannend, aufgeweckt, angenehm und fröhlich.

Was ich an diesem Parfüm bemerkenswert finde ist, dass die Entwicklung ständig eine neue Richtung einschlägt. Sobald du meinst, du wärst ihm auf die Schliche gekommen, du weißt jetzt, wohin die Reise geht, stellst du erstaunt fest, dass du dich geirrt hast. Das macht den Duft ausgefallen, abwechslungsreich, ein bisschen unruhig aber absolut vielseitig und auch trendy. Eine künstlich verkappte Rarität, die durchaus eine Begegnung wert ist und wahrscheinlich in wenigen Tagen bei Bergdorf Goodman ausverkauft sein wird.

Neugier ist Mephisto und der eleganteste Teufel des hiesigen Mode-Planeten heißt Armani. Und New York? Auch außerhalb des Stadtteils Manhattan immer wieder eine Reise wert.


10.11.2017 19:40 Uhr
30 Auszeichnungen
Wo beginnt für dich das Unmögliche? Wann gibst du auf? Was ist die Grenze? Wie weit würdest du für dein Ziel gehen?

Immer wieder nehme ich Düfte auf meine Merkliste, weil sie mich aufhorchen lassen, weil einige Beschreibungen meine Herzfrequenz erhöhen. Und dann, wenn ich selbige wieder bereinige, verschwinden die Wünsche, die mir auf den zweiten Blick doch nicht zusagen oder welche, die ich unerreichbar einstufe. Einige Träume lasse ich los, bevor sie begonnen haben. Bei "Fall Flowers" sah ich mich auch nur als Zaungast, obwohl ich Gurlain bevorzugt teste. Wer kann sich schon diese limited Edition in einem extra dafür designten handbemalten Porzellanflakon leisten? Und dabei habe ich erst nur über den Preis und nicht über die erschwerten Beschaffungsbedingungen nachgedacht.

Geht es hier nur um eine Komfortzone? Um geringes Vorstellungsvermögen? Um in eine zu enge Kiste gezwängte Phantasie? Um den konditionierten Alltag? Um mangelnde Leidenschaft für die Sache? Um zu wenig Zeit? Um langsam einsetzende Gleichgültigkeit für Neuerscheinungen aus der Retorte? Um das durchschnittliche Parfüm-Budget? Ich bin mir sicher, niemand hat diese Fragen ausschließlich mit „Ja“ beantwortet, die meisten aber zumindest ein-zwei.

Wie auch immer, es gibt Community-Mitglieder unter uns, die einen langen Atem haben und dadurch einiges möglich machen. Hier "Fall Flowers" im Sharing anzubieten würde ich natürlich nicht mit dem Bezwingen der Eiger-Nordwand vergleichen aber das geht schon in die Richtung das maximal erreichbaren des Parfumo-Wirkungsgrades. So hat mir ein "Big Player" zu meinem „Impossible“ verholfen. Nochmals vielen Dank dafür!

Als ich die Phiole aus dem Briefkasten herausholte, war es spät, bereits dunkel und ich war ziemlich müde. Trotzdem habe ich versucht, direkt nachdem ich in der Wohnung meinen Mantel abgelegt und die Sendung gierig geöffnet habe, einen ersten Eindruck am Sprühkopf zu erhaschen. Ich fragte mich, ob ich eine zukünftige Legende in den Händen halte. Es ging hier schließlich um einen streng limitierten und äußerst kostspieligen Guerlain. Ich konnte das erste laue Duftnebel nicht so richtig einordnen und verschob den Test auf den folgenden Tag.

Mit großer Spannung erwartete ich einen in das Orientalische abdriftenden, mit würzigen Akzenten durchwobenen Blumenstrauß. Das Thema ist schließlich Herbst, den ich mit einem Füllhorn, mit kuscheligen Noten, mit goldenem Licht assozieren würde. Ich, aber nicht Thierry Wasser und Delphine Jelk. Der Duft ist belebend aber auch ausgleichend. Eine fröhliche Stimmung verbreitet sich, eine leicht zitrische und eher grüne als liebliche Impression aus Sommer- und Herbstblumen. Die Süße, die Säure und die grünen Ingredienzien sind gut ausbalanciert. Auch wenn Gardenia nicht in der Pyramide gelistet ist, würde ich wetten, dass sie zum Bouquet gehört, Tuberose und Chrysanthemen vielleicht auch, Jasmin definitiv. Rose oder Ylang-Ylang habe ich gesucht, immer wieder am Handgelenk, im Gesamteindruck. Ihr erscheinen ist zögerlich, von Dominanz keine Spur. Sie treten nur im Chor auf, ihre Melodie wird aber von anderen Noten übertönt oder verhallt in der Mehrstimmigkeit.

Turandot hat Recht, wenn Sie die Kreation mit den typischen Signatureigenschaften von Chanel vergleicht. Denn: „She's got style, she's got grace, she's a winner - She's a lady“. (Tom Jones). Ein bisschen üppig ist sie auch aber zu jeder Jahreszeit und Stimmung tragbar und dezent dosiert wirklich schön. Eine leidenschaftliche Duftliebe ist trotzdem nicht aus uns geworden.

Der Flakon von Arita Porcelain ist traditionsbewusst und wird wohl niemanden ansprechen, der den Bauhaus-Stil bevorzugt. Die Romantiker unter uns sollten für dieses Design eher ein Faible haben. Eines ist sicher, die Investition könnte sich spätestens nach ein-zwei Generationen rentieren. Sammler geben heute schon für wesentlich unattraktivere alte Bakkarat-Behälter von Guerlain Unsummen aus.

Sillage und Haltbarkeit lassen ein wenig Luft nach oben, trotzdem sollte niemand die Präsenz des Duftes unterschätzen. Die „Fall Flowers“ begleiteten mich einen Tag lang durch den Herbst.

Die Aura dieses Odeurs erinnert mich übrigens ein wenig an Hermessence „Rose Ikebana“. Die beiden sind zwar keine Duftzwillinge, der Weg, den sie bestreiten, führt aber in die gleiche Duft-Richtung.

Und "What is your next impossible?" Ich habe "für den Fall der Fälle" „Djedi“ wieder auf meine Merkliste gesetzt.


10.09.2017 12:00 Uhr
51 Auszeichnungen
Lui

Lui - Guerlain

10.0
"Das Parfüm für eine neue Geschlechterordnung. Nicht wirklich weiblich, nicht wirklich männlich, sondern beides gleichzeitig. Inspiriert durch eine Generation, die sich von Geschlechternormen gelöst hat…“ (Quelle: Gurlain.com)

Ein Parfüm in einer Zeit, in der Frauen wieder deutlich signalisieren, dass sie nicht gewillt sind, zu alten Geschlechterrollen zurückzukehren und Männer sich immer häufiger die Elternzeit mit Ihren kleinen Kindern „gönnen“. In einer Zeit, in der gleichgeschlechtliche Ehe in vielen Ländern in Europa schon erlaub ist. Lui, bist du ein politisches Statement unter all den Unisexdüften, sogar eine Emanze?

Nein, ganz und gar nicht. Eher ein sanfter Vermittler. Während ich den Duft trug und mich mit dem Gedanken beschäftigte, wem der neue Guerlain stehen würde, kamen mir Eigenschaften in den Sinn, die durchaus weiblich oder männlich sein können: verletzlich, emotional, elegant, charmant, vertraut, begehrenswert. Diese Adjektive müssen ja auch nicht die Grenzen zwischen Männern und Frauen verwischen. Denkt einfach nur einmal an James Dean und danach an Lauren Hutton.

Lui. Was willst du uns wirklich sagen? Da ich der französischen Sprache leider nicht mächtig bin, habe ich Ponds zur Hilfe geholt und erfahren, dass lui ihm/ihr bedeutet. Im Vornahmen-Lexikon ist Lui als Jungenname hinterlegt. Jemand der so heißt, sollte „der Lebensfrohe, der Fröhliche“ sein. Ganz sicher beinhaltet der Name aber auch einen Hinweis an ein Parfüm aus dem gleichen Traditionshaus: Liu. An der Verbindung könnte man vielleicht ansatzweise zweifeln, wenn das Flakon nicht auch noch plakativ darauf hinweisen würde.

Eine Brücke wird hier nicht direkt geschlagen, viel mehr werden zwei Enden einer Skala markiert. Die laute Liu mit den No.5 Aldehyden, die überfordern kann und mit ihrem Sillage Städte bedeckt. Die Powerfrau versus angenehmer Begleiter in allen Lebenslagen. Je nachdem, wofür man sie engagiert, können sie beide wunderbar passen. Wobei für mich ersteres eine opulente Oper symbolisiert, letzteres eine Nacht unter Sternenhimmel mit dem besten Freund.

An dieser Stelle möchte ich ein-zwei persönliche Worte zu der Ehrenrettung von Lui und seiner leisen Duftaura schreiben. Mehr ist mehr, lautet die Devise in fast allen Parfumo-Bewertungen. Kann man jemanden nicht aus mindestens zwei Meter Entfernung „wittern“, wird dem Duft ein großer Mangel bescheinigt. Ich frage mich ständig warum. Ich teile meine Schätze oder mein Innerstes auch nicht mit jedem. Für mich ist ein Duft durchaus ein Teil von meiner Persönlichkeit, symbolisiert meine Stimmung und ganz nah an mich lasse ich nur sehr wenige Menschen. Jawohl, es gibt auch bei mir die „Sunshine“-Tage, aber immer nur recht dezent dosiert. Ich „schreie“ meine Gesprächspartner gewöhnlich auch nicht an. Ich poste mein Leben nicht auf Instagram. Und ehrlich, seid ihr entspannt, wenn ihr von einem Duft Kopfschmerzen habt, vor allem, wenn die Quelle externer Natur ist? Unbeeinflussbar. Ich finde Lui unter anderem gerade deshalb so angenehm, weil er nicht mit Gewalt Zutritt zur Bühne verschafft sondern mit seinem Charm anziehend wirkt.

Und jetzt kommt der Teil meiner Beschreibung, wofür Parfumo-Leser immer am meisten interessieren. Wie duftet dieses Parfüm?

Magst du Nelken? Wenn deine Antwort "ja" lautet, lese weiter. Magst du sie nicht, ziehe nicht über Los und widme dich eher anderen Neuerscheinungen. Denn diese aus der Mode gekommene und jetzt neu-entdeckte Blume ist das Hauptthema von Delphine Jelks und Thierry Wassers Kreation. Ich möchte hier kurz anmerken, dass Delphine Jelk diejenige ist, die auch schon die Tuberose für Joyeuse Tubereuse gezähmt hat. Denn auch ihre Nelke verliert die urtypische Assoziation. Vom Bauerngarten bleibt hier nicht viel übrig. Ihre Nelke ist eher eine schöne Blüte im Knopfloch eines eleganten Jacketts. Altmodisch, ruft das Gegenlager. Ein Zeichen der Neoromantik, sage ich.

Ich kann Wohlgerüche ganz schlecht „filetieren“. Es gibt Parfumos unter euch, die nach einem genüsslichen Zug am Handgelenk sogar "Duftmoleküle" auseinander halten können. Und die Pyramide einfach nur herunterzubeten ist für mich keine Option. Aber was ich außer Nelke wahrnehme ist Leder und noch etwas Balsamisches. Während ich den Duft trage, fühle ich mich ausgeglichen, eingelullt von einer positiven Grundstimmung. Die Nelke ist heruntergedimmt und freundlich. Das Leder ist nicht harsch, kein Wildleder, nichts Aufreizendes, viel mehr hat es die Aura eines Lieblingsstücks. Es könnte eine Jacke sein, ein Gürtel, ein Sessel, vertraut, tolles Handwerk, heimelig, ästhetisch, gleichzeitig modern und zeitlos. Die balsamische Note beruhigt mich immer wieder und weist meinen hektischen Bürotag in seine Schranken, wenn sich meine Nase meinem Handgelenk nähert.

Offensichtlich verbindet Benzoe alles. Aber wie duftet denn diese Zutat überhaupt? Bei Wikipedia ist die folgende Definition zu finden: „Der Geruch des leicht rötlichen Siam-Benzoe ist haftend, intensiv balsamisch, leicht schokoladig und erinnert durchaus an Vanille“. Ich habe mal gelesen, dass Benzoeöl beruhigend und ausgleichend wirkt. Jetzt haben wir es. Das wird der Grund sein, warum Lui den Träger in ein wohliges Gefühl der Wärme und Geborgenheit einhüllt.

Die Haltbarkeit betrug bei mir ca. 12 Stunden. Um 7:00 h aufgetragen blieb bis 19:00 h nur noch ein sehr angenehmer balsamischer Haut-Akkord übrig. Von Guerlinade keine Spur, ich vermisse sie hier aber ganz und gar nicht.

Fazit: Ich mag Guerlain und lande immer wieder in den „Fängen seiner Odeurs". Ja, ich ich liebe dessen alte Klassiker und schätze viele seiner Neuerscheinungen. Ich kaufe aber keines der Flakons blind. Lui könnte von Xerjoff oder von Prada, von s.Oliver oder ein No Name Produkt sein, ich würde für ihn, sie, es die Lanze brechen. Er, sie, es ist ein kleines romantisches Kerzenlicht unter den vielen Diven und Selbstdarstellern in der Parfümindustrie. Und ich werde ihn, sie, es aus meinem Weihnachtsgeld definitiv kaufen.


30.10.2016 14:41 Uhr
26 Auszeichnungen
Es ist eine große Bürde, Parfümeur bei einem Traditionshaus zu sein. Der Erfolg vergangener Jahrzehnte, Düfte, die Geschichte schrieben, innovative Vorgänger, das alles kann ein erdrückendes Erbe sein. Stéphane Humbert Lucas hat das Glück, von Anfang an seinen eigenen Weg gehen zu können, ohne sich mit der Vergangenheit und alten Generationen auseinander setzen zu müssen. Es ist jedoch eine enorm große Hürde, eine Marke in der überfordernden Fülle der heutigen Angebotsvielfalt zu etablieren.

Wie will sich Stéphane durchsetzen? Was treibt ihn eigentlich an? Was inspiriert ihn? Wie kam sein Konzept zustande? Nach eigener Aussage führte ihn seine rastlose Suche nach dem Absoluten zu Symbolen, Fahnen und Wappen. „Nach und nach, über viele Jahre hinweg habe ich die Welt als Ganzes erkannt, als eine ganze Einheit, einen unsichtbaren Felsen voller bemerkenswerter Individuen, großer Herrscher, gekrönter Häupter, ehrenvoller Stammesführer, alle mit großer Verantwortung und angetrieben durch ihren unauslöschlichen Glauben. Der Eifer und die ruhelosen Seelen hinter diesen eindrucksvollen Persönlichkeiten inspirieren mich und treiben mich immer weiter an.“

Sein Konzept - sein Streben nach dem Absoluten - findet durch seine Arbeit eine stimmige Umsetzung und die verdiente Beachtung des nischenverwöhnten Parfüm-Konsumenten. Die Optik der Flakons ist hervorragend, hat eine hochwertige Anmutung. Ohne die opulenten Düfte, die ausgesuchte Ingredienzien beinhalten und mit viel Bedacht und ein wenig ketzerisch zusammengestellt werden, wären die schönsten Hüllen bedeutungslos. Ihm gelingt die Fusion des Inneren und Äußeren. Seine spirituell angehauchten - ja ich nenne es bewusst so - Schöpfungen wirken leicht berauschend und manchmal verwirrend.

Ich selber, zunächst angezogen von den "epischen" Flakons seiner 777-Serie, habe einige von seinen Düften getestet. Allesamt hochwertige Kreationen aber nur Mortal Skin fasziniert mich. Diese Schlange wird wohl mein finanzieller Ruin.

Ich mag grundsätzlich feminine und eher elegante Düfte. Und doch brauche ich immer und unbedingt mindestens eine Antithese, die meistens auch polarisiert. Mortal Skin ist für mich ein fesselndes Meisterhexenwerk mit eingebauten Seelenfanghaken.

Und wie beschreibe ich jetzt den hintergründigen Duftverlauf? Es ist beinahe egal, denn ich kann euch hier mit meinen Worten nur eine grobe unfertige Skizze, umrahmt von sehr viel Nebel, zeigen.

Ich begegne sofort den "Blick der Schlange", ein Sog von beerig-fruchtigen Nuancen, matten, humanoiden Noten, das Gefühl von Auge in Auge, "skin to skin". Weiches Leder kann ich von Anfang an ausmachen und ein wenig Latex. Auch wenn ich weiß, dass Tinte auch schon in anderen Parfüms verwendet wurde, wäre ich niemals auf die Idee gekommen, diesen Akkord herauszufiltern. Mit Hilfe der Pyramide ist die Note aber durchaus wahrnehmbar. Der fruchtige Auftakt verabschiedet sich langsam und würdevoll, Hand in Hand mit der Tinte. Auf der Bühne erscheinen neue Protagonisten. Grüne, balsamische, fein gepuderte Töne umtänzeln die Trägerin sanft und bringen ihre Aura raffiniert zum Leuchten. Die weiche Mischung von Leder und Latex bleibt dabei erhalten. Der Ausklang ist tief, pudrig und sowohl mit Gewürzen wie auch mit dunkler unsüßer Vanille garniert. Ambra und Musc beruhigen die "Gemüter" sanft und geben dem Duft einen kuscheligen Twist.

Die von Anfang bis zum Schluss vorhandene Erotik präsentiert sich stolz aber auch leise und verletzlich. Ein Hauch mehr "Lautstärke" und der subtile Gesamteindruck wäre ruiniert. Es ist so, als würde die dezente Sillage ein wenig die Grenze zwischen "Wirt" und Duft auflösen. Der Effekt ist erstaunlich und könnte vielleicht mit "second skin" beschrieben werden.

Auch der niederländischen Tänzerin Margaretha Geertruida Zelle, die später als die berüchtigte Spionin Mata Hari berühmt wurde, hätte dieser Duft sicherlich gestanden. Meiner Meinung nach sogar Kleopatra. Ist Mortal Skin deshalb auch tödlich? Nein, sicher nicht! Aber durchaus "gefährlich".

Anosmia, danke dir für diesen tollen Impuls.


12.08.2016 19:26 Uhr
45 Auszeichnungen
Die ersten Tage nach meiner Anmeldung auf Parfumo vergingen wie im Rausch. Ich las Kommentare - wenn ich genügend Zeit hatte – vom Morgengrauen - bis zum Sonnenuntergang. Bald hatte ich die fixe Idee, eine kleine überschaubare Sammlung aufzubauen, die nur die „Besten der Besten“ beinhaltet. Dabei ging ich nicht streng nach den klassischen Konzepten vor. Ich suchte nicht unbedingt nach dem schönsten Chypre- oder Fougère-Duft, vielmehr wollte ich die Superlativen an weißen Blüten, an cremigen Kreationen, feinen Puderwölkchen, balsamischen Seelentröstern, Engelsledern, fröhlichen Colognes. Und wenn ich einen Kandidaten mit der Bestnote entdeckte, wusste ich immer sofort, hier kann ich inne halten, hier habe ich ein wunderbares Tröpfchen gefunden. Das ist meines.

Am schwierigsten gestaltete sich die Suche nach der perfekten Rose. Was ich wirklich will, wusste ich nicht so recht. Ich ging eher nach dem Ausschlussprinzip vor. Das Parfüm sollte in mir keine Assoziationen wie Gypsy- oder Hippie-Romantik hervorrufen, auch keine UdSSR-Charme, sollte nichts Madamiges enthalten und kein Sillagenmonster sein. Als Kind mochte ich Tee- und Wildrosen und mir gefiel die Vorstellung, wie es am imaginären Schloss von Dornröschen duften musste, als der edle Prinz dort eintraf. Somit war mein Steckbrief, gelinde gesagt, ziemlich unvollständig.

Gelegentlich verlor ich die schönste Rose aus den Augen. Es gab immer wieder Ablenkungen, Empfehlungen und damit auch neue Entdeckungen. Dann habe ich die Kommentare hier zu "Rose of no Man's Land" gelesen und etwas getan, das ich unter Eid abgeschworen habe. Im Souk auf Verdacht ein Flakon gekauft.

Das Parfüm entspricht meiner vagen Vorstellung von Rose, gleichzeitig aber auch nicht. Das liegt an den anderen Protagonisten, aber dazu später mehr. Die Blüten sind von Anfang bis zum Schluss präsent. Die türkische, oder auch Damaszener-Rose genannt, ist kletterrosenartig mit leicht nickenden rosafarbenen und üppig duftenden Kelchen. Damit wurde hier nicht, wie von der Namensgebung suggeriert, eine wildwachsende Art verwendet. Die Aura des ursprünglichen Extraktes wirkt aber durchaus natürlich, geerdet und „frei“. Frische Rosenblütenblätter - der Duft und die seidig schimmernden Farben – sind der Symbol von Sinnlichkeit. Aber sie können nicht nur betörend sondern auch übertrieben wirken. Die Lautstärke wird vom Parfümeur geschickt durch "grünliche" Holz-Töne gedimmt. Das ist sicherlich der Papyrus-Pflanze zu verdanken. Als ob eine sehr dünne, kaum wahrnehmbare Papyrus-Schicht die Rosen überzeihen würde. Und dann soll laut Duftpyramide auch noch Himbeerblüte mit von der Partie sein. Wir hatten früher unzählige Himbeersträucher im Garten und ich wusste nicht mal, dass deren Blüten duften. Ohne die Pyramide zu kennen, hätte ich viel mehr gedacht, dass die Rosen von Brombeeren umrahmt werden und diese zarte Fruchtigkeit verströmen. Der weiße Amber verleiht dem Duft einen Hauch von kuscheliger Körpernähe. Stunde um Stunde verschmelzen die einzelnen Ingredienzen zu einem einheitlichen Ganzen.

Ich könnte meine Eindrücke sicherlich noch erweitern. Doch dieser minimalistische aber durchaus großartige Duft bedarf keine weiteren Worte. Es ist, was es ist, eine wunderbare, sinnliche und leise Rose mit ein paar Begleitern, die die Blüte im besten Licht erscheinen und modern wirken lassen.

Das Flakon – einer Apothekerflasche nachempfunden – passt zum Duft, auch wenn es mein Herz nicht höher schlagen lässt. In einer Zeit, in der reife Männer sich genauso kleiden, wie ihre Söhne im Kindergartenalter und in Sneakers und jogginganzugähnlichen Baumwollhosen zum Dinner erscheinen, ist es wohl kontemporäre Kunst.

Ich habe gelesen, dass die Inspiration für „Rose of no Mans Land“ uns in den Ersten Weltkrieg zurückführt. Die Krankenschwestern, die damals für das Rote Kreuz arbeiteten, taten dies oft unter Einsatz ihres Lebens und hinterließen damit bei vielen Soldaten, einen nachhaltigen Eindruck. Der 1918 veröffentlichte Song „The Rose Of no Man’s Land“ von Jack Caddigan und James Alexander Brennan huldigte diesen Frauen. Auch das besonders bei den britischen Streitkräften beliebte Tattoo mit demselben Namen war ursprünglich vor allem eine Erinnerung an die Fürsorge, die der Träger von einer Krankenschwester an der Front erfahren hatte.

Mich wundert die ausgefallene Intuition nicht. Ben Gorhamm, der Gründer und Creativ Director von Byredo („by redolence“) ist der Punk-Rocker im Parfüm-Business. Wobei sich seine Unangepasstheit eher auf Innovation als auf Polarisierung bezieht. Er beschreibt sein Credo wie folgt: „Die Welt der Düfte und ihre Wirkung auf meine Erinnerungen und Eindrücke hat mich seit jeher fasziniert. Mit Byredo möchte ich meine persönlichen Erfahrungen kommunizieren und damit zu einem nahezu kollektiven Gedächtnis beitragen, das Orte und Zeiten heraufbeschwört. Ich bin der Überzeugung, dass Tradition und Innovation zusammengebracht werden sollen – in der Anwendung moderner Ansätze, ohne dabei althergebrachte Techniken der Duftherstellung zu vernachlässigen.“

Er ist eine authentische „Marke“. Eine, die ich sicherlich noch sehr viel genauer unter die Lupe nehmen werde.


12.06.2016 15:07 Uhr
35 Auszeichnungen
"Als ich 17 Jahre alt war, sagte mein Großvater zu mir: Wir machen Parfüms für die Frauen, die wir lieben oder bewundern. Daran habe ich mich mein Leben lang gehalten". - mit diesen Worten äußerte sich Jean-Paul Guerlain, der letzte und nicht mehr aktive Parfümeur aus seiner berühmten Familie, zum Credo des Traditionshauses. Und auf die Frage, wie Parfüm funktionieren würde antwortete er: "Das spielt sich vor allem auf der emotionalen Ebene ab. Ein Mann nimmt eine Frau über ihren Duft wahr." ... "Frauen tragen also Parfüm, um gut zu riechen. Und um verführerisch zu sein für die Männer".

Um ins Zentrum des Guerlanischen Parfümuniversums vorzudringen und um zu verstehen, worauf sich Thierry Wasser eingelassen hat, als er den Posten als Leiter des Hauses übernahm, sind diese Worte von großer Bedeutung. Die Marke Guerlain ist seit vielen Jahren deshalb so erfolgreich, weil sie sich auf die einfache Erkenntnis bezieht, dass Frauen Männer verführen wollen. Und umgekehrt. Dabei ist Parfüm das Mittel zum Zweck.

Auf der Klaviatur der süßen Verlockung spielt Monsier Wasser auch mit L'Heure de Nuit. Den Duft selber hat er nicht kreiert, sondern L'Heure Bleue zu seinem 100. Jahrestag erfolgreich „entstaubt“. Zugegeben, ein Duft aus 1912 bedarf in den meisten Fällen eine zeitgemäße Generalüberholung. Das Original ist aber eine Ikone. Zweifelsohne ein Parfüm, das Geschichte geschrieben hat. Darf jemand an einem Kultobjekt "herumdoktern"?

Wenn Thierry Wasser etwas kann, dann Rezepturen verfeinern, sich in alte Traditionen hineinfühlen und gleichzeitig modern zu interpretieren. Gartennelken wirken heute altmodisch, wurden also bei L'Heure de Nuit einfach weggelassen. Stattdessen ergänzte er die Essenzen mit Jasmin, Rose und Heliotrop. Was alles noch hinzugefügt oder worauf verzichtet wurde, wissen wohl nur Monsieur Wasser und Jean-Paul Guerlain. Dass die Angaben zu Duftnoten nie vollständig sind, um das Geheimnis eines Parfüms zu wahren, sind allgemein bekannt. Ich glaube, dass die Duftwicke bei beiden Wohlgerüchen eine bedeutende Rolle spielt.

Die handwerklichen Details sind für uns Parfüm-Trägerinnen doch wenig wichtig, die Stimmigkeit und der Gesamteindruck zählen bei einer Mixtur. Und was soll ich sagen? Diese ätherische, bläuliche Flüssigkeit im Bienenflakon hat genauso viel Stil und Eleganz, wie Catherine Deneuve, und so viel Charme und Grazie, wie Audrey Hepburn. Durch Anis und Iris entsteht eine tolle Pudrigkeit, - wie in einem feinen Boudoir - die vom kostbaren Make-Up inspiriert sein könnte. Heliotrop steuert nicht nur eine minimale Honig-Note bei, sondern auch einen Hauch Kamille. Der Duft ist süßlich, aber nicht zu sehr, keine Sekunde lang Gourmand. Hier bekommt man die sinnliche Verheißung von Weiblichkeit mit einer leichten humanoiden Note, auch wenn diese in L'Heure Bleue deutlich ausgeprägter ist. Und aller Anfang endet bei Guerlain in der herrlichen Guerlinade, in dieser Mischung aus Rose, Bergamotte, Jasmin, Tonkabone und Vanille.

L'Heure de Nuit ist kein Duft mit stark vordergründiger Erotik. Guerlain ist an dieser Stelle viel mehr der Botschafter vom Luxus mit Understatement, vom Stil, von Exklusivität, von lieblichen Gefühlen und gleichzeitig von angedeuteten leidenschaftlichen Passionen. Ein Parfüm, welches gerne spielt und dafür sorgt, dass unsere Welt ein bisschen besser duftet.


16.08.2015 19:41 Uhr
42 Auszeichnungen
Wir schreiben das Jahr 1912. Das Belle Epoche geht langsam aber sicher zu Ende. Die politischen Weichen stehen auf Krieg, was ein Durchschnittsbürger zu dieser Zeit noch nicht wirklich wahrnimmt. Auguste Renoir, Claude Monet, Claude Debussy prägen die Kunst-, Rilke, Thomas Mann, Kafka und Virginia Woolf die europäische Literaturszene. Obwohl es in der Wirtschaft kriselt, wird es in gehobenen Kreisen Sitte ein Automobil zu besitzen. Reisen in ferne Länder bilden die Ausnahme, Osteuropa gilt als exotisches Ziel. Die "Abenteurer", die trotzdem Balkan oder die Karpaten bereisen, erzählen über satte Wälder und Wiesen, Naturvölkern mit Zitter- oder melancholischer Balalaika-Musik, interessanten Bräuchen und mystischen dunklen Sagen. Eine Reise mit dem berühmten Orient-Express ist zwar deutlich bequemer, dafür aber absolut privilegiert. Die fatale Jungfernfahrt der Titanic findet auch im besagten Jahr statt, das Passagierschiff der White Star Line sinkt im April auf dem Weg nach Amerika im Nordatlantik.

In dieser Zeit arbeitet Jaques Guerlan an einem Parfüm, wofür er die Inspiration in der Abenddämmerung sieht. Mehr von Romantik - er liest gerne Goethe und interessiert sich grundsätzlich für Literatur, Mythen, Sagen und Folklore - als vom Impressionismus geprägt, ist er auf der Suche nach einem melancholischen, lieblichen, betörenden Duft. Die blaue Stunde wird in den Sagen aus den Karpaten mit der Zeit des Tages in Verbindung gebracht, in der überirdisch schöne Feen mit Blumenkranz im Haar im Kreis tanzen. Es wird erzählt, dass der Himmel in verbotenen Wäldern den Blütenkelchen gerade in diesen Augenblicken betörende Wohlgerüche entlockt. Dass Mädchen zur Sommersonnenwende in der Lage sind Männern mit Düften und Liebestränken den Verstand zu rauben.

Jaques Guerlain ist Leonardo da Vinci nicht unähnlich, sorgfältig, präzise, hoch innovativ und geheimnisvoll. Er erfindet neue Verfahrenstechniken, perfektioniert seine Arbeitsweise, ist unermüdlich auf der Suche nach ungewöhnlichen Duftnoten, Eindrücken in der Natur, literarischem Gedankengut, Inspirationen aus fremdländischen Bräuchen und Geschichten, die ihn auf ungewöhnliche Ideen bringen. Er gehört zu denen, die von den Strapazen einer langen Reise Richtung Osten nicht abschrecken lassen. Er sucht in Ungarn, Rumänien und Bulgarien nach neuen Aromen und entdeckt in den Karpaten die oben beschriebene Saga über Feen und parallel in der Realität junge Mädchen, die bei Dorffesten im Rahmen der Juni-Sonnenwende Blütenkränze tragen. Häufig wird im Haarschmuck echtes Labkraut verarbeitet, dessen relativ kleine, goldgelbe in Rispen angeordnete Blüten intensiv nach einer Mischung von Honig, Heu, Thymian, Kamille und Lavendel riechen. Diese Blume wurde noch nie zuvor in der Parfüm-Industrie verwendet, geschweige denn extrahiert. Auch er kann das nur wild wachsende Labkraut vor Ort nicht "konservieren", die sinnliche Erfahrung vergisst er aber nicht und verwebt seine Eindrücke mit anderen Inhaltsstoffen bei der Kreation von L´Heure Bleue.

Eine andere Inspirationsquelle ist seine Vorstellung, die blaue Stunde mit blauen Blüten zu wiedergeben. Es gibt allerdings nicht viele blaue Arten im europäischen Pflanzenreich, die gut wahrnehmbare Düfte absondern. Wenn Mutter-Natur mit einem auffälligen Farbpigment Bestäuber - hauptsächlich Bienen - anlocken will, verbindet sie mit der Pflanze gewöhnlich keine starken Düfte. Blaue Blumen, die sanfte, wenig gute wahrnehmbare Geruchswölkchen verströmen, vermag nur ein Könner zu extrahieren. Jaques Guerlain verwendet unter anderem Duftwicke, Heliotrop, Hyazinthe, Veilchen und Iris, um deren blaue Essenz einzufangen. Damit hat zum ersten Mal jemand ein Extrakt einer Farbe gewidmet.

Auch wenn die Duftwicke, auch duftende Platterbse genannt, unter den Inhaltsstoffen weder als Herstellerangabe noch auf Parfumo auftaucht, bin ich mir sicher, dass diese liebliche, zarte Blume zur Basis gehört. Es gibt einige nicht offizielle Quellen, die sie ebenfalls nennen. Und meiner Meinung nach spielt hier auch die Zuckererbse eine tragende Rolle. Die leicht süßliche Note eines zerdrückten kleinen grünen Kügelchens aus der Schote hat eine seltsame aber durchaus angenehme matte Nuance, die leicht menschelt. Die nehme ich in L´Heure Bleue wahr.

Im Auftakt wird einem gnadenlos eine Art Mottenkugel entgegen geschleudert. Diese Kopfnote auf einem Teststreifen hat mich Jahrzehnte von L´Heure Bleue ferngehalten. Aber im Herz und in der Basis danach entwickelt sich etwas Betörendes, Zartes, wunderschön Weibliches, Humanoides, das sich unmöglich in Einzelteile zerlegen lässt. Diese goldene Flüssigkeit ist der Blütenkranz der Feen aus den Sagen, ein Bauerngarten mit Nelken, ein olfaktorischer Liebestrank, feiner Kompaktpuder mit einem Wildblumenstrauch, die Reinheit das Mirabellenmädchens aus Süskinds „Das Parfüm“.

Zu seiner Zeit haben Damen auf der Titanic zwar L´Heure Bleue noch nicht tragen können, weil der Duft einiger Monate nach dem Untergang des White Star Line Passagierschiffes lanciert wurde. Doch, wenn ihr an die feinen Ladies aus James Cameron gleichnamigen Film denkt, könnt ihr euch sicher vorstellen, zu welchen modischen Vorlieben das Parfüm damals passte. Auch wenn heute L´Heure Bleue aus dem Rahmen fällt, ich selber trage diesen Duft sehr gerne, sogar im Büro. Ich mag es eher reduziert, am liebsten sind mir Seidenblusen, Hosenanzüge und einfarbige figurbetonte Kleider. LHB ist meine Art einen kleinen Stilbruch herbeizuführen, um ein bisschen anders und unangepasst bleiben zu können.

Bei keinem Parfüm habe ich bisher solch einen himmelweiten Unterschied zwischen Vintage und Reformulierung entdeckt wie hier. Ich wage zu behaupten, dass Neu und Alt unterschiedliche Düfte sind, die sich ähneln. Die alte Version ist viel leiser und lieblicher, die neue ist deutlich präsenter und weniger „organisch“. Ich bevorzuge die ursprüngliche Komposition mit natürlichen Inhaltstoffen.

Wer nicht nach Düften mit den Stichworten: animalisch, böse und frech sucht, sondern weiblich, gepflegt, attraktiv sein möchte, - und damit meine ich ganz sicher nicht brav und langweilig! - der sollte hier kurz inne halten und unbedingt testen. Für jüngere Parfumos empfehle ich die großartige moderne Interpretation von Thierry Wasser – L´Heure de Nuit.

L´Heure Bleue gehört für mich in die Top 10 der Besten aller Zeiten! Hall of Fame!


27.05.2015 20:29 Uhr
21 Auszeichnungen
Ja, hier kommt eine Warnung an alle, die ahnungslos diese Flüssigkeit an sich heranlassen wollen. Ich bin mir nur noch nicht sicher, wie laut mein Gefahrensignal gleich ertönt. Es ist schon einige Tage her, dass ich Oud getestet habe aber mich überkommt immer noch eine gewisse Übellaunigkeit, wenn ich die Begegnung mit dem Duft in Erinnerung rufe.

Oudh Osmanthus kam als Pröbchen-Geschenk und blieb einige Tage liegen, weil selbst der kleine TZ - ohne zu sprühen - einen schlechten Atem hatte. Meine Neugierde war dann irgendwann doch zu groß und ich ließ zwei Spritzer frei.

Der Duft ist von Anfang an animalisch bis zum Exzess, ins Flakon gefüllte von Hunden und Katzen stark frequentierte Straßenlaterne. Sillage und Haltbarkeit sind überwältigend. Weil ich tapfer das ganze Experiment durchstehen wollte, habe ich das Teufelszeug nicht direkt abgewaschen. Der widerliche Geruch blieb aber konstant und wurde, und wurde nicht sanfter. Irgendwann belästigte mich die Ausdünstung einer hormongetränkten Hirschdrüse so sehr, dass ich meine Handgelenke hinter meinem Rücken versteckt habe. Als das gar nicht weiterhalf, habe ich kapituliert und Mr. Seife zur Hilfe geholt. Was soll ich sagen, "das Ding" ist ein One-Way-Ticket ins Verderben, einmal aufgetragen gibt es kein Zurück, alle haushaltsüblichen Reinigungsmittel versagen. Oud ist vom Kopf bis Fuß, pardon bis zur Basis Fetisch pur ohne Gegengift.

Für mich ist Oudh Osmanthus ein absoluter 0%er. Most horrible ever!


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