ZielpersonZielpersons Parfumrezensionen

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Zielperson vor 6 Monaten 14 5
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Flakon
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Haltbarkeit
10
Duft
Reine Nervensache
Ein wenig besorgt war ich schon, als ich Vanille de Tahiti online in den Warenkorb legte.

Gesucht und gefunden hatte ich eigentlich Ylang Ylang Nosy Be. Die Probe neulich, welche einer Lieferung beilag, war wirklich überzeugend. Mehr kannte ich vom Label Perris Monte Carlo nicht. Ganz nebenläufig schweifte mein Blick im Shop über den Vanille de Tahiti. Hoppla, einen natürlichen Vanilleduft, der nicht gourmandig/pralinig ist, suche ich schon länger. Den könnte ich natürlich gleich mitbestellen. Ein Pröbchen wäre jetzt schön. Alles schon wieder schwierig so aus dem Bauch heraus. Was sagt denn Parfumo? Vergleichsweise wenig erst einmal. Heilige Mutter Gottes, was ist denn das?? Das blanke Entsetzen erfasste mich: die höchstbewertete Rezension schildert sehr, sehr aufwühlende Dinge. Neuere Bewertungen eher gegenteilig. Und die Statements versetzen mich gedanklich zum Großteil leider auch genau dorthin, wo ich gerade nicht sein will. Nämlich aufs Land mit Getier und Gestank und anderer Dünge - Assoziationen mehr. Nee Freunde, ich bleibe duftig, ich bleib‘ beim Nosy Be. Das ist das Vernünftigste.

Der schlanke schwarz goldene Flakon kommt in einer Pappschachtel, die nicht in Folie eingeschweißt ist. Stattdessen sind beide Laschen mit einem manipulationssicheren Security Seal versehen, welches unmöglich im Ganzen abzieh- und somit auch nicht unauffällig wiederaufklebbar ist. Ich hebe den goldigen Deckel ab und gebe 2 Sprüher auf meinen Handrücken. Den ausgestreckten Arm halte ich gegen das Licht. Die Haut an der Sprühstelle sieht aus, als wäre sie großzügig mit Babyöl eingerieben worden. Seidenmatter Glanz. Ich nähere die Hand der Nase an: oh, eine Art Gewürzblüher mit Vanille. Jetzt kein Blütenbouquet, wie man es sich von Veilchen, Flieder, Fresie usw. vorstellt. Es ist eine Blütenart mit Würze, wie man sie bei Kleeblüten oder Löwenzahn oder Gänseblümchen findet. Man kennt diese Art Pflanzenwürze auch von Orchideenblüten oder (ganz extrem) bei Rapsblüten. Es ist hier eine Magnolienart sowie Ylang Ylang. Und das passt toll zu der von Hause aus fein süßlichen Vanille, weil es sie wunderbar kontrastiert und die Aufmerksamkeit auch auf einen Gegenpol zieht.
Nach etwa zwei Stunden beginnt die Tahiti-Vanille dann ihre volle Kraft zu entfalten. Das Blütige ist gegangen. Nun steht sie allein im Mittelpunkt: facettenreich, feingliedrig, nicht holzig, eher pudrig als blumig, dicht - aber nicht erdrückend, absolut unisex. Und sehr natürlich. Im Drydown nimmt der Duft dann nochmals eine kleine Wendung. Es gesellt sich ein trockenes Sandelholz zur bezaubernden Vanille. Das edle Holz weckt Assoziationen an ein in der Wüstensonne völlig durchgetrocknetes Material, dessen Essenz schließlich, jetzt durch nichts mehr verwässert, gewonnen werden konnte. Der Amber wiederbelebt das Holz dann mit seiner herrlichen Cremigkeit. Dieses Vanille-Holz-Amber-Dreigestirn zum Ende hin ist perfekt ausbalanciert und ein einziges Gedicht. Alle Zutaten sind offensichtlich ausgesprochen hochwertig. Einen Moschus nehme ich bewußt nicht wahr. Nach circa 7 Stunden müsste man schließlich nachsprühen.

Entgegen jeder Vernunft habe ich den Vanille de Tahiti also doch gekauft. Ein bisschen Angst hatte ich schon, dass das Dufthaus Perris eventuell eher für Exzentriker produziert. Na bei den Bewertungen? Wer will denn bitte, wenn er sich mit Wohlgerüchen befasst, olfaktorisch ans andere Ende der Fahnenstange katapultiert werden? Ich bitte nicht. Ein Duft darf niemals etwas mit Zersetzung oder Ab-/Umbauprozessen zu tun haben. Das gehört alles ins Klärwerk und nicht auf Parfumo. Und wer würde so einen „Duft“ dann noch frech „Vanille de Tahiti“ nennen? Das passt alles nicht zusammen. Der Ylang Ylang Nosy Be zeigt mir eigentlich doch beispielhaft, wohin die Reise bei Perris geht. Vielleicht war die Charge derer, die ihr ehrliches Entsetzen hier bei Parfumo für die Nachwelt dokumentiert haben, verdorben? Oder ein Rohstoff verunreinigt? Das hätte doch die Qualitätskontrolle bei Perris bemerkt. Alles sehr gruselig.

Den Duft habe ich blind gekauft, weil ich zu dem Schluss gekommen bin, dass es sich hier um ein ganz plakatives Beispiel von unterschiedlicher Geruchsverarbeitung im Nervensystem handeln muss. Welche Bewertung hat denn nun Recht? Welche genau ist denn die Richtige? Alle! Dass die Geschmäcker auseinandergehen ist hier auf Parfumo eine alter Hut. So extrem allerdings habe ich das noch nie mitbekommen. Natürlich war dieser Blindkauf unvernünftig. Ohne Probe konnte ich nur raten, wo ich selbst stehe. Genau genommen konnte ich gar nichts sagen. Nur hoffen. Man hat für das, was einem die Natur in die Wiege legt, ja leider solange keine Klarheit, bis man sich traut, es auszutesten. Da kann man niemand anderes vorschicken. In diesem Erkenntnisprozess ist man genauso alleine wie die Vanille im Mittelteil von „Vanille de Tahiti“. Die einzige Grenze dieses sich an die eigene Konfiguration heran Tastens ist, wenn andere dadurch Schaden nehmen und sich nicht schützen könnten. Bei Rückmeldungen dieser Art hat das Selbstverwirklichen unverzüglich zu stoppen. Dann ist sofort Schluss mit frei ausleben. Dann hat man zu verzichten, auch wenn es schwer fällt, und muss eben mit sich selbst in einer Art Unschärfe weitermachen. Oder man entdeckt alternative Wege. Diese Schranken waren auf meinem Weg zum Vanilleduft allerdings nicht zu beachten. Der einzig denkbar Geschädigte wäre ich selbst gewesen, indem ich ordentlich Lehrgeld gezahlt hätte. Nun freue ich mich aber doppelt: wir sind hier viele, aber gleichzeitig sind alle so sehr eins und gleichzeitig auch wieder so offensichtlich verschieden. Parfumo ist eine große Hilfe beim Sammeln erster Eindrücke auf unbekanntem Duftterrain. Den Schritt in die Realität, sei es über eine Parfümerie, Abfüllung oder über einen Blindkauf, macht jeder selbst. Muss jeder von uns mit all dem nötigen Mut selbst machen. Und berichtet dann, wenn es die Zeit hoffentlich erlaubt, allen anderen aus seiner Duftwelt. Und ich lausche gerne all den Damen und Herren Königen, wie sie hier in Bewertungen, Statements und Rezensionen ihre Welt beschreiben. Und ich erinnere mich, dass ich genauso König bin.
5 Antworten
Zielperson vor 10 Monaten 9 2
7
Flakon
9
Sillage
9
Haltbarkeit
9
Duft
Earl Grey Schwarztee und der Le Mâle
Morgens ist meine erste Amtshandlung auf Arbeit: erstmal Tee kochen. Es ist seit Jahren der Earl Grey Schwarztee aus dem Rossmann. Der Becher steht immer griffbereit auf meinem Schreibtisch neben der Computermaus und alle kennen das schon.

Wie immer morgens geht die Tür auf, die Kollegen kommen herein und wir machen eine kurze Frühbesprechung bei mir im Büro. Heute guckt die Kollegin auf meine Tasse und sagt: "Der Tee riecht aber gut, was ist das für eine Sorte?". Ich zeige ihr die Packung und erläutere, daß der Rossmann Earl Grey im Vergleich zu dem Lipton früher, den es leider nicht mehr zu kaufen gibt, praktisch fast kein Bergamotte Aroma dabei hat. Es ist eher ein fast normaler Schwarztee für meinen Geschmack. Welten entfernt vom grünen Lipton, den ich sehr vermisse und das letzte mal vor vielen Jahren in Norwegen getrunken habe. Sie meint, daß sie Earl Grey überhaupt nicht mag, aber dieser riecht gut! Ich bemerke, daß sie sich selbst wundert, was sie da gerade erzählt. Sie geht raus.
Da sie eine dieser gräßlichen FFP2-Duftkillermasken auf hatte, staune ich wortlos vor mich hin, wie die geschätzte Kollegin denn jetzt bitte Schwarztee gerochen haben will. Ist ja voll Jean-Baptiste Grenouille mäßig. Dann fällt der Groschen: Gemeint war wohl das "Le Mâle Le Parfum | Jean Paul Gaultier" , welches ich morgens stabil mit 6 Sprühern aufgetragen hatte...

Ja und diese 6 Sprüher verträgt der Duft auch. Der schwarze Le Mâle ist wohlgemerkt mitnichten ein seichter Duft. Nein, nein, der kann was - aber er schmiegt sich an. Man kennt diese Empfindung von hochwertigen Pflegecremes. Er umfasst seinen Träger balsamisch. Passgenau. Wie bei einem Maßanzug. Und doch strahlt er gleichzeitig auch ab, so dass er besonders bei Frauen sehr gut ankommt, die dann denken, man hätte einen Wundertee gebraut ;-)) . Wie das funktionieren kann, ist mir ein Rätsel. Hier jedenfalls ist es auf magische Weise gelungen. Das ist der Zauber dieses Parfums.

Vom reinen Verlauf her gibt es jetzt nicht viel zu berichten. Der Start ist Kardamom (Dufteindruck: lecker karamelisierter Jahrmarktzucker) vor einem Hintergrund, der die ganze Zeit so bleibt, wie er beim ersten Aufsprühen schon war. Man erlebt eine dunklere Vanille, die nach 2,5 Stunden anfängt, sich minimal ein Stück weiter nach vorne zu schieben. Aber nur minimal. Dazu weich würziges Holz, was nicht harzig ist, sondern ganz dezent rauchig anmutet. Iris sorgt im Herzen für quastrige Pudrigkeit. Lavendel gibt einen Kick, eine gewisse Wendung im Geschehen, ohne den Lavendel wäre der Duft langweilig. Und das war es auch schon. Hört sich nicht doll an - ist es aber, siehe oben!!

Die Haltbarkeit ist hervorragend, 6 Sprüher und der Arbeitstag ist gerettet. Noch Abends kommt man in den Genuss der schön ausklingenden Vanille.
2 Antworten
Zielperson vor 10 Monaten 9 2
7
Flakon
7
Sillage
8
Haltbarkeit
8.5
Duft
Endlich mal keine Oud-Rose Kombi
Der Boss Bottled Oud Flanker startet doppelgleisig.
Zum einen geht es los mit einem fast schon überpräsenten Oud. Es soll sich um ein 100% natürliches Oud handeln, verrät uns die Verpackung. Bei dem aufgerufenen Preis für ein 100 ml Fläschchen kann man das ja kaum für möglich halten, es ist aber anscheinend doch realisierbar. Neben dem Oud dann ist grüner Apfel mit leichten zitrischen Anklängen die zweite Schiene der Eröffnung.

Im Verlauf tarieren sich beide Richtungen aus und verschmelzen mehr und mehr mit- und ineinander. Das Oud bleibt jedoch stets tonangebend. Es befindet sich in einer Melange mit Nelke und Zimt, wobei die Nelke den Grad des überwürzten nie überschreitet und der Zimt eher eingesetzt wurde wie Salz in der Suppe: er mutet nie weihnachtlich an. Auch der Safran sticht nicht heraus und fügt sich schön in die Oud-Melange ein, die alles in allem tatsächlich einen sehr runden Eindruck vermittelt. Die Boss bottled typische Apfel-Holz-Gewürz DNA trägt alles sozusagen als Unterbau und macht sich immer mal wieder mit einer synthetischen Spitze bemerkbar, aber nicht lautstark.

Man kann diesen Duft insbesondere vor dem Hintergrund empfehlen, als dass die Kombination von Oud mit der Boss Bottled DNA so angenehm anders daherkommt als die sonst oft gesehene, klassische Oud-Rose Kombination. Und man kann sie durchaus als sehr gelungen bezeichnen, vorausgesetzt, man mag auch das normale Boss Bottled.
2 Antworten
Zielperson vor 10 Monaten 5 1
7
Flakon
7
Sillage
8
Haltbarkeit
7.5
Duft
Der Jazzclub - aber bitte assoziativ!
Es hängt wahrscheinlich vom persönlichen Geburtsdatum ab, was sich ein jeder unter der Atmosphäre in einem Jazzclub vorstellt. Für mich ist es ein kleines Etablissement, vielleicht sogar nur ein Kellerraum, der eine kleine Bühne hat, auf dem die Musiker spielen. Davor ein paar Tische mit Sitzplätzen, an den Wänden entlang (Leder)sofas, überwiegend stehendes und herumlaufendes Publikum. Stimmengewirr und Musik verschmelzen zu einem akkustischen Meer. Es wird getrunken, geprostet, geraucht, gelacht, geflirtet. Es ist heiß, Barkeeper und Bedienungen wirbeln umher, die Luft steht. Es riecht nach Tabakqualm, ein wenig schwitzig, nach Parfum und Alkohol.

Wie macht man daraus einen Duft?

Ja ganz einfach: Eine ordentliche Portion Rauch ala "By The Fireplace" von mir aus plus boozy Alkoholfahnengeruch von der Theke herüberwehend und Holz und Leder vom Mobiliar. Oder wie? Nö, zu einfach, das ist nicht raffiniert...

Raffiniert geht bei Maison Margiela anscheinend so: Replicas Jazz Club Duft wird dominiert von einem würzig kräuterigen Duftakkord, der in gewisser Weise fast schon beißend daherkommt. Er ist scharf, aber nicht brennend wie Pfeffer oder Chili, sondern wie ein hochkonzentrierter Pflanzenextrakt. Man nimmt auch etwas herbes, kratziges wahr. Dieser Akkord liegt ständig in der Luft, ist stets vordergründig. Da drunter gibt es eine Art Alkoholsüße, einen Hauch Leder sowie eine Spur Rauch als tragende Basis.

Was soll daran Jazzclub sein, mußte ich überlegen. Im Club eine kräuterige Note, daran habe ich zu meinen Clubzeiten selbst nie gedacht, außer vielleicht beim Jägermeister trinken. An TF´s Black Orchid erinnerte mich diese Würze plötzlich. Totale Konfusion: Schneidiger tropischer Regenwald als Motiv, was ist los, komischer Club, würde ich nicht reingehen! Plötzlich fiel der Groschen: Diese schneidige Würze repräsentiert dieses brennige, kratzige, heisere Gefühl, das man nach Stunden im Club hat, wenn man den ganzen Abend mit tausend Leuten erzählt hat und dabei selbst noch raucht oder im Qualm steht. Dazu dann der Nachgeschmack vieler alkoholischer Drinks, die man hatte, der sich so süßlich festsetzt. Und dann zum Finale: es ist früh morgens, man geht völlig überhitzt raus und steht in der frischen Morgenluft: und sie riecht süß! Ist euch das nach so einer Nacht auch in Erinnerung? Süß! So stand man dann immer in der Abschiedsrunde: kratziger Hals, süße Morgenluft, Klamotten und Haut riechen nach dem Club. Und genau das ist in diesem Duft meiner Meinung nach umgesetzt: Er beschreibt einen selber, wenn man im (Jazz)club war. Nicht den Club, einen selber!
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Zielperson vor 10 Monaten 5
10
Flakon
8
Sillage
8
Haltbarkeit
7
Duft
Vanillekuchen ohne Salami
All diejenigen, die auf Vanille stehen, können hier beherzt zugreifen. Auch die Damen! Der Emporio Armani - Stronger With You Absolutely ist nämlich in erster Linie ein mittelschwerer Vanilleduft. Und in dieser Hinsicht ist er sehr lecker gemacht. Er ist süß wie ein Vanillepudding. Die Kombination mit der Kastanie, die einen nussigen Einschlag mit hereinbringt, passt hervorragend. Hätte man Mandeln genommen, wäre der Duft ins Gourmandige gegangen, durch die Wahl der Kastanie tut er dieses nicht.
Die Kopfnote hält 15 min und ist für micht nicht boozy, weil ich keinen einzelnen Rum herausrieche. Stattdessen macht sich für mein Empfinden eine sehr, sehr angenehme Haarspraynote breit. Assoziation: top gepflegt in hochpreisiger Salonqualität. Die Haarsprayassoziation kommt später im Drydown wieder hervor.

Vermissen tue ich Würze. Der Duft hat zu wenig Holz bzw. Harz. Es ist so, als wenn man, sagen wir mal: Omas leckeren Vanillepudding oder rohen Rührkuchenteig aus der Schüssel gegessen hat, also sich so richtig damit voll gegessen hat, weil es so lecker war, und danach etwas herzhaftes braucht, z.B. ein Salamibrot. Bei uns sagt man, es ist einem qualstrig und man hat irgendwie Appetit auf was festes.

Abschließend sei gesagt: leckerer Duft (nicht nur für die Herren der Schöpfung) und Kaufkandidat, der Lust auf etwas deftiges macht. Tags darauf dann zum Ausgleich Richtung kerniges Leder oder Oud oder dergleichen.
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