TimKTimKs Parfumkommentare

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TimK vor 8 Jahren 6
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Duft
10
Haltbarkeit
5
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7.5
Flakon

Haribo der Steppe
Idole wirft Fragen auf. Gibt es z. B. Rum-Absolue tatsächlich? Schließlich soll das die Kopfnote ausmachen. Nach den Recherchen des unerschütterlichen Testers, bestehen zumindest Zweifel: Absolues werden aus empfindlichen Rohmaterialien gemacht – Rose, Jasmin, Lavendel oder auch Minze – die durch die hohen Temperaturen bei der Wasserdampfdestillation kaputtgehen oder stark verändert werden würden. Rum ist aber nichts anderes als Zuckerrohrschnaps. Und was braucht man, wie der Name schon nahelegt, zum Schnapsbrennen … ? Und wie war das doch gleich mit „Rotem Sandelholz?“

Idole ist ein fantastischer Mainstream-Männerduft, der laut nach offenhemdigen oderund rasiermesserscharf gedressden Eroberertypen ruft. Der Flakon impliziert Abenteuer: Massai auf dem Kriegspfad, mit dem Steinbeil behauene Schilde, Ritualmasken. Der Duft kündet – ironiefrei – von großem Genie im Umgang mit Aromachemikalien und so entstammen die Ingredienzien, gefühlsmäßig zumindest, dann auch nicht fernen Steppen, sondern den Entwicklerhirnen von Givaudan, Firmenich und Co. Lupenrein durchkomponiert ist Idole, Poesie sind andere.
Ohne Blick auf Werbetext und Duftpyramide wirkt das wie Eiswein schillernde Wässerle sofort vertraut und einnehmend: Orangenzesten und ein in Europa winterlich wirkendes Gewürzbukett, süß und präsent (und ohne den bei solchen Sachen oft obligaten, langweiligen Zimt), springen einen zunächst an, halten sich aber auf Haut, Haar und Hemd nach dem ersten Knall überraschend und angenehm zurück und enden in Vanille.
Safran, Schwarzkümmel, Baumwollbaum, qualmendes Ebenholz, Kaffee-Röstaromen, ja sogar Zebradung und das Nitropulver von der Großwildbüchse kann man alle hineindichten – sofern man meint und will, sie kennt und die Phantasie ausreicht. Für den einen sind sie da – für den anderen und mich nicht. Auf dem Papier geht Idole nach knapp vier langen Tagen als klassisches Fougère – Referenzduft Algemarin-Shampoo – in den verdienten Ruhestand.

Aber ist am Ende vielleicht alles viel profaner? Wir alle kennen Idole nämlich. Aber zu dieser Wahrheit braucht es, naja, Mut: Der schnöde „Cuba Libre“ an der Bar duftet so. Oder die noch schnöderen Haribo „Happy Cola“: Vertraut, gefällig, wohlig, würzig, verhalten auch zitrisch und eine echt runde Sache. 90 Punkte. Trotzdem ist mir mein Leben kurz für diesen schönen Duft.
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TimK vor 8 Jahren 8
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Flakon

Tante Hannelore
Dieser Duft ist so absonderlich-komisch, dass es nötig ist, die Sache mit Tante Hannelore vorauszuschicken. Nur so nähert man sich dem Wesen von "Jockey Club" an. Also ...
... übers Jahr trafen wir uns höchstens zufällig, zu verschieden waren unsere Leben – bei Geburtstagen hockten die Familien aber zusammen. Mitte der Achtziger, in der Eigentumswohnung bei Onkel Klaus und Tante Hannelore, erster Stock. Diese Geburtstage waren immer gleich. Immer baute auf dem Schwimmbadparkplatz gegenüber ein Wanderzirkus seine Zelte auf, immer gab es (ganz odentlich gemachte) Wienerschnitzel mit Kartoffel- und Feldsalat, immer ließen Klaus und Hanne ihre Südtirolaufenthalte Revue passieren, immer gab es hinterher von dort mitgebrachten Schnaps. Und immer inspizierte Klein-Tim Hannes von Eichenfurniermöbeln eingefasstes Wohnungsdekor, darunter ein Spinnrad, mehrere schwere Ritter-, Reiter- und Tierfiguren aus einer schwarzen, massiven Metallegierung, diverse Kufstein- und Reschenpassmemorabilia – und: Ein nur speziellen Anlässen vorbehaltenes und daher meist verwaistes Gästebad, wo Erstkontakte mit Teilen des Avonsortiments, mit türkisen Cologne-Fläschchen und Klobrillenüberzügen, mit „Tosca“ und Ähnlichem stattfanden. Dort sah ich auch meine erste „Soap on the Rope“.

Als ich Jahre später „Jockey Club“ orderte, war es eine Beschreibung voller Lügen in einem Katalog für gepflgte Männerartikel, die mir Lust machte: Von Wald und Moos und Gewürz, Holz und Legende war die Rede. Ich hätte stutzig werden können – JFKs froschgesichtige Saubermannattitüde war mir immer unsympathisch und auch auf die Mitgliedschaft im „Jockey Club“ würde ich pfeifen – aber das Logo war schön, es erinnert an die „Orange“-Gitarrenverstärker aus den Siebzigern, und auch der gerade Schüttflakon schien mir angenehm. Doch beim Öffnen wallte mir die zu Duft gewordene Spießigkeit ins Gesicht: Puder, syntetische Vanille- und Majorannoten, die staubige „Soap on the Rope“ von damals und die viel zu selten durchgespülten Rohre im Mietshaus. Leblos-sauber. Ich mag’s nicht.
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TimK vor 8 Jahren 8
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Flakon

"Lebe lieber lässig"
Die tolle Epicerie in der Heidelberger Hauptstraße – charmant in einen süßen und einen kräuterig-würzigen Laden unterteilt – verkauft „Les Violettes de Marseilles“, kleine Pastillen in einer altmodisch-verspielten Metallschachtel. Die Bonbons sind erbsengroß und weiß und aus Zucker, der ganz leicht mit Veilchen- und Lavendelaroma parfümiert ist. Das Besondere ist aber ihr Kern: Ein einsamer Anissamen. Der Eindruck beim Zerbeißen erinnert an verfliegendes „Azzaro pour Homme“.

Ein Kumpel, Rolf Z., lud mich einmal auf eine Spritztour mit seinem Auto ein, einem 1967er Lotus Europa. Der gelbe Racer ist etwas Besonderes, weil er den viel Stärkeren, Schnelleren und Teuren auf eigene Weise den Schneid nimmt. Neben Colin Chapmans witzigem Sportwagenkonzept wirken selbst Porsche pummelig, Lamborghinis wie Kutschen potenzschwacher Zuhälter, moderne Kleinsportler wie frisierte Joghurtbecher. Klar, lassen sie Dich trotz gutem Leistungsgewicht beim Ampelduell dann stehen. Klar, sind sie viel stärker, schneller und teurer. Doch der Triumph, dass das alles im Grunde scheißegal ist, ist Deiner. Lässigkeit, Witz und Charme haben gesiegt.

Ähnlich ist es mit ApH. Welcher Mann braucht tatsächlich ein Parfüm für Hunderte von Euro, für Tausende gar, sofern ein Diamant im Flakon dümpelt, wenn er das haben kann? Wird es nicht irgendwann lächerlich? Lässt man fürs Prestige derartig die Hosen runter? Für wen ist das anziehend oder gar sexy?

Eine verdammt coole Sau: Lavendel fürs Licht und für die Weite, Anis fürs Geheimnisvolle, Honig und Vanille fürs Weiche, Zitrus für die Frische, Nelke, Moos und Amber für die Tiefe. Ein rockig-rotziges Fougère von echtem Schrot und Korn in einem herrlich-schäbigen Fläschchen für ein paar Groschen. Ein Glückskind, wer so wenig braucht.
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TimK vor 8 Jahren 10
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„erpyhC“ mit Erdbeeren
Drei Teststreifen liegen im Schreibzimmer, besprüht mit Paco Rabanne pour Homme, Azzaro pour Homme und Knize Ten. Daneben ein Aschenbecher mit drei abgerauchten Stummeln schwarzen Tabaks. In der Küche zieht Minestrone auf dem Herd, die Türen stehen alle offen und es geht eine Stunde raus aufs Feld. Wieder zurück, hat sich das Knize im Zimmer eine Vormachtstellung erkämpft. Schwer, süß und doch angenehm ungewöhnlich liegt es über dem Raum.

Wo ist das Leder und wo sind die Erdbeeren? Luca Turin erkennt im Knize eine „Erdbeerkopfnote, die Dir genau in jenem Moment auf die Lippen küsst, wenn Du Dich auf den trockenen, dunklen Hintergrund einstellst.“ Aufschluss gibt ein Direktvergleich: Nimm reife Früchte mit guter Qualität, schließ` die Augen und Du wirst feststellen, er hat Recht. Aber „trockener, dunkler Hintergrund?“
Viele, unter ihnen auch ich, interpretieren „trocken“ mit dem Fehlen von Süße, bei „dunkel“ ist es ähnlich. Zuordnungen, die mit der Betrachtung von Wein und Schokolade zusammenhängen. Dabei sind die trockenen Kristalle des Zuckers, wie wir ihn schmecken, sinnhaft für das Süße. Dunkle Harze wie Styrax und Labanum riechen mithin süß; Kirchenweihrauch wird genauso süß wie trocken empfunden. Trockenes Sandelholz und Patchouliblätter duften, abhängig von ihrer Konzentration in der Luft, süßlich.
Knize Ten ist im Kern eine Art Rückwärts-Chypre mit zitrisch-harzig-moosigem Grundgerüst – und dadurch einer gewissen Mitsouko-Ähnlichkeit. Doch wirkt es, als stünde der Bergamotteaspekt miniklein an dritter, der vom Eichenmoos an zweiter und der des Harzes an erster Stelle. Effekt ist eine Art Patchouliherz mit seiner Süße, das mehr an längst vergangene Kifferzeiten erinnert als an „distiguished Gentlemen“: Lucas „trockener, dunkler Hintergrund“?

Ich besorgte mir „KnizeTen“ blind in Erwartung von herbem Leder, wie wir es von der groben Ledertasche kennen. Davon hat der Duft – wenn überhaupt – nur eine Note. Und auch den immer wieder angeführten Benzin-, Diesel- oder „Kalter-Aschenbecher“-Vergleichen kann ich nichts abgewinnen. Anflüge von Schuhmacherwerkstatt, feinen Lammnappa-Handschuhen und nicht angezündetem Oriental-Blend-Tabakließen sich gerade noch hineindichten.
In jedem Fall kann gelten: Ein Spritzer zu viel – und es wird böse enden.
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TimK vor 8 Jahren 9
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Ein Hauch Luchsus
Der Wald steht schwarz und schweiget. Und aus den Wiesen steiget – der weiße Nebel wunderbar. Und am Ende eines harten Tagwerks im Forst stehen wir im Schweiß. Fichten haben wir geschlagen, viele Fichten, ihr duftendes Harz klebt fest am baren Oberkörper, salzig läuft uns die Brühe herunter. Doch sieh` da! Labsal verspricht – welch` glückliche Fügung – eine der wenigen heißen Quellen Deutschlands, die sich – von einem heißen Wasserfall gespeist, den vor uns noch keiner entdeckt hat – auf der Anhöhe vor uns buchtartig ausbreitet. So, wie Gott uns schuf, steigen wir ins dampfende Nass, welchem kurz darauf ein phantastisches Odeur entsteigt. Entstanden aus dem Harz der Fichten und dem Salz auf unserer Haut, den Wurzeln, Moosen und Flechten am Wegesrand, den im Quellwasser, im schwarzen Torfboden wie dem Gestein ihres Ufers enthaltenen Mineralien und einem Schuss Menthol, keine Ahnung, woher. Da nähert sich ein Tier – ein Luchs ist`s - und uriniert gar keck in den Badeteich. „Paco Rabanne pour Homme“ ruft da einer …

* * *

Wundervoll, köstlich, pur. Fichtenharz und Rosmarin, Zitrus, Salz, Moos, Minze und ein rauchig-animalischer Stummel machen PR zu einem der handlichsten Fougères. Komfortabel, kühl, erfrischend und wohlig wie ein Tag im Bademantel. Von Sonnenauf- bis – untergang bleibt es, wie es immer war, wenn auch die Wucht schnell nachlässt. Mein ständiger Zweiter. Fast schade.

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